Der japanische Eichenspinner

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Textdaten
Autor: Dr. Steinhausen, Oberstabsarzt, Straßburg i. E.
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Titel: Der japanische Eichenspinner.
Untertitel: Volksblatt. Eine Wochenzeitschrift mit Bildern. Jahrgang 1878, Nr. 26, S. 203-204, Nr. 32, S. 250-251
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Herausgeber: Dr. Christlieb Gotthold Hottinger
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Dr. Hottinger's Volksblatt
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Erscheinungsort: Straßburg
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Quelle: Scan auf Commons
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Der japanische Eichenspinner.
(Attacus Yama-mai.)
Eine neue Erwerbsquelle.
I.

Es wird den Lesern dieses Blattes nicht unbekannt sein, daß die Raupe des Maulbeer-Seidenspinners, welche man seit dem Mittelalter in Europa zum Zweck der Seidegewinnung züchtet, seit einigen Jahrzehnten vielen Krankheiten unterworfen ist, so daß das Aufziehen derselben häufig ganz mißräth. Seit den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts hat man deshalb sein Augenmerk auf andere Arten seidenspinnender Raupen gerichtet und dieselben bei uns einzubürgern sich bestrebt. Die farbenprächtige Schmetterlings-Familie Attacus kam hierbei zumeist in Betracht, und unter den verschiedenen Arten dieser Spinner-Sippe erregte die meiste Aufmerksamkeit der „ Japanische Eichenspinner“ (Attacus Yama-mai.).

Eichenspinner. Raupe, Gespinnst und Schmetterling.

Die Raupe dieses Spinners ist schon seit unvordenklichen Zeiten in Japan zur Seidegewinnung benutzt worden. Diese Thatsache machte in Europa die Versuche über Abhasplungsfähigkeit der Raupen-Gespinnste (Cocons) unnöthig. Nicht minder forderten aus Japan hieher gelangte Berichte, welche die Aufzucht der Raupen auf Eichen im Freien und somit ihre Widerstandsfähigkeit gegen die Einflüsse der wechselnden Witterung erhärteten, zur Einführung gerade dieses Seidenspinners auf. Die ersten Eier – bekanntlich verläuft das Leben der Schmetterlinge in den vier verschiedenen Abschnitten: Eier, Raupen, Puppen und Falter – kamen gegen Ende der sechziger Jahre nach Europa und wurden mit Eifer zur Zucht verwandt.

Das Bestreben, gerade diesen Seidenspinner bei uns einzubürgern, ist, nachdem man die Eigenthümlichkeiten dieses Insectes durch jahrelange Beobachtungen kennen gelernt hat, nicht ohne Erfolg geblieben. Zumal in Gegenden, welche – wie das Inselreich Japan – sich im Sommer einer feucht-warmen Witterung erfreuen, gelang die Zucht der Raupen überraschend leicht, während Gegenden mit heißem, trockenem Wetter (Spanien und Südfrankreich) oder Länder mit feucht-kalter Luft (z. B. England) viel über Mißerfolge klagten. Die regenreichen Länder Süddeutschlands, unser Elsaß vor Allem, zeigten sich dagegen für das Gedeihen dieser kostbaren Raupe vortrefflich geeignet. Es kann deshalb nicht dringend genug zur Aufzucht derselben in unserem Vaterlande aufgefordert werden.

Die Gespinnste und Eier dieses Falters haben zudem jetzt noch einen verhältnißmäßig hohen Preis (100 Eier = 2 – 3 Mark, 1 Gespinnst (Cocon) – ½ Mark), so daß sich für mittellose Familien, die in Gegenden, wo Eichen wachsen, zu Hause sind, eine gute Erwerbsquelle dadurch eröffnen würde.

Die schwärzlich marmorirten Eier sind flach, rundlich, von kleiner Hanfkörner-Größe und, wenn sie gut und voll Leben sind, nicht eingesunken. Ein weiblicher Schmetterling legt ungefähr 120 – 180 Stück, und 130 wiegen ein Gramm. Nachdem man dieselben im Freien– etwa an der Nordseite des Hauses in einer Schachtel – überwintert hat, schlüpfen mit dem Erscheinen des ersten Eichenlaubes gelbe, schwarzgestreifte, mit Haarbüscheln versehene Räupchen aus, welche vier Häutungen, denen ein meistens drei Tage langer Häutungsschlaf vorhergeht, durchzumachen haben, bis sie die Größe von etwa 15 Centimeter bei Fingerdicke erreichen. Ihre Farbe ist prachtvoll smaragdgrün, mit wenigen Haarbüscheln, blauen Punkten und einigen glänzenden silbernen Schildern nahe dem bräunlichen Kopfe. Die Zeit ihres Wachsthumes beträgt 9 – 11 Wochen. [204]

Nach erlangter Reife und vorhergegangener Reinigung, welche in Entleerung einer bräunlichen Flüssigkeit besteht, spinnen dieselben innerhalb drei Tagen einen gelblich-grünlichen, ovalen Cocon von fünf Centimeter Länge, der aus einem fast 1200 Meter langen, rein weißen Faden sehr fester und jede Farbe annehmender, glänzender Seide besteht, und verpuppen sich in ihrem Gespinnste. Aus diesem Gespinnste kriechen die Falter schon nach 30 – 40 Tagen aus, genießen eine kurze Lebens- und Liebeszeit, und, nachdem die Weibchen die Eier abgesetzt haben, sterben sie ab. Die Schmetterlinge sind etwa 15 Centimeter große, bald bräunlich-graue, bald hochgelbe, bald selbst dunkelbraune Falter mit weißer und schwarzer Zeichnung an den Rändern, und an jedem Flügel mit einem perlmutterartigen, durchsichtigen Auge, welches mit einer weißen, schwarzen und einer rosenrothen Linie umgeben ist. Die Eier überwintern, und im nächsten Frühling beginnt dann der eben beschriebene Kreislauf aufs Neue.

In einem folgenden Artikel werde ich eine genaue Anleitung zur Zucht dieses Eichen-Seidenspinners nach meinen eigenen vierjährigen Erfahrungen geben. Außerdem können der Sache Geneigte und sich für dieselbe Interessirende jetzt eine Colonie solcher Eichenraupen bei mir besichtigen.

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II.

Man kann diese Spinner sowohl im Freien als im Zimmer aufziehen. Für kleinere Züchter und für die Anfänger empfiehlt sich die Zimmerzucht: deshalb will ich diese nach meinen Erfahrungen zuerst beschreiben.

Die erste große Hauptsache ist, daß die Räupchen nicht eher aus den Eiern schlüpfen, als es Eichenlaub gibt. Dies läßt sich in unserm Klima leicht erreichen, wenn man im Winter die Eier, in einer Schachtel wohl verwahrt, an die Nordseite des Hauses im Freien aufhängt und sie dann im Frühling, wenn die Luft warm und treibend wird, in ein nördlich gelegenes Zimmer stellt, dessen Fenster man geschlossen hält. Jeder kalte Raum eignet sich dazu und so ist z. B. von Pastoren als Aufbewahrungsort während der heißen Tage des Frühlings der Taufstein in der Kirche mit Erfolg benutzt worden. Beginnt draußen die Eiche auszuschlagen – mancher Eichbaum ist seinem Nachbar oft um 10 Tage voraus, und alte Bäume belauben sich meistens früher, und ihr Laub ist den Raupen viel zuträglicher als das von jungen Eichen –, so legt man die Eier auf rauhes Papier in eine Schachtel oder dergleichen und nimmt sie in′s Zimmer. Wer über ein Treibhaus verfügt, thut gut, sich einen kleinen Eichbaum in einen Kübel zu pflanzen, um wegen Laubes in der ersten Zeit nicht in Verlegenheit zu gerathen.

Kriechen nun die ersten Räupchen aus – Ende April bis Mitte Mai –, so legt man ihnen Eichenblätter in die Schachtel, auf welche sie sich bald setzen. Diese bringt man vorsichtig auf Eichenzweige, welche man in sogenannte Einmachgläser, die mit mehreren Bogen dicken Papiers überzogen und mit Wasser gefüllt sind, gesteckt hat. Die Zweigchen müssen dicht im Papier stecken, sonst kriechen die Räupchen in′s Wasser und kommen um. Die erste Zeit ist die schwierigste der ganzen Zucht; denn man muß die Gläser mit den Thieren frei auf einem Tische an′s offene Fenster stellen und hat genau aufzupassen, keine Raupe einzubüßen, da diese, bevor sie an′s Futter gehen und sich zum Fressen entschließen, sehr unruhig sind und viel vagabondiren. Einen sogenannten Raupenkasten aber zu benutzen oder die Thiere sonstwie fest zu verschließen, halte ich für unstatthaft, weil frische Luft dieser Art Lebensbedingung ist. Eine Vorrichtung zur Sicherung ist allein brauchbar. Man mache sich ein Gestell aus Glühdrath, einer Bischofsmütze ähnlich, überziehe dasselbe mit Gaze und stülpe es über die Gläser, so daß die Zweige nicht anstoßen. Auf diese Weise haben die Thiere Luft und man kann sie auch bequem beobachten und den Apparat entfernen, ohne die Raupen zu stören. Den Ring unten schließt man am Besten durch ein außen umgelegtes Handtuch oder dergl. ab.

Die heruntergefallenen Räupchen hebt man vorsichtig mit einem Theelöffel auf und setzt sie wieder auf′s Laub. Ist das Laub an den Zweigen trocken geworden oder abgefressen, stellt man neue Gläser mit Zweigen [251] an die alten, so daß sich die Zweige berühren: Die Räupchen kriechen dann bald auf das frische Laub. Säumige oder solche, welche im Häutungsschlaf, der meistens 3 – 4 Tage dauert, sich befinden, schneidet man mit dem Blättchen oder dem Zweigchen ab und hängt diese vorsichtig an das frische Laub. Mit dem Finger darf man sie nicht berühren.

Bei kalter Witterung zieht sich die Entwickelung der Thiere sehr in die Länge und der Häutungsschlaf währt manchmal 5 – 7 Tage. Einen solchen haben die Thiere viermal – meist in 14tägigen Zwischenräumen – durchzumachen. Er gibt zugleich ein gutes Kennzeichen ab, ob die Thiere gesund und kräftig sind; denn Schwächlinge gehen dabei meistens zu Grunde, während kräftige Geschöpfe leicht aus der Haut schlüpfen.

Beim Größerwerden der Raupen nimmt man statt der Gläser Champagnerflaschen in Gebrauch, in welche größere Zweige gesteckt werden. So zieht sich das Wachsthum 9 – 11 Wochen hin, bis die etwa 15 Ctmr. langen Thiere nach Entleerung einer braun-klaren Flüssigkeit sich eine passende Stelle an den Zweigen suchen und sich verspinnen. Nach 8 Tagen kann man die Cocons abschneiden und aufheben.

Allgemeine Regeln bei der Zucht sind noch folgende. Man lasse das Fenster, wenn es nur irgend angeht, offen und schließe es nur bei recht kaltem Wetter; sowie die Nächte aber wärmer werden, bleibe es Tag und Nacht geöffnet. Zugluft ist im Allgemeinen nicht schädlich, doch immerhin zu vermeiden. Ebenso hüte man die Thiere vor der sengenden Mittagssonne. Ferner beachte man, daß die Raupen große Wasserliebhaber sind. Bei warmem Wetter kann man die Zweige nicht oft genug mit reinem Wasser besprengen. Täglich 3 – 4 Mal während der Hitze ist unbedingt nothwendig. Als Laub nehme man von den jungen Schößlingen Abstand, die unten an den Eichenstämmen wachsen, sondern benutze allein das Laub von den großen Zweigen alter Bäume. So verpflegt, werden nur wenige Raupen absterben und dem Pfleger die Mühe reichlich durch schwere Cocons lohnen.

Um Eier zu erzielen, bringt man die Cocons womöglich in gleicher Anzahl der verschiedenen Geschlechter – die weiblichen sind schwerer und runder, die männlichen spitzer und leichter – in ein etwa einen Meter im Geviert großes, mit Gaze überzogenes Gestell, welches ebenfalls an ein Tags und besonders Nachts offenes Fenster gestellt wird. Die etwa Mitte Juli gesponnenen Cocons geben ungefähr nach 30 – 40 Tagen die prachtvollen Falter dem Licht und Leben. Meistens erscheinen die Männchen – diese besitzen starke gezähnte Fühler und mehr geschwungene Oberflügel – in einzelnen Exemplaren früher als die Weibchen, ebenso wie am Schluß immer noch Weibchen – diese sind farbenprächtiger und haben einen sehr starken Leib – herauskommen, wenn keine Männchen mehr vorhanden sind. Diese kann man für Sammlungen verwenden und tödten.

Die Paarung erfolgt bei dieser Art Nachts und währt nur kurz. Es ist gut, einen Teller mit feuchten Rasen in das Behältniß zu stellen, um die Thiere länger am Leben zu erhalten.

Die Falter leben nur wenige Tage, nachdem sie lebhaft herumgeflogen sind. Die Weibchen sterben nach Ablegung der Eier. Diese werden gesammelt und aufbewahrt. Die guten, befruchteten sind voll und rundlich und nicht eingefallen. Ein Weibchen legt etwa 120 – 180 Stück.

Ueber die Zucht im Freien sind bis jetzt bei uns nur erst wenige Erfahrungen gesammelt; deshalb kann ich mich kurz fassen. Die Japaner züchten die Raupe an eigens zu diesem Zwecke in Zimmerhöhe kurzgeschnittenen Eichbäumen, welche in kleineren Schlägen bei einander stehen. Ganze Ortschaften vereinigen sich zu einer solchen Zucht, so daß alle ein gemeinsames Interesse haben, mit Eifer die Vögel mittelst Klappern und Schüssen von den besetzten Schlägen fortzujagen. Die Japaner kleben die Eier auf Papier und hängen dieses dann an den Bäumen auf. Uebrigens werden dort die Eichen auch erst Ende April und Anfang Mai grün.

In Europa züchtete schon in den Jahren 1869 – 74 Gutsbesitzer J. Mach in Statenegg in Unterkrain die Raupe im Freien mit immer steigenden Erfolgen und gab damals die Zucht nur auf, weil noch kein Markt für soviel Tausende von Cocons – 1873 zog er etwa 65.000 – vorhanden war. Damals verstand man die Cocons noch nicht leicht abzuhaspeln. Jetzt gelingt uns das so gut wie den Japanern, und so hat der obengenannte Züchter in diesem Jahre auch wieder von Neuem mit der „Zucht im Freien“ begonnen. Nach meinen Erfahrungen ist es besser, die Räupchen im Zimmer bis nach der ersten Häutung zu pflegen und sie dann erst auf die Bäume zu setzen. Ich hatte versucht die Thiere, welche ich leider nicht selbst täglich zu beobachten in der Lage war, durch Fischernetze vor den Angriffen der lüsternen Vögel zu schützen. Dies erwies sich aber nur für die ersten Wochen als Schutz. An einigen Orten früher, an andern später gewöhnten sich die Vögel an den Anblick der Netze und nahmen die Raupen – diese hatten sich trotz des schlechten, nassen und kalten Wetters draußen viel kräftiger entwickelt, als die im Zimmer aufgezogenen – fort. Eine Schwarzamsel zeigte sich besonders als eifriger Raupendieb und flog furchtlos unter dem Netz umher. Die Raupen waren an einer Stelle schon nahe dem Einspinnen und wahre Prachtexemplare. Immerhin habe ich durch diese Versuche die Gewißheit erlangt, daß diese Raupe unser Klima außerordentlich gut verträgt.

Wenn daher in Zukunft ein wohlhabender und kenntnißreicher Mann die Zucht im Freien im großen Maßstabe anfängt, sichere Leute zur Vertreibung der Vögel anstellt und seine Anlagen selbst stets im Auge behält, so wird der Erfolg gewiß nicht fehlen und die Zucht des Eichenspinners auch in unserm Vaterlande das werden, was sie in jenem entfernten Lande längst geworden ist: eine reiche Quelle für den Wohlstand des Volkes!

Dr. Steinhausen, Oberstabsarzt.