Der neue Skating-Rink in Berlin

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Textdaten
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Autor: M. R.
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Titel: Der neue Skating-Rink in Berlin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 458–459
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1876) b 452.jpg

Aus dem Skating-Rink in Berlin.
Nach der Natur aufgenommen von Knut Ekwall.

[458] Der neue Skating-Rink in Berlin. (Mit Abbildung Seite 452 und 453.) Seit dem ersten Mai dieses Jahres bietet die jüngste Weltstadt ein neues, interessantes Schauspiel, den sogenannten Skating-Rink im „Hofjäger“, wo sich in den Nachmittagsstunden und besonders des Abends die exclusive Gesellschaft versammelt, um im Sommer – Schlittschuh zu laufen. Dieses eigenthümliche Vergnügen ist eine englische Erfindung und verdankt seine Einführung einer Gesellschaft, an deren Spitze die Herren Campbell, Gow und Compagnie stehen. Die erste Anregung zu diesem neuen Sport hat wahrscheinlich der berühmte Meyerbeer durch seinen „Propheten“ gegeben, in dem bekanntlich das Ballet auf den Brettern der Bühne Schlittschuh läuft. Seitdem hat jedoch der ingeniöse Gedanke des großen Musikers oder seines Mitarbeiters Scribe wesentliche Verbesserungen erfahren. Statt der Bretter erblicken wir hier eine Bahn aus „Patent-Eis“, einer Mischung von Portland-Cement, Marmorstaub und verschiedenen chemischen Substanzen, welche eine glatte, feste und zugleich elastische Fläche im Umfange von tausendfünfhundert Quadratmeter darstellt. Die zum Laufen benutzten Schlittschuhe sind nach dem System Plimpton gearbeitet und bestehen aus einundzwanzig verschiedenen Theilen. Die eigentliche Bewegung wird durch vier Räder von Buchsbaumholz und durch eine höchst sinnreich eingerichtete elastische Gummifeder bewerkstelligt, welche dem leisesten Drucke nachgiebt und jede beliebige Wendung nach vorwärts, rückwärts und zur Seite gestattet. Rings um die Bahn, welche zum Theile gedeckt und gegen den Regen geschützt ist, zieht sich eine elegante Balustrade für die zahlreichen Zuschauer. Zwei reizende Toilettenzimmer dienen zum An- und Auskleiden für die männlichen und weiblichen Besucher des Skating-Rink, und mehrere zierliche Pavillons, welche Herr Hofbaurath Klingenberg errichtet hat, enthalten eine ausgezeichnete Conditorei und das Buffet für erfrischende Getränke. Die ganze Anlage macht, besonders des Abends bei brillanter Beleuchtung und zu den Klängen der Musik, einen wirklich feenhaften Eindruck.

Wie der ehemalige Leibarzt des Prinzen Albert von England, Sir William Hull, versichert, soll es kein besseres Mittel gegen Bleichsucht, Herzklopfen und Nervenleiden aller Art geben, als die Bewegung des Skating-Rink. Aus diesem Grunde findet der neue Sport besonders zahlreiche Liebhaber und Theilnehmer unter den höheren Ständen, welche zur Förderung des Unternehmens einen eigenen Club unter dem Vorsitze des Herzogs von Ratibor gebildet haben. Der Jahresbeitrag der Mitglieder beträgt für eine Familie sechszig, für die einzelne Person dreißig Mark. Vorläufig zeigt der Skating-Rink noch einen vorwiegend aristokratischen Charakter, obgleich das bürgerliche Element keineswegs ausgeschlossen ist. Zu den eifrigsten Freunden und Gönnern desselben zählen der Herzog Wilhelm und der Erbgroßherzog von Mecklenburg, die beiden Prinzen Reuß, Prinz Hohenzollern und Hatzfeld, die Grafen von Hohenau, Maltzahn und Einsiedel, Herr von Prillwitz, Gräfin Perponcher, Frau d’Arassof etc. Ganz besonders aber interessirt sich die diplomatische Welt für dieses Vergnügen: mit Lord Russell wetteifern der österreichische und französische Botschafter, der portugiesische, schwedische, dänische und nordamerikanische Gesandte in der edlen Kunst, auf glatter Bahn ohne Anstoß dahinzugleiten. Selbst der türkische Gesandte verschmäht es nicht, trotz seiner vielfachen Sorgen hier ein Stündchen mit seinen Collegen harmlos zu verleben und die orientalische Frage zu – verlaufen. Jedenfalls ist der Skating-Rink im Vergleiche mit anderen diplomatischen Spielen eine höchst unschuldige und angenehme Unterhaltung, wobei ein Fehltritt und selbst ein kleiner Fall weder für den Stürzenden noch für die betreffenden Regierungen schädliche Folgen nach sich zieht. Auch für junge, hoffnungsvolle Streber empfiehlt sich dieser Sport als eine Vorschule der Geschmeidigkeit und elastischer Nachgiebigkeit, weshalb auch der Skating-Rink sich eines zahlreichen Besuches von angehenden Staatsmännern erfreut. Dagegen hält sich die Börse, welche doch sonst mit der Aristokratie gern gemeinsame Sache macht, von dem harmlosen Vergnügen fern. Außer dem Herrn von Bleichröder und Karl Egells macht sich unter den Mitgliedern des Prince-Club kein Vertreter der hohen Finanz und der Industrie bemerkbar. „Wozu,“ sagte ein geistreicher Banquier, „braucht man einen Skating-Rink? Die Börse selbst ist eine Eisbahn, auf der man mit der größten Schnelligkeit herauf- und hinunterfallen kann.“

Trotz des absprechenden Urtheils dieses vorsichtigen Herrn genießt

[459] der Skating-Rink eines täglich sich steigernden Beifalls und wird besonders des Abends zahlreich von der besten Gesellschaft besucht. Der Anblick der belebten Bahn, für welche die puristischen Gelehrten der „Wespen“ den passenden Namen „Warm-Eisbahn“ vorschlagen, gewährt in der That ein interessantes Schauspiel. Die Mehrzahl der Skating-Läufer, unter denen man besonders auch viele Officiere und junge, reizende Damen sieht, haben sich in kurzer Zeit eine bewunderungswürdige Geschicklichkeit und Fertigkeit erworben und bewegen sich mit vieler Eleganz und Sicherheit auf der glatten Fläche. Dazu kommt noch ein gewisses aristokratisches Parfüm, die Gegenwart und Theilnahme unserer Hautevolée und Diplomatie, der eigenthümliche Reiz, unter grünen Bäumen und duftenden Blumen mitten im Sommer Schlittschuh zu laufen, und die wirklich gesunde Bewegung in freier Luft, um dem neuen Sport auch bei uns Eingang zu verschaffen und den Skating-Rink zu einem Sammelplatz der guten Gesellschaft zu machen.
M. R.