Der schönste Tod

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Titel: Der schönste Tod
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 512
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[512] Der schönste Tod. Bekanntlich haben die Griechen und Römer die vom Blitze erschlagenen Menschen für die Lieblinge der Götter erklärt, und der berühmte englische Physiker Tyndall hat kürzlich in einem interessanten Vortrage nachgewiesen, daß diese Todesart mindestens völlig schmerzlos ist. Der Grund, den er dafür anführt, hört sich im ersten Augenblicke seltsam an, obwohl er offenbar durchaus richtig ist. Er sagt nämlich, zur Schmerz-Empfindung gehöre viel mehr Zeit, als zum Blitztode, der Schmerz könnte somit erst zum Bewußtsein kommen, nachdem der Mensch schon eine Weile todt ist. Bekanntlich hat zuerst Helmholtz (1856) mittelst sehr genauer Methoden und empfindlicher elektrischer Apparate, die das Messen von Tausendsteln von Secunden gestatten, nachgewiesen, daß die Fortpflanzung der Empfindung in den Nervenbahnen viel langsamer als die des Schalles in der Luft, geschweige denn des Lichtes oder der Elektricität vor sich geht. Er fand, daß eine Empfindung in den Nerven des Menschen im Mittel 180 bis 200 Fuß in der Secunde zurücklegt, sodaß ein Schmerz am Ohre merklich früher als ein solcher in der großen Zehe empfunden wird, wenn auch beide genau gleichzeitig veranlaßt wurden. Bei weniger reizbaren und namentlich bei kaltblütigen Thieren, wie z. B. beim Wal und Frosch, erfordert die Leitung die doppelte Zeit und darüber, und ebenso vergehen meßbare Zeiträume (etwa 1/10 Secunde), ehe die zum Gehirn geleitete Empfindung sich irgendwie in Muskelzusammenziehungen, das heißt in Körperbewegungen äußern kann. Eine Büchsenkugel geht in etwa 1/1000 Secunde durch den Kopf; ein Blitz braucht, um den Körper zu durchlaufen und seine vollständige Wirkung dabei auszuüben nur 1/100000 Secunde; es kann also von irgend welchem Bewußtwerden ihrer Wirkungen nicht die Rede sein. Damit stimmen auch die Aussagen solcher Personen überein, die, vom Blitze getroffen, sich wieder erholen und aus der Betäubung erwachen. Ein Soldat, Namens Hemmer, der im Jahre 1788 zu Mannheim, unter einem Baume stehend, vom Blitze getroffen worden war, wußte nur, daß er in die Höhe gesehen habe, als ihn plötzlich das Bewußtsein verließ, und ein englischer Geistlicher, Namens Bartol, erinnerte sich durchaus keines Schmerzes, den er empfunden hatte, als ihn der Blitz traf.

Je weniger diesen Personen das Schwinden des Bewußtseins mit irgend einem Schmerz verbunden erschienen war, desto lästiger fanden sie das Wiederaufleben. Der letztgenannte Geistliche empfand eine schreckliche Bedrängniß und eine entsetzliche Schwere in allen seinen Gliedern, die nur langsam wich. Professor Tyndall selbst hatte eines Tages die unfreiwillige Gelegenheit, eine Probe vom Blitzstrahl zu bekommen, als er in einer Vorlesung dem Drahte einer elektrischen Batterie von fünfzehn Leydener Flaschen zu nahe gekommen war. Sein Leben war ohne jeden Schmerz für eine Secunde ausgelöscht. In der zweiten Secunde erwachte er, bemerkte, was geschehen war, und suchte das Publicum zu beruhigen, während es ihm vorkam, als sei sein Körper in lauter Stücke gerissen. Er sagte den erschreckten Zuhörern, daß er mitunter gewünscht habe, einen solchen Zufall zu erleben, aber wahrscheinlich empfand er kein Verlangen nach einer Wiederholung. Wenn man durch eine besondere Einrichtung des Apparats im Stande wäre, den Blitztod sicher zu copiren, so dürfte dies die humanste Ausübungsform der Todesstrafe sein, die sich erdenken ließe.

Verhängnißvoller übrigens als für Herrn Thyndall ist eine solche Berührung vor wenigen Wochen für einen jungen deutschen Kaufmann in Riga geworden, der dem großen Inductionsapparate zu nahe gekommen war, welcher, durch eine Locomobile getrieben, das Haus seines Chefs, mit elektrischem Lichte erleuchtete[WS 1]. An diesem Apparate befinden sich zwei ziemlich weit von einander entfernte Klemmschrauben, die einzigen nicht mit Guttapercha überzogenen Theile der Leitung des elektrischen Stromes, deren gleichzeitige Berührung deshalb lebensgefährlich ist. Wahrscheinlich hatte der junge Mann, in dem Glauben, es werde sich blos um einen mäßigen elektrischen Schlag handeln, beide Klemmschrauben gleichzeitig berührt; er leitete dadurch den mächtigen Strom, der demjenigen einer Batterie von dreihundert Elementen entsprach, durch seinen Körper und fiel, von dem blitzartigen Schlage getroffen, todt hin, während in demselben Augenblicke die elektrische Beleuchtung im Hause und Garten erlosch: Aerztlicher Beistand fand sich sofort, aber alle Wiederbelebungsversuche waren erfolglos, und die Aerzte konnten nur den Trost geben, daß der Tod jedenfalls ein völlig schmerzloser gewesen sei.

Anmerkungen (Wikisource)