Der wunderbare Traum

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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Der wunderbare Traum
Untertitel:
aus: Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Zweytes Buch. S. 219-221
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1769
Verlag: M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck 1746/48
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Der wunderbare Traum.


Aus einem alten Fabelbuche,
(Der Titelbogen fehlt daran,
Sonst führt ichs meinen Lesern an;)
Aus dem ich mich Raths zu erholen suche,

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Wenn ich selbst nichts erfinden kann;

Aus diesem alten deutschen Buche,
Das mir schon manchen Dienst gethan,
Will ich mir einen Traum erwählen.

     Als ich einmal, so fängt mein Autor an

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Nach seiner Weise zu erzählen,

In einer Kirche saß: so fiel mir jähling ein;
Wer mag von so viel tausend Seelen,
Die diesen Ort zu ihrer Andacht wählen,
Doch wohl die frömmste Seele seyn?

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In den Gedanken schlief ich ein,

Und sah im Traum vor mir des Tempels Schutzgeist stehen:
Du, sprach er, wünschest dir das frömmste Herz zu sehen?
Und rührte mein Gesicht mit seiner Rechten an.
Mir kam, so bald er dies gethan,

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Ein sanfter kalter Schauer an,

Und plötzlich sah ich mich in heilgem Glanze stehen.
Fang an, sprach er, die Kirche durchzugehen:
Der, den dein Glanz so rührt, daß er dich dreymal küßt,
Der hat das frömmste Herz, das hier zu finden ist.

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     Ich gieng, um es recht bald zu wissen,

In dem empfangnen Glanz, hart vor der Sacristey
Einmal, und noch einmal, vorbey,
Weil mir es schien, als wollte man mich küssen.
Ich wartete noch eine gute Frist,

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Und ward einmal, allein ganz kalt geküßt.


     Ich gieng darauf in die Kapellen,
In denen ich die frömmsten Mienen fand,
Und alles schien sich aufzuhellen.
Man lächelte, man that galant,

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Und küßte mir zur Noth die Hand.


     Drauf ließ ich mich auf einer höhern Bühne
Gesichtern, voll von Ernst und tiefer Weisheit, sehn.
Ich blieb ein feines Weilchen stehn:
Sie sahn mich an, und machten eine Miene,

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Als ob sie sich an mir schon satt gesehn;

Und ungeküßt mußt ich von dannen gehn.

     Ich stellte mich nun vor die niedern Stände.
Hier warfen mir viel weisse Hände
Da einen Kuß, dort einen zu.

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Ich ließ mein Auge lange fragen:

Ach, gutes Herz! wo wohnest du?
Allein man wollt es nicht, mich zu umarmen, wagen
Und ich gieng ganz betrübt auf meinen Schutzgeist zu,
Mein traurig Schicksal ihm zu klagen.

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Indem, daß ich noch durch die Halle schlich,

Sah mich, in einem schlechten Kleide,
Ein liebes Mädchen an, und seht! sie küßte mich
Mit einer plötzlichen und unschuldsvollen Freude;
Und eh ich noch von ihr den dritten Kuß erhielt:

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So fühlt ich schon die selgen Triebe

Der Redlichkeit und Menschenliebe
So stark in mir, als ich sie nie gefühlt.
Ein Mädchen, rief ich aus, an das die Welt kaum dachte,
Besitzt das beste Herz? Ich rief es, und erwachte.