Destruktive Musik

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Autor: Paul Bekker
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Titel: Destruktive Musik
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 118 (09.04.1934), S. 4
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Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Quelle: Commons
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Destruktive Musik


Es sollen hier nicht abgetane Dinge aufgewärmt werden, das wäre ebenso unappetitlich wie zwecklos. Gerade gegenwärtig kommt es darauf an, vorwärts zu gehen, vorwärts zu denken. Aber um die Richtung klar zu halten, muss man gelegentlich zurückblicken. Nicht alle Dinge sind abgetan, weil sie der Vergangenheit angehörten. Es gibt solche, die bleiben, so lange überhaupt eine Erinnerung bleibt. Sie sollen, sie dürfen nie vergessen werden, denn sie gehören zu den grundlegenden Elementen, sie erst haben das heutige Zeitbild gefestigt.

Ein klassisches Dokument dieser Art ist der, jetzt genau ein Jahr zurückliegende Briefwechsel Furtwängler – Göbbels. Furtwängler, der durch die demokratische Republik zu höchsten Aemtern und Ehren gelangte, „begrüsst“ darin zunächst die „Wiederherstellung unserer nationalen Würde dankbar und freudig“. Was er als „Wiederherstellung unserer nationalen Würde dankbar und freudig“ ansah, ist nie bekannt geworden. Die damals erfolgende Stabilisierung der Konzentrationslager kann er kaum gemeint haben, obgleich er wissen musste, dass seine jetzigen Brotgeber sich dieser Kultureinrichtung fleissig bedienen, und viele seiner ehemaligen Freunde dort Unterkunft gefunden haben. Vermutlich aber hat Furtwängler „dankbar und freudig“ garnichts gedacht, nur Göbbels hatte diesen Kotau zur Bedingung gestellt. Die Korrespondenz war damals abgekartet, um als – praktisch belangloser – Scheinprotest gegen ein paar Einzelfälle für Furtwänglers Konzertfahrten im Ausland gut Wetter zu machen.

Insofern könnte man sie heut’ zu den Akten legen. Aber sie enthält über diesen Zweck hinaus in nuce das, wenn man so sagen darf, musikaesthetische Glaubensbekenntnis des Nationalsozialismus. Deshalb muss man immer wieder auf sie zurückgreifen, sei es, um die inzwischen erfolgte praktische Anwendung dieser Anschauungen, sei es, um die von beiden Teilen betriebene tendenziöse Begriffsfälschung festzustellen.

„Wenn sich der Kampf gegen das Judentum in der Hauptsache gegen jene Künstler richtet, die – selber wurzellos und destruktiv – durch Kitsch, trockenes Virtuosentum und dergleichen zu wirken suchen, so ist das nur in Ordnung“. Als Furtwängler diesen Satz schrieb, wusste er, dass es das, was er schildert, in dem gemeinten Zusammenhang garnicht gibt. Er schrieb Phrasen, um Göbbels Futter in die Propaganda-Krippe zu streuen. Er wusste, dass mit Hilfe dieser Phrasen nun gerade das gemacht werden konnte, was er angeblich vermeiden wollte. Er wusste, dass „wurzellos, Kitsch, trockenes Virtuosentum“ Kautschukbezeichnungen sind, die jeder anwenden kann, wie es ihm beliebt. Er wusste vor allem, dass das Wörtchen „destruktiv“ zwar recht infam klingt, in Bezug auf Musik aber ein sinnloses Schimpfwort ist. Indem er es in diesem Zusammenhang gebrauchte, gab er diesem Wörtchen den Anschein der Sachbedeutung. So lieferte er Göbbels ein willkommenes, nun autoritativ abgestempeltes Stichwort, das Göbbels auch sofort zweckmässig verwendete.

Oder gibt es irgendwo einen Menschen, der eine objektive Erklärung dafür bieten kann, was „destruktive Musik“ ist? Diesen Menschen kann es nicht geben, denn das Wort ist ausserhalb seines Schimpfsinnes der Musik gegenüber undefinierbar. Versucht man es ernsthaft zu nehmen – und es handelt sich um äusserst ernsthafte Dinge, nämlich um öffentliche Verfehmung durch eine Fachautorität – so stösst man immer wieder auf die Unmöglichkeit der Deutung. Destruktiv gerichtet sein kann etwa eine politische Taktik, wenn sie sich auf grundsätzliche Opposition verlegt. Aber ein Kunstwerk als Produktion ist und bleibt in jedem Falle zunächst ein schöpferischer Akt. Wie soll dieser destruktiv sein können, wo er der Herkunft und Wesensart nach garnicht anders als durch Aufbau zustande kommen kann?

Freilich – die Gesetzlichkeit seines Aufbaues kann anderen, gewohnheitsmässigen Gesetzlichkeiten widersprechen. – Hier schimmert ein Lichtlein auf, etwas derartiges war wohl gemeint, also: eine hübsch perfid eingewickelte Diffamierung unliebsamer Musik. Destruktiv wären dann ungewohnte Klänge, nicht so zusammengestellt wie das etwa Richard Strauss zu tun pflegt. Aber hat man nicht zuvor diesen selbst wegen zerstörerischer Absichten angegriffen? Erinnern wir uns doch an des alten Felix Draeseke[1] gegen Strauss gerichtete Anklage wegen „Konfusion in der Musik“. Ist doch kaum ein Vierteljahrhundert vergangen, seit „Salome“ und „Elektra“ als „dekadent“ und „pervers“ gerade ihrer Musik wegen beschimpft wurden. Nicht nur Strauss, anderen Leuten ist es vordem ebenso ergangen. Von Wagner nicht zu reden – aber was musste sich Beethoven sagen lassen von denen, die er aus Erkenntlichkeit als „Leipziger Ochsen“ titulierte. Fand nicht der kunstsinnige Kaiser Joseph II. in Mozarts „Entführung“ „zuviel Noten“, worauf Mozart treuherzig meinte, „gerade so viel, wie nötig sind, Majestät“.

Diese alle waren destruktive Begabungen. Sie machten destruktive Musik, soll heissen, eine Musik, die sich nicht nach den Kompositionsregeln ihrer Grossväter richtete. So „zersetzten“ sie diese Regeln, denn alles Neuschaffen der Kunst wie der Natur bedingt die Zersetzung eines Früheren. Gewiss haben wir heut’ in der Behandlung der Harmonik, der Koloristik ein kritisches Stadium erreicht. Jeder, der sich damit beschäftigt, sieht sich vor heikle Fragen gestellt. Mit welchem Ernst aber diese Fragen gerade von den angegriffenen Musikern, nennen wir Schönberg, Strawinski, Busoni, Berg, Bartok, Milhaud, Malipiero, Weill, Krenek, Hindemith und viele andere, behandelt werden – das wusste gerade Furtwängler ganz genau. Schon die Kenntnis dieses tiefen Ernstes der Arbeit musste ihn davor bewahren, Schimpfworte zu gebrauchen, die sinnlos sind. Wie schlecht war es, im Augenblick der Gefahr solchen Menschen öffentlich die Absicht der Zerstörung zu unterstellen, wie platt, sich dafür der Schlagworte einer Alt-Weiber-Aesthetik zu bedienen.

Das „gute“ Judentum sollte durch jenen Brief angeblich in Schutz genommen werden. Aber „vorne nickt er, hinten pickt er“, sagt der Berliner. Der Jude „an sich“ ist zu dulden, aber den „destruktiven“ Juden – den dürft Ihr hauen. Das ist „nur in Ordnung“. So wurde die Rassentheorie, scheinbar angezweifelt, durch das Hintertürchen „Destruktiv“ wieder eingeschmuggelt. Da sass sie nun und freute sich, dass sie wieder drin war, und ihre destruktive Wirkung weiter üben durfte.

Aber vielleicht meinte Furtwängler garnicht die ernsthaften, die suchenden, die arbeitenden Komponisten – vielleicht meinte er den Savoy-Abraham und ähnliche? Auch dann bliebe die Bezeichnung „destruktiv“ sinnlos, es könnte nur von geistigem Tiefstand gesprochen werden.

Es gibt zwei Worte, die als musikaesthetische Charakteristiken nur in Deutschland bekannt sind. Das eine heisst „Kunstbolschewist“, das andere heisst „destruktiv“. Wer ihren Sinn zu ergründen sucht, verliert darüber den seinigen. Ein Musiker, der sich ihrer bedient, gleicht dem Anatomen, der eine Vorlesung über den Pferdefuss des Satans hält. Wir wollen beide Vokabeln, unter Aberkennung jeglicher aesthetischer Sinnhaftigkeit, als Selbstcharakteristiken der Hitlerzeit und ihrer Propagandisten festnageln.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Draesecke