Deutschlands große Werkstätten Nr. 7 (Die Gartenlaube 1869)

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Titel: Deutschlands große Werkstätten. 7. Einzig in ihrer Art.
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aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 107-110
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Beschreibung der Porzellanmanufaktur Meißen
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[107]
Deutschlands große Werkstätten.
Nr. 7. Einzig in ihrer Art.

Der alte Spruch: „Du sollst zu Erde werden“
geht keinen Meißner an.
Es winkt ihm Schöneres im Schooß der Erden,
Er wird zu Porcellan.

Das Porcellan ist bekanntlich eine Erfindung der Chinesen und Japanesen, wurde von den Portugiesen zuerst in den Handel nach Europa gebracht und wegen der Aehnlichkeit der Form mit der Schale einer Muschel, die porcella (Schweinchen) hieß, so benannt. Der Abenteurer und Goldmacher Johann Friedrich Böttcher erfand, wie man weiß, beim Brennen eines Schmelztiegels aus einem rothen Thon der Meißner Gegend zuerst in Deutschland und wohl auch in Europa das Porcellan und erhielt von dem geldbedürftigen Kurfürsten August von Sachsen den Auftrag, eine Porcellanfabrik in der Albrechtsburg zu Meißen zu gründen. Der Gründer Böttcher hatte aber wegen seiner liederlichen Lebensweise so wenig Geschick, die am 6. Juni 1710 errichtete Anstalt zu erhalten, daß sie unbedingt zu Grunde gegangen sein würde, wenn nicht der Tod Böttcher’s der Wirthschaft ein Ende gemacht hätte. Sein Nachfolger Herold, der als geheimer Bergrath gestorben ist, besaß Energie und Kenntnisse genug, um in Verbindung mit dem Bildhauer Kändler die Anstalt zu beleben und auf festen Grund zu stellen.

Unter der Verwaltung dieser Männer hörte die frühere Unordnung auf, die Bereitung des Porcellans wurde sorgfältiger überwacht und namentlich die Blaumalerei unter der Glasur mit Kobaltfarbe eingeführt. Aus dieser Zeit datirt auch die Bezeichnung des Meißner Porcellans mit den blauen Kurschwertern, die, jetzt noch gebräuchlich, von Zeit zu Zeit in der Form verändert worden sind.

Der Ruhm der Manufactur verbreitete sich über ganz Europa, erregte aber auch den Neid der Großen der Welt. Um das eifersüchtig bewachte Geheimniß zu entdecken, wurden an den Höfen von Wien und Berlin die größten Anstrengungen gemacht. Ein Verräther entwich nach Wien und gab dort den Anlaß zur Errichtung einer Porcellanfabrik. Berlin ließ im siebenjährigen Kriege die besten Arbeiter zu sich kommen. Nach diesem Kriege erreichte die Meißner Anstalt trotz der Concurrenz im vorigen Jahrhundert ihre höchste Blüthe, die jedoch am Ende des Jahrhunderts gänzlich verwelkte.

Die Directoren Baron Fletzscher und Graf Marcolini am Ende des vorige und im Anfang des laufende Jahrhunderts verstanden die Kunst, durch Leidenschaftlichkeit, Unkenntniß, die kleinlichste Geheimnißkrämerei etc. die Anstalt in ihren Fundamenten zu erschüttern. Die Unordnung war so groß geworden, daß der Staat in den Jahren 1814 und 1815 eine Revision des Manufacturbetriebs anordnete. Der jetzige Director, Geheime Bergrath Kühn, der im erstgenannten Jahre unter dem bescheidenen Titel eines Inspectors als technischer Leiter Anstellung erhielt, hob die längst unnütz gewordene Geheimnißkrämerei auf, so daß jetzt sein Titel noch das alleinige Geheime ist, und seiner Energie, seinen Kenntnissen und Erfahrungen in Verein mit seinen Collegen ist der jetzt blühende Zustand der Anstalt zu verdanken. Mit Entfernung der Manufactur aus der Albrechtsburg und Erbauung neuer Gebäude kam ein neuer Aufschwung.

Die Albrechtsburg, dieses edle, nach seiner Art in ganz Deutschland einzig dastehende Denkmal altdeutscher Baukunst, dieses Stammschloß des sächsischen Königshauses, konnte durch die Einbauung von Oefen, Dampfmaschinen, Maler- und Modellirerzimmern nicht gewinnen. Unter den Freunden des Alterthums regte sich der Wunsch, sie von der Porcellanmanufactur zu befreien. Der zuerst vor siebenzehn Jahren bescheiden auftretende Wunsch wurde immer dringender und verwandelte sich zu einer Forderung im Sinne der Kunst und der Pietät. Ihr konnte die sächsische Staatsregierung das Ohr nicht verschließen, und so ging sie denn an das Werk, nachdem sie das Anerbieten einer Actiengesellschaft, die nur aus speculativen Gründern bestand, mit Recht von der Hand gewiesen hatte, zur Erbauung neuer Gebäude.

Die Kammern Sachsens gaben zur Verlegung ihre Zustimmung und bewilligten die nöthigen Mittel. Die Stadtgemeinde Meißen, von der richtigen Ansicht ausgehend, daß sie von der Manufactur Geld und Ruhm erworben, konnte die Anstalt nicht außerhalb ihres Bezirks aufführen lassen, sie entschloß sich daher, dem Staat einen passenden, von Gebäuden entfernten und geräumigen Bauplatz im Thale der Triebisch anzubieten. Seit fast sechs Jahren ist nun der Bau nach dem von der Regierung genehmigten Plane des Director Kühn vollendet, wie ihn das Bild darstellt.

Der Gebäudecomplex besteht aus vier länglichen, einen Hof von hundertfünfundsiebenzig Ellen Länge und dreiundachtzig Ellen Breite einfließenden Flügeln, die zur Verminderung möglicher Feuersgefahr von einander getrennt und durch feuerfeste Brücken mit einander verbunden sind. Nach der Straße zu umgeben Garten- und Parkanlagen die Gebäude.

Der nach der Stadt zu gelegene Flügel ist in der ersten und zweiten Etage seiner Außenfront, in Betracht des reinsten, von hellem Sonnenschein fast völlig befreiten Lichts , ausschließlich für die Malerei, die Hofseite aber zu Vorrathsräumen für Malerei und einen Theil des Verkaufslagers bestimmt. Das Parterre des Flügels enthält nächst dem Emaillirbrennhause und dem chemischen Laboratorium noch zwei große mit dem Verkaufslager durch einen Verbindungsbau vereinigte Pack- und Sortirräume.

Der nach Südwest zunächst der Triebisch stehende Flügel beherbergt das gesammte, durch ein Wasserrad getriebene Maschinenwesen [108] an Pochwerken, Sieb- und Rührwerken, Meng- und Zerkleinerungstrommeln, Materialmühlen und Kapselschneidewerken, indem im Erdgeschoß der Außenseite die gesammten Massenbereitungsarbeiten, nach dem Hofe die Kapselmassenbereitung, im zweiten Oberstock ein großer Theil der Gestaltungsarbeiten, in dem ersten Stock aber die Kapseldrehereien nebst den dazu gehörigen umfängliche Trockenanstalten sich befinden.

Die Räume des weiter thalaufwärts befindlichen Flügels sind in der zweiten Etage, im Anschluß an den oben erwähnten Flügel ebenfalls von den Gestaltungsarbeiten eingenommen, wogegen das Parterre und das erste, durch einen eingeschobenen Boden in zwei Horizontalabtheilungen getrennte Stock das mit Porcellanbrennöfen versehene, sich an die Kapselfabricationsräume anschließende Brennhaus bildet, welches seiner Lage nach die Füglichkeit darbietet, durch Anbau in beliebiger Weise vergrößert zu werden.

Der nach der Straße gekehrte Flügel umschließt endlich im Erdgeschoß außer dem Verkaufslager sämmtliche Comptoirs, und in den oberen Etagen die Wohnungen der Beamten, ingleichen noch einen geräumigen Niederlagsraum und andere Säle zur beliebigen Disposition. Außerdem sind die Boden des ersten und dritten Flügels zur Unterbringung und in hohem Grade übersichtlichen Aufstellung der großartigen Vorräthe an Gypsformen benutzt.

Zur Uebersiedelung dieses ungemein wichtigen Bestandteils des Manufactur-Inventars aus der Albrechtsburg nach den jetzigen Gebäuden ist die halbjährige Arbeit eines starken und kundigen Personals nöthig gewesen. Die sämmtlichen Formen sind numerirt und in großen Folianten, die im Zimmer des Vorstehers der Gestaltungsbranche aufgestellt sind, verzeichnet. So alt viele davon sind, werden sie dennoch jetzt noch oft gebraucht und sind für Ruhm und Geld eine Hauptquelle.

Sämmtliche Fabrications- und Niederlagsräume stehen durch Gänge und Treppen, die des Abends mit Gas beleuchtet sind, dergestalt in nächster Verbindung mit einander, daß man auf kürzestem Wege unbehindert überall Zutritt hat und sämmtliche Arbeiten auf’s Leichteste übersehen kann. Daß in so großen Räumen Zimmerheizofen nicht passen, versteht sich von selbst. Im ersten Flügel ist daher Dampfheizung. Die Röhre werden für den zweiten und dritten durch je zwei, im Souterrain des letzteren aufgestellte Wärmkessel gespeist, wogegen die Heizung des vierten durch eiserne, in den verschiedenen Localitäten vertheilte Cylinder, durch welche das Wasser circuliren muß, vor sich geht, denen das Wasser ebenmäßig durch zwei im Souterrain stehende Wärmkessel zugeführt wird.

Um jeder Feuersgefahr im Voraus vorzubeugen, zugleich aber alle Arbeitsräume mit dem darin benöthigten Wasserbedarf zu versorgen, ist eine Anlage von sechszehn in den Dächern der Gebäude aufgestellten, zusammen siebenhundert Cubikfuß Wasser haltenden eisernen, mit Schwimmhähnen versehenen Cisternen eingerichtet, welche durch ein an die Umtriebsmaschine eingebautes Druckwerk gefüllt werden, und von welche in jedem Flügel drei in jeder Etage mit Hähnen und Schlauchschrauben versehene Fallröhren herabgehen, aus denen beliebig ein ansehnlicher Wasserstrom nach jedem Punkt der Etage hin dirigirt werden kann.

Das sind die Gebäude und Räumlichkeiten, in denen die unscheinbare Porzellanerde von Aue bei Schneeberg, aus Seilitz bei Meißen und Sornzig bei Mügeln in die kostbarsten Zimmer- und Tafelzierden umgewandelt wird. In den dem zweiten Flügel sich anschließende Gebäude beginnt die erste Herstellung der zu verwendenden Masse. Es ist der durch Verwitterung von feldspathreichem Porphyr entstandene Kaolin, dessen feinste Theilchen die Porcellanerde darstellen. Die rohen Klumpen werden zwischen Walzen zerdrückt und in den Schlemmbottichen mit der genügenden Menge Wasser ausgeweicht. Zwei Rührmaschinen schlemmen die feinen Theilchen des Kaolin auf und lassen die milchweiße Flüssigkeit durch einen Hahn ab. Sie läuft durch ein Sieb und eine schwach geneigte Rinne in eine Reihe von neun Schlammbassins. Durch eine einfache Vorrichtung läßt man nach einiger Zeit der Ruhe die oberste klaren Schichten reinen Wassers ablaufen. Das Anfüllen, Absetzenlassen und Abziehen des Wassers wird so lange wiederholt, bis die Schlammbassins fast vollständig mit diesem Erdenschlamm angefüllt sind, worauf sie entfernt werden und die Erde in einer Abdampfpfanne und Filterpresse getrocknet wird.

Ein zweites unumgängliches Material ist der Feldspath, der zwar an und für sich sehr verbreitet ist und in Gängen und Klüften von Granit auch in Sachsen sich vorfindet, aber wegen zu geringer Mächtigkeit einem größeren Bedarf nicht genügt. Die Manufactur bezieht ihn deshalb aus Norwegen. Er wird nach der Sortirung und Wäsche in den Ofen eingesetzt, nach dem Brennen im Pochwerk zu feinem Sande zerstoßen und dann mit Wasser zermahlen.

Der ferner erforderliche Quarz wird in ähnlicher Weise vorbereitet, sortirt, gebrannt, gepocht, gemahlen und geschlemmt. Diesem Proceß folgt das Formen. Die den Aegyptern schon bekannte Töpferscheibe, die in ihrer einfachsten Construction am besten ihren Zweck erfüllt, ist, wie in allen Porcellanfabriken, auch in Meißen in Thätigkeit. Die Drehscheibe ist aber nur Anfang der Formgebung für hohle Gegenstände, da die nöthige Genauigkeit hierdurch nicht erreicht werden kann. Hier kommt nun die Gypsform zu Hülfe, die, aus mehrere Stücken zusammengesetzt, sich leicht auseinander nehmen läßt und, durch vorspringende Keile eng verbunden, sich beim Eindrehen nicht verschiebe kann.

Henkel, Schnauzen, Ornamente etc. werden besonders geformt und besonders angesetzt. Blumen und Blüthen werden der Natur täuschend nachgeahmt. Durch Bossiren wird nachgeholfen. Die aus unglasirtem Porcellan, dem sogenannten Biscuit, gefertigten Statuetten haben wegen ihrer künstlerisch schönen Form besonderen Absatz gefunden.

Ist die Masse geformt, so werden die Porcellangegenstände bei gelinder Wärme vor Luftzug geschützt, auf Gestelle getrocknet und sodann zum Verglühen in die Brennöfen gesetzt. Die verglühten Geschirre sind aber noch keineswegs festes Porcellan, es fehlt die wichtige Operation des Glasirens und Gutbrennens. Die Glasur ist vollständig farblos und wird mit großer Sorgfalt behandelt. In der Glasur hat die Meißner Porcellanmanufactur wohl noch keine Concurrenten. Das Eintauchen der Geschirre in die Glasurkübel beschränkt sich auf wenige Augenblicke. Ist diese Arbeit ausgeführt und hat die fast nicht zu entbehrende Nachhülfe einige hängengebliebene Tropfen entfernt, so beginnt das Brennen des Porcellans in besonders construirten Oefen. In Meißen sind die Oefen auf Steinkohlenfeuer eingerichtet, welches den Aufwand bedeutend mindert, auf die Geschirre aber keinen nachtheiligen Einfluß übt. Die Oefen, von außen stehende Cylinder, die sich aber zu einem Rauchfange kegelförmig zuspitzen, enthalten am Fuße die Feuerung, die so eingerichtet ist, daß nur die reine Flamme in den Ofen gelangen kann. Diese sind durch die Etagen des Gebäudes durchgebaut und haben wegen ihrer Höhe einen vortrefflichen Zug. Der innere Raum besteht aus drei Etagen, von denen die unterste die glasirten Geschirre, welche die heftigste Weißglühhitze erfordern, aufnimmt. Darüber ist der Verglühraum zum ersten Brennen des Porcellans, im obersten Raum werden die Kapseln ausgebrannt. Die Kapseln sind die Behältnisse, in welchen das Porcellan eingesetzt wird, um es vor Einwirkungen der Flugasche zu sichern. Sie bilde einen Hauptzweig der Porcellanfabrication. Von ihrer Güte hängt zum großen Theil das Gelingen eines Porcellanbrandes ab. Die unbrauchbar gewordenen Kapseln werden zu grobem Sand (Chamottesand) zerstoßen und in dieser Form wieder zur Darstellung der Kapselmasse, zu welcher außerdem feuerfester Thon verwendet wird, benutzt. Das Besetzen der Oefen wird durch die runde Form derselben erleichtert.

Zur Controle der Temperatur und ihrer Wirkung sind in den Oefen einige Oeffnungen gelassen, die das Herausnehmen einer Kapsel, in welcher sich eine Tasse befindet, gestatten.

Da absolut fehlerfreie Brände zu den größten Seltenheiten gehören, so wird sofort bei der Herausnahme das Porcellan nach seiner Güte sortirt. Man unterscheidet Feingut, Mittelgut, Ausschuß, Unscheinbares und Bruch; letztere Sorte wird zerschlagen, was auch mit den zerstörten Kapseln geschieht. Gut gebliebene Kapseln werden weiter benutzt.

Ist das weiße Porcellan vollendet, so wird die bei Weitem größere Menge durch Malerei verziert, so weit nicht bereits die Scharffeuerfarben auf das verglühte Porcellan aufgetragen und aus dem Brande fertig hervorgegangen sind. Die Zusammensetzung der sogenannten Emailfarben wird von tüchtigen Chemikern ausgeführt. Viele Farben zeigen im frisch aufgetragenen Zustande ganz andere Nüancen als nach dem Einbrennen, und

Die neue Meißner Porcellanfabrik.
Nach der Natur gezeichnet von Adolf Eltzner.

[110] die wenigsten Farben vertragen ein Uebereinandersetzen, so daß die Methode des Unter- und Uebermalens, wie in Oel, nicht immer anwendbar ist. Jede Farbe wird daher in der Regel besonders eingebrannt.

Gewöhnlich kommt das Gold zuletzt; es geht aus dem Feuer noch ganz matt hervor. Um ihm Glanz zu geben, wird es mit Achat polirt. Das vom Geheimen Bergrath Kühn erfundene Glanzgold kommt glänzend aus der Muffel, bedarf keiner Politur und würde dieselbe wegen der großen Dünnheit auch nicht vertragen. Daß das Einbrennen der Malerei nicht ganz ohne Gefahr für das Geschirr selbst ist, hat auch die Meißner Porcellanmanufactur, namentlich bei großen Gegenständen, erfahren müssen. Es kann daher auch nicht Wunder nehmen, wenn diese Fabrikate nur für die Geldbeutel der Reichen zugänglich sind.

So wird denn in unterbrochener Reihenfolge gemahlen und geschlemmt, geformt und gedreht, gemalt und polirt, so daß es eine Lust ist, im Verkaufslager das vollendete Ganze wiederzufinden. Die vielen Fremden, welche die Porcellanmanufactur besuchen und unter Leitung sprach- und fachkundiger Männer die Räume durchwandern, sind erstaunt, daß Alle ohne ersichtliche Aufsicht und Controle in der größten Ruhe und Ordnung sich in die Hände arbeiten und dabei auch in den Räumen, wo geschlemmt und gebrannt wird, die größte Reinlichkeit herrscht. Die Bildung, die sich von oben nach unten fortpflanzt, die Sittlichkeit in Fabrik und Familie, der Corpsgeist, sind die unsichtbare Macht, welche der Oberleitung ihr Amt erleichtert. An der Spitze der Anstalt steht ein Director, und jede Branche für Gestaltung, Malerei, Technik und Handel hat ihren Vorsteher, Inspector oder Oberfactor. Die Vorsteher der Gestaltungs- und Malereibranche vertheilen die Arbeit, geben zu deren Ausführung die nöthige Anleitung und führen die Aufsicht. Sie überwachen auch die Festhaltung der Arbeitstaxen. Alle vorhandenen Formen und Gemäldevorlagen für die Copien sind mit Nummern bezeichnet, die zugleich den Preis für die Arbeit enthalten. Werden neue Formen oder Vorlagen nöthig, so schätzt eine besondere Schätzungsdeputation aus Mitgliedern der betreffenden Branche die Vergütung unter Aufsicht der Vorsteher ab, und das Resultat der Verhandlungen enthält den Preis der Arbeit. Die wenigen Differenzen, die dabei vorkommen, werden gewöhnlich zur allgemeinen Zufriedenheit ausgeglichen und nur in den seltensten Fällen wird die Entscheidung der Vorgesetzten nöthig. So hat Jeder ein seinen Kenntnissen und Fähigkeiten angemessenes Einkommen: die Mitglieder der Gestaltungs- und Malereibranche, die gebildeten Künstler, bis herab zu den Tellerdrehern, Ringlern, Staffirern etc. Ein Wechsel in dem Personal findet fast gar nicht statt, ein Jeder, namentlich unter den akademisch gebildeten Mitgliedern der Gestaltungs- und Malereibranche, ist von früher Jugend mit der Anstalt verbunden, was vorzüglich durch die Malerschule, die, schon im vorigen Jahrhundert gegründet, ihre talentvollen Zöglinge der Kunstakademie in Dresden zur künstlerischen Ausbildung vorbereitet, erklärlich ist. Fünfzigjährige Dienstjubiläen sind keine große Seltenheit! Beweis genug, daß das Brod der Porcellanmanufactur nicht in Thränen gegessen wird.

Die Frage, ob Staatsinstitut, ob Privatanstalt, beschäftigt uns hier weiter nicht – wir erwähnen indeß, daß die Manufactur im letzten Jahre mehr als 50,000 Thaler Reinertrag an den Staat abgeliefert hat – mehr noch die Frage: Ist die Meißener Porcellanmanufactur Kunstanstalt? Die Erfolge, die auf den Weltausstellungen zu London und Paris seit 1851 erreicht worden sind, lassen die Frage bejahen. Aber die Herren Professoren der Kunstakademie sagen mit Bestimmtheit: Nein! Die Entscheidung läßt sich nicht in der Gartenlaube geben. Die Meißner Anstalt nimmt das Gewerbe in seinen Dienst und bildet es aus der Kunst heraus. Die Formen sind sorgfältig gebildet, die Ornamente von besonderer Vollendung. Die Aufgabe der Zeit ist die Hebung der Kunstgewerbe; hat die Kunst hier Wurzel gefaßt, so wird die Industrie ihren Nutzen daraus ziehen. Güte des Rohmaterials, Sorgfalt der Behandlung, Genauigkeit der Fabrication, Anwendung der neuesten Erfindungen greifen zusammen und werden den Ruf der Anstalt erhalten. Hat die Kunstindustrie seit fünfzig Jahren in der Meißner Porcellanmanufactur festen Fuß gefaßt, so wird sie jetzt, wo ihre Hebung auf dem Banner des Fortschrittes steht, auch die Pflege dieser höhern Geistescultur fort und fort zur Geltung bringen und ein Grundstein für die Zukunft sein.