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Die „Drei Mohren“ zu Augsburg

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Textdaten
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Autor: Benno Rauchenegger
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Titel: Die „Drei Mohren“ zu Augsburg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 350, 352–354
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Im Gasthof zu den „Drei Mohren“ in Augsburg. Nach der Natur aufgenommen von G. Sundblad.

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Die „Drei Mohren“ zu Augsburg.

Mit Abbildung.

In der Mitte der Stadt Augsburg erweitern sich die gedrängten Häuserreihen der Altstadt plötzlich, und eine große breite Straße zieht sich vom Rathhause bis zur Ulrichskirche hinaus. Ein Blick auf die stattlichen Gebäude links und rechts genügt, den Wanderer darüber zu belehren, daß dieselben ihr Entstehen nicht der modernen Speculation zu verdanken haben, sondern einer fernen Zeit entstammen, in welcher derartige auch heute noch vollbürtige Bauten das Product einer Wohlhabenheit waren, wie eine solche sich nur in den blühendsten deutschen Städten bemerkbar machte. Es sind dies fast durchgehends alte Häuser, deren jedes seine eigene Geschichte hat. Glanz und Größe, Noth und Bedrängniß, Lust und Trauer der Stadt selbst zog an diesen alten Häusern vorüber und ging theilweise durch ihre Räume; es waren meist edle vornehme Geschlechter oder hochangesehene wohlhabende Bürger, welche sie inne hatten, und zum Theil befinden sich auch die Nachkommen derselben noch heute im Besitze dieser ehrwürdigen Heimstätten. Von ihnen allen nimmt den ersten Rang das Fuggerhaus mit seinen prächtigen Fresken ein. Große Wandgemälde erzählen von der Macht, dem Reichthum und der ruhmvollen Vergangenheit Derer, die darinnen seit Jahrhunderten gewohnt und gewirkt haben; gehört doch der Name des Geschlechtes der Fugger längst der Geschichte an. Die „Gartenlaube“ hat dem Fuggerhause und seinen Bewohnern schon in ihrem Jahrgange 1874 (Nr. 37) ein Denkmal in Wort und Bild gesetzt. Heute wollen wir von einem anderen weltberühmten Hause Augsburgs sprechen.

Es ist dies der Gasthof „Zu den drei Mohren“. Als altes Haus präsentirt sich derselbe heute allerdings nicht; seine Bestimmung bedingt einen öfteren Toilettenwechsel, und ein solcher ward eben vollzogen.

Das Jahr, in welchem das gedachte Haus erbaut wurde, ist uns nicht bekannt; die Chronik erwähnt es zuerst, indem sie erzählt, daß Anno 1511 ein Patricier aus dem berühmten Geschlechte der Herwart’s - von welchen ein Epigone heute als General im Dienste des Reiches steht - ein „prächtiges Haus“ am Weinmarkt gekauft habe. Am Weinmarkt zu wohnen, war zu jener Zeit keine Kleinigkeit, und nur ganz wohlhabende Leute vermochten dies. Hans Herwart gehörte aber auch zu diesen, ja er war womöglich noch reicher als sein Nachbar, der Fugger, denn er bezahlte damals schon eintausendsechshundertsechszehn Gulden jährliche Steuern. Am Weinmarkt fanden auch alle größeren Festlichkeiten statt: sogar Belehnungen, Huldigungen, Fürstenversammlungen und Turniere wurden dort abgehalten.

Die vornehmsten Gäste nahmen Wohnung in den Fugger’schen Gebäuden und als das „prächtige“ Herwart’sche Haus in den Besitz der Fugger übergegangen war, wurde es fast ausschließlich zur Beherbergung solcher hohen Besuche benutzt. Kaiser Karl der Fünfte hielt sich zu verschiedenen Malen bei Jakob und später bei dessen Neffen Anton Fugger auf, welchem er in Folge wiederholter finanzieller Gefälligkeiten sehr zugethan war. Die Sage, Anton Fugger habe einmal bei einer solchen Gelegenheit den Schuldschein des Kaisers in einem Feuer von Zimmtholz und zwar in Gegenwart des ganzen Hofes verbrannt, (s. Jahrgang 1874, Nr. 13) erscheint in einer nüchternen Version sogar glaubwürdig. Sicher ist, daß Karl der Fünfte dem Hause Fugger große Summen schuldete; ebenso sicher ist, daß Anton Fugger, [353] der von Ulrich von Hutten ein Knauser genannt wurde, nicht der Mann war, einem so mächtigen Schuldner Millionen zu schenken. Es scheint einfach ein Geschäft zwischen Fugger und Karl dem Fünften abgeschlossen worden zu sein, denn nach der Verbrennung des Schuldbriefes erhielten die Fugger das Recht, Gold- und Silbermünzen zu prägen, nachdem sie vorher schon in den Reichsgrafenstand erhoben worden waren und der Kaiser ihnen Kirchberg und Weissenhorn erb- und eigenthümlich überlassen hatte. Für solche Dinge kann man schon Zimmtholz und Schuldschein verbrennen, und in Anbetracht dieser Verhältnisse ist der vielfach angestrittene Vorgang doch nicht unbedingt in das Reich der Fabel zu verweisen. Der Kamin, in welchem das berühmte Brandopfer stattgefunden haben soll, befindet sich im Besitze des Gasthofes und ist im Hintergrunde des Vestibüls im ersten Stocke angebracht. Eine Ueberschrift über demselben besagt „Anno Domini 1532 bewohnte dieses Haus Kaiser Karl der Fünfte, dessen Schuldschein Antonius Fugger an diesem Kamine in einem Feuer von Zimmtholz verbrannte.“

Es scheint sich hier, nebenbei erwähnt, um den Vorschuß von hundertsiebenzigtausend Ducaten zu handeln, welchen der reiche Fugger dem geldbedürftigen Kaiser zur Bestreitung der Kosten gewährte, die aus der Kriegsrüstung gegen Venedig erwuchsen.

Maximilian der Zweite war gleichfalls ein regelmäßiger Gast in dem Fugger’schen Hause, und nach ihm wohnten, so lange das Haus im Besitze der Fugger war, noch Könige, Feldherrn und Staatsmänner zeitweise in demselben, worüber jedoch keine genauen Aufzeichnungen mehr vorliegen. Im Jahre 1723 wurde ein Theil des Gebäudes durch Brand zerstört und dasselbe von den Besitzern noch vor der Wiedererbauung an den Bürger Andreas Wahl, Gastwirt zu den „Drei Mohren“, veräußert.

Die Wirthschaftfirma zu den „Drei Mohren“ existirte nämlich schon seit dem Jahre 1344 in Augsburg und die Wirthschaft selbst war von jeher als eine der vorzüglichsten bekannt; sie befand sich in der Nähe des Herwart’schen Hauses. Nach Abschluß des Kaufgeschäfts und Wiederaufbau des Hauses übertrug Wahl seine Wirthschaft auf das historische Gebäude, wobei er jedoch nicht vergaß, die bereits berühmt gewordenen drei Mohrenköpfe mit in das neue Besitzthum zu nehmen, um von dem Schutze dieser hundertjährigen Penaten auch im neuen Heim zu profitiren. Sie thaten ihre Schuldigkeit. Die Zeiten waren andere geworden; man sündigte auch in hohen Kreisen nicht mehr so viel auf die Gastfreundschaft der Vornehmen und verschmähte nicht, in profanen Herbergen Unterkunft zu suchen; und die „Drei Mohren“ machten ihrer Vergangenheit Ehre, und der Ruf ihrer Küche und insbesondere ihres Kellers verbreitete sich überall. Eine Weinkarte, wie dieses Haus sie führte, hatte ihres Gleichen nicht auf dem ganzen Continente; die Bacchusgaben des ganzen Erdkreises waren hier zu haben. Diesen besonders günstigen Verhältnissen ist es zuzuschreiben, daß der besagte Gasthof in der nun folgenden Zeitperiode fast alle gekrönten Häupter und berühmten Persönlichkeiten in seinen Mauern sah.

Am 24. Juli 1792 wohnte der Kaiser Franz der Zweite mit seiner Gemahlin Maria Theresia und seinem Bruder dem Erzherzoge Joseph, daselbst und eröffnet damit gewissermaßen den Reigen der hochfürstlichen und interessanten Besuche, die nun folgten. Einige Jahre später begannen die wüthenden Stürme, welche unheildrohend über die Mauern der Stadt fegten und schließlich das reichsstädtische Wappen zertrümmerten.

In den Jahre 1796 bis 1801, 1805 bis 1809, 1812 und 1813 seufzte auch Augsburg unter der Last der kriegerischen Zeiten und in bunter Folge wechselten Durchzüge von Kriegsvolk aus aller Herren Ländern. Wenn man bedenkt, daß bis zum Abschluß der ersten Kriegsperiode, bis zum Lüneviller Frieden ungefähr 700,000 Mann und 500,000 Pferde die Stadt passirten, kann man sich eine Vorstellung von der Last machen, die auf dem kleinen Staate ruhte. Die vornehmsten und anspruchsvollsten Gäste nahmen natürlich immer in den „Drei Mohren“ Quartier. Ob sie pünktlich ihre Rechnungen bezahlt haben, ist in der Chronik des Gasthofes nicht verzeichnet.

Nachdem im Spätherbste 1799 der Prinz Condé und der Herzog von Berry dort gewohnt hatten, meldete sich am 27. Mai 1800 ein schlimmer Gast – der französische General Lecourbe. In den „Drei Mohren“ ward eine Rechnung geschrieben, wie eine solche noch kein Gasthof bis dahin gesehen hatte, leider war aber dieses Mal der Gast Rechnungssteller. General Lecourbe bedachte hierin die Stadt mit 900,000 Franken, das Domcapital mit 300,000 Franken und die Geistlichkeit mit 150,000 Franken Kriegscontribution; für sich setzte er wahrscheinlich für Service, eine Kleinigkeit von 4,000 Louisd’or an. Drei Wochen lebte der tapfere Krieger in Saus und Braus, dann zog er ab, um einem berühmteren Collegen, dem General Moreau, Platz zu machen, der sich einige Zeit von den Feldzugsstrapazen erholen wollte.

Mitte April 1801 endlich verabschiedeten sich die letzten Franzosen, aber nur um vier Jahre später in vermehrter Auflage wieder zu erscheinen. Das ereignißreiche Jahr 1805 ward schon vorher durch interessante Gäste gekennzeichnet. Den Anfang machte der amerikanische Staatsminister Livingstone; dann traf der Erbprinz von Baden ein; hierauf folgte ein glänzendes Nacheinander von berühmten Namen des In- und Auslandes.

Am 6. October 1805 hatte sich der französische General Vandamme als Divisionär des Corps Soult der Stadt Donauwörth bemächtigt, und damit war den Franzosen der Weg nach Schwaben geöffnet. Am 8. October ward Feldmarschalllieutenant von Auffenberg von Murat bei Wertingen geschlagen, und die Schrecken des Krieges rückte immer näher an Augsburg heran.

Es war am 9. October, als der französische General Michaud mit seinem Generalstab und einer Bedeckung von dreißig Carabiniers bei dem geschlossenen Schlagbaum vor dem Göggingerthor ankam und Einlaß verlangte, um in den „Drei Mohren“ ein Frühstück einnehmen zu können. Man konnte das Ansuchen nicht abschlagen; wie vorauszusehen kam bald die Division Vandamme nach, und um ein Uhr zogen ungeachtet des feierlichen Protestes der Stadt, die französischen Truppen wiederum ein. Von allen Seiten kamen nun die ungebetenen Gäste heran, und die Nacht vom 9. auf 10. October war eine der schrecklichsten, die Augsburg in diesen Zeiten erlebt hat; die Brutalität der Soldateska kannte keine Grenzen. Der Generalstab, viele Marschälle und Generäle nebst Gefolge ließen sich’s aber in den „Drei Mohren“ wohl sein.

Am 10. October kam der neugebackene Kaiser Napoleon selbst nach Augsburg und stieg in der bischöflichen Residenz ab. Die „Drei Mohren“ sahen in diesen Tagen ganz seltene und bedeutungsvolle Gäste; am 29. October beherbergten sie den Minister Maret, den Staatssecretär Napoleon’s; es folgten Deputationen des Pariser Tribunals und Senats.

Am 4. November erscheint zum ersten Male ein Mitglied des baierischen Fürstenhauses, Kronprinz Ludwig August, in dem Gasthofe, dann wimmelte es in Augsburg von französischen Generälen und Staatsmännern.

Der 3. März des Jahres wurde bedeutungsvoll für die Stadt. In Folge des Preßburger Friedens ward die bisherige freie Reichsstadt Augsburg an die Krone Baierns übergeben. Am gleichen Tage Nachmittags vier Uhr wurde dieses Ereigniß im Gasthof „Zu den drei Mohren“ officiell gefeiert. Eine glänzende Tafel vereinigte die städtischen Collegien, den Senat, den Vorstand des Handelsstandes und viele angesehene Einwohner als Gäste der baierischen Commissäre im Hôtel. Der Chronist erzählt hierüber blos:

„Es wurden dabei viele Trinksprüche ausgebracht, unter Musik-, Trompeten- und Paukenschall, die aber so wenig als der schäumende Champagner den gebeugten Sinn völlig zu erheben und die schmerzliche Empfindung zu verscheuchen vermochten, mit welchen ein großer Theil der Gäste auf das Grab der bürgerlichen Verfassung der Stadt niederblickte, das kein Hoffnungsstrahl beleuchtete, die Abgestorbene je wieder auferstehen zu sehen.“

Am 22. September 1808 fand eine ähnliche Festlichkeit aus Anlaß der Erhebung Augsburgs zur Kreishauptstadt statt und am 6. November 1808 besuchte König Max der Erste die Augsburger; er wohnte in den „Drei Mohren“; dieselben haben also auch gesehen, wie die seither so stolzen Senatoren der kleinen Republik es anstellten, ihrem nunmehrigen Monarchen zu gefallen.

Die wieder beginnenden französischen Kriege brachten natürlich Gäste von Bedeutung aus Oesterreich, Italien, Spanien und Frankreich; zu diesen zählen wir auch den Soldaten des sechszehnten französischen Infanterieregiments, der so glücklich war, den thatenreichen Leben des Admirals Nelson ein Ende gemacht zu haben. Auf Befehl des Kaisers wurde der „glückliche“ Schütze [354] in den „Drei Mohren“ einige Tage verpflegt, und hat sich’s der Tapfere jedenfalls nach Gebühr wohl sein lassen.

Ueber die nun folgenden, nicht besonders interessanten Fremdenverzeichnisse des Hôtels hinweg machen wir einen Sprung und schlagen die Geschichte des Jahres 1866 auf. Die blutigen Seiten wollen wir übergehen und uns lediglich mit dem ehrwürdigen deutschen Bundestage beschäftigen. Die auf Frankfurt anrückenden Preußen veranlaßten bekanntlich am 15. Juli die Bundestagsmitglieder, ihre Sitzungen an einen sicherern Platz zu verlegen, und so segelte die ganze bundesstaatliche Diplomatie nach Augsburg. Die „Drei Mohren“ waren nun wieder voll von Ministern und Gesandten.

Trotz der fleißigen und langen Sitzungen, die dort abgehalten wurden, ward der alte Bund immer lockerer; ein Vertreter nach dem anderen wurde abberufen; am Donnerstag den 26. Juli wurde schon die schwarz-roth-goldene Flagge vom Hôtel abgenommen; es ging noch an ein eifriges Protestiren, Protokolliren und Decretiren – man gestattete von hier aus den siegreichen Preußen, unbehelligt aus den Bundesfestungen heimkehren zu dürfen; – dann ward’s ruhiger, und am 24. August wurde im Saale des Hôtels zu den „Drei Mohren“ die Auflösung des deutschen Bundes officiell verkündet. –

Aus dem bisher Erzählten dürfte zur Genüge hervorgehen, daß die „Drei Mohren“ in Augsburg eine Geschichte hinter sich haben, wie wohl wenige andere deutsche Häuser.

Bis in die jüngsten Jahre genoß aber auch der Gasthof ein seltenes Renommée und war beinahe in der ganzen civilisirten Welt bekannt. Nachdem der letzte Besitzer, ein Herr J. G. Deuringer, gestorben war, gingen die Erben daran, das Hôtel zu verkaufen. Angesehene und vermögende Bürger der Stadt traten nun zu einem Consortium zusammen, erwarben den Gasthof und beschlossen, denselben würdig seiner Vergangenheit und den Anforderungen der Gegenwart entsprechend zu renoviren und dann dem Verkehre wieder zu übergeben. Nachdem er zwei Jahre geschlossen war, wurde er am 9. Juni 1877 wieder eröffnet, und zwar in einer Ausstattung, die ihres Gleichen in ganz Europa sucht. Eine solide Eleganz und eine Pracht, die überall durch die Kunst und strenge Einhaltung des Styls in wohlthuenden Grenzen gehalten ist, beherrschen sowohl das Aeußere, wie auch alle Räume des Innern bis in die Einzelheiten, deren Schilderung wir uns hier wohl um so mehr ersparen dürfen, als unser Bild sie den Lesern, wenn auch nur andeutungsweise, vorführt. War doch der Zweck dieser Zeilen im Grunde nur der: zu erzählen, was ein einziges Haus Alles erleben kann.

B. Rauchenegger.