Galerie historischer Enthüllungen/5. Kaufmännische Noblesse

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Autor: Fr. Hofmann
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Titel: Galerie historischer Enthüllungen 5. Kaufmännische Noblesse
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 207–210
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1874) b 207.jpg

Karl der Fünfte bei Anton Fugger in Augsburg. Nach dem Oelbilde von Professor Becker.

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Galerie historischer Enthüllungen.


5. Kaufmännische Noblesse.


Wir leben in einer strengen Zeit, die von Allem, was Geschichte sein will, verlangt, daß es seine Urkunde vorweise. Jede andere Ueberlieferung, und hätten Glaube und Verehrung sie im Herzen der Völker Jahrhunderte geweiht, wird aus den Rollen der Geschichte gestrichen, wenn sie ihren Schein nicht beibringt. So kommt es, daß die Sage, deren Grenzlinie wir früher jenseits der Morgenröthe der Geschichte suchten, in Einzelerscheinungen mit einem Male weit in die geschichtliche Zeit hereintritt, oder daß Personen und Thatsachen, die in der Geschichte bisher ein ganz besonderer Strahlenkranz schmückte, plötzlich zu unverbürgten Gestalten und Nachrichten degradirt und in das Gebiet der Sage zurück verwiesen werden.

So ist der „heilige Nepomuk“ vor der historischen Kritik zu einer Erfindung der Jesuiten zusammengeschrumpft; so sind die „Vierhundert von Pforzheim“, die wir mit so schönem Stolze der Leonidas-Schaar der Griechen an die Seite stellten, durch die unerbittliche Forschung nach dem Schein uns genommen worden; so ist Wilhelm Tell, trotz Tells-Platte und Tells-Capelle, am Mythenstein vorüber in das Land der Mythe heimgegangen; ja, so haben die Schweizer den größten patriotischen Schmerz erlebt, als sie sogar für den vergöttertsten ihrer Volkshelden, den noch vor neun Jahren mit einem prachtvollen Denkmal verherrlichten Arnold Winkelried, die verbürgende Urkunde nicht aufspüren konnten, und so sank auch er zur ewigen Dämmerung der Sage hinab. Nach solchen Erscheinungen darf es nicht Wunder nehmen, wenn auch gegen ein Zimmtholzfeuer, welches einen kaiserlichen Schuldbrief verbrannt haben soll, die Vernichtungskritik bereits den Drohfinger erhebt, weil ihm der beglaubigende Schein fehlt.

Der Vorgang, den unser Bild vorstellt, wird gewöhnlich und noch heute so erzählt: Zu dem Kriege gegen die Türken, mit welchen der allerchristlichste König von Frankreich sich gegen das Deutsche Reich verbündet hatte, und insbesondere zu dem Seezug gegen Tunis 1535, hätten die Fugger dem Kaiser Karl dem Fünften ansehnliche Summen vorgestreckt. Bekannlich endete dieser Zug sieg- und ehrenreich für den Kaiser, der den Feind vollkommen demüthigte und über zwanzigtausend gefangene Christen aus der Sclaverei befreite. Als nach diesem Triumph Karl wieder nach Augsburg kam und, wie früher schon, bei Fuggers als Gast herbergte, da habe Herr Anton Fugger im Kamin eines Saales, der heute noch gezeigt wird, dem Kaiser ein Feuer von dem kostbaren Zimmtholze anzünden lassen; aber nicht genug damit: er holte auch jene Schuldverschreibung herbei und warf sie hinein – vor des Kaisers und seiner Begleitung jedenfalls staunenden Augen. So etwa soll die Sache sich zugetragen haben.

Und warum nicht? Denn die Möglichkeit ist vorhanden: seine Mittel erlaubten ihm das! – Davon werden wir uns durch einen Gang zu den Fuggers von damals am besten überzeugen.

Wir können in diesem Artikel unsere Leser nicht Schritt vor Schritt durch die Jahrhunderte führen, die zwischen dem Häuschen im Dorfe Graben auf dem Lechfelde, in welchem Hans Fugger’s Webstuhl gestanden, und dem Fugger-Hause am Weinmarkte in Augsburg liegen, in welchem Deutschlands römische Kaiser als Gäste der Fugger ein- und ausgingen und welches das Geschlecht der Gegenwart durch die Hand der Kunst auch äußerlich wieder mit fürstlicher Pracht geschmückt hat. Da aber unser Künstler uns gleich einen Einblick in die glanzreichen Tage der Fugger im Reformationszeitalter eröffnet, so überlassen wir einer für die Fugger-Geschichte ganz vorzüglich ausgerüsteten Feder die Darstellung derselben für später und treten sofort in jene Räume, die uns die Beziehungen des Fugger’schen Reichthums zu Kunst, Wissenschaft und Luxus in jener Blüthezeit der Kunstgewerbe vor dem Dreißigjährige Kriege zur Anschauung bringen.

Waren es auch in Augsburg nicht blos die Fugger, welche das Wiederaufleben der Künste und Wissenschaften zur Pflege eines edeln Luxus benutzten, haben auch die Welser, Peutinger, Walter, Baumgarten, Hainzel, Schwarz etc. darin viel Bewundertes geleistet, so sind jene doch von Niemandem übertroffen worden, so daß ihr Haus und dessen Einrichtung zu Ende des Mittelalters und zu Anfange der neueren Zeit als Muster für alles Damalige der Art gelten kann.

Die Häuser der reichsten Geschlechter zeichneten sich schon durch ihre Größe sowie durch die Kupferbedachung und den Bilderschmuck an den Außenwänden vor denen der anderen Bürger aus. Die in ganz Süddeutschland zu jener Zeit herrschende Sitte, in besagter Weise hervorragende Gebäude von außen mit großen Bildern auf nassem Wurfe (al fresco) bemalen zu lassen, zog zuerst fremde Künstler herbei und erhob die Lust, auch für den inneren Schmuck nur das Werthvollste zu erwerben. So weiß man, daß Joseph Hainz, der schweizerische Maler und Architekt, und Christoph Amberg aus Nürnberg, ein Schüler des jüngeren Holbein, am Fugger-Hause thätig waren. Aber selbst Titian und nach ihm Giulio Licinio, genannt der jüngere Pordenone, kamen durch die Fugger nach Augsburg, was Ersterer da geschaffen, wurde ihm mit dreitausend Kronen gelohnt; Letzterem gestattete der Kaiser, während des Reichstages von 1559 sein Kunst- und Malwerk, die allein auf römische Art, wie es heißt, gestaltet war, allda zu treiben, und die Stadt gab ihm später sogar ihr Bürgerrecht umsonst. Unter den einheimischen [209] Künstlern beschäftigten die Fugger namentlich die Holbein, Hans Birkenmaier, Hagenauer und Johannes Fischer, welcher Bildnisse und Historien, meist auf Kupfer, mit Farben von bewundernswerther Dauerhaftigkeit malte. Von ihren Architekten hat sich das glänzendste Denkmal Elias Holl gesetzt in dem von ihm erbauten Rathhause. Graf Hans Jakob Fugger hatte ihn in Venedig zum Meister ausbilden lassen; ihm wird nachgerühmt, er habe „halb Augsburg“ gebaut. In großer Beliebtheit standen auch die Sculptur und die Schnitzereien in Holz und Elfenbein; ebenso hat man noch heute Gelegenheit, in alten Patricierhäusern die feinen Schreiner- und Schlosserarbeiten zu bewundern.

An all’ solchen Herrlichkeiten fehlte es nirgends weniger als im Fugger-Hause. Man geht natürlich an der Hand der alten Augsburger Chronisten und Geschichtschreiber hinein, denen so gewissenhaft auch der brave Geschichtsforscher und Patriot Hans Karl Dippold (gestorben 1811 in Danzig) nachgegangen ist, um dem deutschen Volke in seiner erbärmlichsten Zeit, 1811, die Bilder großer vergangener Tage zum Troste und zur Ermuthigung vorzuführen. Ihm folgen wir in diesen Schilderungen.

Von marmornen Säulen getragen, deren Knäufe dem Muster der Alten nachgebildet waren – so berichtet er –, stieß ein geräumiges und geschmücktes Gemach an das andere, unterbrochen von warmen Bädern und bedeckten Lustgängen, und überall hatte man die getäfelten Decken und Zierrath aller Art zu bewundern. Im Schlafgemache zog der vergoldete Stubenhimmel und ebenso das Bett wegen seiner Prächtigkeit aller Augen auf sich; an dasselbe stieß ein Betstübchen, dem heiligen Sebastian geweiht, dessen Sessel besonders kostbar an Stoffen und Arbeit waren. In Raymund Fugger’s Hause rühmten die Besucher jener Zeit vor Allem die großen Säle mit den reichgeschmückten Kaminen und die Thüren, die durch des Hauses Mitte alle genau aufeinander stießen; auch wird die häusliche und künstlerische Ausstattung aller Räume zwar reich, doch solid und durchaus nicht verschwenderisch genannt. Hier hat sich freilich wiederum der Begriff nach der Größe der Mittel zu dehnen. Denn wenn man an den Wänden nur prächtige Gemälde von den besten, zum nicht geringen Theile italienischen Meistern sah, so war das eben auch nicht Jedermanns Kauf. Mehrere Gemächer enthielten die Antikensammlung, welche Graf Raymund mit ungemeinen Kosten überall her, wo er solcher habhaft werden konnte, meistens aber aus Griechenland und Sicilien herbeigeschafft hatte. Im ersten Zimmer standen die Bronzen, u. A. ein Jupiter, ein Neptun, ein Mercur, eine Pallas etc., Manches kaum kenntlich unter dem Roste des Alterthums. Der Hauptschatz des zweiten Gemachs war eine liegende Circe aus Stein, rings um sie her auf dem Rande der Marmortafel die Opfer ihrer Zauberei. Ein drittes Zimmer füllte eine große Sammlung zum Theil noch wohl erhaltener, zum Theil zertrümmerter Sculpturwerke an. – Die Anlegung von Münzsammlungen war durch Peutinger eine Leidenschaft der Hochmögenden in Augsburg geworden. Die Fugger thaten’s ihm zuerst nach, dann zuvor; Beiden folgten die Hopfer, Buroner, Steininger und Hainhofer, deren Sammlungen ein Stolz Augsburgs waren, bis der Dreißigjährige Krieg alle verschlang.

Wie die bildenden Künste, so fanden auch die Wissenschaften an den Fuggern Förderer und Pfleger. Ihre Bibliothek galt für eine der größten nicht blos in Augsburg; doch waren namentlich hierin die Ansprüche in der alten Zeit bescheidener, als in unseren Tagen der Dampf-Schnellpressen. Die Bücherei des Klosters Hirschau zählte im zwölften Jahrhundert sechszig Bände, und das war etwas Außerordentliches. Welch gepriesenes Geschenk war 1421 die Bibliothek, mit welcher der Kurfürst Ludwig von der Pfalz seine Universität Heidelberg beglückte; es waren zweihundertzweiundfünfzig Bände. Peutinger’s Sammlung war stärker, doch noch gering gegen die der Fugger, die aus fünfzehntausend Stück bestand – und besonders durch einen Reichthum an griechischen und römischen Handschriften ausgezeichnet war. Letztere verschaffte ihnen, oft um ganz bedeutende Summen und mit unglaublicher Mühe, ihr Sachwalter am türkischen Sultanshofe, Johann Doreschwan. Einer ihrer besten Bibliothekare war der seiner Zeit berühmte Humanist und lateinische Dichter Hieronymus Wolf, dem trotz alles Wissens sein Glaube an Zauberei, Astrologie und Chiromantie ein elendes Leben bereitete, und Heinrich Stephan zu Paris, den Ulrich Fugger zur Herausgabe alter Handschriften in Sold nahm und der gar manches Buch selbst schrieb, setzte und druckte, nannte sich 1558 bis 1567 „des erlauchteten Ulrich’s Fugger Buchdrucker“. – Sogar zwei künstliche Sphären, von M. Furtenbach und von Albrecht Dürer’s Hand, gehörten zu dem gelehrten Apparat. In eigens dazu eingerichteten Gemächern saßen nun da die Gelehrten und Schriftsteller, oft weit her, als Gäste der Fugger und schwelgten im Genuß der so seltenen Schätze. Wie dieselben von Augsburg fort- und wohin sie gekommen, gehört in die Geschichte der Fugger.

Auch die Pflege der Tonkunst war ihnen nicht fremd Wie sie im Besitz ihrer eigenen Orgel waren, und zwar in ihrer prächtigen Capelle in der Sanct Annenkirche, in welcher in Stein, Marmor, Holz und Farben die Kunst viel Herrliches geleistet, das bis auf heute bewahrt ist, so hatten die Fugger auch ihre eigenen Organisten und Componisten, wie Gregor Aichinger, dessen „Cantionen“ 1546 zu Augsburg gedruckt wurden, Martin Boets aus Brüssel, einen kunstreichen Mann, und Leo Haßler aus Nürnberg, den Schöpfer vieler Messen und Kirchenstücke.

Manche behaupten, daß noch sehenswerther, als die von aller Kunst erfüllten Häuser und Capellen, die Gärten der Fugger gewesen seien. Sie lagen theils im Bezirke der Ringmauer, theils vor dem Thore. Allerdings gehörte der Geschmack jener Zeit dazu, um von ihrer sorgfältig geschnittenen Buchsbaumwelt, den schnurgeraden Baumgängen und den steifzierlichen Lauben so entzückt zu werden, wie jener poetische Fuggerverherrlicher, welcher, zwischen den „mehr als dädalischen“ Labyrinthen, Springbrunnen, Wasserwerken, Bäumen und italischen Gewächsen lustwandelnd, nur darüber erstaunt war, daß nicht alle Götter des Olymps sofort sich auf die Sohlen machten, um auf dem sammtenen Wasen und des Gartens Tapezerei ihre himmlische Lust zu suchen. Blumen, wie sie diese Gärten erforderten, waren eine kostbare Waare, denn da mußten nicht blos die herrlichsten Hyacinthen und Narcissen blühen, sondern auch die Tulpe begann damals vom Morgenland her ihren Triumphzug nach Europa. Zwar trug der Schweizer Conrad Gesner, der deutsche Plinius genannt, den Sieg davon, die neue Wunderblume Tulipa Gesneriana zu nennen, aber die Augsburger lassen es sich nicht nehmen, daß schon zwei Jahre vor ihm, 1557, ihr Mitbürger Heinrich Herwarts die ersten Tulpenzwiebeln aus Constantinopel erhalten habe. Da werden sie auch die Fugger nicht lange vermißt haben, in deren Gärten außerdem das edelste Obst wuchs, Oliven und Lorbeeren immer grünten und Franzosenholz (Buchsbaum) und Weinreben vortrefflich gediehen. Wer will es da einem zeitgenössischen Autor, Herrn Beatus Rhenanus, verargen, wenn er vor all den Lusthäusern, Bädern und Bildsäulen von Erz und Marmor inmitten dieser duftenden und farbenglühenden Herrlichkeit ausruft: Selbst die königlichen Gärten zu Tours und zu Blois, die er doch auch gesehen, seien nichts gegen die der Fugger.

Und in solchen Wohnungen und Gärten beherbergten diese Augsburger Kaufherren und Geldgroßen ihre Kaiser! Und da soll es unglaublich sein, daß sie nicht bloß Zimmtholz, sondern auch Schuldscheine ihnen zu Lieb’ und Ehren verbrannt hätten? An der Glaubhaftigkeit mäkelt auch Dippold, der gewissenhafte, nicht, aber – die Urkundlichkeit verläßt uns eben doch. Ja, es tritt sogar gegen die Wahrscheinlichkeit der Sage selbst ein Kämpfer auf, dem das ganze Augsburger Stadtarchiv dazu zu Gebote steht. Derselbe theilt der Redaction der Gartenlaube darüber das Folgende mit:

„Die Wahrheit dieser Scene muß aus verschiedenen Gründen auf das Stärkste angezweifelt werden. In keiner einzigen der sämmtlichen gleichzeitigen Geschichtsquellen findet sich eine Andeutung jener Erzählung. Historisch beglaubigt ist nur so viel, daß die Fugger schon seit der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts die Hofbanquiers der Habsburger waren. Schon im Jahre 1473, als Kaiser Friedrich sich in Augsburg zum Zuge nach Trier rüstete, um den Herzog Karl von Burgund mit Geldern zu belehnen, begann Ulrich Fugger mit den Fürsten des Hauses Oesterreich Geldgeschäfte die in der Folge zu enormer Höhe gelangten. 1509 zahlten die Fugger innerhalb acht Wochen an Kaiser Maximilian zum Kriege gegen Venedig die Summe von hundertsiebenzigtausend Dukaten aus. Von ihnen empfing [210] Karl der Fünfte die Mittel zu seinen Expeditionen gegen Tunis und Algier und zur Unterdrückung des Schmalkaldischen Bundes. Für diese Darlehen erhielten die Fugger große und reiche Herrschaften, Bergwerke in Tirol, Ungarn, Spanien und andere zum Unterpfande und gelangten, da diese Pfandschaften nicht mehr ausgelöst wurden, später in den Besitz derselben. Wenn also wirklich eine solche Verbrennungsscene gespielt hat, so darf sie doch nur in dem Sinne aufgefaßt werden, daß der Vernichtung der Schuldscheine irgend eine ausgleichende Bewilligung Seitens des Kaisers vorausgegangen ist.

„Die ganze Erzählung dürfte vielleicht die Erfindung eines schlauen Kopfes sein. In dem jetzigen Hôtel zu den ‚Drei Mohren‘, das bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts im Besitze der Fugger war, wird noch heute den Fremden ein Saal gezeigt, in dessen Kamin Fugger die Schuldscheine verbrannt haben soll. Die Täfelung der Decke dieses Saales ist unzweifelhaft alt, wenn auch nicht so alt, wie der Fremdenführer angiebt; der Kamin aber stammt sicherlich nicht aus der Zeit Karl’s des Fünften, sondern ist um Jahrhunderte jünger. Noch zweifelhafter als der Kamin ist die über demselben angebrachte, auf die Verbrennungsscene Bezug nehmende Inschrift, die geradezu als das Machwerk eines frühern Gasthofsbesitzers erscheint, der, die Eigenschaft seines Hauses als des zum alten Palast der Fugger gehörigen Theiles kennend und auf der alten Tradition der großen Geldgeschäfte der Fugger mit den Habsburgern fußend, unter Benutzung der für das Verständniß des reisenden Publicums leidlich wahrscheinlichen Localitäten zum Vergnügen desselben und zu eigenem Vortheile die ganze Geschichte mit ihren Details erfand.“

Das wäre das prosaische Ende, welches auch diesem alten Fugger-Nimbus durch die unerbittliche historische Kritik bereitet wird, und es kann uns hier, wie bei den zur Sagenwelt hinabgesunkenen Schicksalsgenossen dieser Scene, nur Das trösten, daß sie als Geschichte doch recht schön war und selbst als Sage noch schön und einer künstlerischen Darstellung würdig bleibt.

Der Saal aber, in welchen der Künstler uns geführt hat, ist durch ein anderes, wirkliches und uns Allen noch nahe stehendes Ereigniß zu unvergänglicher geschichtlicher Bedeutung gekommen. In diesen selben Räumen hat der deutsche Bundestag, fünfzig Jahre der furchtbare Alp der deutschen Nation, am 24. August 1866 die letzte seiner vielen, für Deutschland nur verderblichen Sitzungen gehalten.

Dieses heilvolle nationale Ereigniß, das zur Rückkehr in das alte Zersplitterungselend Deutschlands die letzte Pforte für immer verschloß, kann uns schon mit dem Verlust eines Stückchens alter Familiengeschichte versöhnen.

Fr. Hofmann.