Die Armen in der Senne

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Textdaten
Autor: Georg Weerth
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Titel: Die Armen in der Senne
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aus: Deutsches Bürgerbuch für 1845
Herausgeber: Hermann Püttmann
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: C. W. Leske
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[266]
Die Armen in der Senne.
Mitgetheilt von Georg Weerth.


Von den Höhen des Teutoburger Waldes sieht man in eine weite Ebene, die Senne genannt, deren ödester Theil sich zwischen Paderborn, Bielefeld und dem Fürstenthum Lippe hinzieht. Sie gewährt einen eigenthümlichen Anblick, der sich wohl am besten mit der Aussicht vergleichen läßt, die man in der Abenddämmerung, von einem höhern Punkte des Strandes, auf die See hat. Die Täuschung wird noch größer, wenn in den Strahlen der untergehenden Sonne, oder im Mondlicht, die dunklen Wasserflächen einiger Teiche zu leuchten beginnen, die hin und wieder den Sand durchschneiden, und gewöhnlich von kleinen Fichtengehölzen umgeben sind. In solchen Augenblicken gewinnt die Gegend, keineswegs einen schönen, vielmehr einen höchst unheimlichen und wahrhaft geisterhaften Anstrich. – Die Umrisse einiger Meierhöfe und zerstreuter Baumgruppen verschwinden und bald gewahrt das Auge nur noch den schwarzblauen Farbenton der Ebne, über welche die Nebel in weißen Wogen hereinbrechen.

Dem Beschauenden scheint dann der geheimnißvolle Geist jener Wüste vorüberzuschweben, – jener Wüste, in welcher schon so vieles auf und nieder ging, – in deren Sand die Waffen der Römer verrosteten, in der Franken und Sachsen im Kampf aneinander rannten, in welcher der tollste Hexenspuk sein Wesen trieb, und – die jetzt wohl die unglücklichsten Bewohner des einst so gewaltigen Westphalens bevölkern. –

[267] Wir wollen von den Bergen hinuntersteigen und uns auf dem eigentlichen Terrain näher umsehen. – Eine Wüste nannten wir jenen Landstrich, und dennoch bevölkert! Leider ist dieß nur zu wahr; – denn auch hier, wo die Natur dem Menschen geradezu untersagt zu haben scheint, sich anzubauen, hat der Arme, dem kein besserer Boden zu Theil wurde, sein Korn der Erde anvertraut. Hier und dort, wo der Sand fester und feuchter ist, sieht man Buchwaizen und Hafer in dünnen Halmen aufschießen; gleich daneben, hinter einem Zaun, aus Birken geflochten, weidet eine magre buntgefleckte Kuh, wohl die einzige Trösterin des Bauers, der nicht weit davon aus Lehm und Baumzweigen seine niedrige Hütte aufgeschlagen hat. Treten wir an die Thür derselben, da schlägt uns ein dichter Rauch entgegen, denn für einen Schornstein hat man nicht gesorgt. Ist im Winter der Heerd erloschen, da muß der in der Hütte zurückgebliebene Rauch und Dunst noch wärmen. Gehen wir vorüber, da laufen uns einige zerlumpte Kinder nach; sie halten die Hände gefalten und murmeln eine Sprache, welche Niemand versteht. Aber in den kümmerlichen Blicken kann man lesen, was sie wollen, und gebt ihr einem kleinen Mädchen mit hellblonden Haaren, eine Silbermünze, da ist es mehr als sie je besaß, mehr als sie in mehreren Wochen durch Flachsspinnen verdienen kann. – Es ist so rührend-komisch, wenn man mit einem Bauer spricht, welcher eben aus Friesland zurückkommt, wo er einige Monate für Lohn arbeitete. Seine Augen blitzen vor Freude; er bringt Geld mit, Geld in dem kleinen ledernen Beutel; das kleine Feld ist unterdeß leidlich gediehen; – die Kuh ist noch am Leben; er dünkt sich reich und glücklich! Da sieht er plötzlich seine Kinder herbei laufen und er wird ernst und still; es fällt ihm ein, daß Alles vielleicht nicht hinreicht, um die junge Brut durch den Winter zu bringen.

„Aber, beim Teufel, lieber Mann, weßhalb hat er auch so viele Kinder!“ Ja, sagt der Bauer dann, die Obrigkeit ist auch gar nicht damit zufrieden. Seh’n Sie, wenn unser Eins heirathen will, da muß er erst auf dem Amt 150 harte Thaler vorzeigen können, und kann er dieß nicht, da mag er gehn, – er wird nicht copulirt. Wenn ich nun unsers Nachbars junge Liese [268] gern leiden mag und kein Geld habe, was thue ich dann? Entweder muß ich bei einem Paderborner Juden das Geld borgen und abscheuliche Procente bezahlen; oder – und dann sieht mancher junge Bauer verschämt zur Erde. –

Am schlimmsten sind die Leute daran, welche sich durch irgend einen günstigen Ackerfleck verleiten ließen, mitten in die eigentliche Senne zu ziehen, denn dort sind sie, wenn im Winter die ohnehin ungangbaren Wege ganz verschneien, von aller Welt abgeschnitten. Der Vorrath von Kartoffeln geht bald zu Ende; durch die schlechte Witterung, welche die Lehmwände der Hütten naß und feucht macht, brechen Krankheiten in’s Haus herein; – mehrere Glieder der Familie liegen schon, die Alten an der Gicht, die Jungen am Nervenfieber darnieder, – da macht der Gesundeste sich auf und eilt zu dem Prediger des nächsten Dorfes. Der soll trösten, helfen, retten. Man sagt ihm, ein Sterbender wünsche die Sacramente. Er kommt an Ort und Stelle, sieht den Jammer und die Noth, sieht aber auch ein, daß das Heiligthum hier weniger helfen kann, als eine wollene Decke, als ein gutes Brod. Ist es in seiner Macht, so unterstützt er aus eignen Mitteln, bescheinigt aber gewiß den kläglichen Zustand jener Armen, damit sie aus der nächsten Ortschaft ihren Pfennig von der Behörde und die Hülfe eines Arztes bekommen.

Leider sind manchmal die Einkünfte einer Gemeinde aber nicht so groß, um jedem unglücklichen Einlieger helfen zu können, und, was noch schlimmer ist, oft findet sich auch, daß ein Bauer, nachdem er bei dem Gemeinde-Vorstand um Unterstützung angehalten hat, gar nicht zu dieser gehört, also kein Recht darauf hat. – Die Gränzen der Länder, in jener Ebene durch nichts Hervorstechendes markirt, waren ihm nicht bekannt; er weiß nicht, ob er ein Preuße, ein Lipper, oder was sonst ist und ehe er sich von der einen Behörde an die andere wenden konnte, ist der Tod in seine Hütte hereingebrochen, und hat mit seinem kalten Kuß allem Leid ein Ende gemacht.

Vor nicht gar langer Zeit fuhren wir von der Lippe’schen Gränze in’s Preußische hinüber und wurden auf dieser Postwagenreise [269] durch den Sand mehr hin und hergeworfen, als in dem luftigsten Sturm auf dem Kanal. Hinter uns lagen die altsassischen Wälder, in denen wir noch am Morgen einen der größten Hirsche ventre à terre vorüber rennen sahen, – vor uns dehnte sich die Ebene mit ihrem rothblühenden Haidekraut, das immer höher aufwuchert wo ein Teich den Boden feuchter macht. – Einige Kibitze, die schlanken Bewohner der Haiden, hüpften über das Moor und ergötzten uns durch ihr helles Geschrei, in das bisweilen ein alter Frosch mit verständiger, ernster Stimme einfiel. Nebenbei lenkte ein alter Förster unsre Aufmerksamkeit auf einige Fichten, in deren Umzäunung wir die Trümmer einer Hütte bemerkten, die das Feuer jüngst zerstört zu haben schien. Die Geschichte, welche der alte Mann darauf erzählte, machte bald unsrer heitren Stimmung ein Ende. –

„Im letzten Winter, als abwechselnd durch Schnee und Regen, alle Wege durch die Senne ungangbar gemacht waren, hatte in jener Hütte, welche jetzt als Trümmer vor uns lag, die Noth ihren Gipfel erreicht. – Ein junger Bauer verlor sein Weib, was ihm sechs kleine Kinder hinterließ. Sie zu ernähren, war das wenige Geld, was er aus Friesland mitbrachte, bald drauf gegangen und eine gänzliche Mißerndte machte, daß seine Scheune diesen Winter ohne den gehörigen Vorrath von Früchten blieb. Dazu kam noch das lange Darniederliegen des Leinen-Handels, der von England aus mit so großem Erfolg betrieben wird, und der den Bauern jener Gegend, welche früher das Garn mit Nutzen zu Markte trugen, jetzt jede Möglichkeit nimmt, ihr Leben dadurch zu fristen. – Alles hätte den jungen Bauer indeß noch nicht niederbeugen können, denn noch blieben ihm ja zwei tüchtige Fäuste, die zu jeder Arbeit bereit waren, und bei dem Bau des Armin-Denkmals in jener Zeit, gerade die beste Gelegenheit dazu fanden. – Aber, wie durfte er sich Tagelang von seiner Hütte entfernen, – sechs Kinder kauerten halb nackt am Feuer und im Winkel der Stube lag auf hartem Strohlager der alte Vater, krummgezogen von der Gicht, von den fürchterlichsten Schmerzen geplagt, – der weinend seine Knie umfaßte und ihn bat, nicht [270] davon zu gehen. – Mehrere Male war schon das größeste der Kinder in das nächste Dorf geschickt zu dem Prediger. „Der Vater sei so krank,“ ließ man ihm sagen, „er möge doch mit den Sterbesakramenten kommen.“

Der Pastor war jedesmal erschienen, – aber wozu der Trost schöner Worte? – Man ließ ihn rufen, weniger der Gottseligkeit wegen, als daß er noch ein Mal die Noth sähe, noch ein Mal eine Unterstützung auswirkte, oder vielleicht noch ein Mal in die eigne Tasche griffe; denn der kranke Vater machte noch keine Sterbemiene; – sechszehn Wochen lag er schon am Boden, er war an Schmerzen gewöhnt, er wollte leider noch nicht sterben. – So ging der halbe Winter vorüber, die Gegend war von dichtem Nebel umhüllt; – bald konnte man kein Kind mehr hinausschicken, – es wäre in den sumpfigen Wegen, im Schnee, auf den unsichern Sandschichten unrettbar verloren gewesen; – die Hülfe der Nachbarn wurde durch die vielen Armen immer kleiner, manchmal blieb sie ganz aus, und vom Hunger gestachelt, jammerten dann die Kinder in der Hütte umher. –

Als die Sonne wieder einmal roth hinter den fernen Bergen hinabgesunken war, und in und um die Hütte das tiefste Dunkel lag, schleicht der junge Bauer aus der Thür, geht an die Wand, hinter welcher der kranke Vater lag, er schauert zusammen, zerdrückt noch eine Thräne im Auge – und mit kräftigem Stoß reißt er die morsche Lehmwand auseinander. – Der Kranke, gänzlich erschöpft, ist gerade in festen Schlaf versunken, er merkt nicht, daß ihm der kalte Nachtwind über das Gesicht streicht, und als er endlich wach wird, sich nicht von der Stelle bewegen kann und um Hülfe wimmert, – da hört ihn Niemand, – man ist an das Jammern gewöhnt; – der Sohn verbirgt sein Gesicht im Stroh, – die Kinder schlafen. – Der Nebel ist indeß verschwunden, – in der Nacht wird es sternhell, – es wird bitter kalt. – Um Mitternacht ist der Alte schon besinnungslos – als der Morgen kommt ist er todt. –

Jetzt hat der junge Bauer nur noch für die Kinder zu sorgen. Nach einigen Tagen sieht man die Hütte in Flammen aufgehn. – [271] Der Eigenthümer steckte sie selbst in Brand, und zieht mit den Kindern auf die nächsten Dörfer um zu betteln. –

Wir schreiben dies in einer Fabrikstadt Englands, in einem ächt chartistischen Loch, in dem Armuth und Unheil zu Hause ist; man hat uns manche Sachen erzählt, die das Herz beben machen können, aber Geschichten, wie die erzählte aus der lieben Heimath, sind doch auch des Schauderns werth. –