Die Bäckerin von Winstein

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Textdaten
Autor: Karl Hackenschmidt
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Titel: Die Bäckerin von Winstein.
Untertitel: Volksblatt. Eine Wochenzeitschrift mit Bildern. Jahrgang 1878, Nr. 1, S. 6-7
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Herausgeber: Dr. Christlieb Gotthold Hottinger
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Dr. Hottinger's Volksblatt
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Erscheinungsort: Straßburg
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Quelle: Scan auf Commons
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[6]

Die Bäckerin von Winstein.


1.

Wie glänzt und glüht das alte Schloß
Vom hellen Morgenschein,
Im grün und weißen Maienkranz
Ein rother Edelstein.

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Und oben, wo des Epheu’s Arm

Den Fenstersims umflicht,
Wie glänzt und glüht vom Morgenschein
Ein Mädchenangesicht!

Sie sitzt im sonn’gen Erkerraum

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Und spinnt mit fleiß’ger Hand,

Und schaut mit klarem Aug’ hinaus
In’s klare Frühlingsland.

Des Hauses Herrin tritt herein.
„Was hast du, Mutter süß?

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Was seufzest du am frühen Tag?“

„Ach, Kindchen, denk’ dir dies!

Nur noch bis heute Abend reicht
Der Vorrath Brod im Schrank,
Und die mit neuem uns versorgt,

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Die treue Magd liegt krank!“


Das Fräulein lacht sie schelmisch an:
„O große Noth und Pein!
Und rechnest du denn gar für nichts
Dein großes Töchterlein?

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Was sorgest du? Vermag ich nicht

Zu kneten flink den Teig?
Ich eile zu der Kammer hin
Und wirke Brod für euch!

Es soll dem Vater munden, denn

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Ich back’s nach seinem Sinn,

Er lobt mir morgen ganz gewiß
Die kleine Bäckerin!“

2.

Dort wo der Eisenhammer dröhnt
In enger feuchter Schlucht,

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Und sich die Schwarzbach im Gestein

Den Ausgang brausend sucht,

Dort zieht ein junger Reitersmann
Bergan auf schmuckem Thier,
Und schaut mit düstrem Aug’ hinein

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In’s düstre Waldrevier.


Ei nun, wer senkt so trüb den Kopf
Zur gold’nen Frühlingszeit?
Im Lebensmai, im Monat Mai
Wer hegt da Herzeleid?

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Herr Waldener, der junge Graf,

Geht einen sauren Gang:
Er sucht sich eine Braut in’s Haus!
Das macht das Herz ihm bang.

Vier Wochen sind’s, da sprach ihm zu

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Der Mutter treuer Sinn:

„O Sohn! du siehst, mein graues Haupt
Neigt sich zum Grabe hin.

Laß einer jungen Herrin mich
Des Hauses Hut vertrau’n,

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Laß des Geschlechtes Erben noch

Mein brechend Auge schau’n!“

Gehorsam zog der Sohn in’s Land,
Rheinwärts, Vogesenwärts,
Sah sich der Heimath Töchter an,

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Doch Keiner schlug sein Herz.


Nun steht er vor dem letzten Ort,
Den Mutterherz empfahl,
Und seufzt: „Ach wäre ich schon fort,
S’wird sein wie überall:

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Sie sitzen kalt und vornehm da,

Steif in dem steifen Kleid,
Parliren welsch und treiben Scherz
Mit meiner Blödigkeit!

Viel lieber bleib’ ich was ich bin,

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Als solch ein Dämlein frei’n.

Doch kehr ich ohne Aussicht heim,
Welch Schmerz für Mütterlein!“

3.

Wie still und friedlich liegt die Burg,
Im Schooß des Maienflor!

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Kein Wächter ruft vom hohen Thurm,

Kein Gitter sperrt das Thor.

Im Garten grast ein zahmes Reh,
Am Zwinger rankt der Wein,
Und wo einst Büchsen drohten, winkt

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Ein Topf mit Rosmarein!


Der Jüngling reitet in den Hof,
Er bindet an sein Pferd,
Die felsgehaune Stufe hallt,
„Ei, daß mich Niemand hört!“

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Nun steht er vor dem Eingang, pocht,

Doch offen ist die Thür.
Er tritt hinein und lauscht und forscht:
„Ist denn kein Diener hier?“

Da trifft ein ferner Schall sein Ohr.

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Horch! ’s ist ein lauter Sang!

Er folgt dem glockenhellen Ton
Den dunkeln Gang entlang.

Er kommt an eine Kammerthür,
Er denkt: „Wag ich den Blick?

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Wohl! ’s wird der Mägde eine sein!“

Er schaut, – und staunt zurück.

Vor mehlbestaubter Mulde steht
Geschäftig und allein,
Dem niedern Fenster zugewandt.

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Ein Mädchen schlank und fein.


Bald senkt sie in den flüss’gen Stoff.
Zwei Arme, schwanengleich,
Bald beugt sie kräftig sich zurück,
Und wuchtig fällt der Teig. [7]

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Und wie sie so sich bückt und sich

Erhebt in ems’ger Lust,
Entströmt zum Takt der fleiß’gen Hand
Ein heitres Lied der Brust.

„Wer mag das Mädchen sein, das hier

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So wohlgemuth sich plagt?

Die Haltung zeigt die Herrin an,
Der niedre Dienst die Magd...“

Da plötzlich schaut die Bäckerin
Erschrocken nach der Thür,

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Und der ertappte Lauscher tritt

Beschämt, bestürzt herfür.

„Ihr seid es, Junker!“ ruft die Maid
Und lächelt ärgerlich,
„Wie kommt Ihr her und überrascht

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Bei solcher Arbeit mich?“


Der Jüngling neigt sich tief und spricht:
(Was gab ihm wohl den Muth?)
„Verzeiht, daß ich Euch zugeschaut,
Doch – mir gefiel’s so gut!

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Ich hab Euch, Fräulein, oft gesehn

Bei Spiel und Festlichkeit,
Ich sah Euch schön im goldnen Schmuck,
Doch nie so schön als heut.

Schau ich auf Eurer holden Stirn

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Des Fleißes Perlen stehn,

Mich dünkt – auch meine Mutter würd’s
Mit Wohlgefallen sehn...“

Was er noch weiter zu ihr sprach,
Wer hat davon Bericht?

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Was sie ihm drauf zur Antwort gab,

Erzählt die Sage nicht.

Doch als zuletzt der junge Held
Heraustrat auf den Gang,
Und leichten Fußes, leichten Sinns,

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Die Trepp hinauf sich schwang,


War seine Rechte mehlbestaubt,
O köstlicher Gewinn!
O Liebessiegel, aufgedrückt
Von Fräulein Bäckerin!