Die Baschi-Bozuks, der türkische Landsturm

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Titel: Die Baschi-Bozuks, der türkische Landsturm
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 360-362
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Baschi-Bozuks, der türkische Landsturm.

Ein bunteres Gemisch von Bewaffneten als die Baschi-Bozuks, läßt sich kaum erdenken, und das nachstehende Bild mag eine Andeutung davon geben. Bezeichnend ist übrigens schon dieser ihr Name Baschi-Bozuks, denn er bedeutet verdorbene Köpfe (von Basch Kopf und bozuk, verdorben). Sie nehmen in der türkischen Militärorganisation ziemlich dieselbe Stellung ein wie in der preußischen der Landsturm, denn die Grundzüge des preußischen Wehrsystems sind auf das türkische übertragen worden, weil die jetzt bestehende Einrichtung größtentheils von preußischen Offizieren ausgegangen ist.

Das türkische Militär zerfällt in die Linie, die wirkliche im Dienst befindliche Armee, Nizam genannt, welche aus sechs Armeecorps (ordus, nach den sechs Provinzen des Reichs, je mit einem Obergeneral oder Feldmarschall (muschir), besteht, und die Reserve oder Landwehr, redif genannt, ebenfalls aus sechs Corps. Die Dienstzeit in der Linie beträgt finf, die in der Reserve sieben Jahre. Die Letztere wird in Friedenszeiten jährlich einen Monat lang zu Uebungen einberufen, in Kriegszeiten aber muß sie gleichen Dienst thun wie die Linie, und in dem jetzigen Kriege ist sie bereits seit 1853 vollständig einberufen.

Die dritte Abtheilung des türkischen Wehrsystems endlich bilden unsere Baschi-Bozuks, der Landsturm, zu welchem nicht blos die ausgedienten Landwehrmänner, sondern auch die Mannschaften gehören, welche die in dem seit 1843 eingeführtem Rekrutirungsgesetz noch nicht unterworfenen Provinzen, sowie die der Pforte tributpflichtigen Länder in Kriegszeiten zu stellen verpflichtet sind, ferner die in manchen Theilen des Reiches bestehenden irregulären Truppen, welche im Nothfalle auf Kriegsfuß gesetzt werden können, und endlich die Freischärler, die Freiwilligen, welche aus allen Theilen des großen osmanischen Reiches zur Vertheidigung des Landes zusammenströmen.

Die Baschi-Bozuks bestehen demnach aus den verschiedensten Elementen, aus Jünglingen und Greisen, aus Menschen von den mannichfaltigsten Berufsarten, aus Europäern, Asiaten und Afrikanern. Jeder erscheint und verbleibt in seiner gewöhnlichen Kleidung, die bald kostbar, bald zerlumpt ist; jeder bewaffnet sich wie er kann oder wie es ihm beliebt, kommt zu Pferd oder zu Fuß und schließt sich dem oder jenem Haufen an, denn dieses seltsame Corps ist weder in Bataillone noch Schwadronen eingetheilt, noch hat es eine bestimmte Anzahl von Offizieren.

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Die Gartenlaube (1855) b 361.jpg

Baschi-Bozuks vor einem Ueberfall.

Zwar erhalten die Baschi-Bezuks nur einen kleinen Sold, aber für denselben müssen sie sich Gewehre, Munition und Lebensmittel selbst anschaffen, und da von Mannszucht unter ihnen selbst gar nicht die Rede ist, so kann man sich leicht vorstellen, welche Plage sie für die Gegenden sind, in denen sie liegen. Sie treiben die Bewohner durch Raub, Mord und Rohheit aller Art zur Verzweiflung und Omer Pascha hat die strengsten Maßregeln anwenden müssen, um diese Freischaaren- und Landsturmmassen einigermaßen im Zaume zu halten. Der Sultan sah sich sogar genöthigt, am 24. April vorigen Jahres einen Ferman zu erlassen, in welchem es heißt: „so lange die Baschi-Bozuks sich in achtbarer Weise betragen, sind sie als Glieder der kaiserlichen Armee zu betrachten; sobald sie aber [362] Verbrechen gegen das Eigenthum, die Ehre und das Leben meiner Unterthanen begehen u. s. w., sind sie nur als Räuber und Mörder anzusehen, und als solche zu bestrafen.“

Nicht gar selten desertiren ganze Haufen und ziehen auf eigne Faust, d. h. als Räuber umher. Im Kampfe gegen den Feind benutzt man sie meist nur als Kanonenfutter, und wirkliche wesentliche Dienste haben sie in dem Kriege bisher nur dadurch geleistet, daß sie fortwährend in kleinen Abtheilungen tollkühn über die Donau setzten, die Russen neckten, ihnen keine Ruhe gönnten und unaufhörlich kleine Verluste beibrachten. Neuerdings haben sie bei Eupatoria nicht unwichtige Dienste geleistet.