Die Bewohner der Insel

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Autor: Friedrich Traumüller
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Titel: Die Bewohner der Insel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 50, 52, S. 842–843, 866–868
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Erinnerungen an Java.

Von Dr. Fr. Traumüller.

2. Die Bewohner der Insel.

Alle einheimischen Bewohner des malayischen Archipels lassen, mit Ausnahme der Papuas auf Neu-Guinea und einigen benachbarten Inseln, in Körpermerkmalen, Sprachen und Sitten einen gemeinsamen Ursprung erkennen und werden daher als der malayische Stamm der mongolischen Völker zusammengefaßt. Manche Verschiedenheiten in ihren Sprachen und Sitten sind nur eine Folge der Isolirung und der mehr oder minder langen Berührung mit anderen Völkern. Ganz besonders ist der fremde Einfluß bei den Bewohnern Javas erkennbar.

Schon im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung besuchten die Bewohner des nördlichen Hindostan auf ihren Seefahrten auch Java, und seit dem achten Jahrhundert haben sich dieselben dauernd auf der Insel niedergelassen. Die Herrschaft der Hindu wurde jedoch gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts durch arabische Horden fast gänzlich vernichtet, die über die östliche Hälfte der Insel zerstreut liegenden Brahmanen- und Buddhatempel und die zahlreiche Götzenbilder zerstört und die Javaner zur Annahme des Islam gezwungen. Doch auch die von dieser Zeit an entstandenen Sultanate zerfielen nach und nach, seitdem die Holländer vom Jahre 1619 an ihre Herrschaft allmählich über die ganze Insel ausbreiteten. Die kurze englische Zwischenherrschaft (1811 bis 1817) abgerechnet, ist Java nahezu 260 Jahre im Besitze der Holländer.

Obgleich Java kleiner ist als die anderen großen Sundainseln, so ernährt es doch eine zahlreichere Bevölkerung als alle Inseln des Archipels zusammen. Zu Java gehören im administrativen Sinne noch mehrere kleine Küsteninseln und die Insel Madura; das ergiebt einen Flächeninhalt von 2440 Quadratmeilen; die Bevölkerungszahl beträgt nach der letzten Zählung vom December 1876 etwa 18,520,000 Seelen. Wenn wir hiervon die Europäer, Chinesen und Araber abrechnen, so bleiben immer ungefähr noch 18 Millionen einheimische Bewohner. Java hat also eine Bevölkerungsdichtigkeit wie nur wenige europäische Länder, denn im Mittel kommen 7050 Einwohner auf die Quadratmeile. Seit der ersten Volkszählung im Jahre 1849, die freilich ohne genaue statistische Erhebungen vorgenommen wurde, hat sich die Bevölkerung Javas nahezu verdoppelt.

Vor der Ankunft der Hindu standen die Javaner noch auf derselben niederen Culturstufe, wie gegenwärtig die Dajaken von Borneo, die Batta von Sumatra und die Alfuren von Celebes. Sie verfertigten ihre Kleider aus Baumrinde und aus Blättern, oder aus einem groben Gewebe von Bastfasern, schmückten sich mit Federn oder Zähnen und tätowirten ihre Haut. Außer der Nahrung, die sie sich durch Jagd und Fischfang verschafften, verzehrten sie das Fleisch der Schlangen; auch viele niedere Thiere galten, wie noch jetzt, als Leckerbissen. Einen Hauptbestandtheil der Nahrung lieferten die Wurzeln, Blätter und Früchte vieler Pflanzen. Der Reis, der jetzt das unentbehrlichste Nahrungsmittel ist, wurde erst durch die Hindu eingeführt, wie vielleicht der ganze Ackerbau; denn vorher war den Javanern die Bearbeitung der Metalle unbekannt, ihre Werkzeuge und Waffen verfertigten sie aus Stein, Holz und Knochen oder Fischgräten. Daß auch Java seine Steinperiode gehabt hat, beweisen die an verschiedenen Punkten der Insel gefundenen Steinwerkzeuge. Die gebräuchlichste Waffe scheint das Blasrohr gewesen zu sein, aus dem man mit dem Safte des Upasbaumes (Antiaris toxicaria) vergiftete Pfeile abschoß. Auch der Kris, ein Dolch mit wellenförmig gebogener Klinge, der stete Begleiter der jetzigen Javaner, ist ein Geschenk der Hindu.

Ihre Religion muß, ihrem damaligen Zustande entsprechend, sich in der Verehrung von Naturkräften geäußert haben; denn trotz des fast dreizehn Jahrhunderte hindurch währenden Einflusses der Hindu und trotz der Bekehrung fast sämmtlicher Javaner zum Islam lebt die alte Naturreligion in zahlreichen religiösen Gebräuchen unter denselben fort. Noch heute besteht bei ihnen der Ahnencultus, noch heute denken sie sich Himmel und Erde mit zahlreichen guten und bösen Geistern bevölkert, werden diese Geister mit Gebeten und Speiseopfern verehrt und glückliche Ereignisse deren Gunst, Unglücksfälle ihrem Zorn zugeschrieben. Zu ihren eigenen Naturgöttern nahmen die Javaner noch die der Hindu hinzu, sowie die Vorstellungen des Islam.

Die malayischen Bewohner Javas haben eine gelbbraune Hautfarbe, schwarze oder braune Augen und straffes schwarzes Haar. Sie sind klein und von schmächtigen Gliedmaßen. Nach ihren körperlichen Merkmalen und manchen Verschiedenheiten in Sprache und Sitten werden sie in drei Gruppen unterschieden: in die eigentlichen Javaner, die Sundanesen und Maduresen. Die ersteren bewohnen ausschließlich die östliche und die Sundanesen die westliche Hälfte Javas. Die Maduresen, die aus ihrer eigentlichen Heimath Madura nach Java auswanderten, haben sich vorzugsweise in den östlichen Residenzschaften niedergelassen. Im Folgenden sollen die Bewohner allgemein als Javaner bezeichnet werden.

Da die eigentlichen Javaner schon im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung mit den Hindu in Handelsverbindung traten, so mußte ihre Sprache allmählich manche Veränderungen erfahren. Wenn auch die Hindu auf Java die indische Kasteneintheilung beibehielten und die Javaner zur vierten Classe der Sudras erniedrigten, so waren sie doch genöthigt, zu ihrem Sanskrit, das sie sichern Ermittelungen zufolge gebrauchten, die Sprache der Javaner zu erlernen, um sich denselben verständlich zu machen; ebenso werden die Javaner sich bestrebt haben, sich die Sprache ihrer Herren anzueignen, um deren Gunst zu erlangen. Aus diesen Bestrebungen sind allmählich zwei Sprachen oder besser Sprachweisen entstanden, die auch heute noch gesprochen und als Hochjavanisch oder Krama und als Niederjavanisch oder Ngoko bezeichnet werden. Das Sundanesische, das nur ein Plattjavanisch ist, kennt diesen Unterschied nicht.

Das Hochjavanische wird vom Adel, von den vornehmen Javanern unter sich und von dem gemeinen Mann in der Unterhaltung mit Höhergestellten gesprochen; dagegen dürfen Personen niederen Standes nur Niederjavanisch mit einander reden, und auch [843] der vornehme Javaner bedient sich desselben im Gespräch mit dem Geringeren, um diesem zugleich seine niedrige Stellung vorzuhalten. Die Eltern reden ihre Kinder in Niederjavanisch an, dagegen dürfen diese ihre Eltern nur in Hochjavanisch anreden. Einer aus Vermischung dieser beiden Sprachen entstandenen Mittelsprache bedienen sich die Javaner im geselligen Verkehr oder der Vornehme in der Unterhaltung mit einem Javaner niederen Standes, wenn dieser wegen seines höheren Alters oder wegen seiner gesellschaftlichen Stellung Anspruch auf eine bessere Behandlung machen kann.

Das Javanische stimmt in seinem grammatikalischen Bau vollkommen mit den übrigen Sprachen des malayischen Sprachstammes überein. Es entbehrt jeder Flexion, und der Plural wird durch Verdoppelung des Substantivs ausgedrückt. Der Unterschied zwischen Krama und Ngoko besteht darin, daß für jeden Begriff, der in der Sprache ausgedrückt werden kann, zwei durch ihre Vocale und Consonanten verschiedene Wörter existiren, von denen das eine nur in Krama, das andere nur in Ngoko gebraucht werden darf. Das Hochjavanische der späteren Hinduperiode, das viele Sanskritwörter enthält und längst ausgestorben ist, nennen die jetzigen Javaner Kawi, das ist die Sprache der Gedichte, da die altjavanischen Gedichte, die sie nur in neueren Bearbeitungen lesen, in dieser Sprache geschrieben sind; doch war die Kawisprache keineswegs auf die gebundene Rede beschränkt.

Seit der Niederlassung der Holländer auf Java ist die malayische Sprache die allgemeine Verkehrssprache in allen Hafenplätzen des Archipels geworden, und durch Vermischung der malayischen Sprache mit sundanesischen und javanischen Wörtern ist in Batavia eine eigenthümliche Sprache entstanden, die man „Batavia-Malayische“ nennen könnte.

Die Javaner wohnen meist in Dörfern, die in kleinen aus Obstbäumen oder anderen Nutzpflanzungen bestehenden Hainen so versteckt liegen, daß auch von einem erhabenen Standpunkt das Dorf nicht wahrzunehmen ist; dasselbe kündigt sich uns nur durch die es umgebenden Fruchtfelder an. Zu den Dörfern führen schattige Fußpfade oder von prächtigen Alleen eingefaßte Wege.

Die Häuser der Javaner sind fensterlose Hütten, welche die Bewohner selbst ganz von Bambus bauen und mit Alanggras oder mit Palmblättern bedecken. Die gewöhnlichen javanischen Häuser empfangen ihr Licht nur durch die Thür, frische Luft liefern außer dieser auch noch die zahlreichen Spalten und Risse der aus Bambus geflochtenen Wände. Die Bewohner halten sich nur selten im Innern ihrer Hütten auf, sondern verrichten ihre häuslichen Arbeiten auf der durch ein Dach geschützten Veranda (Pandoppo); auf derselben spinnen und weben die Frauen, und hier werden auch die Besuche empfangen. Das ganze Haus besitzt meist nur zwei Abtheilungen. Die Küche, gewöhnlich blos ein offener Herd, befindet sich neben dem Hause unter einem besonderen Dach. Der Werth, den das ganze Haus an Material und Arbeit repräsentirt, beträgt höchstens zwanzig bis dreißig Mark. Jede Wohnung nebst den Nebengebäuden ist von einem Garten umgeben, der von verschiedenen Sträuchern, z. B. dem Kaffeestrauch, eingezäunt ist. Hohe Palmen und andere Fruchtbäume schützen die Wohnung gegen die brennenden Sonnenstrahlen und liefern wohlschmeckendes Obst oder Zuspeisen zum Reis.

Im Hausgeräthe wird man natürlich auch keinen Luxus erwarten dürfen. Als Bett dient den ärmeren Leuten eine breite mit einer Matte belegte, aus Bambus verfertigte Bank, die zum Schutz gegen die lästigen Mücken mit einem Vorhang aus Kattun, den die javanischen Frauen selbst weben, versehen ist. Auf keiner Veranda wird man das Balé-Balé vermissen, eine Ruhebank, deren Rahmen aus Bambus verfertigt und deren Sitz meist mit spanischem Rohr geflochten wird. Andere Möbel, z. B. Tische und Stühle, sucht man vergebens in einem javanischen Hause. Die Speisen werden in irdenen Schüsseln auf den Boden gestellt, und der Javaner sitzt beim Essen mit über einander geschlagenen Beinen am Boden. Anstatt der Teller bedient man sich der Pisangblätter oder anderer großer Baumblätter. Messer werden selten gebraucht, und Löffel nur für flüssige Speisen. Die Stelle der Gabel versehen einfach die Finger. Unentbehrlich ist in der javanischen Wohnung die Betel- oder Sirihdose, welche in verschiedenen Fächern die zum Betelkauen erforderlichen Ingredienzen enthält, nämlich: Betelblätter, Tabak, Gambir und gebrannten Kalk. In Folge der üblen Gewohnheit des Betelkauens, die bei allen malayischen Völkern sehr verbreitet ist, werden Lippen, Zahnfleisch und Speichel blutroth, und die schönen weißen Zähne, die schon den Kindern mit Bimsstein abgefeilt werden, schwarz.

Die Javaner kleiden sich mit Kattunstoffen, welche theils von den Frauen verfertigt, theils nach javanischem Muster von der europäischen Industrie geliefert werden. Zwischen der Kleidung des männlichen und weiblichen Geschlechts ist in Ostjava kein großer Unterschied; denn beide tragen den Sarong, ein Kleid wie ein offener Sack, ähnlich einem europäischen Frauenrock; am Oberkörper haben die Männer eine kurze und die Frauen eine bis zu den Knieen reichende Jacke (Capaye). Was die Füße betrifft, so geht man meist barfuß oder trägt Sandalen.

Die Männertracht im westlichen Java weist ganz kurze Hosen und oft eine Jacke auf.

Beide Geschlechter tragen lange Haare; die Männer halten dieselben mit einem halbkreisförmigen Kamme fest und bedecken sie mit einem Kopftuche, welches sie so um den Kopf wickeln, daß die Enden nicht mit einander verknüpft, sondern eingesteckt werden. Diese Kopftücher scheinen die Javaner erst seit Einführung des Islam angenommen zu haben. Noch heute gilt es als ein Zeichen der Ehrerbietung in Gegenwart von Höheren, das Haar in langen Locken über Schultern und Nacken herabhängen zu lassen. Diese Haartracht ist Vorschrift, wenn Jemand vor dem Fürsten erscheint, aber zugleich muß der Kopf mit einer weißen oder blauen Mütze bedeckt sein. Zum Schutze gegen die brennenden Sonnenstrahlen bedienen sich die Javaner oft einer Mütze mit großem Schild ober eines breiten, flachen, hölzernen Hutes. Die Frauen benutzen eine Kopfbedeckung nur bei Feldarbeiten; ihre Haare vereinigen sie am Hinterkopfe, ohne sie zu flechten, zu einem Knäuel, und die kurzen Haare der Stirn werden meist abgeschnitten und gekräuselt.

Der gewöhnliche Schmuck der Javaner hat nur geringen Werth; die Fingerringe sind meist von Kupfer oder Eisen; doch sieht man nicht selten bei den Vornehmen auch Schmucksachen von Gold und Edelsteinen, und besonders schmücken sich die Brautleute am Hochzeitstage mit kostbaren Sachen, selbst wenn sie sich dieselben leihen müssen. [866] Kein Javaner geht selbst im tiefsten Frieden ganz unbewaffnet; sein unzertrennlicher Begleiter ist der Kris, ein etwa zwei Fuß langer Dolch mit wellenförmig gebogener Klinge, den er in den Gürtel steckt oder an einem Riemen trägt. Der Kris wird gewöhnlich an der linken, im Hofcostüm aber an der rechten Seite geführt, weil außerdem noch ein kleines Messer in einer Scheide und ein großes Hackmesser (Wadung) getragen werden müssen, als Symbol der Bereitwilligkeit des Trägers, auf Befehl seines Herrn Gras zu schneiden oder einen Baum zu fällen. Zum Kriegscostüm gehören drei Krisse; der eine wird an der rechten, der andere an der linken Seite und ein dritter hinten im Gürtel getragen; außerdem hängt noch ein Schwert (Klewang) an einer besonderen Koppel zur Linken, und als die wichtigste Waffe des javanischen Soldaten kommt die lange Lanze hinzu. Von den Krissen gehört der erste dem Krieger; die zweite ist ein Erbstück der Familie und der dritte ein Hochzeitsgeschenk des Schwiegervaters. Javanische Soldaten in dieser Ausrüstung dürfen aber gegenwärtig nur noch der Susuhanan (Kaiser) von Surakarta und [867] der Sultan von Djokjokarta halten; sonst tragen alle im Dienst der holländischen Regierung stehenden eingeborenen Soldaten holländische Uniformen, wobei sie seltsamerweise barfuß gehen.

Sowie der Kris, gehört auch der Sonnenschirm (Pajung) zu dem Costüm der Javaner. Da dieselben großen Werth auf Titel und äußere Abzeichen legen, so hat die holländische Regierung als Abzeichen für die verschiedenen Rangstufen des Adels und der Beamten in den sogenannten Fürstenländern, und auch in den anderen Residenzschaften, verschieden bemalte Pajungs vorgeschrieben. Goldene Pajungs dürfen nur der Susuhanan und der Sultan tragen.

Das Hauptnahrungsmittel der Javaner ist der Reis. Sie nehmen gewöhnlich täglich nur zwei Mahlzeiten ein, des Mittags und des Abends. Früh Morgens wird nichts gegessen, sondern nur ein Ausguß von heißem Wasser auf getrocknete Kaffeeblätter oder auf eine geringe Sorte zerstoßenen Kaffees getrunken. Gewöhnlich aber kauft sich der Javaner, wenn er zur Arbeit geht, in einem am Wege stehenden Warong (Garküche) Eßwaaren und Obst, wofür er selten mehr als zwei bis drei Cents bezahlt. Der große Warong ist das Kaffeehaus, der Verkaufsladen für Eßwaaren und die Herberge. Hier entfaltet sich fast immer ein buntes Volksleben und findet man den ganzem Tag über eine zahlreiche Gesellschaft von Javanern, die sich lachend und scherzend unterhalten, und häufig führen hier die herumziehenden javanischen Schauspieler und Tänzerinnen ihre Stücke auf. Die einfachste Form der Warongs sind zwei große Körbe, die mit einem Bambusstock über die Schultern getragen werden und Eßwaaren und Früchte enthalten. Gewöhnlich befindet sich in dem einen Korbe ein Ofen zum Kochen des Reises und Wassers. Zu dem in Dampf gekochten trockenen Reis, der mit einer aus verschiedenen Gewürzen und Cocosmilch bereiteten gelben Sauce (Kari) übergossen wird, werden kleine gesalzene Fische, mit Tamarinden gebratenes Hühnerfleisch nebst einer Menge von Zuspeisen, z. B. spanischem Pfeffer, gegessen. Als große Delikatesse gelten dicke gebratene Käferlarven und die geflügelten Termiten. Die prachtvollen Obstsorten, die während der verschiedenen Zeiten des Jahres reifen, spielen eine wichtige Rolle im Lebensunterhalte der Javaner. Die einzigen künstlichen Getränke sind Aufgüsse von Kaffeeblättern, geringen Kaffeebohnen und Ingwer, sowie der aus den zuckerhaltigen Säften der Palmen bereitete Palmwein (Tuak). Da der Koran den Javanern den Genuß geistiger Getränke verbietet, so ist das Laster der Trunksucht unter den geringen Leuten ganz unbekannt, und wenn auch die vornehmen Javaner durch ihren Umgang mit Europäern sich dem Genusse von Wein hingeben, so beobachten sie dabei doch die größte Mäßigkeit. Aber ein noch furchtbareres Laster als die Trunksucht, nämlich das Opiumrauchen, richtet viele Leute zu Grunde, und gar häufig sieht man Javaner, die diesem Laster fröhnen, fast zum Skelet abgemagert einhergehen.

Sehr interessante Gebräuche lernen wir bei den Hochzeitsfeierlichkeiten der Javaner kennen. Wie im ganzen Archipel, besteht auch auf Java die Sitte des Brautkaufs; wenn jedoch der Bräutigam kein Vermögen besitzt, so muß er bei seinem künftigen Schwiegervater längere oder kürzere Zeit in Dienst treten. In der Regel knüpfen sich zwischen den Eltern oder Verwandten schon früh über die spätere Verheiratung ihrer Kinder Verhandlungen an. Bei der Verlobung ist der Bräutigam höchstens fünfzehn und die Braut zehn Jahr alt, doch erfolgt die Verheiratung erst einige Jahre später. Als Verlobungspfand giebt der Vater des Bräutigams einen Ring, einige Kleidungsstücke und Leckereien. Einige Tage nach der Uebersendung des Verlobungspfandes erfolgt die des Kaufpreises der Braut und des Geschenkes für die Eltern der Braut. Bei wohlhabenden Javanern besteht das letztere in einem oder mehreren Büffeln, Geflügel, Reis, Früchten und kupfernen Küchengeräthschaften; bei ärmeren Leuten beschränkt es sich auf einige Früchte. Wenn die Braut das älteste oder jüngste Kind ihrer Eltern ist, so werden die Hörner des Büffels mit Gold und Silber verziert und um den Nacken des Thieres wird ein Lappen von geblümtem Seidenzeug gebunden. Gleichzeitig senden die beiderseitigen Eltern an ihre Verwandten und Freunde Geschenke von Eßwaaren und lassen Einladungen zu den bevorstehenden Hochzeitsfeiertichkeiten, die mehrere Tage dauern, ergehen. Die Gebräuche bei Hochzeiten sind im östlichen und westlichen Java verschieden.

Auch beim Namengeben der Kinder beobachten die Javaner besondere Gebräuche. Das Kind bekommt nicht den Namen der Eltern, sondern diese nehmen vielmehr den Namen des Kindes an und geben ihren frühern Namen auf. Bekommt z. B. ein Knabe den Namen Sariman, so nennt sich der Vater desselben Pak- oder Pa-Sariman, das heißt Vater von Sariman, oder die Mutter Bok-Sariman, das heißt Mutter von Sariman. Die Eltern sind von dieser Zeit an nur unter diesem Namen im Dorfe bekannt. Die Geburt weiterer Kinder bringt keine Veränderung, denn die Eltern behalten den Namen des Erstgeborenen. Nur der Tod desselben in jugendlichem Alter giebt eine Veranlassung zur Aenderung des Namens. In Mitteljava nimmt der Vater dann seinen alten Namen wieder an, während in Ostjava der Name des zweiten Kindes angenommen wird, oder der Vater behält den Namen des ersten Kindes, wenn keine Kinder mehr vorhanden sind. Oft wird auch der Name der Kinder bei Krankheiten verändert. Ferner nehmen Flüchtlinge einen anderen Namen an, um der Polizei zu entgehen oder Beamte bei Erhöhung oder Erniedrigung des Ranges.

Dieses „Karang-Anak“, das heißt das Sichnennen nach seinem Kinde, ist aber nicht bei Javanern der höheren Stände in Gebrauch. Diese legen sich gewöhnlich bei ihrer Verheirathung oder bei Annahme eines Amtes einen Namen bei, der aus zwei Kawiwörtern zusammensetzt ist. Nehmen sie später einen höheren Rang ein, so wechseln sie den Namen wieder, oder wenn sie den Rang verlieren, so gehen sie auf den Kindernamen zurück.

Unsere Kenntniß des Lebens der Javaner würde aber unvollständig sein, wenn wir nicht auch eine kurze Schilderung der Volksbelustigungen gäben.

Von allen Bewohnern des malayischen Archipels besitzen nur die Javaner ein eigenartiges Schauspiel und eigene Musik, und auch hierin ist wieder der Einfluß der Hindu ganz unverkennbar. Bei den theatralischen Aufführungen, den Wajangs, treten anstatt Personen nur mißgestaltete Puppen auf, wobel der Vorzeiger die javanischen Heldensagen recitirt. Es giebt verschiedene Arten von Wajangs, die nicht nur in den Formen der Puppen, sondern auch in ihrer ganzen Anlage und musikalischen Begleitung sich unterscheiden. Das Wort Wajang bedeutet Schatten, in Bezug auf die Puppen, deren Schatten sich auf erleuchteten Schirmen zeigt. Die Vorstellungen finden gewöhnlich in der Veranda oder unter einer besonderen Halle statt und dauern die ganze Nacht hindurch. Auf ein gegebenes Zeichen wird der Recitator von der Musik der Gamelang unterbrochen; er selbst muß zuweilen singen. Da die Wajangspieler gewöhnlich weder lesen noch schreiben können, so müssen sie die Sagenstoffe von anderen erlernen; sie erhalten für ihre Vorstellungen gewöhnlich keine Belohnungen, sondern außer der Verköstigung müssen die Bewohner des Dorfes für sie die Frohndienste verrichten und die Steuern zahlen. Die Wajangspieler in den größeren Städten können meist lesen und schreiben und die in den Stücken vorkommenden Kawiwörter erklären.

Eine andere Art dieser theatralischen Aufführungen sind die Topeng-Vorstellungen, bei welchen anstatt der Puppen Menschen handelnd auftreten. Das Wort Topeng bedeutet Maske. Man unterscheidet zwei Arten von Topeng-Vorstellungen. Die eine derselben, der Topeng dalang, wird immer nur in der Veranda des Hauses gegeben, und dabei recitirt der Leiter die javanische Geschichte, die Vorstellungen bei dem Topeng barangan oder babakan geben reisende Künstler an den Straßen oder in den Warongs. Bei der ersten Art der Topeng-Vorstellungen werden die Masken aus leichtem und feinem Holze geschnitten und sorgfältig bemalt. Die Augen sind schwarz, groß und rund, mit gebogenen Augenbrauen, dile Nasen sehr groß und von allerlei sonderbaren Formen; die Zähne nach dem javanischen Geschmack geschliffen und gefärbt. Die Hauptdarsteller sind auf verschiedene Weise aufgeputzt. Die Frauen tragen um den Hals eine Schärpe von Kattun oder Seide.

Die Topeng-Vorstellungen in Batavia sind aber meist nur Possenspiele, und bei denselben werden häufig Chinesen, Priester oder sogar holländische Polizisten persiflirt.

Keine Wajang- oder Topeng-Vorstellung oder irgend welche Festlichkeit ist für den Javaner ohne Musikbegleitung denkbar. Das große javanische Orchester trägt allgemein den Namen Gamelang und besteht aus verschiedenen Saiten-, Blas- und Schlaginstrumenten, deren Zusammenstellung je nach dem Charakter der Festlichkelt verschieden ist; die wichtigsten Instrumente sind mehrere große Metallbecken, welche in verschiedener Größe entweder an einem Gestell hängen und durch einen hölzernen, mit Zeug umwickelten Klöppel [868] angeschlagen werden, oder horizontal liegen. Ein vollständiges Gamelang-Orchester fordert ungefähr vierundzwanzig Spieler, die mit ihren Instrumenten am Boden sitzen und ohne Noten spielen.

Sowie wir im häuslichen Leben der Javaner überall den Einfluß fremder Völker erkennen, so hat sich auch das sociale Leben in Folge der langen Berührung mit den Hindu und seit der Annahme des Islam vielfach verändert. Die früheren gesellschaftlichen Einrichtungen haben die Holländer, die gegenwärtig im Besitz von ganz Java sind, so weit es die Umstände erlauben, unangetastet gelassen, und die Javaner stehen auch jetzt noch unter der Leitung ihrer eigenen, von Seiten der Regierung angestellten oder anerkannten Fürsten, die schon von Alters her eine Lehnsherrschaft ausübten.

Ganz Java, mit Ausnahme der sogenannten Fürstenländer Surakarta und Djokjokarta, ist in Residenzschaften eingetheilt, in welchen ein europäischer Beamter unter dem Namen Resident die oberste Behörde ist; ihm stehen wieder einige Assistent-Residenten und Controlleurs zur Seite, deren Zahl von der Anzahl der Districte, in welche die Residenzschaft zerfällt, abhängt. Damit aber die Befehle der europäischen Beamten sicherer dem gemeinen Manne mitgetheilt werden können, ist in jedem der Districte ein adeliger Javaner, der den Titel Regent führt, von Seiten der holländischen Regierung angestellt, der alle Befehle des an seinem Platze wohnenden holländischen Beamten empfängt und durch javanische Unterbeamte der Bevölkerung bekannt machen läßt. Die Zahl dieser Regenten auf Java beträgt etwa sechszig, die nach der Größe ihrer Districte ein monatliches Gehalt von 400 bis 1200 Gulden beziehen und überdies noch große sonstige Einkünfte haben.

Der Regent ist eine sehr wichtige Person und übt den größten Einfluß auf die niederen Volksclassen aus. In den Augen der Javaner sind diese Vorsteher Fürsten, aber in Wirklichkeit sind sie von der holländischen Regierung angestellt, besoldet und gänzlich abhängig, werden wie holländische Beamte betrachtet und können daher versetzt und pensionirt werden. Im Allgemeinen wählt man als Regenten die directen Nachkommen der früheren Fürsten, aber das Amt ist keineswegs erblich; nur durch Eifer, Gewissenhaftigkeit und Kenntnisse sich auszeichnende Personen werden damit betraut, und es können daher sogar Javaner von niedrigerer Abkunft zu einer solchen Stellung gelangen. Viele der Regenten sind wohlgestaltete Leute und zeichnen sich durch Intelligenz und Bildung vor dem gemeinen Javaner aus. Gegen Europäer sind sie kriechend höflich, gegen ihre eigenen Landsleute aber hochtrabend und herrschsüchtig; dieselben dürfen ihnen nur in gebückter Haltung oder am Boden kriechend nahen, und diese Unterwürfigkeit verlangt der Regent sogar von seinen eigenen Kindern und nächsten Verwandten.

In seiner Lebensweise hält der Regent die Mitte zwischen derjenigen der Europäer und der seiner Landsgenossen. Er bewohnt ein großes steinernes Haus, vor dem ein mit Waringi-Bäumen beschatteter Platz liegt, wo die Javaner, mit über einander geschlagenen Beinen am Boden sitzend, auf seine Befehle harren. Sein Haus nebst den Wohnungen seiner zahlreichen Dienerschaft und den Pferdeställen liegt in einem von Mauern umgebenen Garten. Die Wohnräume, und besonders die Veranda, auf der er sich Tags über aufhält und Audienz ertheilt oder Gäste empfängt, sind theils mit javanischen, theils mit europäischen Möbeln sehr geschmacklos ausgestattet. An den Wänden der Pandoppo hängen zahlreiche Gemälde und kostbare Waffen, und von der Decke große Ampeln. Da die Regenten glauben, daß sie Alles aufbieten müßten, um ihren Untergebenen gegenüber standesgemäß aufzutreten, so scheuen sie auch keine Kosten sich schöne Wagen, Pferde, kostbare Waffen aller Art anzuschaffen. Doch sehr oft übersteigt die Kauflust die verfügbaren Geldmittel, und die Folge ist eine große Schuldenlast, welche sehr häufig von der holländischen Regierung übernommen wird, um nicht das Ansehen der Regenten beim niederen Volke zu schmälern.

In ihrer Kleidung huldigen sie einem sonderbaren Geschmack, indem sie sich zum Theil auf europäische, zum Theil auf javanische Weise kleiden. Außer der mit breiten Goldborden versehenen kurzen Jacke und den nach europäischem Schnitt gemachten und ebenfalls mit goldenen Galons verzierten Hosen nebst europäischen Schuhen tragen sie Kopftuch und Sarong vom feinsten Stoff, und in der Rückseite des Gürtels steckt ein Kris, dessen Scheide und Griff reich vergoldet oder sogar mit Diamanten eingelegt sind. Sie fahren gewöhnlich in einem mit vier schönen und schnellen Pferden bespannten Wagen, vor und hinter welchem zahlreiche uniformirte Diener reiten. Sobald der große Sonnenschirm mit seinem vergoldeten Knopf irgendwo sichtbar wird, müssen sich alle auf dem Wege gehenden Javaner zu Boden werfen und die Reiter von ihren Pferden steigen und so lange am Boden liegen bleiben, bis der Regent vorbeigefahren ist.

Uebrigens sind sie, wie bemerkt, im Allgemeinen gebildete Leute, welche lesen und schreiben können und außer der holländischen Sprache oft noch Französisch und Englisch verstehen. Für die Erziehung ihrer Kinder sorgt schon seit vielen Jahren die holländische Regierung; dieselbe schickt besonders intelligente darunter sogar zur Ausbildung nach Holland. Der große Nutzen und die politische Tragweite dieser Maximen treten unverkennbar hervor; denn nur durch tüchtige und der Regierung treu ergebene Regenten kann die Herrschaft der Holländer auf Java erhalten und befestigt werden, und nur durch eine so ausgezeichnete Verwaltung, wie sie die Holländer auf Java eingeführt haben, war es möglich, die Bevölkerung zur Arbeit zu erziehen und die von der Natur so reich ausgestattete Insel in ein blühendes Culturland umzuwandeln.