Die Biene. Ihre Sprache und Staatsverfassung

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Titel: Die Biene. Ihre Sprache und Staatsverfassung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 629–630
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[629] Die Biene. Ihre Sprache und Staatsverfassung. „Wenn ich, – sagt de Favière in seiner interessanten Schrift über „Bienen und Bienenzucht“ – von einer Sprache der Bienen spreche, so will ich damit diesem Ausdruck den Sinn beilegen, den wir demselben beilegen, wenn von dem Menschengeschlechte die Rede ist. Die Bienen haben zwar ein eben so unfehlbares als schnelles Mittel, sich die für sie interessanten Ereignisse mitzutheilen, [630] und sie sind dazu von der Natur mit zwei Sinnen reich bedacht, während die andern Thiere, selbst die höheren Klassen, nur einen Sinn dafür erhalten haben. Sie haben ein Gefühlsorgan, und zwar in viel höherem Grade, als die meisten andern geschaffenen Wesen; aber es kann ihnen dieses Organ nicht zum Ausdrucke für ihre Gefühle dienen. Das Organ der Stimme, das einzige Verbindungsmittel der Thiere unter einander, ist dies wohl auch bei den Bienen, während es allen andern Insekten fehlt. Die Bienen sind daher, abgesehen von den Menschen, die einzigen Wesen, welche sich einander verständlich machen können, und zwar indem sie Töne hervorbringen, und dabei des Tastsinnes sich bedienen. Mit Hülfe der Fühlhörner aber nehmen sie alle zur Erreichung dieses Zweckes nöthigen Biegungen vor. Diese Fühlhörner bestehen aus zwölf Gelenken, die sich nach allen Richtungen hin bewegen lassen, und so biegsam sind, daß sie die kleinsten Gegenstände umfassen können. Dabei ist ihre Empfindlichkeit ungemein groß. Mittels dieser Fühlhörner, die man ihre Finger nennen kann, sind die Bienen im Stande, sich, wie die Ameisen, in der Dunkelheit ihrer Wohnung zurecht zu finden. Mit diesen vollendeten Gefühlsorganen verrichten sie, ohne Beihülfe des Gesichts, die wunderbarsten, unsere Gedanken verwirrenden Arbeiten.

„Nähert man sich des Abends, wenn gerade überall Stille herrscht, einem Bienenkorb, so vernimmt man zunächst ein wirres Gesumme; nach und nach begreift man die Natur dieser Töne und lernt sie von einander unterscheiden. Zuerst erkennt man das dumpfe und eintönige Gesumme der Lüfterinnen,[1] dann die tausend andern kleinen Geräusche. Es ist die unablässige Arbeit der Arbeitsbienen, die mit dem Abnagen der rauhen Stellen des Holzes oder des Strohs, aus denen sie ihre Wohnung bauen, beschäftigt sind; es ist die Thätigkeit der Bienen, die ihre Zellen leimen und glätten. Man hört ferner unter diesen vielfachen Geräuschen die hellen Töne, welche die Wächterinnen von sich geben, sobald sie einer in den ihrer Beaufsichtigung anvertrauten Orten herumschweifenden Biene begegnen. Diese hellen Töne lassen sich mit dem Tone einer Kindertrompete vergleichen. Die Biene, welche ihn hervorbringt, bemißt ihn nach der Wichtigkeit des Individuums, das die Ursache desselben ist. Will sie ihren Genossinnen das Nahen eines Feindes anzeigen, so erlangt dieser Ton eine ungewöhnliche Stärke, und er wird dann von sämmtlichen Wächterinnen bis in das Innere des Bienenkorbes hinein wiederholt. Sie eilen sofort herbei, um den Wachen beizustehen, und wiederholen, wenn ihr Beistand nicht genügt, den Ruf, der dann die ganze Bevölkerung in Bewegung setzt.

„Man glaube ja nicht, daß die Stimmen der Bienen mechanisch, ohne Zweck und ohne Erfolg, ertönen. Jede Tonbiegung hat ihre bestimmte Bedeutung, welche von den Bienen vollkommen verstanden wird. Dasselbe findet mit dem Gefühlsorgan statt. Indem sie sich dieses Mittels der Mittheilung bedienen, vermögen sie sich ihren Gefährtinnen sehr gut verständlich zu machen und ihnen die Nachrichten mit einer wunderbaren Schnelligkeit mitzutheilen.

„Kommt eine Biene mit einer wichtigen Neuigkeit an, so stürzt sie sich in den Korb hinein. Sofort wird sie von den Wächterinnen umringt und die Biene greift nun, um sich von ihnen zu befreien, zum sichersten Mittel: sie stillt ihre Neugierde. Ihre Sprache ist sehr kurz und zugleich sehr ausdrucksvoll. Sobald sie zwei oder drei helle Töne ausgestoßen und mit ihren Fühlhörnern die einer ihrer Genossinnen berührt hat, wiederholt diese eiligst dasselbe Manöver bei andern Bienen und so fort, und im Nu ist dann die wichtige Neuigkeit im ganzen Korb bekannt. Man glaube ja nicht, es habe diese Nachricht nicht ihre volle Richtigkeit; sie habe etwa nur die Bedeutung, den Bewohnern des Korbes zu sagen, sie sollen auf ihrer Hut sein. Die Maßregeln, welche die Bienen in Folge einer solchen Mittheilung treffen, beweisen, daß der kleine Bote alle hierfür erforderlichen Erläuterungen gegeben hat,

„Die Königin ist die Erste mit, welche erfährt, um was es sich handelt. Wer ihre Geschäftigkeit bei wichtigen Vorgängen, so wie die Ruhe wahrnehmen konnte, womit sie die Meldung einer gewöhnlichen Nachricht, z. B. von der Entdeckung eines in frischer Blüthe stehenden Feldes, eines Honigsaft ausschwitzenden Baumes, eines Lagers von Zuckerstoffen aufnimmt, kann über die Genauigkeit meiner Beobachtungen keinen Zweifel mehr haben. Dasselbe läßt sich über ihr Benehmen sagen, wenn irgend ein fremdes Thier in den Stock gedrungen und nun vertrieben oder getödtet werden soll. Die Königin nimmt an der allgemeinen Aufregung nur bei wirklich wichtigen Umständen Theil, wenn sie nämlich genöthigt ist, für ihre Sicherheit zu sorgen.

„Es beruht alles das eben Gesagte auf positiven Thatsachen. Als Beleg dafür gelte aus hunderten von Erfahrungen nur folgendes Beispiel. – Wenn Bienen, wie man so gern sagt, ohne Urtheilskraft handelten, so würden sie keine Vorsichtsmaßregeln ergreifen; sie würden sich, wenn sie in der Ferne neue Kolonien gründen wollten, dem Zufall preisgeben. Wenn sie dagegen Beweise von Voraussicht – und wäre es nur einer unter zehn – gaben, so kann man ihnen einen gewissen Grad von Urtheilsfähigkeit nicht absprechen, besonders wenn man bedenkt, daß sie unter solchen Umständen nicht vereinzelt handeln, sondern ihren Entschluß fassen, nachdem sie mit der Königin und der übrigen Bevölkerung gewissermassen Rath gepflogen.

„Eines Abends saß ich am offenen Fenster meines Studirzimmers. Ein hölzerner Bienenstock, neuer Erfindung, der bisher noch keine Bienen in sich aufgenommen hatte, stand zufällig auf dem Sims des Fensters. Die letzten Strahlen der Sonne fielen auf den Stock und drangen durch die Oeffnung, welche den Bienen zum Eintritt dienen sollte, in das Innere desselben. Eine Glaswand am gegenüberliegenden Theile gestattete mir, Alles zu beobachten, was innen vorging. Plötzlich vernahm ich ein helles Gesumm: es war eine Biene, welche diesen Stock aufmerksam zu prüfen schien. Sie untersuchte außen jeden Theil desselben, als wenn sie einen Eingang gesucht und errathen hätte, daß dieser hohl sein könnte. Sie flog unausgesetzt um den Stock herum, ohne sich je darauf zu setzen, und bemerkte endlich die im untern Theil angebrachte kleine Oeffnung, hielt sich aber anfänglich nicht dabei auf. Erst nachdem sie das ganze Aeußere von Neuem untersucht hatte, stellte sie sich auf das Bretchen, welches als Eingang zum Stock diente. Nach einem Augenblick der Ruhe – denn an der Raschheit, mit der die Ringe ihres Unterleibs sich zusammenzogen und erweiterten, sah man, daß sie durch ihren Flug und ihr Gesumm wirklich ermüdet worden und ruhebedürftig war – entschloß sie sich zum Eintritt in diesen unbekannten Ort. Jedoch erst nach vielem Zögern. Sie schien Furcht zu hegen und getraute sich nicht recht in das Innere des Gebäudes.

„Ich verlor keine ihrer Bewegungen aus den Augen. Nachdem die Biene die Wohnung in allen Richtungen durchforscht, kam sie endlich wieder heraus und flog davon, kehrte jedoch, ehe sie gänzlich verschwand, noch einige Mal zurück, gleichsam um sich zu orientiren. Was wollte diese Biene hier thun? Augenscheinlich war sie nicht gekommen, um hier Honig oder Bienenharz zu suchen.

„Am folgenden Tage gegen zehn Uhr sah ich plötzlich etwa 50 Bienen, die unter starkem Gesumm um diesen selben Stock herumflogen. Diesmal aber zögerten sie mit dem Eintritt nicht lang; sie zeigten sich kecker, als die Einzelbiene am Abend zuvor; sei es, daß der Bericht, welchen diese erstattet, ein günstiger gewesen, sei es, daß sie sich zahlreich genug fühlten um einen Angriff zurückzuweisen. Sie untersuchten sorgfältig alle Theile des Stocks und flogen dann, nachdem dies geschehen, einzeln, und ohne auf einander zu warten, wieder davon.

„Meine Neugierde war nun auf’s Lebhafteste rege gemacht. Ich hatte gelesen, daß diese Insekten, ehe sie den Mutterstock verlassen, die Umgegend ihrer Wohnung einer prüfenden Untersuchung unterzögen. Damit schrieb man ihnen offenbar Voraussicht zu. Nun behaupten aber die Naturforscher, die Thiere besäßen keinerlei Fähigkeiten der Art, welche denen des Menschen zur Seite gesetzt werden könnten. Gesteht man ihnen aber Voraussicht zu, so erkennt man damit an, daß sie einen gewissen Grad von Urtheilsfähigkeit haben, und daß man glaubt, sie seien im Stande, einen Plan zu fassen und auszuführen. Damit überschritte man aber die Grenzen Dessen was man Instinkt zu nennen überein gekommen war.

„Da es sich um Beglaubigung einer Thatsache handelte, welche von achtungswerthen Schriftstellern behauptet, von jener Klasse Gelehrten aber, die es ungemein bequem finden, alles ihre kleinlichen Berechnungen Störende zu verwerfen, verneint worden war, so übernahm ich die Vertretung der Wahrheit und der Wissenschaft, und blieb fest auf meinem Posten.

„Und siehe! Zwei Stunden nach dem Abgang dieser Bienen ließ sich ein herrlicher Schwarm in diesem Stocke nieder und bestätigte alle meine Voraussehungen. Kann man hiernach noch Bedenken tragen, anzuerkennen, daß die Bienen fast so handelten, als wenn sie mit Vernunft begabt wären? War es ihnen möglich, einen solchen Plan zu verabreden, ohne dabei irgend eine Art Sprache in Anwendung zu bringen?

„Man könnte vielleicht glauben, dieser Schwarm rühre von einem meiner Bienenstöcke her und die Aehnlichkeit der äußern Form, werde die im Schwärmen begriffenen Bienen veranlaßt haben, in diesen Stock einzufliegen und später ihre Gefährtinnen dahin nachzuziehen. Diese Erklärung wäre ziemlich natürlich und würde einen Theil des Wunderbaren in meinem Bericht zerstören. Allein sie ist durchaus nicht stichhaltig. Die Bienen kamen von fern her, hatten einen mit Strohgeflecht bedeckten Weidenkorb verlassen und in dem neuen Stock konnte sie daher nichts an ihre alte Wohnung erinnern.

„Da man endlich vermuthen könnte, es sei mir schwer gewesen, die Herkunft dieses Schwarmes genügend zu beweisen (wodurch diese interessante Thatsache natürlich wieder in Zweifel gestellt würde), so bin ich glücklicherweise im Stande, auch in dieser Hinsicht Gewißheit zu geben. Nie ist eine Thatsache klarer erwiesen worden, als diese: der Schwarm gehörte einem Bauer, der, mit der Ueberwachung seiner Bienenstöcke beschäftigt, ihn sich hatte erheben sehen und der nebst seinen Kindern und mit allem zur Einfangung desselben Nöthigen, gefolgt war. Er forderte, gestützt auf sein Recht, den Schwarm von mir zurück und weigerte sich, ihn mir zu überlassen, obgleich ich ihm einen weit höhern Preis dafür bot, als derselbe wirklich werth war.“


  1. Nach Herrn de Fravière sind dies die Bienen, denen die Lüftung des Korbes übertragen ist. Dies geschieht in folgender Weile. Einige von ihnen stellen sich an den Eingang des Bienenkorbes und bewegen ihre Flügel mit großer Lebhaftigkeit, und zwar nicht gerad, um den erwähnten Ton hervorzubringen, sondern blos um die Luftschicht zu erschüttern und zu entfernen. Andere Bienen, vom Boden bis zum Dach des Korbes staffelförmig aufgestellt, je nachdem es sich darum handelt, die verdorbene Luft mehr oder weniger rasch auszutreiben, bilden so eine Art Kette, welche eine unmittelbare Verbindung zwischen der äußern und innern Luft herstellt. Durch ihre vereinten Anstrengungen bildet sich eine vollständige Strömung, die sie je nach Erforderniß mäßigen, und die, indem sie die äußere Luft anzieht, die Atmosphäre, in der sie athmen, in ihrer ganzen Reinheit wieder herstellt. Der Zweck dieser bewundernswerthen Einrichtung besteht jedoch nicht blos in dem Einlassen einer reinen Luft, sondern es wird dadurch zu gleicher Zeit auch der den Bienen nothwendige Wärmegrad geregelt.