Die Blätter der Vorzeit

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
>>>
Autor: Johann Gottfried Herder
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Blätter der Vorzeit
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Dritte Sammlung) S. 195-197
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1787
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Gotha
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Zerstreute Blaetter Band III 195.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[195]
Die Blätter der Vorzeit.


Im Hain der ältesten Sage irrte mein jugendlicher Geist umher und kam an die Pforte des Paradieses. „Was willst du, Sterblicher, hier?“ sprach jene glänzende Wundergestalt, die den heiligen Garten bewachte; aber ihr Glanz war gemildert und statt des feurigen Schwerts hatte sie einen Palmzweig in ihren menschlichen Händen. „Die älteste Wohnung meines Geschlechts zu sehen, antwortete ich; den Baum des Lebens und den Baum der Erkänntniß und jene glücklichen Auen, auf welchen der Vater der Menschen von allem Lebendigen der Erde und von den Elohim selbst kindliche Weisheit lernte.“

[196] „Das Paradies ist verblühet, sagte der freundliche Cherub. In einen höheren, unsterblichen Garten ist der Baum des Lebens verpflanzt und der Baum der Erkänntniß blühet unter allen Völkern der Erde. Aber meine Gestalt sollst du kennen lernen und in ihr die Stimme aller Lebendigen hören.“ Er sprachs, und berührete mich mit seinem Zweige und erhob sich glänzender in die Luft.

Welche Gestalt sah jetzt mein Auge! welche Stimmen der Schöpfung vernahm mein neu-geöfnetes Ohr! Alles Lebendige der Erde und die Könige seiner Geschlechter, Adler und Stier, Mensch und Löwe, sie trugen des Ewiglebenden Thron: sie alle Ein Glanz, Ein Lobgesang, Eine rastlose Bewegung. Wohin der Adler flog, dahin keuchte der Stier, dahin wandte sich der brüllende Löwe; und der Mensch, ihrer aller freundlicher Herr und jüngstgebohrner Bruder, [197] Er war der Priester der Natur, der Aller Stimmen und Opfer vor den Ewiglebenden brachte und den heiligen Wagen der Erdeschöpfung lenkte. Mein Geist zerfloß in die Harmonie des Lobgesanges aller Wesen –

Und siehe da stand in gemildertem Glaube der Cherub wieder vor mir. Der Palmzweig in seiner Rechte zerfiel: seine Blätter waren die unverwelklichen Blätter der ältesten Sage. „Empfange sie, sprach der Cherub und lies und deute sie deinen Brüdern.“ Das Gesicht verschwand und ich erwachte.

Ich folge dem Befehl des Engels, der alle Gestalten, alle Stimmen der Schöpfung in sich vereinet und jedes entschlafene Menschengeschlecht überlebt hat. Auf meiner Lippe sei die Sprache der alten Zeit; meine kindliche Sage athme den Hauch vom Zweige des Paradieses.