Die Blinde (Die Gartenlaube 1872/46)

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Textdaten
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Autor: Karl Thomas Richter
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Titel: Die Blinde
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 752, 754
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[752]

 Die Blinde.

Am Rhein ward ich geboren, am grünen Rhein,
Dort, wo nicht fern in seine Brust hinein
Sich perlend hell der Main ergießt.
Wie er durch grüne Wiesen fließt,
Vorbei an Reben, an dem Wald vorbei,
Da schaut er auch, wie mächtig, stolz und frei
Ein Haus sich hier zum Himmel hoch erhebt. –
Der Vater hat es sich zum Trost erbaut
Für seine alten Tage; doch er lebt’
So lange nicht! Sein Haar war kaum ergraut,
Als er uns starb, der Mutter starb und mir,
Die ich ihn heiß, unendlich heiß geliebt. –
Ich weiß es noch, wie er im Garten hier
Mich oft im Arme hielt. Er war betrübt,
Sein Seufzen sagt’s und in den leisen Klagen
Empfand ich, wie sein Herz von Sorgen voll,
Und fühlte, wenn beim Singen ihm und Sagen
Von schönen Märchen niederquoll
Die heiße Thräne auf des Kindes Hand!
Wenn ich hernieder dann mich neigte,
Sie wegzuküssen, sprang er auf und wand
Aus meinen Armen sich und zeigte
Zum Himmel auf und stöhnt’: Du armes Kind!
Denn ach, ich kam zur Welt – und wurde blind.



Blind sein! Kann denn ein Mensch ermessen,
Welch tiefes Weh in diesem Worte liegt?
Kann er sich selbst, die Welt vergessen,
Und fliegen, wie nur der Gedanke fliegt,
Kann er dann, freudig seiner selbst bewußt,
Das Leben ahnen und des Lebens Lust
Und Alles denken? – Was es heißt nicht seh’n –
Das weiß er nicht! das kann er nicht verstehn! –
Welch schönes Land mein theures Heimathland,
Ich kenn’ es nicht! Wo meine Wiege stand,
Ich weiß es nicht! Wo ich geweint, gelacht,
Nichts hat Erinnern mir gebracht.
Ich lebte eine ewig gleiche Zeit!
Nichts war mir gestern, morgen, heut! –
Nur wenn die Menschen sprachen, wenn ich hört’,
Wie laut die lieben kleinen Vöglein singen,
Wenn mir der Gang im Garten nicht gewehrt,
Wenn ich die Sonne fühlt’ in’s Herz mir dringen,
Dann ahnt’ mir, was der Mensch empfinden mag,
Wenn er mit Jubel grüßt den holden Tag.
Doch was der Tag und wie die Sonne scheint,
Daß sie sich Alle jauchzend freuen können,
Das sagt’ mir Niemand, bis ich selbst gemeint,
Es gleicht wohl Sonn’ und Tag, wie sie es nennen,
Der theuren Mutter oder dem Geliebten,
Der nah’ bei uns mit seinem Vater wohnt,
Und der mir Armen, ach, so reich Betrübten,
Für allen Schmerz mit treuer Liebe lohnt.
Kommt er zu mir und spricht von Hoffnung, Muth,
Sagt, was sein Vater, der ein kluger Mann,
Als Arzt an tausend Blinden schon gethan,
Dann wallt in höhern Pulsen mir das Blut;
Dann ist’s, als schien’ die Sonne wärmespendend
Mir tief in’s Herz und alle Schmerzen endend!
Doch wenn er leise wieder von mir scheidet,
Den heißen Kuß mir auf die Stirne drückt,
Dann weiß ich auch, wie ernst die Nacht gekleidet,
Die finster auf den Tag zurücke blickt.
Doch Nacht heißt schlafen, bangen, schweigen –
Und träumen heißt, sich zu den Göttern neigen. –

[754]

Es war ein stilles Leben, das ich lebte,
Das wie ein Traum mir stets vorüberschwand.
Der Winter kam und ging. Der Frühling schwebte
Mit lauen Lüften wieder durch das Land,
Die Blumen blühten wieder, und ihr Duft
Quoll über in die thaubenetzte Luft.
Die Vöglein sangen in belaubten Zweigen
Und von der Wiese tönt’ herauf der Reigen
Der Herden, dem ich immer gern gelauscht. –
Dazwischen auf und nieder rauscht
Der Rheinstrom, und die hellen Wellen singen
Von Allem, was sie aus den Bergen bringen. –
Da sitz’ ich einst im Garten, athemlos,
Und lausch’ dem Sang, die Hände in dem Schooß,
Das Haupt herab auf meine Brust gebeugt.
Still ist die Welt, und rings im Kreise schweigt
Das reiche volle Leben. Horch! Da theilen
Die Büsche sich, und Schritte hör’ ich eilen.
Sie kommen her zu mir, ein starker Arm
Schließt plötzlich mich an seine Brust,
Und Thränen heiß und Küsse, ach, so warm
Bedecken mein Gesicht! Und kaum bewußt,
Was just gescheh’n, hör’ ich mit leisem Beben:
„Leb’ wohl, mein Herz, leb’ wohl, o Du mein Leben!“
So gehst Du fort von uns und fort von mir?
„Es ruft das Vaterland mich fort von hier!
Der Franzmann ist herein in’s Land gefallen
Und dränget wieder an den Rhein heran.
Die Glocken tönen, die Trompeten schallen,
Der Friede ist dahin, der Krieg begann.
Und wer ein Schwert vermag zu schwingen,
Der muß getreu es seinem Volke bringen.
Leb’ wohl! Leb’ wohl, mein Lieb, mich ruft die Ehre,
Gedenke mein, wenn ich nicht wiederkehre!“
„So zieh’ mit Gott –“ „Leb’ wohl! Auf Wiedersehn,“
Sprach nun der Jüngling, kühn die Brust geschwellt!
„Auf Wiedersehn?“ „Kannst Du mich nicht verstehn?“
Haucht’ leise bittend jetzt der junge Held.
„Ja, Wiedersehn! Der Vater will es wagen,
Wenn kurze Zeit nur noch vorüber ist.
Und dann, wenn alle Glocken schlagen
Und Sieg verkündigen in kurzer Frist,
Dann wird Dein Engelsauge weithin blicken
Auf das geschaffne, selige Entzücken
Und grüßen wirst Du Alle, grüßen mich,
Der Dein, auf ewig Dein! Gott schütze Dich!“
Er sprach’s und ging! Kaum hörte ich ihn gehn,
So tönt’s im Ohr mir fort: Auf Wiedersehn!



Auf Wiedersehn, so tönt’ es Tag und Nacht;
Aus meinen Träumen tönt’ es mir hervor.
Die Vöglein haben mir den Gruß gebracht
„Auf Wiedersehn“ im bunten vollen Chor.
Die Blumen duften, und in leichten Ringen
Hör’ ich „auf Wiedersehn“ die Lüfte singen.
Ja, sehn! Ihn sehn! Ach, nur ein einzig Mal,
Der mir der Hoffnung Zauber hat gegeben!
So fleht’ ich oft, und leises Seufzen stahl
Sich von den Lippen und mit Fieberbeben
Trieb’s mich die bangen Stunden zum Gebet,
Das Ruhe der bewegten Brust erfleht.
Doch wenn ich dann in stiller Nacht,
In langen Träumen hab’ an ihn gedacht,
Verführt der Zauber mich, als seh’ ich ihn,
Und alle Ruh’ des Herzens war dahin.
Ach! Wenn zur Wahrheit nicht das Träumen wird,
Ist es, als ob die Sünde uns verführt’,
Und in der ew’gen Sehnsucht eitlem Schwanken
Verfluchen wir im Haupte die Gedanken. –
Mißt man die Welten durch mit klarem Geist,
Das Aug’ will sehn, wenn es geliebt und liebt
Und wenn die Sehnsucht fort es reißt
Und wenn es zürnt und wenn es dann vergiebt!
So dacht’ ich oft! Und sieh’! da legte sich
Auf’s Haupt mir einstens eine sanfte Hand,
Und eine Stimme sprach so väterlich,
Mir wie der Kirche Orgelton bekannt:
„Geduld, Louis’, Geduld, es wird gescheh’n!
Und eh’ Du’s denkst, wirst Du die Herrlichkeit
Der ganzen Welt mit eig’nen Augen seh’n.
Doch nur Geduld! Du kannst mich ja verstehn:
Es wächst das Große nur im Lauf der Zeit.“



Und es geschah! Noch stehen Wies’ und Wald
In vollem Blätterschmuck und Blumenpracht,
Und aus den Zweigen noch herniederschallt
Das Lied der Nachtigall. Das Heimchen lacht
Noch jubelnd durch die Saaten über’s Feld,
Und Sommer ist’s, beglückt die ganze Welt!
Frei ist mein Aug’! Doch eine dichte Binde
Verhüllt dem Blicke noch der Sonne Licht,
So daß, wie tastend ich im Raum mich finde,
Die alte Sicherheit mir nicht gebricht,
Ich es kaum glauben kann und hoffen,
Daß meinem Blicke schon der Himmel offen.
Da aber naht der Tag. Die Binde fiel!
Allmächt’ger! Welcher Glanz und welche Wonne!
Das ist des Himmels prächt’ges Farbenspiel!
Des Abends, das! Mein Gott! Ist das die Sonne?
O senk’ erwärmend deinen Strahlenkranz
Mir in das bange Herz und scheine milde
Und ewig hell in deines Goldes Glanz,
Du einziges, du göttliches Gebilde! –
Wer weilt um mich, da mich, so reich beglückt,
Der Erde Wunderglanz entzückt?
Dies edle hohe Wesen dort, wer ist’s?
Es streckt die Arme aus nach mir – und Thränen
Im Aug’? Es ruft! O Mutter, ja du bist’s!
Aufjauchzt des Herzens lang erfülltes Sehnen:
Du bist’s! Wie ich im Traum Dich oft geseh’n,
So gütig, ach! so herrlich und so schön!
Und wer bist Du dort, von mir abgewandt?
Bist Du der Arzt? Bist Du es, gottgesandt,
Mich neu zu schaffen? Ach von Deinen Füßen
Laß, Heil’ger, mich den Staub Dir küssen!
Doch kommt und kommt! Ich kann es nicht erwarten,
In vollen Zügen schlürfe ich die Lust
Des Lebens ein! Führt weiter durch den Garten,
Führt durch die Blumen mich zur Felsenbrust,
An die ich oft gelehnt, hinab zum Rhein
Gelauscht und in das ferne Land hinein!
O dieser süße Duft! die helle Pracht!
Ist das die Rose nicht und da, im Blühen
Ist das die Nelke? dort des Waldes Nacht
Am Horizont, wohin die Vöglein ziehen?
O Alles, Alles hab’ ich einst geträumt,
Wie süß die Rose blüht, die Wiese keimt,
Doch nicht so prachtvoll, ach, so herrlich nicht,
Wie jetzt, da ich es schau’ im Sonnenlicht.
Und horcht, das ist der Rhein, wie er, an Klippen
Der Felsen sich zerschellend, schäumt und grollt
Und dann gebrochen an basaltnen Rippen
Mit schmeichelndem Gesang vorüberrollt.
O habe Dank, du Märchenspender,
Du sagenreicher, habe Dank!
Wie sich herab die Alpenländer
Und fort bis hin zum Meere schlang
Dein grünes, aufgeschäumtes Wogen,
Da kamst Du auch zu mir gezogen
Herauf in leichten feuchten Nebelringen,
Von Deiner Fahrt mir leise vorzusingen.
Jetzt schau’ ich dich, so groß, so schön und frei,
Und lausch’ berauscht der Wellen Melodei.
Hab’ Dank, hab’ tausend Dank! doch – was ist drüben
Weit über’m Rhein! Das war kein Pflug.
Kein Spaten hat die Furchen eingeschrieben
In’s Land! Das war das Schwert, das Wunden schlug!
Und dort! Nein! Das ist nicht der Rose Gluth,
Das ist, furchtbar Entsetzen! das ist Blut!
Ja, ja! Es tönt mir noch im Ohr,
Aus allen Zweigen rauscht’s hervor:
„Der Franzmann ist herein in’s Land gefallen
Und dränget wieder an den Rhein heran,
Die Glocken tönen, die Trompeten schallen
Der Friede ist dahin, der Krieg begann.
Und wer ein Schwert vermag zu schwingen,
Der muß getreu es seinem Volke bringen.
Leb’ wohl, leb’ wohl! Mich ruft die Ehre,
Gedenke mein, wenn ich nicht wiederkehre.“
So sprach er, ging und kam nicht wieder.
Hört es, ihr Wälder, hört’s ihr Bergeshöh’n,
Und schließt euch, schließet euch ihr Augenlider,
Unglück ist, was geschah! Doch Fluch es sehn! –



Was schaut ihr mich so schweigend an?
Habt ihr, was ich gesagt, denn nicht gehört?
Hängt nicht an jedem Wort die Thräne d’ran,
Die mit Verzweiflung euch den Busen nährt?!
Ihr schweigt, ihr schüttelt euer Haupt,
Ihr lächelt, euer Auge ist verklärt?
So lebt er noch und ist mir nicht geraubt?
Ach! auf dem Schlachtfeld, wo die Kugeln sausend
Vorüber fliegen, liegt er unter Tausend!
O führt mich hin, ich will ihn noch erretten,
An meiner Brust den Theuren sicher betten.
Nein? Nein? Auch das ist’s nicht! Er lebt, er lebt –
O stille, armes Herz! Die Thräne bebt
Um deinen Gram noch in der Augen Licht, –
Und weinen, jetzt schon weinen, darfst du nicht! –
So ist es wahr, was ich so oft vernahm,
Wenn Der und Jener zu erzählen kam
Von Schlachten, die auf Frankreichs Erde schlug
Der Deutsche, und vom Sieg, der fort ihn trug
Zum neuen Sieg, und daß schon in Paris,
Dem herrlichen, die deutsche Fahne weht?
Erfüllet also, was er stolz verhieß,
Was ich erbat inbrünstig im Gebet!
Und wahr ist, ach, mir sagt es ja mein Herz,
Was ihr mit leiser Stimme oft bespracht!
Bei Gravelotte über Feindes Erz
Hinweg hat er den Adler uns gebracht,
Der aufgepflanzet auf der Hügel Kronen
Und unterm Schutz todspeiender Kanonen.
Und seine Brust schmückt jetzt des Kreuzes Zeichen?
Es ist so? Ja es ist! Die Schatten weichen,
Und Alles seh ich klar. Zur Heimath kehren
Die Brüder schon zurück und reich an Ehren
Kehrt der Geliebte auch! Die Trommeln klingen,
Fanfaren hör’ ich durch die Lüfte dringen
Und Fahnen seh’ ich flattern. „Mutter, Mutter!
Er naht!“ So rief ich noch und barg entzückt,
Im Augenblick mein ganzes Glück bekennend,
Mich an der Mutter Brust. Und ach! da drückt
Mit heißen Lippen sich und fieberbrennend
Ein leiser Kuß auf meine Hand. „Louis’,“
So hör’ ich zitternd dann, „was uns verhieß
Ein güt’ger Gott im Hoffen und Ersehnen,
Es ist gescheh’n! Viel tausend Kränze krönen,
Viel tausend Siegeskreuze uns’re Fahnen.
Frei ist der Rhein! frei sind der Zukunft Bahnen!
O sieh mich an! Und gieb zum Maß des Glückes,
Das mir ein gütiges Geschick gewährt,
Den Segen noch des ersten Liebesblickes, –
Und all’ mein Hoffen, Wünschen ist erhört.“
So sprach der Held, so hört’ ich ihn mit Zagen
Und zitternd, wie das Laub am jungen Baum,
Und legt’ die Hand, wie in vergang’nen Tagen,
Wie in der Kindheit sel’gem Liebestraum
Ihm auf das Haupt. Hab’ Dank! hab’ tausend Dank!
Wie Balsam strömt, wie himmlischer Gesang
Dein Wort mir in das Herz! Des Krieges Loos
Fiel meinem Volk zum Glück, und hehr und groß
Wird es der Zukunft Schwert und Wage halten,
Unendlich Glück der ganzen Welt entfalten.
Da kommt die Zeit, wo nach dem Waffentanz
Sich auch die Palme windet um den Lorbeerkranz.
O schließt euch, Augen, kehre, heller Blick,
Nun betend in dein eigen Herz zurück!

 Karl Thomas.