Die Burgfrau von Balm

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Textdaten
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Autor: Alois Wilhelm Schreiber
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Titel: Die Burgfrau von Balm
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 117–119
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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[117]
Die Burgfrau von Balm.

Dem Kloster Rheinau gegenüber, nicht weit von Jestetten, lag einst das feste Schloß Balm, von einem uralten Geschlecht bewohnt. Lutz von Balm, der im dreizehnten Jahrhundert dort lebte, führte lange ein wüstes Leben, bis er einst in einer Fehde so übel zugerichtet ward, daß er nur noch am Stabe gehen konnte. Er schien jetzt den Jugendrausch ziemlich ausgeschlafen zu haben, und heirathete ein Fräulein aus dem Thurgau. Kunigunde war, wenn auch keine der schönsten, doch gewiß eine der tugendreichsten Frauen ihrer Zeit; sie hielt streng auf Zucht und gute Sitte im Hause, und half, wo sie konnte, der Armuth und der Noth. Aus Erbarmen nahm sie eine adelige Jungfrau, Namens Amina, zu sich, deren Vater als Friedensbrecher geächtet worden war, und die jetzt keine Zuflucht wußte als das Kloster, wozu sie jedoch wenig Neigung in sich verspürte. Amina war schön und verschlagen; sie gewann bald die Neigung des Burgherrn, der Alles aufbot, ihre Gunst zu erwerben. Amina wußte das Netz so klug zu weben, daß sich Lutz ganz darin verstrickte. Sie ließ ihn merken, daß sie nicht unempfindlich sey, betheuerte aber zugleich, sie werde ihr Herz nie verschenken ohne ihre Hand.

Von dem Ritter war der alte böse Geist zwar gewichen, aber er schlich noch immer in seiner Nähe herum und harrte des Augenblickes, da er ihn wieder in seine Gewalt bekommen möchte. Dies geschah jetzt, und Lutz brütete bald über allerlei Anschlägen, um in den Besitz des schönen Fräuleins zu gelangen. Zuletzt faßte er den Gedanken, die treue Hausfrau heimlich aus dem Wege zu schaffen, und verschob die Ausführung der schrecklichen That nur noch, bis Kunigunde ihr Knäblein entwöhnte, welches sie selbst stillte. Dann wurde das Werk der Finsterniß so heimlich vollzogen als möglich; die Burgfrau [118] starb plötzlich an einem Stickfluß, wie man aussprengte, und wenige Monate nachher führte der Ritter Fräulein Amina zum Altar. Der kleine Hugo, welcher jetzt ungefähr vierzehn Monate alt war, wurde den Händen einer Wärterin anvertraut. Diese kümmerte sich nicht sonderlich um die Pflege des Knaben; wenn er des Nachts weinte, so blieb sie ruhig liegen, oder stieß Scheltworte gegen das unschuldige Kind aus. Einst däuchte ihr, sie höre die Wiege gehen, worin das Kind schlief; sie richtete sich auf im Bette, und gewahrte mit Schrecken eine weißgekleidete weibliche Gestalt, ganz der verstorbenen Kunigunde ähnlich, die an der Wiege saß und das Knäblein schaukelte. Nach einer Weile nahm die weiße Frau das Kind auf den Schoos, drückte es an ihr Herz, legte es dann wieder in sein Bettlein und verließ das Gemach, als eben der Hahn den Tag verkündigte. Die Wärterin gab dem Ritter und seiner Gattin Nachricht von der Erscheinung. Lutz schalt sie eine Närrin, obgleich er sich bei der Erzählung eines geheimen Schauers nicht erwehren konnte, Amina jedoch gerieth auf den Verdacht, Kunigunde sey nicht wirklich vergiftet, sondern irgendwo eingesperrt worden, und habe Mittel gefunden, zu ihrem Söhnlein zu kommen. Von Argwohn und Zorn getrieben, nahm sie gleich in der folgenden Nacht die Stelle der Wärterin ein. Eben schlug die Glocke zwölf, als der kleine Hugo zu wimmern anfing und zugleich die weiße Gestalt in das Zimmer trat und sich an die Wiege setzte. Der Mond warf sein Licht durch das Fenster und Amina erkannte Kunigundens Züge; sie sah todtenbleich aus, legte aber freundlich und mit mütterlicher Besorgtheit dem Kleinen die Kissen zurecht. Wüthend sprang Amina vom Lager und wollte die Gestalt beim Arme fassen, aber der Arm zerfloß unter ihrer Hand in Luft. Die weiße Frau erhob sich vom Sitze und drohte ihr mit dem Zeigefinger, dann nahm sie das Kind und trug es im Gemach auf und ab. Amina’s Blut gerann zu Eis. Zitternd floh sie, und als der Ritter des Morgens erwachte und nach ihr fragte, gab man ihm ein Brieflein, folgenden Inhalts:

„Ich habe Kunigundens Geist gesehen und gehe in ein Kloster, um für meine und Deine Sünden zu büßen. Thue desgleichen.
Amina.“

[119] In der Seele des Ritters erwachten alle Schrecken des Gewissens. Er übergab sein Söhnlein einem wackern Geistlichen zur Pflege und Erziehung, entsagte der Welt, und lebte als Einsiedler in einer Klause tief im wilden Gebirg.

A. Schreiber.