Die Calema an der westafrikanischen Küste

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Titel: Die Calema an der westafrikanischen Küste
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 317, 322–323
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Calema an der westafrikanischen Küste.

[322] Die Calema an der westafrikanischen Küste. (Mit Abbildung S. 317.) An den Flachküsten erzeugt das Meer eine eigenartige Brandung, welche die englischen Seefahrer mit dem Namen „surf“ bezeichnen; man beobachtet sie an den „Landes“ von Biscaya, im Busen von Bengalen, an der Ostküste von Amerika und auch in unserer Nord- und Ostsee, am vollendetsten aber ist sie an dem westafrikanischen Gestade ausgebildet und heißt hier „Calema“. Sie umgiebt das Land mit einem abschreckenden Gürtel, macht oft die Landung völlig unmöglich, und die Handelshäuser, welche in Westafrika ihre Faktoreien besitzen, sind gewohnt, mit ihr als einem nothwendigen Uebel zu rechnen, das stets den Verlust eines gewissen Prozentsatzes an Waren verursacht.

Die Calema ist eine ganz merkwürdige Erscheinung und großartig, wenn sie mit stärkerer Macht auftritt. Von einem etwas erhöhten Standpunkt aus erscheint alsdann dem Beobachter das glänzende Meer von breitgeschwungenen regelmäßigen Drehungen durchzogen, welche, durch Licht und Schatten abgezeichnet und unabsehbar sich dehnend, annähernd gleich mit der mittleren Strandlinie laufen. In mächtiger, aber ruhiger Bewegung drängen aus der Ferne die Wogen an die Küste heran und werden in dem flacher werdenden Wasser höher und höher. Durch die Reibung am Boden in seinem Fortschreiten gehemmt, verwandelt sich zuletzt der langgestreckte Wellenzug in einen vollständigen Roller, der sich mit seinem vorauseilenden oberen Theile nach vorn wölbt und nahe am Strande in einem schönen Bogen überfällt. Während eines Augenblicks gleicht die Masse einem flüssigen, durchscheinenden Tunnel, im nächsten bricht sie in gewaltigem Sturze donnernd und prasselnd zusammen. Dabei werden, wie bei Explosionen, durch die im Innern eingepreßte Luft Springstrahlen und blendende Wassergarben emporgetrieben, dann wälzt sich die schäumende wirbelnde Fluth am glatten Strande hinauf, um alsbald wieder wuchtig zurückzurauschen, dem nächsten Roller entgegen.

Die Zeichnung vermag nicht die Schönheit eines solchen Anblicks wiederzugeben.

Einen besonderen Reiz gewinnt das Schauspiel, wenn heftige Windstöße, etwa bei einem losbrechenden Gewitter, den Rollern vom Lande entgegenwehen, ihre vordere Seite treffen, sie zu höherem Aufbäumen zwingen und ihre zerfetzten Kämme hinwegführen; jeder heranstürmende Wasserfall ist dann mit einer spühenden flatternden Mähne geschmückt. Von unvergleichlicher geheimnißvoller Schönheit ist aber der Anblick der Calema des Nachts, wenn das Wasser phosphoreszirt, von blitzähnlichem Leuchten durchzuckt wird, oder wenn das Licht des Vollmonds eine zauberische, in höheren Breiten unbekannte Helligkeit über dieselbe ergießt, und nicht minder des Abends, wenn die Farbengluth eines prächtigen Sonnenuntergangs im wechselnden Spiel von dem bewegten Elemente wiederglänzt.

Das Getöse, welches diese Art Brandung hervorbringt, erinnert in einiger Entfernung sowohl an das Rollen des Donners wie an das [323] Dröhnen und Prasseln eines verüberrasenden Schnellzuges, durch seine Gemessenheit aber auch an das ferne Feuer schwerer Geschütze; dazwischen wird bald ein dumpfes Brausen, bald ein helles Zischen und Schmettern hörbar. Zuweilen endet das Toben plötzlich mit einem einzigen übermächtigen Schlage und es folgt eine sekundenlange Stille. So ist es namentlich des Nachts von hohem Reize, der mannigfach wechselnden Stimme, dem großartigen Rhythmus der Calema zu lauschen.

Diese Schilderung entwerfen deutsche Forscher in dem schönen Werke „Die Loango-Expedition“. Ueber die Ursache dieser Erscheinung gehen die Meinungen auseinander. Der Mond soll auch in diesem Falle seine Hand mit im Spiele haben; am wahrscheinlichsten aber dürfte die Annahme sein, daß die Calema eine Folge der Stürme sei, welche im Süden jenseit des 40. Grades südlicher Breite so sehr toben, daß die Seefahrer jene Meeresgegenden die „brausenden Vierziger“ genannt haben. Die aufgeregten Wellen pflanzen sich im Oceane fort und brechen sich an der Flachküste in der Gestalt der Calema.

Während einer heftigen Calema kann eine Verbindung zwischen Land und Meer nur sehr mühsam, bei besonders schwerer überhaupt nicht unterhalten werden. Dennoch gewagte tollkühne Versuche enden trotz der bewundernswerthen Geschicklichkeit der eingeborenen Bootsleute nur zu oft unglücklich; gar mancher Europäer wie Afrikaner hat in der Brecherzone seinen Tod gefunden oder schwere Verletzungen davongetragen, während Güter meist verloren gehen. Selbst Seevögel, heißt es in dem Berichte der Loango-Expedition, besonders der häufig vorkommende große Tölpel (Sula capensis), ein ausgezeichneter Segler, lassen sich zuweilen in trügerische Sicherheit wiegen und fallen den überstürzenden Rollern zum Opfer; sie werden schwimmend oder fliegend erfaßt und betäubt an den Strand geworfen.

Die Calema hat auch einmal in den Gang kriegerischer Ereignisse eingegriffen, indem sie im Jahre 1879 während des Zulukrieges die Landung englischer Truppen unter General Wolseley vereitelte.

Gerade die Erfahrensten an der Küste fürchten am meisten die Calema. Wer jemals eine „gelinde Taufe“ empfing oder gar, aus dem sich überstürzenden Fahrzeuge hinausgeschleudert, auf Tod und Leben mit dem tosenden Wasserschwall gerungen hat, der wird bei stärkerer Calema nie ohne Beklemmung die Zone der Brecher durchschneiden, deren Tücken der besten Beobachtung, der vollendetsten Ruderkunst spotten. *