Die Edelkoralle

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Autor: Carl Vogt
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Titel: Die Edelkoralle
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aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 58–61
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[58]
Die Edelkoralle.
Von Carl Vogt.

War das ein ungewohntes Leben und Treiben an der zoologischen Station in Neapel im Frühjahr 1884! Nicht sowohl unter den zahlreichen Männern der Wissenschaft, alten und jungen, die dort mit gemahnter Emsigkeit und Ausdauer ihren Studien sich hingaben, als unter den Fischern und Matrosen, sowie den verschiedenen Beamten, welchen der Empfang der eingebrachten Thiere, ihre Sortirung und Konservirung obliegt. Einige Fischer hatten Bäumchen und Aestchen von Edelkorallen zum Verkaufe angeboten, freilich getrocknet und abgestorben - aber das kundige Auge des Konservators Salvatore lo Bianco hatte sofort erkannt, daß die Polypen noch vor wenig Stunden gelebt haben müßten. Man wurde Handels einig und die sonst so argwöhnischen und mißtrauischen Fischer hielten um so weniger vor ihrem Landsmanne zurück, als sie unmittelbar einsahen, daß die Station ihnen Stücke und Zweige, welche für die Verarbeitung nur höchst geringen Werth hatten, bester bezahlen würde als die Fabrikanten. Salvatore dampfte zu ihnen hinaus auf die Bank halbwegs Capri, auf welcher sie arbeiteten, gab ihnen die nöthigen Anleitungen und die Gefäße, in welchen sie die für die Station bestimmten Bäumchen lebend in Seewasser hereinbringen sollten, und bald standen überall in den mit strömendem Wasser gespeisten Aquarien Glasgefäße mit lebenden Korallen, deren milchweiße, blüthenartige Polypen sich lustig ausbreitetet.

Die Kunde verbreitete sich rasch. Fremde und Neapolitaner, jedermann wollte das neue Meerwunder der lebenden Korallen sehen. Mancher ging wohl enttäuscht weg; statt der kleinen rothen Bäumchen, an deren Aesten und Zweigen niedliche, weiße Sternblüthen und Knospen sich zeigten, die nur mit äußerster Langsamkeit sich öffneten oder schlossen, hätte er vielleicht erwartet, daß die lebende Koralle lustig umherschwimme wie ein Fisch oder mit den Armen im Wasser herumfuchtele wie ein vom Winde bewegter Baum. Aber die meisten der zahlreichen Besucher gingen dennoch befriedigt von dannen, denn die Edelkoralle ist doch eigentlich ein echt neapolitanisches Gewächs, für das jeder Interesse hat.

Die Korallenfischerei ist für das westliche Mittelmeer, was die Schatzgräberei für das Binnenland; auf dem Boden mühseliger Arbeit und harter Entbehrungen blühen die wunderreichsten Sagen von fabelhaften Reichthümern, die der glückliche Finder, der von den untermeerischen Dämonen begünstigt wird, ans tiefen Grotten und Klüften erbeuten kann; sie ist eine Lotterie, in welcher nur derjenige gewinnt, der die Träume und übrigen mystischen Andeutungen auszulegen weiß , während die große Mehrheit leer ausgeht. Schon aus diesem Umstande wird es erklärlich, daß die Korallenfischerei, an welcher sich früher auch Spanier, Portugiesen und Franzosen betheiligten, fast ausschließlich in den Händen der Italiener und unter diesen wieder der Bewohner von Torre del Greco bei Neapel sich befindet. Selbst in denjenigen Gewässern, welche anderen Nationen gehören, wie z. B. an den Küsten von Algerien und Tunis, sind es italienische Fischer, welche das Geschäft betreiben, und Torre del Greco entsendet für sich allein dreiviertel der sämmtlichen Barken, die Italien stellt.

Ich wollte die Fischerei mit eigenen Augen sehen, und so dampften wir denn an einem prachtvollen Frühlingsmorgen, Salvatore und ich in Begleitung einer Dame, auf dem „Balfour“, einem kleinen offenen Boote, das der Station gehörte und zur Fischerei auf der Oberfläche mit dem feinen Netze diente, hinaus auf Capri zu, wo wir nach einer Stunde Fahrt die zwei „Coralline“ fanden, deren Mannschaft uns freudig begrüßte; sie ahnten, daß sie heute eilten guten Fang machen würden, obgleich die See etwas hochging und dem schleppen des Fangkreuzes nicht günstig war. In der That nahmen die Danksagungen und Einladungen zu baldigem Wiederkommen kein Ende, als die „Eccellenza“ jeder Barke einen Thaler beim Abschiede spendete über den Preis der erbeuteten Korallen. „Sie können oft zwei oder drei Tage fischen, bis sie soviel verdienen,“ meinte Salvatore, und doch waren es zehn Mann, welche die zwei Thaler unter sich zu vertheilen hatten!

Nach besonderem Maßstab - denn die Mannschaft jeder Barke bildet eine kommunistische Gesellschaft, die auf Antheil arbeitet. Keiner der Teilnehmer hat feste Bezahlung; der Gewinst hängt von dem glücklichen Zufall und der Thätigkeit der Mannschaft ab. Bei solchen Unternehmungen stehen die Italiener allen übrigen Nationen voran; sie legen sich die härteste Arbeit und die unglaublichsten Entbehrungen auf, um geträumte Reichthümer, in Wirklichkeit aber nur einige klingende Münze zu ergattern. Torre del Greco sendet 300 Barken im Jahre aus, die sieben Monate lang, zwischen Anfang März und Ende Oktober, in See bleiben und im Durchschnitte mit zehn Mann, worunter ein Padrone und ein Junge, besetzt sind. Meist bleiben die Leute während der ganzen Zeit an Bord, wo sie ihren sämmtlichen Proviant haben , den sie zu Hause auf Borg entnommen haben, um den Betrag bei der Rückkehr, natürlich mit Wucherzinsen, von dem Erlöse zu bezahlen. Zwieback und Wasser ist die Grundlage; dazu kommt etwas Oel, Macceroni, Bohnen, gesalzenes Fleisch, Käse und Wein für die Festtage. Man berechnet die gesammten Ernährungskosten einer Schiffsmannschaft für die ganze Zeit van sieben Monaten , also 210 Tagen, auf 1650 Franken, somit für die Ernährung eines Mannes dreiundzwanzig und einen halben Franken im Monat, nicht ganz 80 Centimes auf den Tag! „Hätte ich nicht einigen Mundvorrath und einen Korb Orangen mit mir gehabt“, sagte mir Salvatore, der einmal einen Monat lang mit den Fischern südlich von Sciacca zugebracht hatte, „so weiß ich nicht, was aus mir geworden wäre bei dem ewigen Einerlei von steinhartem Zwieback und fauligem Wasser. Elende Nahrung und unaufhörliche harte Arbeit - man begreift nicht, wie die Leute es aushalten können, und begreift noch weniger, wie sich immer noch Mannschaft findet! Wenn sie auf dem Lande arbeiten wollten, verdienten sie das Doppelte und Dreifache mit halber Anstrengung.“

Härteste Arbeit in der That, die Tag und Nacht fortdauert, wobei sich die Männer ablösen, so lange das eigentümliche Fangnetz, „ingegno“ genannt, auf dem Boden des Meeres geschleppt wird. Aber in den entscheidenden Augenblicken wo der Fangapparat heraufgewunden wird, müssen alle Hand anlegen.

Die Edelkoralle wächst nur auf steinigem oder felsigem Grunde und meist in einer Tiefe von 50 bis 150 Faden (1 Faden etwa - 1,80 Meter). Gewöhnliche Schleppnetze können nicht benutzt werden, denn die Korallenbäumchen wurzeln meist in den Rissen und Klüften der Felsen, am liebsten sogar in Vertiefungen, Höhlen und Grotten, an deren Decke sie haften. Das Ingegno besteht aus zwei starten Holzbalken, die kreuzweise zusammengefügt sind. Die Arme der Apparate, welche von den großen Barken benutzt werden, können bis zu vier Metern Länge, vom Mittelpunkte aus gemessen, haben; in dem Mittelpunkte des Kreuzes wird ein Stein oder ein schweres Metallgewicht befestigt, schwer genug, um den ganzen Apparat bis aus die angegebene Tiefe hinabzuziehen. An den Armen hängt ein Gewirre von aufgequirlten Tauen, zerschlissenen Netzen von mehreren Metern Länge, die sich nach allen Seiten hin ausbreiten, sobald das Fangkreuz in das Wasser geworfen wird, und den Boden fegen wie ein Besen. Diese Fäden schlingert sich um alles, was unten kraucht und festsitzt; sie werden vom Wasser in die Ritzen und Klüfte hineingespült und umgarnen die Korallen, die dort festsitzen. Gelinder Wind und wenig hoher Wellengang begünstigen nun die Arbeit; das Fangnetz wird langsam fortgeschleppt und zugleich ruckweise gehoben, so daß es die festgewachsenen, von den Fäden umschlungenen Korallen abreißen kamt. Oft aber verschlingt sich das Netz so, daß es nicht loszubringen ist. „Herbei mit dem Tortolo“, kommandirt der Kapitän. Ein etwa hundert Kilo wiegender Eisenring, der an einem Seile gehalten ist, wird über Bord geworfen; matt sucht mit ihm die Felsen zu zertrümmern an welchen das Netz sich verankert hat. Nach mehrstündigem Schleppen wird dieses mittels der Winde heraufgezogen und endlich mit äußerster Anstrengung aller Kräfte über Bord eingeholt.

Fabelhaft ist die Menge von Thieren, die da mit heraufgebracht werden: Seeigel, Seesterne, Seewalzen, Muscheln und Schnecken, Krabben und Krebse, zuweilen selbst Fische, Schwämme, Korallen, Polypen. Seescheiden und Anemonen hängen in den Fäden. Das alles wird herausgerissen und, wenn es nicht eßbar ist, in das Meer zurückgeworfen. Aber da schimmert es in rothem Scheine! Mit äußerster Sorgfalt werden die Fäden entwirrt, oft auch mit dem Messer zerschnitten und so ein niedliches [59] Bäumchen der Edelkoralle aus dem Gewirre gelöst" Ein seltenes Glück will es zuweilen , daß die Koralle an einem losen Stein festgewurzelt ist; meist kommen nur größere oder kleinere Bruchstücke herauf. Je dicker und länger die Stammstücke, desto werthvoller sind sie für die fernere Bearbeitung zu Schmuckgegenständen; der Kaufwerth wächst fast in ähnlicher Weise mit den Maßen, wie bei den Edelsteinen mit dem Gewichte. Aber den Naturforscher interessiren die feineren Endzweige am meisten, denn dort lebt und wächst die Koralle, dort finden sich in der Rindenschicht die von kleinen Polypen bewohnten Zellen, die mit dem Stamme verwachsen und durch Kanäle verbunden sind. Die gütige Vorsehung, die alles zum besten wendet, hat mit dieser Entrichtung eine zarte Fürsorge für den Geldbeutel der Naturforscher bethätigt - sie können, selbst wenn sie nur außerordentliche Professoren sind, die Kosten für eine Untersuchung allenfalls erschwingen. Ich habe mir sogar erlaubt, das Bäumchen, dessen Abbildung ich hier gebe (B), statt einer banalen Bronzefigur auf die Uhr des Kamines in meinem Salon zu stellen, was den doppelten Vortheil bietet, daß es einerseits ganz hübsch aussieht und andererseits den Besucher zu der Frage veranlaßt: „Bitte, Herr Professor, was ist denn das?“ wodurch man glücklich über die Einleitungsgespräche eines ersten Besuches von Wind und Wetter, Schnupfen und Rheumatismen oder Krieg und Frieden hinübergelotst wird. Salvatore hat nach mancherlei Versuchen ein Verfahren entdeckt, wodurch die Korallenbäumchen, die frisch von der Bank bei Capri eingebracht worden sind, in konservirenden Flüssigkeiten und vollständig entfalteten Polypen ganz in der Weise erhalten bleiben, als ob sie noch lebten. Da man in dieser Art präparirte Bäumchen von der Station zu verhältnismäßig billigem Preise beziehen kann, so dürften sie, in hübschen Glasgefäßen aufgestellt, einen ganz artigen Zimmerschmuck abgeben.

Man kann freilich die Form der Bäumchen nicht gerade zierlich nennen. Die Aeste sind mannigfach gebogen, sperrig, die Enden der Zweige oft knorrig, verdickt und die Oberfläche mit unregelmäßigen Warzen bedeckt. Aber Stamm, Aeste und Zweige haben eine lebhaft rothe Farbe, auf welcher sich die ausgestreckten Polypen wie feine, halb durchsichtige Blüthenkelche von weißer Farbe gar prächtig abheben. Aus jedem geöffneten Wärzchen tritt ein kurzer, drehrunder, halsförmiger Kelch hervor, der sich mit acht fein gekerbten Blättchen entfaltet.

So bieten sich auch die Polypen im Leben dar, und man muß oft lange und scharf mit der Lupe beobachten, um Bewegungen der einzelnen Blüthenblättchen, der Arme, wie die Zoologen sie nennen, oder die Zusammenfaltung des ganzen Polypen zu sehen, der die Arme nach innen einschlägt, wo im Mittelpunkte der Blumenkrone sich der Mund befindet, und langsam den Hals in die Warze zurückzieht, die sich über ihm mit acht Lappen schließt.

Stamm, Aeste und Zweige sind aus zwei Theilen gebildet, einer dicken, lebenden Rinde und einem inneren festen Kern, der allein zur Verarbeitung benutzt werden kann und aus concentrischen Schichten dichter Kalksubstanz zusammengesetzt ist, die meist roth, rosa, seltener gelblich oder schwärzlich gefärbt ist. Die Mode wechselt in Beziehung auf die Farbe; früher wurde die Koralle um so höher geschätzt, je lebhafter die Farbe war, jetzt wird das blasse Rosa vorgezogen. Die erste Behandlung besteht in der Ablösung der Rinde, in deren lederartig verfilztem Gewebe zahlreiche lose Kalknadeln eingebettet und die Zellen der Polypen, sowie die von ihnen ausgehenden Kanäle ausgehöhlt sind.

Ein Korallenbäumchen ist das vollendetste Vorbild einer rein kommunistischen Gesellschaft; alle Individuen sind durch Röhren und Gefäße miteinander verbunden, und was das eine verdaut, kommt der ganzen Kolonie zugute. Der zentrale Mund eines jeden Polypen führt in einen geräumigen Magensack, der durch acht im Kreise gestellte Scheidewände an die Zelle, in welche sich der Hals und der Kelch der Blumenkrone zurückziehen können, befestigt wird. Auf den Armen stehen zahllose, mikroskopische Wimpern, die einen Strudel erzeugen, durch welchen kleine Körperchen in den Mund eingewirbelt werden. Der Magensack ist an seinem Grunde durch Spalten direkt in Kanäle geöffnet, die in der Rinde ein verzweigtes Netz bilden und sich endlich zu Sammelkanälen vereinigen, welche unmittelbar dem steinigen Kerne aufliegen. Auf den Scheidewänden, die den Magen umstehen, entwickeln sich Eier und Samenzellen; sie sind die Träger der Fortpflanzungsorgane. Meist sind die Stöcke verschiedenen Geschlechtes, das eine Bäumchen männlich, das andere weiblich; doch hat man auch schon Bäumchen gefunden, auf welchen Polypen beiderlei Geschlechtes eingepflanzt waren. Die befruchteten Eier entwickeln sich im Innern der Kanäle zu infusorienartigen Jungen, die über und über mit Wimpern überzogen sind, schließlich durch den Magen und Mund der Polypen hinausschlüpfen in das freie Meer, in diesem einige Zeit herumschwimmen und dann an einem geeigneten Orte sich festsetzen und auswachsen zu neuen Bäumchen.

Die Erzeugnisse der geschlechtlichen Fortpflanzung, auf deren Entwicklung wir später zurückkommen werden, sind also nur zur Versendung nach auswärts, zur Bildung neuer Korallenbäumchen bestimmt, sie tragen zum Wachsthum der ganzen Kolonie nicht das Mindeste bei. Wie aber geschieht dieses?

Um eine genauere Kenntniß der Vorgänge, welche sich bei dem Wachsthum der Kolonie abspielen, zu erhalten, muß man besondere Veranstaltungen treffen und mit dem Rasirmesser die Rinde in seine Schnitte zerlegen, die so durchsichtig sind, daß man sie unter dem Mikroskope beobachten kann. Aber die in der Rinde angehäuften Kalknadeln und das innere Skelett setzen dem Messer zu bedeutenden Widerstand entgegen; sie müssen also durch Säuren aufgelöst und entfernt werden. Erst wenn dies geschehen ist, kann man die Substanz mit Weingeist so härten, daß ihre Zerlegung in feine Schnitte möglich ist. Zeitraubende, wochenlang dauernde Vorbereitungen, die aber schließlich zum Ziele führen!

Das Wachsthum und die Bildung neuer Thierchen, die damit eng verbunden ist, werden durch die Nährgefäße der Rinde vermittelt. Diese sind mit Zellen ausgekleidet, welche eine direkte. Fortsetzung der den Magen auf seiner Innenseite überziehenden Zellen sind. An den Gesäßen bilden sich Erweiterungen, Aussackungen, in welchen die Zellen wuchern, so daß sie oft den ganzen Innenraum der Aussackungen zu erfüllen scheinen. Schließlich bilden diese Zellenwucherungen eine Knospe, an welcher man bald die eingeschlagenen Arme und den inneren Magensack mit den umgebenden Falten wahrnimmt. Diese Knospen drängen gegen die Oberfläche hin, die Aussackung wird zur Zelle, die anfangs noch vollkommen geschlossen ist, während man die Mundöffnung der in ihr steckenden Polypenknospe schon deutlich wahrnehmen kann. Endlich öffnet sich die Zelle auf der warzenförmigen Erhöhung und der Polyp kann nun feine Arme entfalten und Nahrung herbeiwirbeln.

Diese Knospenbildung von innen heraus findet am lebhaftesten an der Spitze der Zweige und an denjenigen Stellen statt, wo neue Zweige gebildet werden sollen, und mit ihr wächst das Bäumchen weiter, wenn es an geschütztem Orte ungestört sich entwickeln kann , in seltenen Fällen bis zu einer solchen Größe, daß der ganze Baum einen Meter Länge und der Stamm fast die Dicke eines Armes erreichen kann. Von solchen Riesenkorallen träumt der Fischer - aber sie wachsen nur im Hintergrunde tiefer Grotten, in welche das „ingegno“ nicht eindringen kann! Während aber die Bäumchen an der Spitze der Zweige fortwachsen, sterben die Polypen an dem Stamme allmählich ab, wie die Knospen an dem Stamme eines Pflanzenbaumes verschwinden.

Niemand weiß, wie lange die Edelkoralle wächst und um wie viel sie in einem Jahre wächst. Gewiß hängt dieses Wachsthum sehr von einer Menge zusammenwirkender Umstände ab, besonders von der reichlichen oder spärlichen Zufuhr der Nahrung. Wahrscheinlich aber wächst die Edelkoralle nur sehr langsam, wie aus dem Umstande geschlossen wird, daß ausgefischte Bänke zwanzig und mehr Jahre lang brach liegen müssen, bevor wieder dort Korallen erbeutet werden können, die verkäuflich sind. So wurde die zwischen Neapel und Capri gelegene Bank, die man neu entdeckt zu haben glaubte, noch zu Zeiten Cavolinis, im Anfange dieses Jahrhunderts, befischt, dann aber aufgelassen und vergessen - die jetzt dort erbeuteten Bäumchen haben keine bedeutende Größe. Vielleicht hängt dieses langsame Wachsthum mit der Festigkeit des harten inneren Skeletts zusammen, das so dicht ist, daß es eine schöne Politur annehmen kann. Andere, nicht benutzbare Korallen mit porösem Skelette scheinen dagegen ziemlich schnell zu wachsen, wie man aus Beobachtungen an untermeerischen Telegraphenkabeln oder an Ankern und ähnlichen Gegenständen schließen kann, die aus dem Meere heraufgeholt wurden.

Die Edelkoralle folgt in der doppelten Fortpflanzungsweise durch Eier, welche bewegliche Junge hervorbringen, und durch [60] festsitzende Knospen, welche mit den übrigen Thieren der ganzen Kolonie in Verbindung bleiben, dem allgemeinen Gesetze, das für alle festsitzenden Thierkolonien gilt. Die auf ungeschlechtliche Weise erzeugte Knospe vermehrt die Insassen der Kolonie, das durch geschlechtliche Befruchtung erzeugte Junge verläßt die Kolonie, um als Pionier in das Weite zu schweifen und in größerer oder geringerer Entfernung eilte neue Kolonie zu bilden.

Wie dies geschieht, habe ich schon angedeutet - es dürfte aber wohl von Interesse sein, den Vorgang etwas näher zu verfolgen.

Die Eier werden innerhalb der Hohlräume, an deren Wänden sie sich entwickeln, zu kleinen, platten Würmchen, die etwa einen Millimeter Länge haben, weißlich durchsichtig und über und über mit Flimmerhaaren bedeckt sind, mittels welcher sie in der Flüssigkeit umherschwimmen. So drehen und winden sie sich eine Zeitlang in den engen Innenräumen umher, bis sie durch die Spalten des Magensackes in diesen gelangen und schließlich durch den Mund des Polypen in das freie Wasser hinausschlüpfen. Diese wurmförmigen, etwas abgeplatteten Larven, die man Planulae genannt hat, haben noch keinen Mund, aber eine innere, ringsum geschlossene Höhlung; erst nach einigem Umherschwimmen, wobei sich das eine Ende ballenförmig ausdehnt, das andere aber etwas röhrenförmig auszieht, bricht an diesem spitzeren Ende der Mund durch, so daß dann das Thierchen einer hohlen Birne gleicht. Es schwimmt stets mit dem dicken Ende voran, steigt gern zur Oberfläche des Wassers empor, um sich dann wieder auf den Boden sinken zu lassen. Da es sich nach mehrtägigem Umherschwimmen mit dem stumpfen Ende an irgend einem festen Körper festsetzt, so erklärt sich aus dieser Gewohnheit des Aufsteigens die Thatsache, daß die Koralle gern auf der Unterfläche überhängender Felsen sich festsetzt.

Während man schon Ende April und Anfang Mai in den Gewässern von la Calle, dem Hauptorte der algerischen Korallenfischerei, reife Eier in den Korallenstöcken findet, scheint die Ausstoßung der Larven erst gegen das Ende des Monats August zu beginnen und in der ersten Hälfte des September ihren Höhepunkt zu erreichen; dann nimmt sie ab und im November findet, man weder Larven noch Eier in den Korallenstöcken.

Wollte man auf die Hegung der Korallen dieselben Regeln . anwenden, wie auf den Schutz der Austern und der Fische, so sollte während der Fortpflanzungszeit, also vom 15. August bis letzten September, das Fischen nach Korallen gänzlich verboten werden. Allein bis jetzt hat man an solche Schonungszeiten noch gar nicht gedacht und ehe man sie einführte, müßte man durch erneute und ausgedehnte Beobachtungen erst feststellen, ob diese Epochen auch für alle Meere dieselben sind.

Nachdem die birnförmige Planula eitle Zeitlang umhergeschwommen und vielleicht von Wind, Wellen und Strömungen über weite Strecken weggeführt worden ist, setzt sie sich mit dem breiten Ende fest und bildet nun einen kleinen warzenförmigen Kuchen, ähnlich eitlem Gugelhupf, mit einer centralen Mundöffnung, die in den einfachen Magen führt. Die kleinsten festsitzenden Wärzchen, die der französische Forscher Lacaze-Duthiers fand, hatten nur ein Viertel eines Millimeters Durchmesser, sie machten sich aber schon durch die rothe Farbe bemerklich, die von kleinen Kalknädelchen herrührt, welche in dem durchsichtigen Zellengewebe der Körpersubstanz sich bilden.

Nun wächst der Polyp rasch aus; er erhebt sich auf einer schwammigen Wurzel; der Magensack mit seinen acht Strahlenbändern im Innern und die acht um den Mund gestellten Arme lasten sich bald unterscheiden.

Aber noch ist es ein einfacher Polyp, der mit verbreiterter Basis aufsitzt.

Bald erscheint aber an einer beliebigen Stelle des rothen Körpers ein weißes Wärzchen; es wächst aus, öffnet sich, die Arme brechen durch - ein Tochterpolyp hat sich als Knospe gebildet. Dieser Knospe folgt bald eine zweite, dritte und so fort, wobei sich das Gebilde mehr streckt und in seinem Innengewebe das feste Skelett aus sich zusammenschließenden und miteinander verschmelzenden Kalknädelchen entstehen läßt.

Die Knospung schreitet rasch vorwärts, die Warze wird zu einer lang gestreuten Keule, aus deren Endknopfe stets neue Polypen sprossen. Einige derselben werden vielleicht durch stärkere Zufuhr von Nahrung oder auf eine andere Weise begünstigt, so daß sie zahlreichere Knospen in ihrem Umkreise entstehen lassen; die Stelle hebt sich empor und wird zu einem Aste, der Nebenzweige treiben kann. Aber noch sind die Korallen nicht ganz vor Feinden geborgen, vor Unfällen geschützt. Ein vorüberstreifender Fisch kann wohl einen der sperrigen Zweige abbrechen; die Narbe heilt schnell zu ohne weitere Folgen. Noch öfter werden bei der Fischerei Zweige und ganze Bäumchen abgerissen, die nicht an dem Netze hängen bleiben, auf den Boden fallen, zu Grunde gehen und später als todte Abfälle aufgefischt werden. Es giebt Nacktschnecken, welche mit ihrer bezahnten Zunge die Polypen anderer Korallen förmlich abgrasen; auf den Korallenbänken der südlichen Meere leben Fische, die mit ihren harten schnabelförmigen Schneidezähnen sogar die Kalksubstanz der Korallen abraspeln, und sie mit ihren platten Backzähnen zu zermalmen und die thierische Substanz zu verdauen. In andere Korallen bohren sich kleine Krebsthiere, Rankenfüßer oder auch Muscheln ein; in den halb weichen Bandkorallen (Alcyonium), die ich bei Cette fischte , traf ich fast regelmäßig eingebohrte Krebse an, die tief in das Innere eingedrungen waren. In anderen Fällen werden gewisse Korallen von Schwämmen oder Moossthierchen dergestalt überwuchert, daß sie vollständig absterben und ihr Skelett den Schmarotzern nur noch als Stütze dient. Ich habe sogar Bandkorallen gefunden, um deren Zweige Tintenfische, kleine Sepiolen, ihre Eier so fest mittels eines lederartigen Ringes angeheftet hatten, daß manche dieser Zweige dem Absterben nahe waren.

Weder ich noch irgend ein anderer Beobachter hat ähnliche Vorkommnisse bei der Edelkoralle gefunden. Sie hat andere Feinde, die besonders häufig an den Korallen des westlichen Mittelmeeres, bei Oran und an den spanischen Küsten, sich finden lassen. Ein kleiner Röhrenwurm, eine Serpula, die sich mit einer weißen Kalkröhre umgiebt, bohrt sich bis in den Kern ein, so daß die bearbeitete Koralle von einer Unzahl feiner, weißtapezirter Löchelchen durchbohrt scheint. Die Koralle ist, wie der Händler sich ausdrückt, „gestochen“ und wenig werth. Viele spanische Korallen nehmen die die eigentümliche Durchsichtigkeit der Politur an, welche die Korallen von la Calle und Böne an der algerischen Küste so werthvoll macht. Ihre Masse ist von einem wahren Filze von mikroskopischen Fädelt einer Alge durchschwärmt, die sich auch in andere Korallen und selbst in Muschelschalen einnistet. Zuweilen, aber selten, bilden sich auch solche Filze von mikroskopischen Kieselschwämmen in dem Geäste der Korallen aus.

Aeußerst zart und empfindlich sind die Edelkorallen gegen äußere Einflüsse jeder Art und namentlich gegen schnelle Temperatur oder Lichtwechsel. Lacaze-Duthiers, der sich jahrelang mit ihrer Beobachtung und Behandlung in Aquarien beschäftigte, klagt Jammer und Noth über diese Empfindlichkeit; bei Scirocco starben regelmäßig alle seine Korallen in den Aquarien, wenn diese auch mit beständig fließendem Seewasser gespeist waren; wenn die Temperatur des Wassers 16° C. überstieg, wurden sie unbehaglich, die Polypen schlossen sich und starben nach kurzer Zeit; es war ihm unmöglich, sie den Sommer über am Leben zu erhalten, und im Winter tödtete sie ein Sinken der Temperatur unter 12° C. In den Aquarien der Station zu Neapel, wo die Gläser vor Sonnenstrahlen und grellem Lichte geschützt sind, lebten die Korallen während der Winter- und Frühlingsmonate vortrefflich - aber immerhin gab es unter den vielen einzelne Stöcke, die beharrlich ihre Kelche geschlossen hielten, obgleich die lebhaft rothe Farbe der Bäumchen, die bei dem Tode einer gelblichen Farbe Platz macht, deutlich bewies, daß sie in voller Lebenskraft sich befanden. Lacaze-Duthiers, der nur auf sich und die Mithilfe eines intelligenten Matrosen, den er sich herangezogen hatte, angewiesen war, mußte ungemein viel Zeit, Mühe und Sorgfalt verschwenden, um seine Untersuchungen zum Ziele führen zu können; jetzt hat man es leichter in solchen Stationen wie die von Neapel, wo frisches, durchlüftetes und zugleich Nahrung enthaltendes Wasser den Behältern. in welchen man die Korallen bewahrt. unmittelbar aus dem Meere in stetem Strome zugeführt wird.

Die Korallenfischerei ist für Italien kein unbedeutender Erwerbszweig, der außer den Fischern selbst eine Menge von Arbeitern ernährt. Bis zu dem Jahre 1873 blieb die Fischerei fast stationär und beschäftigte etwa 360 Boote, van welchen 300 allein von Torre del Greco ausgingen, die anderen besonders von Alghero in Sardinien, Trapani und Messina in Sicilien. Santa Margherita [61] und Livorno in Toskana. Torre del Greco allein entsendete größere gedeckte Corallinen von 10 bis 14 Tonnen mit 10 bis 12 Mann Besatzung; die andern Orte fischten nur auf den Bänken in der Nähe ihrer Häfen mit kleineren Fahrzeugen wie diejenigen, die wir auf der Bank vor Capri arbeiten sahen. Die werthvollsten Korallen werden an der afrikanischen Küste zwischen Algier und Tunis, namentlich bei Bône und la Calle gefischt – das Kilogramm wurde im Jahre 1870 roh, wie es aus dem Meere kam, im Mittel auf 65 Franken Handelswerth geschätzt, während die an der sardinischen Küste, besonders in der Bonifaziostraße gefischten Korallen nur auf 50 Franken und die von Corsica auf 45 Franken geschätzt wurden. Nach einem amtlichen Berichte des

Die Gartenlaube (1891) b 061.jpg

Die Edelkoralle.


Die Tafel soll eine Zusammenstellung verschiedener Zustände und Entwicklungsstufen der Edelkoralle geben. Sämmtliche mit Buchstaben bezeichnete Figuren sind in natürlicher Größe, die mit Ziffern bezeichneten dagegen sind bedeutend, etwa zehnmal vergrößert dargestellt.

A. Ein an einem überhängenden Felsen festgewachsenes, todtes Korallenbäumchen, wie sie bei Sciacca gefischt wurden. Die Astspitzen stehen nackt aus der theilweise rissig gewordenen und von Würmern angebohrten Rinde hervor, die ein braunrothes, schmutziges Aussehen hat. Nahe der Wurzel ist die Rinde des Stammes abgeschilftert, so daß man den feinstreifigen, inneren Kern sieht, der zu Schmuckgegenständen allein verwendet wird. B. Ein von der zool. Station zu Neapel konserviertes Korallenbäumchen, dessen Polypen fast alle entfaltet sind. Die Polypen sind durchscheinend weiß, die Rinde, in der sie sitzen, hell zinnoberroth. Die kolbigen Enden der Zweige sind besonders reich mit sprossenden Polypen besetzt.

a. Ganz kleine, noch einfache Korallen. Sie gleichen kleinen Tröpfchen von rothem Siegellack und stellen ein schon herangewachsenes Stadium dar. Die kleinsten, schon roth gefärbten Anfänge haben nicht einmal ein Viertel Millimeter im Durchmesser. b. Weiteres Stadium, wo der Mutterpolyp schon eine noch geschlossene Seitenknospe getrieben hat. c. Der Stiel ist ausgewechselt und trägt einen Endkolben mit zwei oder drei Polypen. d. Der Stiel hat sich verlängert und die Zahl der Knospen in dem Endkolben ist vermehrt. e. Noch größeres Exemplar, das sich anschickt, Seitenäste zu treiben.

1. Zehnfach vergrößerter, noch einfacher Polyp mit kugligem Körper, von oben gesehen. Man sieht in dem Mittelpunkte zwischen den acht ausgestreckten Armen, deren Randfransen entwickelt sind, auf einer etwas ovalen, hügelförmigen Erhebung die Mundöffnung. 2. Ein ähnliches Stadium im Profil. Arme und Körper des Polypen sind durchscheinend weiß, der Körper roth gesprenkelt. 3. Etwas älteres Stadium im Profil, mit ausgestreckten Armen. Am Rande des rothen Körpers sproßt eine durchscheinende, farblose Warze, ein zweiter Polyp, hervor. 4. Ein auf dem Zweige festsitzender, erwachsener Polyp, stark vergrößert, von der Seite. Die Arme sind zurückgeschlagen und aus dem wulstartig aufgetriebenen Munde schlüpft eben eine Larve, eine Plannla, hervor. 5. Im Wasser mittels eines Flimmerkleides umherschwimmende, neugeborene

und einige Tage alte Larven, Plannlae, in verschiedenen Stellungen ihres ungemein biegsamen und dehnbaren Körpers.