Die Einacter

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
<<< >>>
Autor: Karl Kraus
Titel: Die Einacter
Untertitel:
aus: Die Fackel, Nr. 1, I. Jahr, S. 24–27
Herausgeber: Karl Kraus
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: ANFANG APRIL 1899
Verlag:
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Wien
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: scans auf commons
Austrian Academy Corpus: AAC-FACKEL Online Version: »Die Fackel. Herausgeber: Karl Kraus, Wien 1899-1936«
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bild
{{{EXTERNESBILD}}}
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


Die Einacter

[24] Im Burgtheater hat man dem jungen Wien Gelegenheit gegeben, einmal repräsentativ zu beweisen, dass es über keinen eigenen Ton verfügt. Herr Arthur Schnitzler, der noch immer den geringfügigen Ruhm genießt, in solcher Mitte der Beste zu sein, und der durch eine solide literarische Geschäftsgebarung im voraus manche Sympathien für sich hatte, kam mit drei Einactern zu Worte. Weil ihm wiederholt schon ein hübsches Talent für erste Acte nachgerühmt wurde, will er seine dramatische Kurzathmigkeit jetzt als Genre pflegen. »Paracelsus« ist eine Blüette, die ihre gedankliche Nichtigkeit in historischem Gewande darbietet. Es ist Schnitzlers Höhenflug: wo er aus dem Bereiche seiner anmuthigen Wiener Empfindsamkeiten hinausstrebt, muss er auf Fuldas Ebene landen. — »Die Gefährtin« ist ein seltsames Kunstproduct gewollter Psychologie. Die Scene gewährt einen Prospect auf das Grab einer Frau, und mit vertheilten Rollen wird ein Nachruf gesprochen, der zu ungeschickt abgefasst ist, um nicht peinlich zu wirken. Bei Strindberg hat der Hass eine Technik geschaffen, und wenn er es unternähme, gegen das frische Grab einer Frau zu polemisieren, so würde man eben dem Temperament bewilligen, was man Herrn Schnitzler und seiner umständlichen seelischen Obduction nicht verzeihen kann. Das Werkchen trieft von psychologischem Doctordünkel. Der Gedankengang, der sich in einer kurzen und geraden Linie prächtig erschöpfen ließe, verläuft spiralenförmig, und das armselige Thema wird den verzweifeltsten Drehungen unterworfen. »Die Gefährtin« ist geradezu das Meisterstück scenischer Unbeholfenheit; ein Monolog der Hauptperson, der noch rechtzeitig durch das Eintreten einer »sympathischen Frauengestalt« verhindert wird, einer edlen Dulderin der Stichworte. — »Der grüne Kakadu« heißt des Abends bester Theil. Hier ist Herrn Schnitzler wenigstens wieder ein sicherer und launiger Dialog geglückt. Und die Mache blinkt so sauber, dass sie zuweilen selbst über den Eindruck der Drolligkeit hinweghilft, den der Dichter der Liebe vom »Währinger Gürtel« auf dem Hintergrund der großen Revolution hervorrufen muss. Es ist ja nicht zu verlangen, dass eine solche Zeit in den Köpfen des jungen Wien andere als anekdotische Stimmungen auslöse. So sehen wir das Gewaltige zu einem netten Genrebildchen eingefangen. Wo dieses zu jenem sich erweitert, fällt der Vorhang, und der Autor bewies, dass seine Geschicklichkeit sogar noch knapp bis zum Übergang [25] reicht. Das ist nicht wenig, und um des »Grünen Kakadu« willen dürfte sich der Einacter-Cyclus auf dem Repertoire behaupten. Vielleicht versucht man es dann auch mit einer oder der anderen Scene aus dem »Anatol«, der bis heute noch Schnitzlers dramatisches Können auf die prägnanteste und gefälligste Art umschrieben hat.

Auch Hugo von Hofmannsthal sollte mit seinem Erstling (»Gestern«, bei Klinkhardt verlegt) für das rehabilitiert werden, was er acht Jahre später geleistet hat. Dieser Edelsteinsammler aller Literaturen hat durch die Aufführung seines »Abenteurer« und seiner »Sobeïde« viel eingebüßt. Herrn Schlenther blieb es vorbehalten, mit täppischer Hand das Geheimnis zu lüften, welches das Schaffen des Ästheten so lange umschwebte. Wenn Herr Schlenther sich um jeden Preis als österreichischer Patriot bethätigen will, so wird er unser heimisches Literatenthum aus dämmeriger Zurückgezogenheit nicht vor das Rampenlicht locken dürfen. Herr v. Hofmannsthal, dem frühzeitig die Mittel dazu geboten waren, hat sich bis heute als Goethenatur in engeren Kreisen gut bewährt. Man wusste, dass er das Leben floh, dass sein Wesen der »gemeinen Deutlichkeit der Dinge« widerstrebe und dass auf dem Lehnstuhl vor seinem Schreibtische, ganz wie es Herr Bahr verlangt, »der Abglanz der Ewigkeit« ruhe. Man konnte ihn für seinen vornehmen Geschmack loben, der, in dem Studium aller Schönheitsepochen des menschlichen Geistes verloren, keine Schallwelle von dem eklen Gekreisch unseres Theaterthums an sich herankommen ließ. Dass er kein Dichter war, durften ihm die anderen, die es nicht sind, wohl verzeihen; aber er hat sie überragt, weil er, wie keiner neben ihm, Dichter zu lesen vermochte, und in seinem Ohr klang es von allen Rhythmen der Classik. Er war gewohnt, aus einem mit köstlichem Edelgestein besetzten Glase zu trinken. Dieses war klein und — nicht sein eigenes, wie man ein Musset’sches Wort verändernd und mit leisem Bedauern sagen konnte. Aber ihm zur Ehre mochte es schon gereichen, dass seinen artistisch erzogenen Blick die Pracht der Steine immer wieder anzog. Allzu früh waren ihm literarische Verderber an die Seite gegeben, und der von seinen Eltern verwöhnte Liebling der Grazien, dem man die Allüren Jung-Goethes aufzwang, konnte der Gefahr, die seine Entwicklung bedrohte, bald nicht mehr entrinnen. Jetzt hat ihn Herr Schlenther sogar um das bischen Mangel an Eigenart gebracht, das ihm noch kürzlich so nett zu Gesicht gestanden war. Nach dem unheimlich [26] formgewandten und preciösen »Gestern« des 17jährigen hatte man lange gehofft, dass der Wein, wenn er sich auch noch so abgeklärt geberde, doch am Ende mal ’nen guten Most geben werde. Die zwei Einacter im Burgtheater brachten die Enttäuschung. Hofmannsthal ist um ein Beträchtliches koketter geworden und seine Form, die ehedem noch ein spielerisches Verhältnis zu Gedanken hatte, zeigt jetzt die völlige Abhängigkeit des Bildungslyrikers von der jeweiligen Lectüre. Ein Niederschlag von allen Culturen hat hier seine rein äußerlichen Wirkungen gezeitigt. Was zu dramatischer Geltung gebracht wird, ist im »Abenteurer« kaum mehr als ein Tändeln mit Degen und Mantel, in der »Sobeïde« etwa der Sinn für die Schönheit eines bunten Teppichs. Im zweiten Werke scheint Hofmannsthal hin und wieder auch etwas sagen zu wollen. Aber es ist ihm wohl nicht zuzutrauen, dass er den Befreiungsdrang einer Frauenseele durch Ungemach und alle Fährnisse des Lebens, die er ihr bereitet, absichtlich ad absurdum führen wollte. Das wäre eine recht philiströse Anschauung, die vor der Flucht aus dumpfer Enge warnt und die Thür, durch die eine Befreite zog, vorsichtig »für alle Fälle« zur Rückkehr offen hält. Grillparzers Rustan mag von bösem Traume zur Nüchternheit des bürgerlichen Lebens erwachen und, zufrieden in wiedergefundener Wirklichkeit, den Ruhm einen leeren Wahn schelten. Aber das Sehnen nach »Assad«, das einen Schimmer von Glück über das Dasein mancher Sclavin breitet, haben bis heute noch, selbst wo sie es in That verwandelten, wenige Sobeïden zu bereuen gehabt. Gewiss ist indeß Herrn v. Hofmannsthal so weise Bedenklichkeit nicht zuzumuthen, und mehr als ein decoratives Vergnügen dürfte ihn denn auch zu seiner »Sobeïde« nicht verführt haben.

Ein Zeichen der Unechtheit tritt dabei greller als sonst in Erscheinung. Es ist ja Hofmannsthals Art, die Offenbarungen der Dichter aus der Hand der Übersetzer zu empfangen. So wie den »Präraphaeliten« aus der rudimentären Technik, mit der einst die Schüler von Sienna sich behelfen mussten, neue Schönheit erblüt, so lässt sich Herr v. Hofmannsthal durch die naturgemäßen Mängel einer Übersetzung anregen. Nicht Shakespeares und der Griechen, aber Schlegels und Thudichums Epigone spricht aus den Versen dieses »Primitiven«. Auch früher konnte man aus manchen seiner Wendungen zuweilen den Gegenstand seiner momentanen Beschäftigung errathen; so wenn er, mitten aus dem Studium lateinischer Classik heraus, [27] seine Sprache mit Ovidischen Floskeln schmückte und ganz im Sinne, ja Wortlaute des Römers das Bild einer Überschwemmung z. B. mit den »in den Ulmen hängenden Fischen« (pisces in ulmis haerentes) zu zeichnen pflegte. Heute ergeht er sich in leeren Travestien aller möglichen Stile.

»Doch nun zu Bett; dies ist ein buntes Zeug
Von Wiedersehn und Trennung, Angst und Lust,
Und macht den Kopf so wirr, als hätt’ man Nächt’
In einem Maskenaufzug umgetrieben …«

Ist es nicht, wenn man diese Worte aus seinem »Abenteurer« hört, als lauschte man einer förmlichen Stilkopie Schlegel-Shakespeares? Herr v. Hofmannsthal treibt philologische Lyrik. Nach seiner Weltanschauung zu fragen, nach jenem Etwas, das von seinen Versen übrig bleibt, wenn man sie von Costüm und Anklängen befreit, wäre müßig. Genug, er flieht noch immer das Leben und liebt die Dinge, welche es verschönern.