Die Einsiedeleien des Harzes

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Autor: Gustav Heyse
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Titel: Die Einsiedeleien des Harzes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 552–554
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[552]
Die Einsiedeleien des Harzes.


Von Gustav Heyse.


Es liegt ein wunderbarer Reiz, eine geheimnißvolle Macht in der Einzelheit der Dinge. Ein Berg, der sich einzeln aus der Ebene erhebt, ein einsam stehender hoher Baum, ein mächtiger erratischer Block auf flacher Haide, sie ziehen den Blick unwiderstehlich an, sie werden das Ziel unserer Wanderungen, der Gegenstand unserer Lieder und Sagen. Und nun gar ein einzelnes Haus! Nicht zu den kleinsten Reizen des Harzes gehören daher die zahlreichen einzelnen Häuser und Häusergruppen, die über seine Berge und Thäler verstreut sind. Nicht weltscheuen Einsiedlern oder poetischen Naturschwärmern dienen sie zum Aufenthalt; nein, der Erwerb, das Bedürfniß hat sie hervorgerufen, und derbe, durch Noth und Sorge, durch Wind und Wetter gehärtete Naturmenschen bewohnen sie. Wo irgend ein Bach seine Felsenwiege verlassen und seine ersten lustigen Sprünge in die Welt hinein versucht hat, da lauert ihm im Thale auch schon der Mensch mit Zaum und Zügel auf, um ihn in seinen Dienst zu zwingen; da gilt es Korn zu mahlen und Erz zu pochen, Holz und Steine zu sägen, Lumpen zu stampfen, Hämmer zu schwingen und Bälge zu treten. Daher die zahllosen Mühlen und Hüttenwerke, die den Lauf der Thäler bezeichnen. Bald liegen diese Mühlen auf Büchsenschußweite aneinander gereiht, bald aber auch in tiefster Abgeschiedenheit und zum Theil mit entzückender Umgebung. Von Hunderten nenne ich hier nur die jetzt in Verfall gerathene Fuhrbachs- oder Steinmühle bei Rothesütte, die Tiefenbacher Sägemühle bei Stiege, die Mönchsmühle bei Michaelstein, die Untermühle zwischen[WS 1] Neuhaus und Hilkenschwende, die Marmormühle bei Rübeland und die Mühlen und Eisenhämmer in den Thälern der Selke und Ilse.

Aber auch Wald und Wild haben zur Entstehung vieler Häuser Veranlassung gegeben. Die Köhler und Holzhauer freilich wohnen in den Dörfern und führen nur auf Monate ihr Waldleben, wo ihnen das primitivste aller Häuser, eine Köthe, als Obdach dient. Für die Beamten aber, denen die Beaufsichtigung und Bewirthschaftung der Forsten obliegt, waren hier und da solidere und bequemere Wohnungen nöthig, von denen manche zugleich als Jagdschlösser für die fürstliche oder gräfliche Herrschaft eingerichtet wurden und die noch häufiger mit Gastwirthschaft verbunden sind. Auch trifft man nicht selten mitten im Walde auf ein einzelnes verschlossenes Haus oder Häuschen, das nur zur Zeit der Jagd, zur Lohnung der Waldarbeiter oder bei andern Gelegenheiten von den Förstern benutzt wird, oder auf einen mit Raufe versehenen offenen Schuppen zur Fütterung des Wildes. Zu jenen bewohnten Forsthäusern, die zugleich Gastwirthschaft einschließen, und in deren manchem das Schlüsselbund der Frau Försterin für den Etat des Hauses ungleich schwerer wiegt, als die Büchsflinte ihres Gemahls, gehören unter Andern im anhaltischen Harz Sternhaus, Victorshöhe und Meiseberg, im Wernigerodischen die Plessenburg, im Stolbergschen der überaus liebliche Eichenforst, sowie westlich vom Brocken Oderbrück, Torfhaus, der Ahrensberg und der Auerhahn an der Straße von Zellerfeld nach Goslar. Seltener von Reisenden besucht, aber doch auch auf Gäste eingerichtet, sind zum Beispiel Wilhelmshof im Anhaltischen, Todtenrode bei Altenbrak, das Forsthaus bei Benzingerode und Christianenhaus in der Grafschaft Hohnstein. Manchmal sind neben der Försterei noch andere Häuser aufgewachsen, eine Meierei, eine Schenke oder Holzhauerwohnungen, und so entstanden Häusergruppen wie Hufhaus, Sophienhof und Rothesütte im Wernigerodischen Antheil der Grafschaft Hohnstein, Bärenrode bei Güntersberge, das braunschweigische Wendefurt u. A.

Der Bergbau ferner, wie er über reicheren und mächtigeren Erzgängen ganze Bergstädte hervorrief, trug auch nicht wenig dazu bei, den Harz durch einzelne Häuser und Häusergruppen zu beleben. Wo ein Schacht abgesunken ist und eine Wasserkunst stöhnt, da läßt auch ein Zechenhaus nicht lange auf sich warten. Hat die Grube aber größere Bedeutung und Ausdauer und liegt sie von Stadt und Dorf weit ab, so steigen neben dem Zechenhause und den zum Bergbau gehörigen Scheide- und Pochhäusern, Bergschmieden etc. wohl auch noch Wohnungen für die Beamten und einzelne Bergleute auf. Daher die Häusergruppen zu Bockswiese auf dem Oberharz, auf dem Büchenberge im Wernigerodischen, bei den Ilfelder Braunsteingruben und bei dem jetzt eingegangenen Antimonschacht bei Wolfsberg.

Noch zahlreicher sind die einzelnen Gebäude, welche der Landwirthschaft und Viehzucht dienen. Von Gütern und Vorwerken, Meiereien und Molkenhäusern, Viehhöfen und Rinderställen, die der Harz aufweist, könnte ich eine stattliche Reihe nennen.

Denkt man nun endlich an die einzelnen Zoll- oder Wegehäuser, die hier und da an den Kunststraßen errichtet sind, und an die noch weit größere Zahl von Gasthäusern und Restaurationen, die sich, fast über das Bedürfniß der Reisenden hinaus und nicht überall zur Verschönerung der Landschaft, auf allen besuchteren Höhenpunkten und in vielen Burgruinen angenistet haben, so könnte man vermuthen, daß vom Harzwalde selbst nicht viel übrig geblieben sei, daß alle diese Einzelwohnungen mit den Städten und Dörfern des Harzes zu einer großen Stadt zusammengerückt sein müßten. Aber wer jemals geholfen hat, einen Weihnachtsbaum auszuschmücken, der weiß wohl, wie manches Schock Aepfel und Nüsse sich in den Zweigen verliert, und wenn er dann von der Höhe des Brockens, der Victorshöhe oder Josephshöhe den Harz überschaut, darf er sich auch nicht wundern, nur hier und da ein rothes oder graues Dach aus der grünen Wildniß hervorschimmern zu sehen. Denn in der That, der Harzwald ist groß genug, um jedes dieser tausend Häuser mit einem breiten Gürtel von Einsamkeit zu umgeben.

Um das einsame Leben in diesen Waldhäusern kennen zu lernen, darf man freilich nicht an schönen Sommertagen eines jener beliebtesten Gasthäuser aufsuchen. Am Kaffeetisch vor dem Sternhause zum Beispiel könnte man sich leicht in den Thiergarten bei Berlin versetzt glauben; und auch da, wo Berg und Fels diese Illusion verhindern, wie auf dem Burgberge bei Harzburg oder vor den Gasthäusern in der Umgebung der Roßtrappe, lassen doch die vorüberziehenden Schwärme der Reisenden das Gefühl der Abgeschiedenheit nicht aufkommen. Aber verlassen wir einmal die Touristenstraße und schlagen uns seitwärts durch den Wald, nach einem jener abgelegenen Häuser, wie Wiedfeld, Schluft, Christianenhaus. Glück genug, wenn wir überhaupt Jemand zu Hause finden, etwa die Großmutter am Spinnrade und den von ihr bewachten Säugling in der Wiege; denn Alles, was kräftige Arme und Beine hat, ist noch draußen auf der Wiese, im Wald oder in den Ställen beschäftigt. Können wir uns mit der alten, harthörigen Frau nur schwer verständigen und sehen uns einstweilen nach Lectüre um, so haben wir die Auswahl zwischen Bibel, Gesangbuch und dem Harzkalender. Eine Zeitung verirrt sich nicht hierher.

[553] Als ich im Sommer 1848 auf dem Hufhause einsprach, gerieth ich mit dem fünfundachtzigjährigen Patriarchen der Familie, die schon seit langer Zeit diese paar Häuser bewohnt, in ein lebhaftes politisches Gespräch; er hatte gehört, daß sich der Franzose wieder geregt habe, und wollte Näheres wissen. Kaum hatte ich dabei Louis Napoleon’s erwähnt, so meinte er mit schlauem Lächeln: „Ja, ja, das hab’ ich wohl gewußt, daß sie den nicht unterkriegen werden.“ Für ihn lebte immer noch der erste Napoleon, und von einem zweiten und dritten wollte er nichts wissen. – Aber wenn auch von dem Wogenschlage der politischen Welt nur selten ein Tropfen auf diese Höhen spritzt und selbst die wichtigsten Ereignisse den Frieden des Waldes nicht leicht stören, so reicht doch ein stiller Kreis von Arbeit vollkommen hin, den menschlichen Geist auch hier zur Entwickelung zu bringen. Davon hat mich sechszehn Jahre später in demselben Hufhause ein Gespräch mit einer Schwiegertochter jenes Alten überzeugt, einer auch schon hochbetagten Frau, die selten von ihren Bergen heruntergestiegen war, aber über Menschen und Dinge ein so sicheres, klares Urtheil hatte, daß manche Salondame sie darum hätte beneiden können.

Was von vielen dieser Waldhäuser härter empfunden wird, als ihre Abgeschiedenheit vom Weltgewühl, ist ihre Entfernung von Kirche und Schule. Hufhaus, Sophienhof und Rothesütte waren ursprünglich Försterwohnungen im Hohnstein’schen Forst, der bei der Erbtheilung zwischen den Stolber’gschen Grafenhäusern an Wernigerode gefallen war. Allmählich wurden ihnen noch Viehhöfe, Schenken und einige Häuser für die allernöthigsten Holzarbeiten zugesellt; doch bestimmte noch ein Vertrag von 1709 „für ewige Zelten“, daß sie nie zu einem Dorfe erweitert werden sollten. Aber die Seelenzahl wuchs immer mehr, und da Ilfeld, wohin diese Häuser eingepfarrt waren, weitab liegt, so sah sich der Graf von Wernigerode schon 1734 genöthigt, für die Bedürfnisse der drei Forstörter in Rothesütte eine Kirche zu erbauen und einen eigenen Prediger und Schullehrer anzustellen. Für Hufhaus freilich war damit wenig gewonnen; es liegt drei Stunden von Rothesütte entfernt, und nur zwei Mal des Jahres kommt der Prediger herüber, um in einem Zimmer der Försterwohnung das Abendmahl auszutheilen.

Noch drückender für manche dieser einsamen Wohnstätten ist ihre Entfernung von der Schule. Wie wenige ihrer Bewohner vermögen einen Hauslehrer zu halten, oder ihre Kinder auswärts in kostspielige Pension zu geben! So müssen denn die Kleinen in Sommer und Winter, durch Schnee und Regen, vielleicht eine Stunde weit zur Schule wandern. Allerdings gewinnen sie dadurch an Selbständigkeit, und überhaupt steht so ein echtes Harzkind ungleich früher und sicherer auf seinen Füßen, als ein Kind der Ebene. Mit Vergnügen erinnere ich mich noch des kleinen Geschwisterpaars, das ich im Jahre 1855 auf dem langen, einsamen Waldwege von Wildemann nach Bockswiese einholte. Das achtjährige Mädchen trug eine schwere Kiepe mit Lebensmitteln für den Vater, der als Bergmann auf Bockswiese arbeitete; ihr sechsjähriger Bruder aber, einen mächtigen Wanderstab in der Hand und ein großes Schlägel und Eisen vor der Mütze, schritt als Beschützer nebenher wie ein erwachsener Bergmann und als ob ihm gar nichts passiren könne. Und doch strich weiterhin ein gar verdächtiger, zerlumpter Geselle an uns vorüber. Auf der entgegengesetzten Seite des Harzes, auf dem Wege von Breitungen nach Dietersdorf, begegnete mir im Jahre 1846 einmal ein andrer, etwa achtjähriger Junge, ebenfalls in einsamster Gegend. Auf mein Befragen, woher er komme, erzählte er mir treuherzig, daß er von einem Kunden seines Vaters, eines armen Flickschneiders, einen Gulden „gelangt“ habe. Eine Warnung, die mir unwillkürlich auf die Lippen trat, verschluckte ich wieder; denn in der That wäre es ein schlechter Handel gewesen, hätte ich dem arglosen Jungen um den Preis seiner kindlichen Weltanschauung eine armselige Klugheitsregel geboten. Wie sorglos der Harzer seine Kinder aufwachsen läßt, dafür könnte ich noch viele Belege geben. In dem einsamen Thale der Krummschlacht sah ich im Jahre 1867 vor mir auf dem Wiesenpfade ein Bündel Kleider liegen. Als ich näher kam, guckten unter den Lumpen ein Paar Aermchen und Beinchen hervor. Es waren ein Paar Kinder von vier bis sechs Jahren, die hier, zu einem Knäuel verschlungen, sich quer über den Weg dem Schlafe überlassen hatten. Aber der Himmel schien sie besser zu hüten, als sie selbst die paar Gänse, die in der Nähe weideten. Ich machte mir den billigen Spaß, in ihre ausgestreckten Händchen einige Kupferdreier zu legen, und denke es zu verantworten, wenn sie dadurch beim Erwachen zu dem Glauben an Wunder verführt worden sind. –

Ein wehmüthiges Gefühl ergreift den Wanderer, wenn er eine Gegend, die er früher durch ein freundliches Haus belebt kannte, nun verödet wiedersieht. Nach dem Bauersberger Zechenhause, wo ich im Jahre 1825 meinen ersten schüchternen Versuch im Kegelschieben machte, sah ich mich im Jahre 1858 vergebens um. Selbst der an ihm vorüberführende Fußsteig von Clausthal nach Grund schien wenig mehr betreten, seitdem mitten durch den Berg der Schulte-Stollen nicht nur das Wasser der Innerste zur Grube Hülfe-Gottes, sondern auch den Fußgänger bequemer nach Grund führt. Von einer verschwundenen Meierei im anhaltischen Harze, Dammersfeld, habe ich an einem andern Orte erzählt; hier möge noch einer braunschweigischen gedacht werden, die mich einst gastfreundlich aufgenommen hat.

Es war im September 1827, als ich auf einer Wanderung von Nordhausen nach Magdeburg den Harz durchstreifte. Ich hatte in Tanne übernachtet und brach nach Rübeland auf, um einen Freund zu überraschen. Der Weg war einsam und ermüdend. Nachdem ich einen tüchtigen Berg erstiegen, schlängelte sich der schmale Fußpfad, indem er sich oft verzweigte und mich um die Wahl verlegen machte, zwischen Dorngesträuch und Haselstauden über eine weite Ebene hin. Kein menschliches Wesen war weit und breit zu erspähen; nur hier und dort flatterte krächzend ein Rabe auf, oder ein Hase sprang durch’s Gebüsch, oder es summte ein bläulich-schwarzer Käfer an mir vorüber.

Endlich winkte mir ein rothes Ziegeldach. Ich war achtzehn Jahre alt und ein paar Stunden marschirt, – was konnt’ es anders sein, als ein Wirthshaus? Als ich in das große Gastzimmer trat, war es zu meiner Verwunderung leer; doch erschien gleich darauf ein junges, schlankes Mädchen mit ernsten, aber schönen Zügen und brachte mir auf mein Verlangen Milch und Butterbrod zum Frühstück. Die eigentliche Schänkstube mochte wohl nebenan sein, denn dort ging’s lebhaft genug zu. Vermuthlich Fuhrleute, dachte ich, die über den Weg streiten; nur fiel mir das Tactmäßige in ihrem Schreien auf, und daß Einer von ihnen, ein echter Haberecht, immer das letzte Wort behielt. Ich ließ sie streiten, setzte mich, behaglich frühstückend, an’s Fenster und knüpfte mit meiner jungen Wirthin ein Gespräch an. Als dann aber die Brille, deren Gläser Hunger und Durst waren, mir allmählich von der Nase glitt, sah ich zu meinem Erstaunen, daß ich mich nicht in einer Gaststube oder einem Tanzsaale, sondern in einem schönen großen Ahnensaale befand, dessen Wände mit zahlreichen Portraits bedeckt waren; ich hörte deutlich, daß nebenan nicht Fuhrleute, sondern der Informator mit seinen Zöglingen lärmte, – kurz, ich merkte jetzt, daß das ein stolzes Amthaus sei, was mir durch die verwünschte Brille wie ein Wirthshaus erschienen war. Aber jugendliche Unbefangenheit, die mich in das Haus geführt, half mir auch ohne große Beschämung wieder heraus. Gegen meinen Dank für genossene Gastfreundschaft tauschte ich die freundlichsten Wünsche für ferneres Wanderglück ein und nahm aus dem prächtigen Saale, wenn ich auch die steifen Allongeperrücken in ihren breiten Goldrahmen weislich hängen ließ, doch ein liebes Erinnerungsbild an das Gut „Lange“ mit fort.

Einunddreißig Jahre waren seitdem verflossen, und es war wieder ein heiterer Septembertag, als ich von Rübeland nach Hasselfelde wanderte. Der schöne schattige Fußweg, der kaum eine Viertelstunde von Rübeland rechts von der Straße ablief, mußte wohl nach Lange führen; und richtig! da stand ja noch der alte Wegweiser unter Bäumen versteckt. Aber er ließ seine Arme traurig herabhängen, und der Name „Lange“ war auf dem verwitterten Holze kaum mehr zu lesen. Trotz dieser warnenden Anzeichen trieb mich die Erinnerung vorwärts. Auf ein Stündchen Umweg kam es mir nicht an, um das gastfreundliche Haus einmal wiederzusehen. Ich wußte ja, wenn ich den schönen Fußweg eine halbe Stunde verfolgte und dann rechts um eine Waldecke bog, mußten die Gutsgebäude in einer Lichtung vor mir liegen. Ja freilich, die Waldecke kam und auch die Lichtung, – aber wo war das Gut geblieben? Dort stand doch noch sein alter Nachbar, der majestätische Ahorn, und schaute wie sonst nach der Susenburg und der Elbingeroder Ebene hinüber, – sollt’ ich mich denn in [554] der Gegend geirrt haben? – Zum Glück weidete kaum hundert Schritte von mir der Hasselfelder Kuhhirt seine Heerde, und so fragte ich hinüber: „Wo liegt denn Lange?“ „Da stehn Sie drauf, Herr!“ rief er zurück. Und wirklich entdeckte ich jetzt zu meinen Füßen noch Spuren des gepflasterten Hofes und einige Schritte weiter einiges Mauerwerk vom ehemaligen Backofen. Aber wo waren die großen Wirthschaftsgebäude geblieben? Wo der Ahnensaal mit seinen Allongeperrücken, der Informator mit seinen Zöglingen, und die junge, anmuthige Wirthschafterin? – Der alte, stattliche Fuchs, den ich bald darauf an der Bode entlang zur Trogfurter Brücke schleichen sah, mochte noch genau wissen, wann er sich vom Hofe zu Lange das letzte Hühnchen geholt; – der Hirt aber meinte, so ein halb Mandel Jahre könne es schon her sein, daß man die Gebäude hier abgebrochen habe.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: zwischeu