Die Erwartung

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Textdaten
Autor: Friedrich Schiller
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Titel: Die Erwartung
Untertitel:
aus: Musen-Almanach für das Jahr 1800, S. 226-229
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1800
Verlag: J. G. Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: HAAB Weimar und Commons
Kurzbeschreibung:
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[226]
Die Erwartung.

     Hör’ ich das Pförtchen nicht gehen?
     Hat nicht der Riegel geklirrt?
          Nein, es war des Windes Wehen,
          Der durch diese Pappeln schwirrt.

5
O schmücke dich, du grün belaubtes Dach,

Du sollst die Anmuthstrahlende empfangen,
Ihr Zweige, baut ein schattendes Gemach,
Mit holder Nacht sie heimlich zu umfangen,
Und all ihr Schmeichellüfte werdet wach

10
Und scherzt und spielt um ihre Rosenwangen,

Wenn seine schöne Bürde, leicht bewegt,
Der zarte Fuß zum Sitz der Liebe trägt.

     Stille, was schlüpft durch die Hecken
     Raschelnd mit eilendem Lauf?

[227]
15
          Nein, es scheuchte nur der Schrecken

          Aus dem Busch den Vogel auf.

O! lösche deine Fackel, Tag! hervor,
Du geist’ge Nacht, mit deinem holden Schweigen,
Breit’ um uns her den purpurrothen Flor,

20
Umspinn uns mit geheimnißvollen Zweigen,

Der Liebe Wonne flieht des Lauschers Ohr,
Sie flieht des Strahles unbescheidnen Zeugen!
Nur Hesper, der verschwiegene, allein
Darf still herblickend ihr Vertrauter seyn.

25
     Rief es von ferne nicht leise,

     Flüsternden Stimmen gleich?
          Nein, der Schwan ists, der die Kreise
          Ziehet durch den Silberteich.

Mein Ohr umtönt ein Harmonieenfluß,

30
Der Springquell fällt mit angenehmem Rauschen,
[228]

Die Blume neigt sich bey des Westes Kuß,
Und alle Wesen seh ich Wonne tauschen;
Die Traube winkt, die Pfirsche zum Genuß,
Die üppig schwellend hinter Blättern lauschen;

35
Die Luft, getaucht in der Gewürze Flut,

Trinkt von der heißen Wange mir die Glut.

     Hör’ ich nicht Tritte erschallen?
     Rauscht’s nicht den Laubgang daher?
          Nein, die Frucht ist dort gefallen,

40
          Von der eignen Fülle schwer.


Des Tages Flammenauge selber bricht
In süßem Tod und seine Farben blassen,
Kühn öffnen sich im holden Dämmerlicht
Die Kelche schon, die seine Gluten hassen,

45
Still hebt der Mond sein strahlend Angesicht,

Die Welt zerschmilzt in ruhig große Massen,
Der Gürtel ist von jedem Reiz gelöst,
Und alles Schöne zeigt sich mir entblößt.

[229]

     Seh’ ich nichts weißes dort schimmern?

50
     Glänzt’s nicht wie seidnes Gewand?

          Nein, es ist der Säule Flimmern
          An der dunkeln Taxuswand.

O! sehnend Herz, ergötze dich nicht mehr
Mit süßen Bildern wesenlos zu spielen,

55
Der Arm, der sie umfassen will, ist leer,

Kein Schattenglück kann diesen Busen kühlen;
O! führe mir die Lebende daher,
Laß ihre Hand, die zärtliche, mich fühlen,
Den Schatten nur von ihres Mantels Saum,

60
Und in das Leben tritt der hohle Traum.


     Und leis’ wie aus himmlischen Höhen
     Die Stunde des Glückes erscheint,
          So war sie genaht ungesehen
          Und weckte mit Küssen den Freund.

SCHILLER.