Die Flucht eines „Maikäfers“

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Titel: Die Flucht eines „Maikäfers“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 446–448
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Flucht eines „Maikäfers“.


Manche, namentlich sächsische Leser der Gartenlaube, werden sich wohl noch eines Mannes entsinnen, welcher wegen seiner Betheiligung an den Ereignissen des Jahres 1849 in Sachsen zu schwerer Büßung verurtheilt wurde und auf unbegreifliche Weise aus seinem Gefängnisse in Meißen entkam. Es ist dies der vormalige Bürgerschullehrer Thürmer, dem unter erstaunlichen Gefahren seine Flucht gelang, und der sich später im Staate Indiana in Nordamerika durch Musikunterricht eine ansehnliche Farm erworben hat, auf welcher er nun mit den Seinen ein sorgenfreies und glückliches Familienleben genießt. Auf die Bitten seiner näheren Freunde und Bekannten theilt er hiermit die Schilderung seiner Flucht mit. Vorausschicken müssen wir nur noch, daß das Meißner Gefängniß, in welchem Thürmer damals saß, das sogenannte städtische Stockhaus am Stadtgraben nach der Elbseite hin war. Das Gebäude hatte einen Theil der alten Befestigung gebildet und war mit einem viereckigen Thurm versehen. Die politischen Gefangenen wurden in diesem städtischen Gefängniß untergebracht, bis nach der Flucht Thürmer’s größere Vorsicht nöthig erschien und die noch übrigen „Maikäfer“, so nannte man damals die sächsischen Maigefangenen, ein strengeres Gewahrsam in der Frohnfeste des Gerichtsamts auf dem Schlosse neben der Albrechtsburg angewiesen erhielten.

„Nachdem ich,“ so schreibt uns Thürmer, „mein Urtheil vernommen hatte, welches auf Tod lautete, aber durch Königs Gnade auf lebenslängliches Zuchthaus herabgesetzt war, begann ich ernstlich auf meine Befreiung zu denken, für die ich mancherlei Pläne hatte. Gleich der erste gelang nicht, weil das Zeichen von außen nicht zur passenden Zeit gegeben wurde. Dieser Fehlschlag brachte mich auf den Gedanken, meine Befreiung aus dem Gefängnisse weder von Personen noch von der Zeit abhängig zu machen, dafür aber jeden Augenblick fertig zur Flucht zu sein, wenn sich die Umstände günstig gestalteten. Das Erste, was ich zu meinem Entkommen nothwendig hatte, war eine Leine, die ich durch meine Frau erhielt und mehrere Wochen mit mir herumtrug. Das Nächste war eine finstere, regnerische und stürmische Nacht, wodurch die hintere Schildwache abgehalten würde, den Thurm regelmäßig zu umschreiten. Diese Nacht war am 7. December 1850 gefunden, die Schritte der Schildwache ließen sich nur in großen Zwischenräumen vernehmen. Jetzt oder nie! Gegen sieben Uhr Abends erhielt ich mein Nachtessen, und dann blieben die inneren Thore offen bis zur Bettzeit, da die Wachen an beiden Ausgängen für die Sicherung der Gefangenen hinreichend waren. Schlag sieben Uhr knüpfte ich mein Kopfkissen in die Weste, setzte eine Mütze darauf und legte diesen Wickel statt meiner in’s Bett; dann hing ich einen Rock über den Stuhl und stellte ein brennendes Lämpchen neben das Bett. Nachdem dies geschehen, verließ ich das Gewölbe, welches mich neunzehn Monate beherbergt hatte, und ging auf den Oberboden des Bürgergefängnisses. Hier kletterte ich in das Sparrwerk und knüpfte meine Leine an den dicksten Balken an; dieselbe im Gehen abwickelnd, kroch ich aus einem Loche im Giebel auf das Dach eines andern Gefängnisses; doch hier wurde ich aufgehalten, da ich nicht vermochte, auf einem Ziegeldache in die Höhe zu klimmen. Ich versuchte auf den Knieen zu rutschen, ich suchte mich mit den Fingern in den Ritzen einzuklemmen, und nahm meine Leine in den Mund; aber Alles war vergebens. Da fiel mir ein, daß meine Stiefel die Ursache des Mißerfolges seien; ich schnitt daher mit einem Messer, welches ein Verwandter in meinem Gefängnisse vergessen hatte, die Spitzen beider Stiefel und Strümpfe durch, so daß ich mich mit den Zehen anhalten konnte, und nun ging die Reise das Dach hinauf zwar langsam, aber doch sicher, vorwärts.

Endlich erreichte ich die Feueresse, die ich, wie einen Freund, mit beiden Armen umklammerte. In dieser Höhe richteten sich meine Gedanken das erste Mal auf die Schildwache, die mir nun ganz ungefährlich vorkam, und die ich auch nicht hörte. Nachdem ich ein Weilchen gehorcht, ließ ich meine Leine auf der andern Seite des Daches niedergleiten, mußte sie aber zwei oder drei Mal zerschneiden, da sie sich verwickelte. An dem Rettungsseile festhaltend, glitt ich bis an den Rand des Daches nieder, und da eine gute Partie Dachziegel hinter mir dreinkamen, so hörte ich, wie Gefangene neben mir ihre Bemerkungen über die Heftigkeit des Sturmes austauschten. Nachdem die Steine sich beruhigt hatten, warf ich, am Rande des Daches sitzend, einen Blick in die Unterwelt, und da Alles in tiefes Schweigen und Finsterniß gehüllt war, so brachte mich ein Augenblick auf den sichern Boden.

Abermals folgten mir, aus alter Anhänglichkeit, mehrere Ziegel des Gefängnisses nach, ich hielt es aber nicht für geraten, zu warten und zu hören, was der oder jener Gefangene dazu sagte, vielmehr steuerte ich eiligst nach einer mir bekannten Lücke in der Stadtmauer und dann nach dem Mühlgraben zu, welchen letzteren ich durch Tasten mit den Händen entdeckte. Ausholen und in das Wasser springen war das Werk eines Augenblicks. Doch glücklicherweise schlug ich mit der Brust auf der jenseitigen Mauer an und hatte dadurch Gelegenheit, mich schnell emporzuziehen. ‚Auf dem Graben‘ weiter gehend, kam ich an die Brücke, wo mir wenig Gehende begegneten. Nachdem ich die Wache passirt, fiel ich am anderen Ende der Brücke zusammen und hatte nur so viel Kraft, mich an der Mauer anzuhalten. Der Athem versagte mir, und ich war nicht im Stande, nur einen Fuß zu rühren. Als jedoch nach einigen Minuten der ruhige Athemgang wieder gekommen war, machte ich auf’s Neue zehn bis fünfzehn Schritte, womit ich die Biegung der Brücke nach Cölln zu erreichte. Hier versagten mir die Beine ihren Dienst; mich an der Mauer anzuhalten, war unmöglich, da die Kniee gänzlich kraftlos waren. Ich sank zusammen und versuchte, mich mit den Händen fortzuarbeiten, indem ich mich an den Straßensteinen anhielt und die Beine nachschleppte. Doch das war eine fast vergebliche Arbeit, und jede Minute dünkte mir eine Ewigkeit zu sein. Endlich kam mir die Natur wieder zu Hülfe; hatte ich erst vergebens versucht, die Kniee mit den Händen gerade zu bringen, so spannten sich jetzt die Muskeln von selbst wieder, und ich fing an, auf allen Vieren über die Straße zu kriechen, um in den Weinbergen vor anderweiten Unfällen geschützt zu sein. Doch war ich kaum an der Mauer des Rathsweinberges angekommen, als ich die alte Kraft in mir fühlte. Mit Einem Satze war ich über die Mauer und in dem Weinberge.

Obwohl ich daran dachte, wie Gottes Hand mich so sichtbar geleitet und beschützt, so hatte ich doch nicht Zeit, mein Gefühl in Worte zu fassen, da ich ungesäumt meinem Grundsatze folgen mußte: ‚Hilf dir selbst, so wird Gott dir helfen!‘ Eilig durchschritt ich die Rebstöcke und ging über die Niedermauerstraße in das gegenüberliegende Feld nach dem ehemaligen Postgute zu, in welchem mein Freund, der Orgelbauer Pfützner, wohnte. Da an dem Hause eine Schildwache stand, so konnte ich nicht geradezu laufen und anklopfen, sondern ließ in einiger Entfernung einen gellenden Pfiff durch die Finger erklingen. Auf dieses Zeichen öffnete Frau Pfützner eine Thür und geleitete mich ungesehen in ihre Räume. Kein Wort verrieth, was in uns vorging, und nur ein warmer Händedruck diente als Ausdruck der Gefühle. Ein anscheinend fest angeschraubter Arbeitstisch ihres Mannes (der eben in Niederau eine Orgel baute) wurde abgerückt, und es zeigte sich dahinter in der Wand eine Höhlung, in welcher sich eine Bettdecke und in friedlicher Nähe eine Flasche Wein, Butterbrod und andere nöthige Utensilien befanden. Ich schlüpfte in das Loch hinein und konnte, ohne mich zu wenden, ziemlich bequem auf einer Seite liegen, doch um zu sitzen, mußte ich dem Kopf einziehen und das Pedal an mich herannehmen. Kaum war ich darin, so wurde die Oeffnung wieder zugeschoben und ich allein gelassen. Zu meinen Füßen wandelte die Schildwache, welche mir eine wahre Sicherheitswache war, da kein Mensch in dem beschildwachten Gebäude einen flüchtigen Hochverräther vermuthete, und das Haus, obwohl Pfützner anrüchig war, mit Haussuchungen verschont blieb.

Nach der Ruhe von einigen Stunden fing es an, lebendig zu werden. Ich hörte in Meißen Trommeln und Hörner, dann denselben Lärm in Vorbrücke, Cölln, Zscheila, Ober- und Niederau. Das Getöse hatte auch meinen Freund Pfützner nach Hause getrieben; er trat in meine Versteckstube und verkündete laut, daß der Lehrer Thürmer auf unbegreifliche Weise aus dem Gefängnisse entwischt sei, daß man ihn aber bald wieder haben werde, da das ganze Militär bis Dresden hinauf und bis an die preußische Grenze alarmirt wäre. Darauf ging er nach der Stadt und erzählte beim Wiederkommen, daß alle Wirthschaften, obwohl [447] Mitternacht vorüber, noch offen seien und ein Theil der Bevölkerung jubele, der andere fluche. Während ich bis zum 19. December in meinem Mauerloche saß, gingen in Meißen und Umgegend die üblichen Haussuchungen vor; sogar eine Esse wurde befahren, um mich darin zu fangen. Doch das rechte Loch konnte das Gericht nicht finden, und der Stadtrichter K. mußte noch vor seinem Ende die Demüthigung fühlen, daß ich seinem Bereiche entronnen sei. Hier kann ich nicht unerwähnt lassen, wie nach dem Eingange meines Urtheiles sogar ein Herr vom Stadtgericht auf offenem Markte in die Hände klatschte, um seine Freude darüber zu bezeigen. Die niedrige Gewinnsucht hatte Manchen zu falscher Anklage verleitet; doch die Zeit wischt alle Unbilden weg, und auch ich gedenke nun in Ruhe der bewegten Tage.

Während ich elf Tage im Mauerloche saß, wurden die bisher vom Stadtgericht geführten Untersuchungen dem Gerichtsamt übergeben, in Folge dessen meine Frau und ihr Dienstmädchen polizeilich gemaßregelt wurden. Die erstere entging der Verhaftung durch eine Ohnmacht, die andere wurde eines Abends in’s Gefängniß abgeholt und ihr die Freiheit versprochen, wenn sie Etwas gestände. Da sie aber fortgesetzt erklärte, daß sie Nichts wüßte, ließ man sie nach zweitägigem Einsperren wieder frei. Krank, abgehärmt, erfroren und heulend ist die arme Karoline bei meiner Frau wieder eingetreten. Nachdem der Lärm wegen meiner Flucht sich gelegt und süddeutsche Berichte die Nachricht gebracht hatten, daß ich an einem gewissen Tage auf dem Wege nach der Schweiz oder Frankreich gesehen worden sei, fing ich wieder an zu handeln. Ein Paar alte glänzende Lederhosen, eine sehr defecte grüne Pikesche, ein kattunenes Halstüchlein und ditto Weste, eine große streifige Zipfelmütze mit schöner großer Bummel und ein Paar wollene Fausthandschuhe bildeten meine Ausstaffirung. Da ich als Victualienhändler in Dresden einzuziehen gedachte, so kämmte ich die Haare verworren in’s Gesicht, wusch mir dasselbe mit Leim und Asche, nahm einen großen mit einem weißen Tuche zugebundenen Korb auf den Rücken und einen Knotenstock in die Hand und ging am Nachmittage des 19. December von Cölln fort. Die Tochter Pützner’s, als Bauermädchen angezogen, begleitete mich, weil ich meinen Füßen nicht trauete und damit ich, im Falle mir etwas zustieße, gleich Hülfe an der Hand hätte. Mit dem Abend wanderten wir in Dresden ein. Fortwährend war ich bemüht, meiner Rolle als armer Händler treu zu bleiben, und die Unterhaltung wurde in dem breitesten Mügelner und Leisniger Dialekte überlaut von mir geführt, indem der schwere Korb anscheinend meine Gestalt niederdrückte. Dabei wich ich Niemandem aus, Kothpfützen aber waren mein liebster Weg, da ich mir durch das Spritzen auch die Polizei vom Halse hielt. In der Altstadt angekommen fragte ich einen jungen Mann: ‚Wue wuahnt dar Ducter, dar de kleenen Kinger brengt?‘ Ein homerisches Gelächter des Gefragten zeigte mir, daß die Noth mich etwas schauspielern gelehrt hatte. Er hieß mich mitgehen und brachte mich an das Haus meines Freundes X., wo meine Begleiterin mich verließ.

Im Vorhause empfingen mich zwei Dienstmädchen, welche schnippig erklärten, daß ich wiederkommen müsse, weil der Herr Doctor erst nach zwölf Uhr nach Hause komme. Da ich aber doch nicht ging, so wurde die Frau Doctorin herbeigerufen, der ich im breitesten Gewäsche meine Krankheit auseinandersetzte. Nachdem ich dadurch die Mädchen verscheucht hatte, richtete sich meine gebückte Gestalt auf und aus meinem Munde erklang ein hochdeutsches ‚Guten Abend, Frau Doctorin!‘ Diese geleitete mich in die Stube, schickte die Mädchen zu Bett, und wir begannen über meine Vermummung zu lachen. Hier hörte ich, daß bereits am Siebenten Abends meine Flucht bekannt und auch in Dresden die Besatzung zusammengetrommelt und -gepfiffen worden sei, um mich zu haschen. Nachdem inzwischen der Doctor nach Hause gekommen, legte er verschiedene chirurgische Instrumente auf den Tisch und erklärte mir auf mein befremdetes Befragen, daß er mich operiren müsse, da der Steckbrief sage, daß ich eine Warze an der Nase habe. Auf meine Entgegnung, daß diese einige Tage vor meiner Flucht von selbst abgefallen sei, meinte er, nun könnte ich auf meiner Flucht vollkommen sicher sein, da jeder Gensd’arm nur[1] nach der Warze oder deren Wunde sehen würde. Als ich mich entpuppt und gewaschen hatte, verwandelte ich mich in den Weinhändler Glühmer aus Börtewitz bei Mügeln und fuhr noch dieselbe Nacht in Geschäften nach Freiberg, wo ich mit Sonnenaufgang im Gasthofe zum wilden Mann anlangte. Hier wollte die Wirthin erst nichts von meinen Anerbietungen wissen; als ich aber mit meinem Kutscher ein gutes Frühstück verzehrt hatte, ward sie freundlicher, bestelle einen halben Eimer Wein und theilte mir mit, wo der und jener meiner alten Weinkunden wohnte. Unter diesen befand sich auch der Bergofficiant X., und ich beeilte mich, diesen aufzusuchen. Aus dem Weinhandel wurde hier natürlich Nichts, da wir näherliegende Dinge zu besprechen hatten.

Meine Füße waren jetzt so geschwollen und bluteten an so vielen Stellen, daß ich ziemlich zwei Tage bei meinem Freunde still liegen mußte, um endlich, mit Babusen beschuhet, Nachts zwölf Uhr mit der Post nach Chemnitz zu fahren. Im Postwagen wurde ich mit dem Bürgermeister aus Schneeberg bekannt, der eben von den Sitzungen der Landtagskammer zur Feier des Weihnachtsfestes nach Hause fuhr. Hatte der Mann, als er in der Kammer wegen meiner Flucht die Minister interpellirte und die niedern Beamten der Nachlässigkeit beschuldigte, auf mich den Eindruck eines Bullenbeißers gemacht, so war er in der Nähe gar nicht so gefährlich; denn nachdem wir uns während der Fahrt freundlich unterhalten, lud er mich ein, die Feiertage bei ihm zuzubringen, und stellte mir gute Geschäfte in Aussicht, da sein Weinkeller der Füllung bedürfe. Ich nahm sein Anerbieten dankend an und bedingte mir nur, erst in’s Voigtland reisen zu dürfen, um dort Geld einzucassiren. Wenn der gute Mann noch lebt, so werden ihm diese Zeilen wohl verrathen, warum ich nicht gekommen bin.

Von Chemnitz fuhr ich am nächsten Morgen über Borna nach Altenburg. Ein ehemaliger Postsecretair aus Meißen, ein rother Altenburger und eine preußische Dame bildeten mit mir die Reisegesellschaft nach Borna. Um die Aufmerksamkeit von mir abzulenken, schlug ich das Tagesgespräch, die Politik, an. Der Altenburger kramte seine rothen Ansichten aus, so daß sich die preußische Dame an meine Seite mit den Worten flüchtete: ‚Mir ist’s unheimlich bei dem rothen Menschen.‘ Daraus merkte ich, daß ich mir mit Erfolg ein recht conservatives Air gegeben habe; ich trug dies nun auch immer zur Schau. Der Postsecretair bereitete mir freilich bedeutende Verlegenheiten, und das Blut schoß mir vielmals in’s Gesicht; nur glaubte ich, man bemerkte es nicht, da ich mein Gesicht mit einer guten Portion Carmin gefärbt und eine Brille mit großen Gläsern auf der Nase hatte. Der Secretair erzählte nämlich von den Ereignissen der Maitage in Meißen, blickte mich dabei stets an und versuchte, mein Wort zur Bestätigung seiner Angaben zu erlangen. Ich erklärte ihm kalt, daß ich von den Maitagen wenig oder nichts wisse, da ich zu jener Zeit gerade auf einer Geschäftsreise im hohen Gebirge gewesen, auch Meißen nicht kenne und nur einige Male durchgereist sei. Nachdem er aber die Sache so gut kenne, solle er nur ruhig forterzählen, zumal da er, wie ich vermuthete, auch einigen Antheil an den Ereignissen genommen hätte. Hiermit traf ich den Nagel auf den Kopf, denn der Secretär ward roth bis über die Ohren und ließ mich in Ruhe, obwohl er von Zeit zu Zeit verdächtige Blicke auf mich warf, die andeuteten: ‚Ich kenne Dich, weiß aber nicht, wo ich Deine Bekanntschaft gemacht habe.‘

Beim Anhalten in Borna steckte ich den jovialen Weinreisenden heraus, fragte den Secretär nach der besten Weinkneipe und lud ihn, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, zu einer Flasche Wein ein mit dem Bemerken: Da er für unsere Unterhaltung gesorgt, so solle er mich nun für einen guten Trunk sorgen lassen. Er nahm es endlich dankend an, und ich folgte dem Manne in dem Locale bis auf das geheimste Plätzchen. Schließlich kam der Postwagen; mein Gelbvogel fuhr nach Leipzig und ich nach Altenburg, wo ich im Hause des Dr. Rittler abstieg, das auch den Dr. Munde aus Freiberg längere Zeit verpflegt hatte.

Wie mir in Dresden fünfzig Thaler zugeflossen waren, so wurde auch hier meine Börse mit derselben Summe aufgefrischt. Ich machte zugleich hier die Bekanntschaft mehrerer revolutionärer Größen und nahm für die Weiterreise einige Veränderungen in meinem Anzuge vor. Ueber Nacht wurde ich in den wohlehrbaren Tuchmacher und Bürger Voigt aus Crimmitzschau umgewandelt; die Hände wurden in der Küpe blau gefärbt und dem Gesichte, außer frischem Carmin, hie und da ein bläulicher Schein verliehen. War auch der ursprüngliche Träger des Passes zehn Jahr älter und ich mehr als mittelgroß, so glich mein leidendes Gesicht und der größere Menschenschlag im Norden, dem ich nun zureiste, Alles, [448] wie ich glaubte, wieder aus. Ein Fuhrwerk brachte mich nach Halle, und der Kutscher erklärte mir, daß er schon manchen Flüchtling gefahren, aber noch keinen so ruhig gefunden hätte. Diese Aeußerung bestärkte mich in der Ansicht, daß man die Gefahr nicht suchen, aber auch nicht furchtsam vermeiden, sondern keck dareinschauen müsse.

Von Halle brachte mich die Eisenbahn in der Nacht nach Magdeburg. Im Hôtel waren die Officiere eben von der Abendtafel aufgestanden, als ich erschien und um Souper und Nachtquartier ansprach. Letzteres erhielt ich nur nach einiger Ueberredung, da erst der Kellner und dann der herbeigerufene Wirth durchaus meinen Paß über Nacht auf der Polizei niederlegen wollten. Endlich überwand sie doch der Grund, daß ich am nächsten Morgen vier Uhr mit dem Zuge nach Braunschweig reisen müsse. Nachdem ich Alles vorausbezahlt, brachte mich der Hausknecht früh nach dem Bahnhofe, und Mittags langte ich wohlbehalten in Braunschweig an.

Das war ein heißer Platz. Gensd’armen umringten von allen Seiten die Wagen und fragten nach den Pässen. Ich lehnte mich über die Brüstung meines Fahrzeugs und rief den hinter mir Sitzenden mit Stentorstimme zu: ‚Ihre Pässe, meine Herren!‘ Dabei reichte ich die empfangenen den Gensd’armen dar, mich aber, der ich mit Hin- und Hergeben beschäftigt war, fragte nicht Ein Haltefest nach meinen Papieren. Diesem Kreuzfeuer entronnen, rief ich den ersten besten Polizeier an, erkundigte mich, wann der Zug nach Hannover abgehe, that sehr eilig, da ich in den beiden Haltestunden Geschäfte in der Stadt abmachen und dann von Hannover zurück zur Braunschweiger Messe kommen wolle. Der gute Mann requirirte mir einen Wagen, versprach mir ein Billet zu besorgen, nahm meine Reisetasche, und ich instruirte den Kutscher, mich zu rechter Zeit aus dem Hôtel wieder abzuholen. Hier mußte ich mir ein Paar Filzschuhe kaufen, da ich es vor Schmerz nicht mehr aushalten konnte. Als ich wieder in den Bahnhof einfuhr, öffnete mir der freundliche Mann mit meiner Reisetasche den Wagenschlag, händigte mir gegen eine in seinen Augen große Vergütung Billet und Tasche ein, zog noch tiefer die Kappe, schob alle Anderen bei Seite und mich in den Wagen hinein. Ich wünschte im Herzen, daß alle sächsischen Polizeier sich an ihm ein Beispiel nehmen möchten. In Hannover kam ich zum Abend an und fuhr mit dem Morgenzuge nach Köln ab, wo ich in den ‚Drei Königen‘ übernachtete. Den nächsten Tag überschritt ich bei Verviers die belgische Grenze und athmete leichter. Abends langte ich in Antwerpen an, wo Thauwetter war, und erreichte, mit meinen befilzschuhten Füßen durch die Nässe watend, ein Hôtel am Walpurgisplatze.

Nach einigen Tagen ließ ich mir auf der Polizei einen richtigen Paß geben und fühlte mich nun nach Umständen vollkommen sicher. Dennoch sollte ich noch nicht ganz Ruhe haben. Durch irgend einen Spion hatte das Amt in Meißen erfahren, daß ich unter dem Namen Voigt in Antwerpen lebe, und flugs langte ein Schreiben auf der Polizei an, das die Auslieferung des wegen Hochverraths verurtheilten Lehrers Thürmer, der unter falschem Namen lebe, verlangte. War nun auch der Pseudoname abgelegt, und wurde Niemand wegen Hochverraths ausgeliefert, so machte mir das unsinnige Verlangen doch einige Umstände. Denn als ich eines Abends im Januar 1851 in’s Hôtel zurückkam, fand ich das Haus im Halbcirkel mit einer Compagnie Rothhosen umstellt, die sich meiner Person bemächtigen sollten. Der Brigadier erklärte mich zu seinem Gefangenen und drohte mit den Pompiers, im Fall ich Widerstand versuchen sollte. Verlegen folgte ich ihm; im Gefängniß des Stadthauses eröffnete er mir die Bewandniß der Sache, verlangte meinen Paß, den er in Ordnung fand, und konnte nur nicht über das Wort ‚Hochverrath‘ wegkonnnen, in dem er die Bedeutung von Diebstahl oder Mord suchte, was freilich meine Auslieferung bedingen würde. Beruhigt schlief ich, als meine Freunde bei mir mit Wein, Essen, Cigarren und Kaffee eintraten und fast die ganze Nacht bei mir zubrachten. Andere gingen am nächsten Morgen zu einem Advocaten, um Beschwerde über Verletzung der belgischen Verfassung zu führen.

Am nächsten Nachmittage wurde ich zum Bürgermeister gerufen und erzählte demselben (halb deutsch, drei Achtel englisch und ein Achtel französisch), daß ich zwar in Deutschland unter verändertem Namen gereist, hier aber, ohne etwas zu verheimlichen, um einen Paß auf Zeit eingekommen sei, und Hochverrath in Sachsen gelte hier nicht als Verbrechen. Mit Hülfe des Wörterbuches verständigte er sich über die Bedeutung des fatalen Wortes und erklärte mir dann, daß ich frei sei und hier bleiben könne, so lange ich mich politisch nicht anrüchig mache. Im Herbst 1851 ging ich unbehelligt auf dem ‚Ashburton‘ nach den Vereinigten Staaten, um mir eine neue Existenz zu gründen. Wie mir das so glücklich gelungen ist, haben die Leser bereits im Eingang erfahren. Demungeachtet hänge ich noch mit ganzem Herzen an meinem deutschen Vaterlande und habe die Siege und die Einigung desselben mit Jubel und tiefer Rührung begrüßt.“

  1. Vorlage: „mir“