Die Geschichte von der Frau Demuth und von der Frau Hurrle

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Autor: Karl Spindler
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Titel: Die Geschichte von der Frau Demuth und von der Frau Hurrle
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 318–334
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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[318]
Die Geschichte von der Frau Demuth und von der Frau Hurrle.

Es ist schon manches Jahr her, und die meisten von unsern geneigten Lesern waren noch gar nicht auf der Welt, da lebte im Simonswälder Thal ein gar schönes und junges Maidli, dem Jedermann gern zu gefallen ging, und das von allen Jungfern und Weibern ihres Orts lieb und werth gehalten wurde, wenn gleich Alle das Jüngferle beneideten um seiner Schönheit willen, und wegen der Manier, womit sie allen Leuten sich angenehm zu machen verstand. Das ist auch keine kleine Kunst. ’s ist Manche roth und weiß und fein von Haut und goldig von Haaren, und sie weiß das Alles nicht zu gebrauchen, sondern trappelt und pappelt wie eine Gans, und ihre blauen Augen sind nicht gescheidter als die einer Kuh, die ja auch blaue Augen führt; und was sie redet, weiß Gott, bringt dümmer der Spatz auf’m Dach nicht hervor. – Und die schöne Jungfer schrieb sich „Demuth“. Der Götti, der ihr den Namen in der heiligen Taufe beigelegt, hatte einen guten Merker gehabt. Die Jungfer war wie ihr Name: fromm, bescheiden, freundlich, demüthig, kurz: von Herzen gut durch und durch, [319] wie von Gestalt schön von oben bis unten. – Weiß nicht und hab’s auch nicht erfahren, wie ihr Vater zum Geschlecht hieß; das macht auch gar nichts aus, – aber der Vater war keineswegs reich, und der Kinder waren viele, und die Mutter hätte damit gar nicht zu Streich kommen können, wenn nicht Demuth vorn und hinten gewesen wäre. So verpflegte sie die Geschwisterte, kochte die Mahlzeit, spülte das Geschirr ab, besorgte Feld und Garten, und hatte doch immer Zeit, den Gottesdienst zu besuchen, mit der Procession zu gehen und dem Heiligen-Bildstock vor ihres Vaters Hütte einen schönen Kranz von Blumen und Goldpapier zu fertigen und umzuhängen. – Alleweil unverdrossen, geduldig und heitern Gemüths, ist sie ein Exempel für die ganze Nachbarschaft geworden, und selbst vom Ueberrhein sind Leute gekommen, um die Demuth zu sehen, die so lustig war und doch so sehr voll Sorgen; die so schön war mitten im Mangel, und immer reinlich, geputzt und schmuck, als wäre sie aus dem Schächtelchen gezogen, und war doch vielleicht die Aermste in Simonswald; die endlich immer so artliche Reden im Munde führte, und war doch kaum zwei Winter zur Schule gegangen, nicht aus Faulheit, sondern aus Mangel an Zeit. – Sie wurde belobt und beschenkt von Hoch und Nieder; aber die Geschenke gab sie ihren Eltern, und das Lob machte sie nicht eitel. So viel Verstand und Ehrlichkeit mußte wohl einmal belohnt werden. Gewiß hätte unser Herrgott gern auf der Stelle einen Engel aus der Demuth gemacht, aber ihn dauerten die Eltern derselben, und er ließ sie auf Erden, damit sie die christlichen Tugenden noch mehr durch ihr Beispiel verherrlichte und in’s Licht stellte. Daher mußte sie erfahren, was das Glück auf Erden sey, und das ging ganz natürlich zu, wie ich’s erzählen werde; denn in dieser Geschichte wird nichts gehext, und der böse Feind hat nur blutwenig darinnen zu thun.

Eines Tags kommt also ein Reiter daher, noch passabel jung, feist, mit rothen Backen; auf seinem Rock, an seiner Weste, an seinem Brusttuch, saß alles voll von Silber, Knopf an Knopf; seine Reitstiefel waren blank gewichst, der Hut hing ihm recht stolz auf’m rechten Ohr. Das war der Kronenwirth von Kandern; ein reicher, gesunder, wohlgefälliger Mann, der’s [320] herzlich gut meinte, ob er gleich zuweilen auch grob schwazte, aber nur zuweilen.

Diesmal war er ganz guten Humors. Warum? er hatte vor einiger Zeit seine bitterböse Ehefrau verloren, und ritt jetzo, ein kinder- und sorgenloser Wittwer, zur Freite nach Elzach, wo ihm ein reiches Weibsbild verrathen und schon halb zugekuppelt worden war. Darum war ihm bodenwohl; er pfiff ein Stücklein in die blaue Luft hinaus, und langte mit der Gerte im Vorbeireiten lustig in die Obstbäume an der Straße, um das Heu, das die Wägen dort abgestreift hatten, herunter zu schmitzen. Manchmal gab er auch dem Rößlein eins zu kosten, denn es war nur zu wohl aufgefüttert, und trabte seinem frohmüthigen Herrn zu langsam. – Wie er also um die Ecke reitet, und an dem Hag des Gartens, der dem Vater der Demuth gehörte, hintrabt – die schöne Jungfer stand vor dem Hause, und wusch einem ihrer Brüderlein das Gesicht am Brunnen rein, und verrichtete das mit einer seltenen Manierlichkeit – sieht der Kronenwirth das Mädel, und weiß nicht, was er mehr bewundern soll: ihre weißen, runden Arme, oder die schneeblüthweißen Hemdärmel; ihre artlichen rothen Strümpfe, oder die Füße, die so zierlich drinnen steckten; oder ihr sonnengoldiges Haar, das den gelben Hut zu Schanden machte; oder ihren frischen Mund, oder ihre lichten Augen, oder das Lächeln um selbigen Mund, oder die Herzensgüte in selbigen Augen. – Jetzt bekam der Gaul keinen Schmitz mehr und ging langsamen Schritts, und immer langsamer, und der Kronenwirth achtete es endlich gar nicht, daß das Pferd still stand, wie angenagelt, denn er konnte sich nicht satt sehen an der schönen Dirne.

Wie er nun so dasitzt und lacht, daß er alle Zähne weist, so muß die Demuth dem freundlichen Gesicht auch entgegenlachen, und wenn er für sich meint: das ist doch das schönste Kind, das ich in meinem Leben gesehen, so denkt sie in ihrem Sinn: der stattliche Mann gefällt mir.

Blöd war der Kronenwirth von Kindsbeinen an nicht gewesen; auch diesmal war er’s nicht, denn er sagte spaßhaft vom Gaul herunter zur Demuth, was ihm eigentlich Ernst war: Wenn ich nicht schon eine Hochzeiterin hätte, so müßtest Du es [321] seyn, mein Schatz! – Die Jungfer aber antwortete ihm, roth werdend: Wo denkt Er hin, Herr? Ich bin ein blutarmes Ding; Er mit seinem Reichthum würde sich schön für mich bedanken! – Das war ein kurzer Diskurs, denn das Mädel lief in’s Haus hinein, und der Kronenwirth setzte seinen Weg fort. Er hatte jedoch von Stund an allerlei Käfer im Kopf und es pressirte ihm nicht mehr halb so arg nach Elzach.

In dem Kopf und dem Gemüth der Demuth war Alles so anständig aufgeräumt und in Ordnung, wie sich’s für ein wohlbestelltes Haus gehört. Indessen hat eine jede Jungfer im Herzlein eine verborgene Kammer, wo sie ihren kostbaren Hausrath aufhebt, den nicht alle Leute, und wärens die besten Nachbarn, sehen dürfen. Darum weiß ich auch nicht zu sagen, ob die Demuth ferner des Kronenwirths aus Kandern viel gedachte, oder nicht, und warum sie so erschrecklich verlegen und blöde that, als eines Morgens – kaum waren drei Tage seit seinem ersten Vorbeiritt verstrichen – der stattliche Herr abermals sein Rößlein vor ihres Vaters Thüre anhielt. Anreiten, anhalten, die Gerte wegwerfen, aus dem Sattel springen und das Mädchen geradezu um den Leib nehmen, war freilich Eins, und so geschwind geschehen, daß der leichtsinnigste Bube während dessen kein Vaterunser fertig gebracht hätte. Wahrhaftig: ein sittsames Mädel mußte darüber furchtsam und bleich werden und schier eine Ohnmacht kriegen. Bevor jedoch die Ohnmacht kam, wollte Demuth den frechen Menschen heftig von sich stoßen und fragte dabei: was fällt Ihm ein, Herr? – Wie er aber hierauf antwortete: Ich komme, mein Wort zu halten, Schätzlein mein; hab’ mich zu Elzach frei und ledig gemacht, und Du sollst meine Frau werden oder keine im Badischen Land! – da ward es ernst mit der Schwachheit, und Demuth lag ihm auf einmal schneeweiß und hinsinkend wie ein herbstlich Blatt vor den Füßen, und zum Unglück kam der Vater dazu, und außer sich vor Zorn, und die Mutter weinte, ohne zu wissen warum, auf der Thürschwelle und die Geschwisterte schrieen, daß schier die Nachbarschaft, so entlegen sie auch war, zusammengelaufen wäre. Doch was sag’ ich: zum Unglück? Unter rechtschaffenen Leuten gehts nicht böse und wild her, und rechtschaffene Vorsätze dürfen sich keck überraschen lassen, und der [322] böse Anschein thut ihnen nicht wehe. – Der Kronenwirth war, wie schon gesagt, ein wackerer Mann, wenn er auch zuweilen grob schwatzte, und was er der Demuth in die Ohren geschrieen hatte, das wiederholte er dem Vater und der Mutter bescheidentlich, wie’s einem Freiwerber für seine eigene Person wohl ansteht.

Ich habe, sprach er gar manierlich, Eure Tochter vor ein paar Tagen gesehen, und sie hatte mir’s im Ansehen alsobald angethan, so daß ich gern nicht weiter fürbaß geritten, sondern lieber gleich hier verblieben wäre zur Anwerbung, – zum Verlöbniß zur Hochzeit, mit Einem Wort. Aber so war ich dazumal ein gefangener Mann, und zu Elzach saß Eine, die schon so gut als meine Braut war. Einen Verspruch – Ihr wißt’s, muß[1] man halten, – mindestens so lange man’s immer möglich thun kann. Mir wurd’ es nicht so gut, oder besser gesagt, nicht so schlecht. – Als ich das Mädel sah, das mir die Freunde bestimmt hatten, so gefiel es mir gleich nicht. Was zwar nichts ausgemacht hätte, denn sein Wort muß man jedenfalls halten. Aber als ich die Jungfer reden hörte, und gehen und stehen und commandiren und räsonniren, und unzufrieden thun und immer ein Gesicht machen, als hätte sie den Bändelswurm im Leibe, da riß ich Augen und Ohren immer größer auf, und wenn’s nicht meine selige Frau war, die leibhaftig aus dem Grabe heraufgestiegen war und in der Person der Jungfer Hurrle vor mir stand, so war’s doch gewiß Eine, die um kein Haar besser, als die Selige. Potz Wetter! dacht’ ich: das wird Hitz kosten, und wahrhaftig schwitzte ich schon und es kam immer besser, da ich nach und nach wahrnahm, in welcher Drachenreputation das Jüngferle im ganzen Ort steht; und da ich nebenbei inne wurde, wie das ganze Land weit und breit so gut und lieb von Eurer Tochter redet, die mir im Kopf steckte, als wär’ sie eine Königin mit einem Heiligenschein – das schmerzte, das pfetzte, das brannte, glühende Kohlen thun’s nicht besser! Einen Engel in der Nähe, und dennoch ein Teufele am Hals haben! Ich zerbrach mir den Kopf als wie mit Hammerschlägen, konnte aber keine Hinterthür finden. Aber gestern – ich hab’ mir den Tag im Kalender roth angestrichen und werd’ ihn mein Lebtag feiern wie’s Osterfest – gestern, wo der eigentliche Verspruch seyn [323] sollte, und der Amtsrevisor und der Pfarrer waren schon eingeladen, gestern kriegte die Trommel ein Loch. Wenn ich als ein armer Sünder im Haus der Eltern von selbiger Hurrle ankam, so waren die alten Leute doch noch einmal so bestürzt und so unaufgelegt, schwätzten schier kein Wort, und die Verwandten machten saure und süße Gesichter durcheinander, je nachdem ihnen die Sache vorkam, von der sie alle schon wußten; aber ich wußte davon kein Wort. Das Alles fiel mir auf, und wenn ich auch meine schöne Hochzeiterin hätte darum fragen wollen, so war sie selber doch gar nicht da. Aber im Hause ging ein gewaltiger Sturm hin und her, Thür auf, Thür zu, als schössen sie mit Kanonen; Trepp’ auf, Trepp’ ab, Purr, purr, rumpum! Und der Sturm war die Hurrle, die einen Spektackel trieb, ärger als die Hexen auf dem Heuberg; gab ihren Geschwistern und dem Gesind ein schlechtes Wort, ja, eine Ohrfeige nach der andern, und zankte und wetterte, was gibst du, was hast du! Die Eltern zitterten wie das Laub am Baum, und die Leute sammt und sonders kamen schier um vor Schrecken als mit Einemmal die Stubenthür aufplatzt, und das wilde Weibsbild hereinschreit: Daß ihr’s wißt! ich nehm’ ihn nicht, und er läuft mir lang gut, und wenn ich den Müller nicht kriege, so bringen mich nicht vier Pferde nach Kandern, und ich heirath’ dann absolut gar nicht, und geh’ in’s Kloster. Punktum! –

Das muß ein grobes Mensch seyn! sagte der Vater der Demuth zwischen hinein und schnupfte eine lange bedenkliche Prise Taback. Die Demuth meinte indessen still für sich: Die Hurrle sei um ihrer Aufrichtigkeit willen nicht genug zu loben. Dasselbe meinte der Kronenwirth allerdings, denn er sagte ferner: Ein Anderer hätte sich gottsträflich verzürnt, denn ein Jeder weiß doch, daß er seinen Basen werth ist, oder er glaubt es wenigstens. Aber bei mir war’s umgekehrt. Es ist doch zuweilen ein Plaisir, wenn Einem so ein hoffärtig Thier gerade heraussagt, das es Einen nicht will. Darum lachte ich die wilde Katze gar freundlich an – zum erstenmal – machte einen netten Kratzfuß, und sagte ihr: Liebe Jungfer, warum nur um Gotteswillen so hitzig und feindselig? Sie könnte ein Gallenfieber oder eine Verkältung riskiren, und der [324] Müller von Kandern möchte doch ein gesundes und fröhliches Weiblein haben. Das denk ich mir, weil er mein Schulkamerad und alter guter Freund ist, und demnach ist es dumm von ihm gewesen, daß er selber mir nicht den Zinken gesteckt hat, und war doch bei meinem Abschied gegenwärtig, und begreif’ ich erst jetzt, warum er aussah, als wolle ihm ein zentnerschwerer Stein das Herz abdrücken. Mir auch, liebe Jungfer, hat bis daher ein Brocken auf dem Herzen gelegen, nicht viel kleiner als das Freiburger Münster, und Gottlob, jetzt ist er herunter gefallen, ohne daß ich mit Gewalt habe anthun müssen, Ihr zu sagen, daß wir uns eigentlich nicht zu einanander schicken, und daß ich Sie nicht heirathen kann, auch mit dem besten Willen nicht. Sei Sie bedankt, daß Sie mir zuvorgekommen ist, und bleiben wir gute Freunde allezeit! – Ich bot ihr die Hand; aber die giftige Krott nahm sie gar nicht an, denn jetzo hatte ich ihre Eitelkeit blessirt, und wenn sie mich schon nicht will, so wird sie mir doch in ihrem Leben nicht vergessen, daß mir ihr Korb ganz recht und erwünscht gewesen. Indessen kam auch der Müller Florian herein – der Spitzbube war schon seit vorgestern im Städtel, versteckt weiß Gott, wo; – und nun ging’s an die Eltern, und die gaben ihr Jawort, um nur dem Handel ein Ende zu machen. Der Vater sagte dann zu mir: Ich muß mich vor Ihm schämen, Kronenwirth! – Aber ich antwortete ihm gelassen: Behüt’ Gott! die Reihe, sich zu schämen, ist an andern Leuten, und will’s Gott, wird’s nicht so gar bös ausfallen. – Dem Müller jedoch gab ich einen Riffel, daß er nicht sein Maul bei Zeiten aufgethan. Hätte mir viel Unlust ersparen können, und ich war etwa schon ein paar Tage der Hochzeiter dieses artlichen Jüngferleins hier. –

Es ist wohl Keiner unter unsern geneigten Lesern, der daran zweifeln wird, daß der Kronenwirth die Demuth zur Frau bekam. Er wollte es einmal absolut; die Eltern hatten nichts darwider, im Gegentheil, und der Demuth war’s mehr als recht. Auf diese Manier ist eine Sach’ gleich bei einander. – Nicht lang, und die Leutlein dutzten sich. Demuth sagte: Ich hab’ dich recht lieb, Jakob! – Und er sagte: Demuth, du bist mir über Alles in der Welt! – Du hast so [325] gute getreue Augen, sagte wieder zum Jakob die Demuth und zur Demuth sprach dann der Jakob: In deinen Augen ist für mich ein ganzes blaues Himmele aufgethan! – Da gab sie ihm einen neckischen Backenstreich, und Jakob kitzelte sie dafür, und … gar nicht mehr lang, so war die Hochzeit; just am nämlichen Tage, da der Müller Thomas die Hurrle heirathete. Nur geschah das Letztere zu Elzach, und Jakobs Hochzeit ging mit Ehr’ und Freuden in Kandern selber vor sich.

Die Heimführung wäre nun erzählt: aber die Heimsuchung noch nicht, und das wird etwa die Hauptsache seyn. Wie die Hoffart vor dem Fall kommt, und was ein frommes Gemüth oft zu erdulden hat in dieser Welt auf Erden, das soll jetzt gleich erzählt werden, zur Ergötzlichkeit und zum Exempel.

Es ist immerhin wunderbar, daß uralte Dinge, die vergessen und nutzlos seit vielen hundert Jahren in der Welt herumliegen, nicht selten, als wie aus dem Grabe auferstehen, um Unheil anzurichten, um irgend ein junges liebes Leben in Schmach, Unglück und bittres Leid zu versetzen. Noch einmal sage ich, daß ich nicht von Menschen reden will, sondern von leblosen Dingen, auf denen, Gott verzeih’ mir die Sünde! Etwas wie ein Fluch ruht. Alte Menschen sind wohl auch dann und wann zur Plage jüngerer Leute auf der Welt, und man könnte allerlei Exempel davon auftischen, und manch Einem ist auch schon deßhalb von Denjenigen, die sein Leben pflegen sollten, der Tod angewunschen worden … Gott vergebe den Verblendeten und gehe nicht mit ihnen in’s Gericht!

Also: von leblosen Dingen will ich reden, als da sind: alle Götzenbilder, wie sie oft unterm Waldmoos hervorgestoßen werden von den Holzschlägern, und Unglück bringen dem Haus, wo sie einen Platz finden; oder Thaler und Dukaten aus der Schwedenzeit, die im Keller vergraben liegen und die Mancher holt und schlägt dafür Einen todt, oder verspielt seine Seele an den bösen Feind; oder Flaschen, die vor grauen Zeiten das Zaubermännel in das Kiesbett eines Bachs versenkte, und darinnen steckt die Pestillenz, die über alle Welt ausgeht, so wie Einer den Propf aus der Flasche zieht; und was des Zeugs [326] mehr ist. Was nun die Demuth angeht, so war’s ein altes Buch aus staubigem Winkel, ein Gasthaus für Spinnen und Schaden, das so viel Unglück in ihr Leben brachte. – Bevor ich jedoch vom Unglück rede, will ich der Demuth Glück ein bissel näher beschreiben.

Der Kronenwirth zu Kandern hatte ein prächtiges eigenthümliches Haus. Es war drei Stockwerke hoch, mit schön aufgerüsteten Betten in den Stuben, und Spiegel und Vorhänge an den Fenstern, ganz vornehm. In der Küche hätte man ein Pferd müde reiten können, und am Herd hat man für sechzig Mann gekocht, mehr denn nur einmal. Die Speisekammer war hell und groß und trocken und voll von guten Sachen. Im Keller lag der beste Markgräfler, Klingelberger und Burgunderwein, Faß an Faß. Vierzehn Kühe standen im Stall, die gaben die Milch wie aus Brunnenröhren von sich. Der Hühner im Hof waren so viele, daß man gar nicht alle Eier finden konnte, die sie per Tag legten. Zwei Gärten am Haus; der eine voll von Gemüs und Suppenkraut, auch Selleriewurzeln; der andere gesteckt voll von Obst, groß und klein. Alle Kisten und Kasten voll Weißzeug, das schönste im Land; Kupfergeschirr und ein Dutzend silberne Löffel von den feinsten. Viele Aecker mit Hanf und Flachs bestellt, wie’s sonst gar nirgends vorkommt; alle Morgen einen guten Kaffee in schönen Porzellanschüsselchen. Sechzehn Dienstboten alt und jung, und endlich gar ein fürnehmer Wagen zum Ueberlandfahren in der Remise. Die herzigsten Kleider von der Welt und Schmuck von Edelstein; ein Ehemann, der nur immer sagte: Was Du willst, mein Schätzel; und nach Verlauf von ein paar Jahren ebenfalls ein Paar Kinderlein wie Milch und Blut: ein Männlein und ein Weiblin. Demuth konnte ihre Kindbetten aushalten wie eine Kaiserin, und die Kinder hob immer der gnädige Herr Oberamtmann aus der Taufe. – Ja, das war ein Leben, wie in der Schlarafferei; es ging nichts darüber und es schien auch gar nicht ein End nehmen zu wollen. Aber der Teufel ist verschmitzt. – Wenn der Müller, der die Hurrle hatte, und immer mit ihr in der Bataille lebte, des Kronenwirths Glück und der Demuth Himmelreich in der Nähe betrachtete, wollte er nicht selten vor Kummer und Neid [327] kohlschwarz werden in seiner weißen Jacke. Nicht als ob er ein schlechter Mensch gewesen wäre! Aber oft dacht’ er bei sich: Wenn nur der Jakob die Hurrle genommen hätte, mir wäre wohler auf Erden! Nichts als Zorn und Verdruß habe ich alle Tage, und der Jakob hat schon jetzo sein Paradies gewonnen! das ist bitter, das ist sauer, das ist Rattengift!

Nun ist hier vor allem zu wissen, daß der Müller Florian ein verstickter Student war. Er hatte einmal ein Geistlicher werden sollen und studirt, gerade nur bis an den Hals. Darüber war sein ältester Bruder gestorben und hatte ihm die Mühle hinterlassen. Natürlich hatte sich Florian nicht lang besonnen, den Studenten an den Nagel gehängt, und den Spreukittel angezogen. War ihm nicht viel Gelehrsamkeit als Rest von der Schule übrig geblieben, so brachte er doch ein Paar Körbe voll Bücher in’s Vaterhaus zurück. Die alte Lumpenwaare stand vergessen und von Mäusen zernagt, in einer Bodenkammer. Besser, das rattenschwänzige Lottergezücht ging an die Bücher, als an die Frucht auf der Bühne. – Der Müller wußte längst gar nichts mehr von dem Schulplunder; da geschah es eines Tag, daß er, nach einem scharfen Scharmützel mit seiner Hurrle, da ihm das Leben ganz verleidet war, hinaufstieg unter’s Dach und wollte sich ein bequemes stilles Plätzlein zur Abreise suchen. Nagel, Hammer und Strick hatte er bei sich. Wie er nun in selbige Kammer hineingeht – er hatte als Bube dort sein Nacht- und Morgengebet und seinen Schlummer gehalten, hatte dort hehlings sein erstes Pfeiflein Taback geraucht, hatte von dort oben tausendmal so vergnügt in die blaue Luft gesehen, wo die Vögel strichen, frei und froh und unschuldig, wie er – da wird ihm so gewiß konfus. Die Luft war gerade noch so rein und blau wie vor vier und zwanzig Jahren, da derselbe Florian beinahe aus der Dachlucke gefallen wäre – doch war dazumal die Mutter bei der Hand, ihn am Tschöple zu heben, just noch zur rechten Zeit; und da erinnerte sich Florian plötzlich der guten treuen Mutter und des braven ehrlichen Vaters – beide lagen schon kalt unter der Erde, die einst so warmen Elternherzen – und siehe: Florians Herz wurde weich wie ein gesotten Ei. Zuletzt wurde er auch noch des Bücherkorbs ansichtig und die lustigen Studentenjahre fielen [328] ihm ein und machten ihn fröhlich im Gemüth – friedlich wenigstens; so daß er den Nagel einem Spatzen nachschmiß, den Strick in den Hof, den Hammer behielt er; warum? er war jetzo nicht mehr gefährlich; und auf einmal saß der Müller da und las in den alten Büchern und schaffte sich die Grillen aus dem Kopfe; und dergestalt hatte er’s seither vielmals praktizirt. Die Hurrle gab ihm Ursach genug, Gott soll’s wissen!

Sitzt er also eines Abends – im Sommer war’s, und ein starkes Hausdonnerwetter kaum vorüber – wiederum in der Dachkammer und liest in einem alten Buch; es hielt noch kaum zusammen, das Unglücksding, und ältelte wie ein versporter Kirchenfahnen – und schier die Augen aus dem Kopfe liest sich der Müller, und weil’s zu dunkeln anfing, packt er das Buch unter den Arm und schlupft damit hinüber zum Kronenwirth. Selbiger Jakob war eben ein Strohwittwer; denn seine Demuth war mit ihrem ältesten Kind zu ihren Eltern gefahren. Der Vater oder die Mutter war krank. Die Demuth machte durch ihren Besuch, Rath und Zuspruch gleich gesund, wer krank lag, denn wo sie war, war auch das Heil. Wo sie aber nicht war, da kam das Unheil. So geschah’s in der Krone dazumal in Kandern.

Der Müller sprach zum Wirth, der in der Schenk im Lehnstuhl doste – in der vorigen Nacht war Tanzmusik bei ihm gewesen und seine Morgenruhe hatte nicht viel geheißen: „Jakob! paß auf. Da hab’ ich ein Buch gefunden mit schönen Helgen und Historien. Wir wollen uns damit die Zeit vertreiben; denn heut kommt Niemand mehr zu dir, weil alle Leute draußen beim Schießen sind. Für mich habe ich heute schon genug Feuer im Hause gehabt, und du machst mir ebenfalls nicht Augen wie ein Scharfschütz.“ – Statt aller Antwort zeigte ihm der Kronenwirth den Stuhl neben ihm und langte ihm einen großen Stamper mit Wein. Denn er war freigebig gegen Jedermann. Dabei vergaß er sich selber nicht, und selbige Nacht sollen die Freunde wacker gezecht haben und selbander ganz allein. – In dem Buch war aber eine recht satanische Geschichte von einem alten heidnischen Edelmann in Engelland, der einen Tugendspiegel von einer Frau hatte, und dieselbe als ein rechter Ketzer und Antichrist bis auf’s Blut gepeinigt hat, nur [329] um ihre Liebe zu ihm zu probiren. Mit Gottes Hülfe hat das arme Lamm alle diese Pein sanftmüthig und christlich ertragen, und ihr Sach dem Himmel anheim gestellt. So sind demnach ihre Verleumder verhofft, der Wustel von einem Mann ist in sich gegangen und hat sich zur heiligen Meß belehrt, und wenn die standhafte Frau nicht vom Papste heilig gesprochen worden ist, so hat sie’s doch wenigstens verdient, und unser Herr-Gott im Himmel wird das Versäumte nachgeholt haben.

Nun redet aber der Teufel aus dem Müller, ohne daß derselbe recht davon weiß, und sagt er zum Kronenwirth: „Jakob, du hast eine rechte Frau; aber das könntest du mit ihr doch nicht durchführen, was der Edelmann aus Engelland.“ – Hierauf antwortet der Jakob im freventlichen Uebermuth: „Was gilt’s ?“ – Und der Andere macht: „Denk’ wohl, ein Fuder Extra-Kastelberger könnt’s thun.“ – „Topp, Hand her!“ sagt wieder der Jakob und setzt einen Trumpf darauf: „Noch einmal ein Fuder wett’ ich, daß du in alle Ewigkeit nicht Herr in deinem Hause wirst!“ – Der Müller, der sich schämte, nahm die Wettung gerade deßhalb auf; denn um ihre Schande zu verdecken, stellen sich zuweilen die Schwächsten an wie Riesen. – Sonst vergißt man wohl am andern Tag, was am Abend zuvor beim Wein geredet worden; jedoch die Beiden vergaßen’s leider nicht. Es wird sie beide genug gereut haben, denn man soll Gott und Menschen nicht versuchen, aber die Mannsbilder sind eben eigensinnig und stätig wie die Maulesel. Zufällig war der Müller einer der eigensinnigsten und Jakob hatte noch einen härtern Kopf als der Müller.

Frau Demuth verstand schon gar nicht, warum ihr Mann sie nicht von ihren Eltern abholte, wie er jederzeit zu thun pflegte; aber als sie nach Hause kam, und ihres Jakobs ganz verändertes Benehmen inne werden mußte, wußte sie gar nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. Er war einsilbig, unruhig, besah sie kaum, und dann nur mit mißliebigen Augen. In seinem Leben hatte er zu ihr noch nicht so trotzig geredet, wenn er ja einmal den Mund aufthat, und alle ihre Fragen deßhalb beantwortete er nur wie ein brummender Bär, der sein Teutsch verlernt hat. Kein „Grüß Gott!“ kein „Dank Gott!“ kein Schmützle, kein „Gut Nacht, Schatz!“ oder „Guten Tag, liebe [330] Mutter!“ – Da hatte er allabendlich eine Kartenparthie im Hause, mit der er aussaß bis über die Mitternacht hinaus; und nach ein Paar Tagen ging er sogar – weil er, der Frau gegenüber die vorgebliche Liederlichkeit im eigenen Hause selber nicht aushalten mochte[2] – in die Linde, oder in’s Kreuz, und ließ der Demuth expreß durch den Müller zubringen, daß er dort wie ein Narr kartle, und das Seinige verspiele, und der Schoppen nicht wenige trinke. Der Müller war beständig bei ihm um die Wege; er konnte es auch, denn der Hurrle lag nichts an dessen Daheimseyn. Der Jakob schien seinerseits ganz versessen auf den Müller; daß er ihn nicht gerade mit sich in’s Bett genommen, war Alles.

Die mitleidige, finstere Nacht mag allerdings die bitteren Zähren der verlassenen Frau oftmals gezählt haben; wird ihr auch allerhand schlimme Rathschläge der Vergeltung zugemurmelt haben, wie ihr Brauch ist; aber da kam sie an die Rechte! – „Pfui, du alte böse Blindschleiche!“ hat die Demuth zu der Aufhetzerin gesagt, „laß ich dich meinem Schmerz zusehen, damit du mir solche schlechte Dinge eingeben sollst? Ich habe Ruhe und Erleichterung von dir erwartet, und du legst mich auf den Rost des Neides, der Bosheit und sündlichen Gedanken?“ – Flüchtete sich alsbald an’s Bett ihrer Kinder in die Engelwacht; und wahrlich! der Engel, der die Kindlein hütet, ist auch zu ihr getreten, um sie zu trösten und zu belehren. – Schau, meine liebe Demuth, hat er zu ihr gesagt: seht ist’s an der Zeit, zu beweisen, daß die Christenlehr’ bei dir etwas angeschlagen hat. Du warst dir getreu im Glücks; warum solltest du es setzt nicht seyn, da du dich unglücklich erachtest? Und da sagte er ihr ferner noch von drei Dingen, die uns vor allem Bösen bewahren, und die gar nie aufhören, sobald sie einmal recht da sind; die das Leben überdauern, und folglich jedes Leid und Unglück. „Nimm einen Faden,“ hat der Engel gesagt, „der zehnmal um die ganze Welt herumläuft, er hat ein Ende! Der Glaube hat keins. Denk’ dir das allmächtige Meer, so viel Millionen Morgen groß, und darauf ein Schiff, das nicht ruht; das Meer wird einmal vertrocknen, das Schiff wird einmal landen oder versinken. Die Hoffnung hat kein Ziel. Stell’ dir ein Feuer vor, worin alle Wälder des Erdbodens verbrennen; [331] es wird einmal verlöschen. Die Liebe jedoch erlischt nie! Gott, der Herr, macht da selber kein Ende: denn die drei Dinge sind Gottes selber. Verstehst Du mich ?“ – Ich will will meinen, daß Demuth den Engel verstand; denn sie hatte den rechten Glauben, ohne Mißtrauen, die Hoffnung ohne Kleinmuth, die rechte Liebe, ohne Sünd’ und Eifersucht. Und weil sie eben deßwegen voraussetzte, daß ihr Jakob dieselben drei Dinge haben müsse, so gut, wie sie, so hielt sie eben eisenfest an ihm und dachte: „Ich glaube ja an seine Liebe, und will ihn nicht durch Zorn und Argwohn kränken; ich hoffe fest, daß er wieder umkehren werde zum Guten, und ich liebe ihn so sehr, daß es ja unmöglich ist, was Anderes zu erwarten.“ – Das, ihr Männer und Weiber! kann nicht eine Jede, aber es hat auch nicht eine Jede die drei Dinge.

Der böse Feind war seinerseits auch nicht ruhig. Wie mit vier Händen hatte er auf die Frau eingedroschen. Zuerst sagte der Kronenwirth eines Tags zu ihr: „Du ziehst mir Bettelvolk in’s Haus, und verschwendest meine Sach’. Gib alle Schlüssel heraus; ich will schon selber für die Wirthschaft sorgen!“ – Das schmerzte, aber Demuth gab die Schlüssel und war fromm und still wie bisher. – Bald darauf schnaufte der Mann: „Du verdirbst mir die Kinder, sie sind mein Blut und sollen wachsen nach meinem Kopf!“ – Nahm ihr die Kinder und that sie zu seiner Schwester nach Schliengen. – Das war grausam, aber Demuth nahm ihr Herz in beide Hände, und dachte: wie Gott will; der Mann ist mein Herr und der Engel bei den Kindern. – Dann endlich schwätzte der Kronenwirth einmal recht grob und wüst, und sprach: „Du verdirbst mir Tag und Nacht und Trunk und Mahl mit deinem kläglichen Gesicht, und ich hab’ dich in Verdacht, als klagest du deinen Eltern unnützes Zeug vor, mich zu verläumden, und ist doch alles deine Schuld. Ich verbiete dir, deine Eltern zu besuchen und ihnen zu schreiben, oder es geht nicht gut!“ Das war heidnisch, aber Demuth betete in ihren Aengsten: „Du sollst Vater und Mutter verlassen, und ihm folgen.“ – Gleich darauf schlug der Kronenwirth, dem selbst bei der Sache bange wurde, denn er konnt’ es schier nimmer verheben, dem Faß den Boden aus und schnarchte sie an: „Ich kann dich nimmer gut [332] ansehen und hab’ einen dummen Streich gemacht, eine verstockte Bettlerin zum Weib zu nehmen. Geh’ du denn hin, leg’ deine schlechten Kleider an, und mach’ dich fort aus meinen Augen!“ – Das war nun vollends bös und teuflich; aber Demuth seufzte in der argen Pein: „Herr, mein Gott, verlaß mich nicht!“ und zog ihr Simonswälder-Röcklein an, und nahm ihr dürftig Bündel unter’n Arm und trat verstoßen aus dem Hause, ohne zu wissen, wohin?

Da kam die leichtfertige Hurrle auf sie zu und verhöhnte sie, und sagte: „Der Krug geht so lang zum Wasser bis er bricht. Scheinheiligkeit und ein böses End’ haben neben einander feil! So geht’s, wenn man meint, man habe den Kurfürsten zum Vetter und alle andere Leut’ seyen nichts als Staub und Unrath. – (Ich sags manierlich, was die Hurrle ganz unflätig hervorgebracht hat.) Wahr ist’s nun einmal, fuhr sie fort: Ihr Mann ist schlecht durch und durch; und möchte ich ihn nicht mit der Zang’ anrühren, und Sie ist dumm, daß Sie alles das so leidet, denn wofür haben wir die Obrigkeit? Potz Sappermost! wenn mir’s der Meinige so machte, den Scandal sollte Sie sehen! Das war’ ein Fressele für’s Amt! Die Schreiber sammt dem gnädigen Herrn sollten dem Florian zu Leib gehen, daß er Blut schwitzte, und ich wollt’ ihn plagen, den Strick, daß er’s Nerven-, Gallen- und Schleimfieber zumal bekäme, Mordio! Aber Ihr geschieht’s recht, daß Sie sich nicht regt und rührt. Das ist die Straf von Gott! (Die Lästermäuler schwätzen immer vom lieben Gott, wenn sie einen Advokaten für ihre Bosheit brauchen!) Warum hat Sie auch Ihren Herzliebsten einer Andern wegfischen müssen? Potz tausig! hat Sie gemeint, es wär’ sonst keine auf der Welt, als justement nur Sie? Prosit die Mahlzeit! Geh’ Sie jetzt nur hin und probir’ Sie’s noch einmal! Sie hat Zeit und Ursach dazu. Aber gelt? Sie wird’s jetzo bleiben lassen? Ihre rothen Backen, wo sind sie? Ihr goldiges Haar, fällt’s Ihr nicht aus vor lauter Sorgen? Wo ist Ihr feines Wachsthum? Ihr speckfettes Hälsle, Ihre runden Händle und Füßle, wo sind sie hingekommen? Sie fischt Keinen mehr weg, dafür hab’ ich ausgesorgt. Aber – im Ernst – ich thät’s nicht leiden. Schrei’ Sie Zeter in allen Gassen, und ich will mit Ihr halten, nicht wegen Ihrer, denn [333] Sie ist eine nichtsnutzige Person, aber wegen des Lärms und Spektakels hätt’ ich’s gern, und Ihren Jakob möcht’ ich gar zu gerne steinigen oder wenigstens im Zuchthaus sehen!“ – Die Demuth ist anfänglich bei diesen Reden verhofft, ist dann bald weiß, bald roth geworden, hat dann geschluchzt und geweint, die Hände gerungen und gejammert; aber endlich hat sich ihr Gewissen ermannt, und so antwortete sie, als die Versucherin das Maul hielt, derselben, wie sich’s gehörte: „Gott vergebe dir, denn du weißt nicht, was du redest. Aber ich rathe dir, von meinem Manne zu schweigen, denn ich darf solche Schandreden nicht hören, als ein frommes Weib, und wenn Er’s hören sollte, so möcht’ es dir bös heimkommen!“

Und so geschah’s zur Stunde. Denn aus der Krone trat Jakob, geputzt wie an seinem Hochzeitstage, einen mächtigen Blumenstrauß im Knopfloch, und vom Thore her kamen zwei schön aufgemachte Wägen, mit des Kronenwirths besten Gäulen bespannt, und die Fuhrleute hatten farbige Bänder auf den Hüten und an den Geißelstecken, und in den artlichsten Feierkleidern saßen auf den Wagen die Eltern und Geschwister der Demuth und ihre Kinder. Jakob lief herbei und umarmte sein Weib, indem er zu ihr sagte: „Ich habe ein schlechtes Spiel gespielt und es mit meines Herzens blutigem Kummer bezahlt, wenn ich auch gewann mit Gloria. Verzeihe mir, mein Schatz, um meiner eigenen Leiden willen! Für mich, den Sünder, sollen hier bitten und betteln unsere Kinder – die Kinder sprangen in Demuths weit offene Arme – und deine Eltern und Geschwisterte, die von nun an nicht mehr von hinnen gehn werden. Hab’ ich ihnen nicht das Haus neben dem meinigen gekauft? Will ich sie nicht halten und heben und versorgen, wie meine eigenen Eltern, Brüder und Schwestern?“

Die Hurrle brauchte nicht mehr. Mit sieben Messern im Herzen ging sie heim. Die Demuth brauchte auch nicht mehr, um zu verzeihen, denn die wahre Liebe hört nie auf, wie schon gesagt worden. Der Jakob sagte darauf seelenvergnügt zum Florian: „Mein Fuder Wein hab’ ich gewonnen, und dein vermaledeites Buch im Backofen umgebracht. Jetzt aber verdiene du dein Fuder und leg’ deinem Hausteufel Zaum und Gebiß an, wenn du Schneid hast[3].“

[334] Der Florian, der sich schämte, und verwundert Demuths Beständigkeit und Erhöhung gesehen, wollte gegen Jakob nicht zurückbleiben. Aber, wie erging es ihm? Er wollte mit Einemmal der Hurrle kommandiren und sie lachte ihn aus. Er wollte sie einsperren, und sie sprang zum Fenster hinaus. Er wollte sie aushungern, und sie erbrach Küche und Milchkammer, und schnitt Hühnern und Gänsen die Hälse ab. Er wollte sie endlich durchwichsen und sie warf Axt und Messer nach ihm. Er wollte ihr die Kinder nehmen, sie lief aber mit selbigen davon und gab sie ihren Eltern, worauf sie noch weiter lief, aber mit einem Andern, und ist nichts mehr von ihr gehört worden.

Das war nun ein Fressele für’s Amt. Der Müller wurde geschieden; durfte freilich nimmer heirathen, aber er hatte doch wenigstens Ruhe, und konnte seine kleine Wolfsbrut zu Lämmern erziehen. Demuth und Jakob haben, wie man vernimmt, noch lange gelebt und viele, viele, viele Kinder bekommen, und ihr Andenken lebt noch bei Alt und Jung dort oben im Lande.

(Aus K. Spindler’s „Erzählungen beim Licht.“)

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: muß muß
  2. Vorlage: mnchte
  3. Vorlage: dast