Die Harfe der Königin

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Elsbeth Montzheimer
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Harfe der Königin
Untertitel:
aus: Märchen
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1923
Erscheinungsdatum: 1927
Verlag: Leipziger Graphische Werke A.-G.
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[7]
Die Harfe der Königin.


Es war einmal ein junger König, der von seinem Volk sehr geliebt wurde, weil er gütig und gerecht gegen seine Untertanen war und für jedermann ein freundliches Wort hatte. Ebenso liebte man seine schöne Gemahlin. Er hatte sie erst vor kurzem heimgeführt.

So recht wußte niemand, woher sie stammte. Man erzählte, der junge König habe sie aus den Händen der Sarazenen errettet, die sie vermutlich aus ihrer Heimat entführt hatten; doch die ausgestandene Angst habe ihr die Sprache geraubt.

In der Tat hatte der König Ringolf den Kreuzzug mitgemacht und sich im heiligen Lande mit Ruhm bedeckt. Auch hatte er dort die zarte Jungfrau aus den Händen der Feinde errettet.

Schön und fein wie eine Prinzessin war sie gewesen, und ihr verzweifelter Blick und ihr stummes Händeringen hatten das Herz des Tapferen gerührt, daß er sie mit eigener Lebensgefahr aus der Schar der Sarazenen befreite. Wer sie war, vermochte sie nicht zu sagen, da der Schreck ihre Zunge gelähmt hatte. So nahm Ringolf die Jungfrau mit in seine Heimat, wo er sie zur Gemahlin nahm.

Allmählich kehrte ihre Sprache ein wenig wieder, und zwar dann, wenn sie Lautenspiel vernahm. Der König schenkte ihr darum eine kostbare Laute, die sie trefflich zu spielen verstand. Sie tat letzteres, wenn ihr Gemahl bei ihr war, besonders gern, [8] da sie wußte, daß es ihn erfreute, und weil sie dann nach und nach vermochte, ihm, wenn auch noch mühsam sprechend, etwas von ihrem früheren Leben zu erzählen.

Sie vertraute ihrem Gemahl dann an, daß ihre Mutter eine Königin wäre, ihr Vater gestorben, und daß ihre Heimat voll Sonne sei und der Himmel tiefblau erscheine.

Der König merkte aber bald, wie Feridah, – so hieß seine Gemahlin, – nach solchen Berichten stets traurig ward, obwohl sie es vor ihrem Gemahl zu verbergen suchte. Ja, er bemerkte mit Sorge, wie ein stiller Gram an ihrem Leben zehrte. Sie ward bleicher und bleicher, bis sie eines Tages fiebernd auf ihrem Lager ruhte.

Der König rief die geschicktesten Aerzte an daß Krankenbett, daß sie die Krankheitsursache ergründen möchten, doch sie fanden nicht, was der Königin fehlte.

In der Hoffnung, sie zu erfreuen, ließ er ihre Laute bringen.

Doch kaum erblickte Feridah das Instrument, als sie unruhig ward. Das Fieber steigerte sich, und ihre Lippen bewegten sich unaufhörlich. Endlich ward ihr Flüstern vernehmlich, es war, als habe das Fieber ihre Zunge gelöst. Aengstlich lauschte König Ringolf auf ihre Worte:

„Wo die grünen Palmen fächeln,
Bunte Blumen ringsum lächeln,
Wo Granaten dunkel glühen,
Oleander, Myrten blühen,
Und des Schlosses Hallen schimmern,
Blaue Meereswellen flimmern:
Dorthin, zu der Mutter Haus –
Ziehe Sehnsucht nun hinaus.“

Als der Lauschende das vernahm, ward er sehr betrübt, denn er wußte nun, daß seine Gemahlin Heimweh hatte. Vielleicht war es gar die Ursache ihrer Krankheit, und er wußte nicht einmal, [9] wo diese Heimat, wo das Schloß ihrer Mutter lag. Doch schon wieder ward die Kranke unruhig, wieder bewegten sich ihre Lippen, und sie rief ängstlich bittend:

„Bringt mir Harfe ‚Klingehold‘!
Ihre Saiten sind von Gold;
Weiße Mutterhände gleiten
Ueber diese goldnen Saiten –
Lind und hold wie Aeolsklang.
Mutter, wie ist mir so bang!“

Die Aerzte erklärten, daß diese Fieberphantasien auf Heimweh zurückzuführen seien.

In seiner Angst begab sich der König zu einem Einsiedler, von dem man allerlei Seltsames munkelte. Man sagte, er stiege des Nachts auf einen hohen Felsen, um mit den Sternen Zwiesprache zu halten, und er wisse allerlei Zaubermittel.

Der Alte, der in einer Felshöhle hauste, saß gerade vor einem mächtigen Buche, dessen Seiten mit geheimnisvollen Schriftzeichen bedeckt waren. Sein Gesicht war alt und runzlig, es erschien dem König wie Pergament; aber die von buschigen Augenbrauen fast verdeckten Augen blickten lebhaft und nicht unfreundlich auf den Ankömmling, dessen bekümmerte Miene dem Einsiedler nicht entging. Er winkte dem König, sich auf dem einzigen, mit einem Bärenfell bedeckten Ruhesitz niederzulassen, indem er sprach:

„Durch zerklüftet Felsgestein
Drangest du zu mir herein.
Wolltest wohl dein Leid mir klagen,
Deines Herzens Zittern, Zagen?
Königsburg ist nicht gefeit
Vor des Lebens Gram und Leid.“

Der König entgegnete: „Wie, selbst in deine Wildnis drang schon die Kunde von meiner Gemahlin Erkrankung?“

[10] Geheimnisvoll flüsterte der Alte:

„Weht der Wind durch Felsenspalten,
Kann mit ihm ich Zwiesprach’ halten;
Bringt mir Botschaft aus der Welt.
Kommt die Nacht auf dunklen Schwingen,
Kann auch sie mir Kunde bringen
Durch die Stern’ am Himmelszelt.“

Erregt sprang der König auf. „O, Vater Einsiedler, unter den Leuten geht das Gerücht um, du wissest mehr, als alle anderen wissen, weil du hellsehend seiest. Ich sehe, sie haben recht; ich folgte ihrem Rate nicht vergeblich, denn ich weiß jetzt, daß du mir helfen kannst. Meine Gemahlin ist sehr krank, willst du nicht zu ihr kommen oder mir sagen, was ich tun soll?“

Der Alte blätterte in seinem Buche, nickte mehrmals vor sich hin und antwortete:

„Fieber fliegt durch ihr Gebein –
Doch ist’s Fieber nicht allein; –
Müßt vom Heimweh sie befrei’n.“

„Ach, wenn ich nur wüßte, wie ich das könnte!“ seufzte der König. „Wenn du alles weißt, so wirst du auch wissen, daß mir die Heimat meiner Gemahlin unbekannt ist.“ Er erzählte, was er wußte, auch von Feridahs Verlangen nach der Harfe „Klingehold“.

Der Alte wiegte nachdenklich das Haupt, blätterte abermals in seinem Buche und fuhr fort:

„Einer Zauberharfe Klingen
Könnte ihr Genesung bringen.
Scheust du nicht der Reise Plagen,
Wollt’ ich dir den Ort wohl sagen.
Magst du in die Ferne zieh’n,
Krönt Erfolg bald dein Bemüh’n.“

[11] „Alles will ich tun! Sage mir, wo ich die Zauberharfe finde,“ drängte der König.

„Gemach, gemach,“ wehrte der Alte. Er musterte und verglich einige Schriftzeichen in seinem Buche, blickte vor sich nieder und flüsterte:

„Mit dem lichten Morgenschein
Zieh’ gen Süden ganz allein.
Steig’ bergab und steig’ bergauf,
Folge breiten Flusses Lauf
Bis ans ferne blaue Meer –
Ragt ein Schloß dort hoch und hehr.
Hörst erklingen süße Weise –
Dieser Ort ist Ziel der Reise.“

Noch immer vor sich hinstarrend, flüsterte der Alte wieder geheimnisvoll:

„Nimm ein Löcklein von dem Haar
Deiner Gattin, und bewahr’
Dieses gut auf weiter Reise.
Merke dir die Sangesweise,
Die ihr trauernd Herz erbaute,
Wenn sie spielte auf der Laute.
Merke auf ihr Fieberlallen
Von der Heimat Marmorhallen,
Von der grünen Palmen Fächeln,
Von der goldnen Sonne Lächeln,
Von des blauen Meeres Weiten,
Von der goldnen Harfe Saiten,
Von den weißen Mutterhänden,
Die ihr Leiden könnten wenden.
Nimm den Ring mit Runenzeichen,
Den die Gattin dir wird reichen.
Einer Frau mit Trän’ im Blick
Bringt dies Kleinod wieder Glück.“

[12] Nach diesen Worten nahm der Alte eine ausgehöhlte Eichel, schüttete ein weißes Pulver hinein und hub nochmals an:

„Nimm jetzt ganz getrosten Mutes
Nur drei Tropfen deines Blutes;
Mit dem Pulver es vermische,
Daß des Fiebers Glut erlische.“

Kein Wort des Einsiedlers hatte der König verloren, und als dieser in heißem Danke die Hände des Alten ergriff und ihm reichen Lohn verhieß, da entgegnete dieser mit leisem Lächeln:

„Mir frommt nicht Lohn noch Gold hienieden,
Doch du, mein Sohn, zieh’ hin in Frieden.“

– Das Mittel des Einsiedlers hatte gute Wirkung gehabt; die junge Königin ward ruhiger, ja sie fiel sogar bald in festen Schlaf.

Der König fand keine Ruhe. Auf dem ganzen Heimwege und am Lager der Kranken hatte er über alles, was der Alte ihm gesagt, nachgedacht. So ungern er auch gerade jetzt seine Gemahlin verließ, so fest war er doch dazu entschlossen, da er überzeugt war, daß es zu ihrem Nutzen sei, und daß er darum sein Vorhaben nicht hinausschieben dürfe.

Als Feridah fieberfrei erwachte, eröffnete er ihr, daß er eine weite Reise antreten müsse, um etwas zu holen, das ihr Freude machen und ihr Gesundheit bringen werde.

Die junge Königin bat, sie nicht zu verlassen, doch da Ringolf ihr gut zuredete, willigte sie endlich ein, indem sie einen kostbaren Ring vom Finger zog. „Nimm dies Kleinod, das ich einst von meiner Mutter erhielt. Möge es dich, mein Gemahl, stets an dein Weib gemahnen, das für dich betet und die Tage bis zu deiner Heimkehr zählt.“

Der König sah gerührt in die tränengefüllten Augen seiner Gemahlin. Dabei fielen ihm wieder die rätselhaften Worte des Einsiedlers ein:

[13]

„Einer Frau mit Trän’ im Blick
Bringt dies Kleinod wieder Glück.“

Er bezog sie natürlich auf seine Gemahlin, und das gab ihm frohen Mut.


Im lichten Morgenschein zog König Ringolf gen Süden, Ring und Locke, die Feridah ihm beim Abschied gegeben, wohlgeborgen tragend. Genau den Worten des Einsiedlers entsprechend, nahm er keine Begleitung mit sich. Bergab, bergauf trug sein gutes Roß ihn, dann am breiten Fluß entlang, manche Tagereise weit, bis er endlich in der Ferne das Meer erblickte. Lichtschimmernd lag es bald vor ihm, daß er seine blauen Wellen erkennen konnte.

König Ringolfs Rößlein trabte munter dahin und trug seinen Reiter in ein schattiges Olivenwäldchen.

Hier rastete der König. Er überlegte eben, welche Richtung er einschlagen sollte, um das richtige Ziel zu erreichen, als der laue Südwind einzelne Töne zu ihm trug, die wie Musik klangen.

„Hörst erklingen süße Weise,
Dieser Ort ist Ziel der Reise.“

Diese Worte hatte der Einsiedler gesprochen. Ringolf hatte sie wohl gemerkt. Er erhob sich darum schnell, denn er fühlte, es ließ ihm keine Ruhe, bis er den Ursprung der Musik entdeckt haben werde.

„Tripp, trapp, tripp, trapp,
Wirf Sorgen ab,“

so klang ihm der Hufschlag seines Rößleins jetzt ganz deutlich in die Ohren. Er klopfte den Hals des braven Tieres, das fröhlich wiehernd jetzt auch lauschend die Ohren spitzte. Gleich darauf stieß der König einen Ruf des Erstaunens aus, denn als [14] das Gehölz zu Ende war und er umherblickte, gewahrte er ein prächtiges Schloß. Auf sanft ansteigendem Hügel, von grünen Palmengärten umgeben, ragten seine weißen Marmorsäulen hoch empor, daß sie im lichtflutenden Sonnenschein weiß aufleuchteten.

Er glaubte ein Paradies vor sich zu sehen. So ähnlich mußte auch die Heimat seiner Gemahlin beschaffen sein. Jetzt verstand er ihr Heimweh und ihre Fieberträume. Vielleicht fand er ihre Heimat noch.

Wem mochte dieses prächtige Schloß gehören? Es mußte wohl gar das ihm bezeichnete Ziel sein, denn wieder erklang Musik.

König Ringolf erblickte eine von üppigem Schlinggewächs fast ganz verdeckte Pforte, durch die er, sein Pferd am Zügel führend, kurz entschlossen den Garten betrat, immer der Richtung folgend, aus der die Töne zu kommen schienen.

Jetzt hörte er es deutlich: eine Frauenstimme sang eine fremdartige Weise, und als er die Oleanderzweige des nächsten Gebüsches zurückbog, erblickte er unter einer großen Palme die Singende, ein anmutiges Mägdlein.

Das Rascheln des Gebüsches hatte sein Nahen verraten. Mit einem leisen Schrei sprang das Mägdlein auf, als wolle es entfliehen. Doch Ringolf rief: „Bin ein müder Reitersmann, der dir gewiß nichts zu Leide tun will. Entfliehe nicht, unbekannte Jungfrau, ich bitte dich, stehe mir Rede und Antwort. Sage mir wer du bist?“

Die Jungfrau lächelte sanft:

Die Herrin nennt mich Elligod,
Bei ihr steh’ ich in Lohn und Brot.“

„Ein seltsamer Name,“ entgegnete der König. „Aber wer ist deine Herrin?“

[15] Ebenso wie vorher lautete die sanfte Antwort:

„Goldwina heißt die Herrin mein,
Schon lange dien’ ich ihr.
Ihr Schloß liegt dort im Sonnenschein; –
Sie ist die Kön’gin hier.“

„Oh,“ rief der König, „wie muß deine Königin glücklich sein! Mir scheint, sie wohnt hier im Paradiese am blauen Meer und unter grünen Palmen in ihrem prachtvollen Schlosse.“

Das Mädchen ward plötzlich ernst. Mit weicher Stimme sprach es, auf das Schloß deutend:

„Goldwina, unsre Königin,
Sitzt trauernd dort mit trübem Sinn;
Hat keine Freud’ an Pracht und Gold.
Ihr Trost ist Harfe ‚Klingehold‘.“

Lebhaft unterbrach der König die Jungfrau: „Wie sagst du, ‚Klingehold‘ heißt die Harfe? Elligod, ich bitte dich, erzähle mir weiter!“

Elligod nickte.

„Ertönen Kling’holds Wundersaiten,
So sehen bald wir Ruh’ sich breiten;
Goldwinas Augen leuchten hell,
Denn Kling’holds Zauber wirket schnell.“

Gespannt hatte König Ringolf zugehört. Wie wunderbar: von einer Harfe Klingehold hatte seine Gemahlin in ihren Fieberträumen gesprochen. Vielleicht war dies begehrte Instrument dasselbe, von dem auch die Dienerin ihm eben erzählt hatte. Er mußte das ergründen. Darum sagte er: „Elligod, du hast mich neugierig gemacht, das gestehe ich offen. Zum Lohn für dein Vertrauen, mit dem du mir, dem Fremden, das alles erzählt hast, will ich dir auch eröffnen, daß ich schon in fernen Landen Kunde von der Harfe Klingehold erhielt, ja, daß ich [16] viele Tage reiste, um sie zu finden und ihre Zauberklänge zu vernehmen. Führe mich zu deiner Herrin.“

Erschrocken hörte Elligod diese Worte. „Weh’ mir, daß ich so schwatzhaft war!“ rief sie. Sie beteuerte dann weiter, ihre Herrin würde ihr zürnen, wenn sie es wüßte! Kein Fremder dürfe zu ihr, wenn sie auf der Harfe spiele. Dann fragte das Mädchen:

„Doch, Herr, mir jetzo künden wollt,
Wer Euch erzählt von Klingehold?“

„Das ist mein Geheimnis,“ lächelte der König. „Vielleicht enthülle ich es noch eines Tages, wenn du mich zu deiner Herrin führst.“

Während Ringolf so sprach, drangen plötzlich wundervolle Töne aus der Ferne an sein Ohr. Er horchte, während Elligod enteilen wollte. „Ich muß deine Königin sehen und ihr Spiel hören,“ rief er dann entschlossen. „Nimm mich mit, Elligod, verbirg mich irgendwo! Ich verspreche dir, dich nicht zu verraten!“

Elligod stand unschlüssig. Sie betrachtete prüfend die ganze Gestalt des Fremden, der prächtige Kleider trug und dessen Antlitz Güte und Milde verriet. Von ihm konnte ihrer geliebten Herrin keine Gefahr drohen, so dachte sie, und zog ihn darum durch einen Laubengang, der, von duftenden Schlinggewächsen überwachsen, geradeswegs zu dem Schlosse führte.

Hier zeigte sie auf eine nach dem Meer zu offene Säulenhalle und flüsterte, ihn dort hinter ein Myrtengebüsch führend:

„Ich will Vertrau’n Euch schenken;
Wollt nicht die Herrin kränken.
Bleibt hier verborgen steh’n,
Könnt alles hören, seh’n,
Bis ich auf leisen Sohlen
Dann komme, Euch zu holen.“

[17] Schon war Elligod entschwunden. Der Lauscher lugte vorsichtig durch das dichte Grün. Fast hätte er einen Ruf des Entzückens ausgestoßen, als er nun einen Blick in die Halle tun konnte. Gold und Silber funkelte an den Marmorwänden, an denen auch kunstvolle Mosaikbilder prangten. Kostbare Stoffe bedeckten die Ruhesitze, die ringsum standen. Ein goldner Sessel erschien besonders prächtig, und auf diesem Sessel saß eine wunderschöne Frau in seidenen Gewändern. Ein langer Schleier wallte von ihrem Haupt, auf dem ein goldenes Diadem funkelte. Ihre weißen Hände aber glitten leise, wie unbewußt, über die Saiten einer zierlichen Harfe, die im Sonnenlicht goldig glänzte, während das bleiche Antlitz der schönen Frau traurig auf das Meer hinaus in die Weite blickte.

Kaum wagte der König zu atmen, so gespannt harrte er der kommenden Dinge, denn die fesselnde Erscheinung dort mußte die Königin Goldwina sein.

Und nun begann diese plötzlich zu singen, erst leise, wie ein träumendes Vöglein, dann lauter, aber so weich und innig, daß König Ringolf plötzlich an den Gesang seiner fernen Gemahlin dachte und auch ganz traurig wurde.

Doch nun verstand er auch die Worte:

„Klingehold, ertöne du,
Bring’ dem armen Herzen Ruh’,
Daß sich Hoffnung zu mir neige
Und der herbe Schmerz dann schweige.
Durch die wüsten Kriegeshorden
Ach, bin kinderlos ich worden,
Denn mein Kind, so hold erblüht,
Nimmermehr mein Auge sieht!
Weilt vielleicht in fernen Landen,
Schmachtet dort in festen Banden. –
Oder muß in Kerkermauern,
Einsam und verlassen trauern;

[18]

Oder hat schon gar der Tod
Es erlöst aus aller Not?
Ach, wer kann mir Antwort geben,
Ob mein Kind noch ist am Leben?“

Die weißen Hände hatten zu dem Gesang nur wie vorher ab und zu in die goldenen Saiten der Harfe gegriffen, jetzt spielten sie eine süße Melodie, während Goldwina wieder begann:

„Leise, leise,
Süße Weise,
Sanft erklinge,
Trost mir bringe –“

Atemlos lauschte König Ringolf, denn diese Melodie, welche da jetzt aus den Saiten quoll, kannte er ja. Seine Gemahlin hatte sie auf der Laute gespielt. Aber wie anders klang sie nun von diesen Zaubersaiten, so zauberhaft, daß er begriff, warum man diese Harfe „Klingehold“ benannt. Und er gewahrte jetzt, wie die Zauberkraft dieser Töne den Schmerz im Antlitz der Königin Goldwina verschwinden ließ. Ein hoffnungsfrohes Lächeln gab Kunde, daß der begehrte Trost ihr zu Teil geworden war.

Am liebsten wäre der Lauscher hervorgesprungen, um mit Goldwina zu sprechen. Doch Elligods Worte fielen ihm ein. Nein, er durfte des Mädchens Vertrauen nicht mißbrauchen, durfte auch die ahnungslose Frau nicht erschrecken.

Wenn, wie er jetzt fest glaubte, ein Zusammenhang zwischen dieser Frau mit ihrer Zauberharfe und seiner Gemahlin bestand, so mußte er bald auf irgendeine Weise Gewißheit darüber erlangen.

Goldwina verließ jetzt die Halle, und im gleichen Augenblick erschien die Dienerin, um den Lauscher aus dem Garten zu führen.

[19] „Elligod!“ rief er lebhaft, „du mußt mich zu deiner Herrin führen; es könnte sein, daß ich ihr Wichtiges mitzuteilen hätte.“

Das Mädchen überlegte. Dann eröffnete es dem König, dessen Rang es nicht ahnte, daß er sich einige Tage gedulden müsse, bis es der Königin seine Bitte vorgetragen habe. Goldwina ließe nur Bettler oder allenfalls arme Krämer vor sich kommen, weil sie wohltätig und voller Mitleid für Notleidende sei.

Der König versprach, sich in zwei Tagen wieder unter der Palme einfinden zu wollen, obwohl es ihm schwer ward, sich noch so lange zu gedulden, denn er dachte mit Unruhe an seine kranke Gemahlin.

Als er den Garten verlassen hatte, ritt der König weiter, um eine Herberge zu finden, was ihm denn auch nach einigen Stunden gelang.

Mit ihm zugleich fand sich daselbst ein Mann ein, der totmüde einen schweren Packen schleppte und unter weitem Mantel noch allerlei Dinge trug.

König Ringolf ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein; er erfuhr, daß der Mann ein Krämer war, der von weit herkommend, die Seinen verlassen hatte, um Geld für sie zu verdienen.

Da durchblitzte den König ein Gedanke: Er fragte den Krämer, ob er ihm seine Waren verkaufen wolle. „Mit tausend Freuden!“ rief der Gefragte und strich glückstrahlend die Goldstücke ein, die der Käufer ihm großmütig für seine wertlosen Waren bot. Diese bestanden in bunten Bändern und sonstigem Tand zum Putz für Mädchen.

Als der unbekannte Gönner ihm aber gar noch seinen weiten Mantel abkaufte, riß der Krämer die Augen vor Staunen weit auf und machte sich bald davon, aus Angst, der Handel könne dem Käufer wieder leid werden.

[20] Diesem aber schien sein Kauf große Freude zu bereiten; er war fröhlich und wohlgemut.

Am anderen Morgen ging die Sonne eben auf, als ein Krämer mit seinem Packen vor Goldwinas Garten stand; aufmerksam nach dem Eingang spähend. Bald war der gefunden, doch kein lebendes Wesen rings zu erblicken. Es war ein herrlicher Anblick, wie die Sonne, in Millionen Tautropfen sich spiegelnd, Baum und Strauch vergoldete. Der Krämer blieb, in Bewunderung versunken, einige Augenblicke stehen.

Da horchte er auf: Vielstimmiger Gesang war an sein Ohr gedrungen. Er schritt rüstig der Richtung nach, bis die weißen Marmorsäulen des Schlosses durch das Grün schimmerten. Und da: Auf dem grünen Rasenteppich vor der Säulenhalle bewegte sich eine Schar junger Mädchen, die einen anmutigen Reigen schlingend, den Nahenden nicht bemerkten. Jetzt stellten sie sich, das Antlitz der Säulenhalle zugewandt, zu einer anmutigen Gruppe zusammen und sangen, daß es harmonisch zu dem Manne herübertönte:

„Wir grüßen dich, du holder Morgen!
O Licht, verbanne alle Sorgen,
Und laß in deinem goldnen Schein
Auch unsre Herrin fröhlich sein.
Heil Königin Goldwina dir!
Du aller edlen Frauen Zier!“

Eines der Mägdlein, das den Gesang auf der Laute begleitet hatte, entdeckte jetzt den Lauscher und machte ihre Gefährtinnen auf diesen aufmerksam.

Doch schon stand der Krämer vor den Erschrockenen und bot, das Käpplein tief ins Gesicht gezogen, ihnen seine Waren an. Die Lautenspielerin, die niemand anders war als Elligod, musterte den Eindringling zuerst mißtrauisch, doch endlich fand auch sie Gefallen an dem bunten Kram.

[21] Der Krämer mußte aber ein Neuling in seinem Fache sein, wie die Mägdlein kichernd dachten, denn er schenkte ihnen schließlich, was ihnen gefiel, bis ein Ballen geleert war. Nun äußerte er den Wunsch, auch der Herrin dieses Schlosses seine Waren vorlegen zu dürfen, denn er sagte, daß er einige Dinge bei sich habe, die der Königin wohl gefallen könnten.

Elligod überlegte einen Augenblick, doch dann sagte sie:

„Ist’s auch noch frühe Stunde,
Bring’ ich der Herrin Kunde –
Will sagen ihr, was dein Begehr’,
Drum warte, bis ich wiederkehr’!“

Der Krämer vertrieb sich die Zeit des Wartens damit, die jungen, nun ganz zutraulich gewordenen Mädchen über ihre Herrin zu befragen. Er vernahm nur Aeußerungen des Lobes.

Erwartungsvoll lächelte der Mann, als Elligod ihm winkte, und er, gefolgt von den Dienerinnen, die Säulenhalle betrat. Es war dieselbe Halle, in der am vorhergehenden Tage König Ringolf die Königin Goldwina belauscht hatte.

Auch jetzt saß sie auf dem goldenen Sessel. Ihr langer Schleier wallte über ihr Antlitz, das ernst prüfend den Krämer betrachtete, der bescheiden, mit gesenktem Haupte am Eingang stehen blieb.

Jetzt winkte Golwina ihm, näher zu kommen, während die jungen Mädchen sich vor der Herrin tief verneigten, dann ihres Winkes gewärtig, auf den Ruhesitzen an den Wänden Platz nahmen. Nur Elligod blieb in der Nähe der Königin, die den Fremdling anredete:

„Ein Krämer bist du, wie ich schon vernahm,
Der selt’ne Dinge mir zu zeigen kam.“

Der Mann bejahte, sich ehrerbietig vor der hoheitsvollen Gestalt Goldwinas neigend.

[22] Vor der Königin lagen nun des Krämers Waren ausgebreitet. Sie wählte für jede ihrer Dienerinnen ein Stück; das schönste für Elligod, indem sie sagte:

„Für jeden sei es eine Kleinigkeit,
Daß nicht vergeblich her du kamst so weit.“

Der Krämer verneigte sich abermals dankend; dann sprach er demütig: „Und hätte ich die Schätze Arabiens bei mir, fürwahr, mich dünkt, für eine Königin, wie Ihr es seid, wären sie mir noch zu schlecht.“

„Mir frommt nicht Schmuck noch bunter Tand,
Wär’ er auch selbst aus fernstem Land,“

lächelte Goldwina trübe.

Ihr Blick wandte sich zur Seite, wo von einem seidenen Tuch halb verhüllt die Zauberharfe lehnte. Der Krämer war ihren Augen gefolgt. Jetzt rief er lebhaft: „Oh, Frau Königin, welch’ kostbares Instrument habt Ihr dort! Ich würde es Euch mit Gold aufwiegen; sprecht, um wieviel dürft’ es Euch feil sein?“

Ein verweisender Blick traf den Fragenden, und fast herbe lautete die Antwort:

„Meine Harfe Klingehold
Nimmermehr ich missen wollt’,
Denn seit ich mein Kind verlor,
Ich zum Trost sie mit erkor.“

„Verzeiht meine Frage, edle Königin,“ suchte der Krämer seine Kühnheit gut zu machen, „aber ich kenne jemand, der ein halbes Königreich für solche Wunderharfe geben würde. Doch ich vergaß über meiner vorwitzigen Frage fast, Euch noch einige besondere Dinge zu zeigen.“

Er zog bei diesen Worten eine kleine Goldkapsel unter seinem weiten Mantel hervor, die er geöffnet Goldwina überreichte. In der Kapsel blinkte nur eine goldblonde Locke. –

[23] Der Krämer sprach kein Wort. Seine Augen dagegen beobachteten verstohlen die Königin; es war, als wolle er in ihren Zügen lesen.

Goldwina blickte starr auf die Haarlocke, dann, wie aus tiefem Sinnen erwachend, strich sie mit der Hand über ihre Stirn und seufzte:

„Diese Locke wunderbar
Mahnt mich an ein teures Haupt,
Das das Schicksal mir geraubt. –
Sag’, wer gab dir dieses Haar?“

„Ihr sollt es erfahren, edle Königin. Doch zuvor betrachtet auch noch dieses.“

Mit diesen Worten zog der Krämer unter seinem Mantel einen Ring hervor, den er ebenfalls Goldwina reichte.

Sein Blick hing jetzt mit solcher Spannung an dem Antlitz der Königin, als wolle er die geheimsten Regungen ihrer Seele ergründen.

Schneebleich ward die edle Frau und griff nach dem Herzen. Sie wehrte der ängstlich herzuspringenden Elligod, als diese der vermeintlich Ohnmächtigen Hilfe leisten wollte. Dann fragte sie mit bebender Stimme:

„Dieser Ring, o Krämer, sprich,
Sag’, wer hat ihn dir gegeben?
Dieser Ring, er mahnet mich,
Ach, an ein mir teures Leben!“

Die Erregung der Königin schien sich auch auf den Krämer zu übertragen, denn auch seine Stimme bebte, als er jetzt antwortete:

„Erlaubt mir, edle Königin, Euch eine Geschichte zu erzählen: Ein König zog in das gelobte Land, um als Kreuzritter edle Taten zu vollbringen. Dort war es ihm vergönnt, einige Sarazenen zu überwältigen, die ein schönes, aber stummes [24] Mägdlein mit sich führten. Da die Jungfrau vor Schrecken und Angst ganz benommen war, daß der König über ihre Heimat nichts erfahren konnte, nahm er sie mit sich in sein Königreich und machte sie zu seiner Gemahlin. Doch Heimweh nagte an dem Gemüt der jungen Königin, das sie aufs Krankenlager warf. Ihre Sprache kehrte wieder. In wirren Fieberschauern rief sie nach ihrer Mutter und nach einer Harfe mit goldenen Saiten. Da zog der König aus, um eine solche Harfe zu finden, und seht, edle Königin, er fand sie bei Euch!“

Bei diesen Worten riß der Krämer seinen weiten Mantel ab, richtete sich hoch auf und stand in prächtigen Kleidern vor den sprachlosen Frauen.

Elligod stieß einen leisen Schrei aus, als sie die Verwandlung sah, denn sie erkannte den Fremden, dem sie am vergangenen Tage zum Lauschen verholfen hatte.

Doch der König, der seine Krämerrolle gut gespielt hatte, rief: „Ich bin König Ringolf! Die Harfe, nach der meine Gemahlin ruft, heißt ‚Klingehold‘, und meine Gemahlin Feridah ist –“

„Meine Tochter!“« rief Goldwina schluchzend. „Mein heiß beweintes Kind! Oh, sie ist also nicht tot oder gefangen –“

König Ringolf hatte vor Goldwina ein Knie gebeugt und blickte voll Teilnahme und Verehrung zu ihr auf: „Nein,“ rief er, „sie lebt, und sie gab mir Locke und Ring, als Mahnung, daß sie meine Heimkehr mit Sehnsucht erwarte! Vielleicht ahnte sie, daß ihre Gaben noch größere Zauberkraft besäßen als selbst die Zauberhafte ‚Klingehold‘, denn sie halfen die Mutter zu finden, und die Heimat mit den grünen Palmen und dem Marmorschloß am blauen Meer!“

Goldwinas Tränen waren längst versiegt. In mütterlichem Wohlgefallen ruhten ihre Blicke auf der stattlichen Erscheinung des Königs, dessen beide Hände sie ergriff, und der ihr nun von ihrer wiedergefundenen Tochter erzählen mußte. Auch [25] von dem Einsiedler erzählte König Ringolf und von dessen Worten:

„Einer Frau mit Trän’ im Blick
Bringt dies Kleinod wieder Glück!“

Jetzt konnte er diese Worte auch auf Königin Goldwina beziehen.

– Daheim in König Ringolfs Schloß lag die Königin Feridah noch bleich auf ihrem Ruhelager. Das Fieber war gewichen, nur Schwermut sprach noch aus dem schönen Antlitz, das von goldblondem Haar wie von einem Mantel umwallt war. Wann würde ihr Gemahl heimkehren?

Da stieß plötzlich der Türmer in sein Horn, und ein glänzender Zug zog in die Königsburg ein: König Ringolf mit Königin Goldwina und deren Gefolge von Dienern und Dienerinnen, unter denen auch Elligod nicht fehlte.

Die junge Königin ward auf die plötzlich im Schloß herrschende Unruhe aufmerksam.

Da öffneten sich die Türen, und Feridah vernahm die wundervollen Töne der Zauberharfe. Ihre Wangen röteten sich; ihre Augen glänzten vor Freude. Sie richtete sich schnell auf und rief mit weit ausgebreiteten Armen:

„Klingehold, Klingehold,
Deinen Klang ich kennen sollt’!
Ist’s ein Traumbild, oder Kunde,
Von ersehnter Freudenstunde?“

Im gleichen Augenblick betraten Goldwina und König Ringolf Hand in Hand das Gemach: drei glückliche Menschen waren vereint.

Wer beschreibt die Freude und das Glück des Wiedersehens? Feridahs Sprache war ihr plötzlich voll und ganz wiedergeschenkt, und sie hatte sie nötig, denn es gab nun viel zu erzählen.

[26] Daß die junge Königin gar schnell gesund wurde, kann man denken, zumal Goldwina ihr alle ihre Lieblingsweisen auf Harfe Klingehold vorspielte und ihr sogar dieses herrliche Instrument schenkte. Obendrein versprach die Mutter, noch längere Zeit bei ihr bleiben und sie alle Jahre besuchen zu wollen.

Die treue Elligod und alle Dienerinnen Goldwinas freuten sich ebenfalls sehr des Wiedersehens. Sie schmückten Feridah mit unverwelklichen Rosen aus Goldwinas Gärten, tanzten anmutige Reigen und sangen:

„Reigen, schling’ dich, schling’,
Sorgennacht verging,
Freudensonne scheint,
Kön’gin ist vereint
Mit der Tochter heut’,
Jedes Herz sich freut.
Unser Sang soll schallen!
Heil euch, Heil euch allen!“ –

Das war eine glückliche Zeit für alle Bewohner des Königsschlosses, an der das ganze Volk teilnahm.

Die Zauberharfe hatten Goldwina und Feridah nicht mehr zum Trost nötig; sie hielten sie aber stets in Ehren.