Die Hausthiere als Wetterpropheten

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Textdaten
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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Die Hausthiere als Wetterpropheten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 104
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[104] Hausthiere als Wetterpropheten. Ein Freund meines Vaters, welcher diesem als scharfer Beobachter bekannt wurde, gibt folgende merkwürdige Mittheilungen über unsere von allen Frauen bitter gehaßte Zimmerspinnerin und blos auf unseren Nutzen bedachte Kammerjägerin, die Haus- oder Winkelspinne.

„Die Hausspinne, deren künstliches Gewebe man gewöhnlich in einem Winkel des Zimmers antrifft, besitzt ein äußerst feines Gefühl und scharfes Augenmaß. Die Aeußerungen des einen, wie des anderen oder beider zusammen können dem emsigen und scharfen Beobachter zur sicheren Vorausbestimmung der Witterung dienen, und zwar nicht blos auf Stunden und Tage, sondern auf ganze Monate hinaus: selbstverständlich nur im Allgemeinen. Es kommt einzig und allein darauf an, die Spinne so oft als möglich beobachten zu können; und es ist deshalb zweckmäßig, eine Spinne, welche sich in möglichster Nähe des Arbeitstisches eines Beobachters ansiedelt, nicht zu stören oder auch nur zu beunruhigen.

Ich will versuchen, meine auf die sorgfältigsten Beobachtungen von Jahren gestützten Erfahrungen über diese merkwürdigen Thiere in möglichster Kürze mitzutheilen, und bin gern bereit, auf Verlangen genauere Auskunft zu ertheilen.

Wenn sich eine Spinne an einem günstig gelegenen Orte angesiedelt hat, so muß man sich zunächst mit ihr bekannt zu machen suchen. Man geht deshalb oft an ihrem Netze vorüber, sieht sie im Vorbeigehen scharf an, bleibt später stehen, betrachtet sie, und verweilt dann immer länger und länger in ihrer Nähe, bis sie keine Furcht mehr zeigt, und sich nicht mehr in ihrer Höhle verbirgt. Bleibt das Thier endlich bei Annäherung des Beobachters ruhig und furchtlos auf ihrem Gespinnste sitzen, so können die Beobachtungen beginnen. Zuvörsderst hat man nun aber noch auf das verschiedene Alter der Spinne Rücksicht zu nehmen, d. h. sich zu vergewissern, ob man es mit einer ein- oder zweijährigen zu thun hat, da die sogleich zu beschreibenden Handlungen alter oder junger Spinnen verschiedene Zeiten anzeigen. Die vorjährige Spinne zeigt das Wetter des kommenden elften, die diesjährige des kommenden neunten Tages an.

Sitzt nun eine alte Spinne in ihrem Netz vor der Höhle desselben mit gerade ausgestreckten Füßen, so ist den elften Tag darauf schönes, trockenes Wetter; sitzt sie mit halbem Körper oder mit halb angezogenen Füßen in der Höhle, so ist derselbe Tag unveränderlich; sitzt sie umgekehrt, mit dem Hintertheile nach der Stube und mit dem Kopfe nach dem Winkel zu, so regnet es den elften Tag gewiß. Bei jungen Spinnen bedeuten diese verschiedenen Stellungen immer den neunten Tag.

Sitzt im ersten Falle die Spinne auf schönes Wetter und verändert sie plötzlich ihren Sitz, ohne irgend eine äußere Veranlassung, so tritt um dieselbe Stunde des elften (oder neunten) Tages dasjenige Wetter ein, welches sie anzeigt (Regenschauer, Gewitter etc.). Ist die Spinne eifrig bemüht, Löcher in ihr Netz zu reißen, so deutet dies für dieselbe Stunde des elften Tages auf Sturm. Bei fortgesetzter Beobachtung kann man auch erfahren, wie lange derselbe anhalten wird.

Im Frühling oder im Herbst verlassen die Spinnen oft ihr Netz und laufen unruhig umher. In diesen Zeiten kann man so glücklich sein, den Verlauf des Wetters während des nächsten Sommers oder bezüglich Winters ziemlich sicher zu bestimmen; man muß aber sehr genau beobachten, viel Geduld haben und Alles sorgfältig aufschreiben, denn die nunmehr zu erwähnenden Prophezeiungen. treffen erst genau nach der elften Woche ein. Nur selten ist man so glücklich, die bezüglichen Beobachtungen vom Anfange bis zum Ende ausführen zu können; dies schadet auch Nichts; es genügt, das allgemeine Gepräge der folgenden Witterung kennen zu lernen. Man hat hauptsächlich auf Folgendes zu achten:

Läßt sich irgend eine Spinne von der Decke des Zimmers oder irgend eines erhabenen Gegenstandes herab, so gebe man Acht, wenn sie aufhört zu spinnen, ruhig hängen bleibt oder wieder aufwärts läuft. Je länger der Faden ist, an welchem sie spinnt, um so trockener wird die Luft, oder um so wärmer wird der Sommer, um so kälter der Winter sein. Läuft die Spinne, wie öfters geschieht, wieder in die Höhe, so stellt sich feuchte Luft (Regen oder Schnee) ein; läßt sie sich wieder herab, so folgt von Neuem trockenes Wetter. Man schließt aus diesen wiederholten Bewegungen des Thieres mit ziemlicher Sicherheit auf die Veränderungen des Wetters.

Will man dieselben aber genau kennen, so nehme man nur gleich Stuhl und Tisch zu Hülfe, lasse sich Essen auftragen und waffne sich mit vierundzwanzigstündiger Geduld. Man theile nur die Höhe vom Netze bis zum Fußboden in elf gleiche Theile ein, von denen jeder einzelne in den Augen der Spinne eine Woche bedeutet, und merke sich nur für jeden genau an, was die Spinne innerhalb desselben vorgenommen hat. Hat sie z. B. von der Decke. der Stube herabgesponnen, und läuft vom fünften der elf Theile an wieder aufwärts, so stellt sich sicher in der 5. + 11. = 16. Woche feuchte Luft und im Winter wahrscheinlich Thauwetter ein.“

So weit unser Berichterstatter. Wir haben gar keinen Grund, die Richtigkeit seiner Beobachtungen vor Erlangung von Gegenbeweisen zu bezweifeln, und laden deßhalb alle Freunde solcher Beobachtungen zum Studium der Spinnen ein. Einige anderweitige Erfahrungen über die Vorausahnung der Witterung durch höhere Thiere sollen demnächst hier folgen.

Dr. Brehm.