Die Heimat der Oberharzer

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Autor: Heinrich Morich
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Titel: Die Heimat der Oberharzer
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aus: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1937, S. 38–39
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Die Heimat der Oberharzer.
Von Rektor i. R. H. Morich-Clausthal.


     Als der Bergbau am Rammelsberge bei Goslar, der im Jahre 946 aufgenommen sein soll, schon über zwei Jahrhunderte bestanden hatte, war der Oberharz noch unbewohnt. Die ältesten Bewohner kamen aus Goslar und gründeten um 1200 das Kloster Cella, das an der Stelle der jetzigen Bergstadt Zellerfeld stand. In den Kämpfen der Hohenstaufen und Welfen kam der Bergbau in Goslar zeitweise völlig zum Erliegen, weshalb die Bergleute auswandern mußten. Während ein Teil unter der Führung des Bergvogts Hermann v. d. Gowische 1181 nach dem Erzgebirge zog und die Stadt Freiberg gründete, wandten andere sich nach dem Oberharz, um hier neue Arbeitsgelegenheit zu suchen.

     Die Annahme, daß es Franken gewesen sind, ist als sicher überliefert anzusehen, war doch der Goslarer Bergbau durch Bergleute aus Franken, der Wiege des deutschen Bergbaues, aufgenommen. Ein Stadtteil in Goslar führt daher noch heute den Namen „Frankenberg“. Dementsprechend heißt auch eine Stelle im Oberharz „Der Frankenscharn“, d. i. der Ort, wo die Franken nach Erz geschürt haben. Aber dieser erste Bergbau dauerte nur etwa 150 Jahre, er hatte ein Ende, als 1347 der „schwarze Tod“, jene das Abendland verheerende Pest, auch auf den Oberharz drang und einen großen Teil der Bewohner hinwegraffte. Die zurückgebliebene Bevölkerung konnte sich nicht halten, der Bergbau ging zugrunde und es wurde wieder still und öde auf dem Oberharze.

     Nach etwa anderthalb Jahrhunderten erwachte der Oberharzer Bergbau zu neuem Leben durch die Fürsorge des Herzogs Heinrichs des Jüngern von Braunschweig-Wolfenbüttel. Es entstanden im Anfange des 16. Jahrhunderts die Bergstädte Grund, Wildemann, Zellerfeld und St. Andreasberg und etwas später auch Clausthal, Lautenthal und Altenau. Diese sieben Bergstädte entwickelten sich mit solcher Schnelligkeit, daß man erstaunt fragen muß: Woher kamen ihre Bewohner, da doch der Oberharz vorher unbewohnt war?

     Die Annahme liegt nun sehr nahe, daß sie wieder aus Goslar oder aus dem Mansfeldischen eingewandert sind, da dies die nächstliegenden der damals Silberbergbau treibenden Gegenden waren. Durch nähere Untersuchungen und Forschungen verschiedener Philologen und Historiker ist jedoch festgestellt worden, daß der überwiegend größte Teil der Einwanderer aus dem westlich Erzebirge gekommen ist. Das beweisen ohne Zweifel die geschichtlichen Nachrichten, die ausfällige Übereinstimmung der Grubennamen und die Übereinstimmung der Mundarten.

     Die ersten Bergbeamten des Oberharzes verschrieb sich der Herzog Heinrich aus dem Erzgebirge, namentlich aus der Gegend von Schneeberg, Annaberg und Joachimsthal. Diese Beamten aber kamen nicht allein, sondern brachten eine Anzahl Bergleute mit, die sich im Harz seßhaft machten und hier Kolonien gründeten. Man findet des halb die Namen alter Harzer Bergbeamten zu gleicher Zeit auch in den Bergstädten des Erzgebirges, wie auch viele alte Harzer Bergmannsnamen an sächsische und böhmische Bergorte erinnern. Solche Namen sind: Geyer, Graupner, Grimm, Schneeberg, Annaberger, Buchholz, Brand, Meißner, Vogtländer, Pucher, Plattner, Riesen, Sachs und Böhm.

     Außerdem wurde, wie man aus den Bergfreiheiten und Bergordnungen ersehen kann, im Oberharz weitgehende Rücksicht auf die erzgebirgischen Einrichtungen genommen, was [39] nur daraus zu erklären ist, daß die eingewanderten Bergleute mit diesen Einrichtungen bekannt und aufgewachsen waren. Sodann führen viele Oberharzer Gruben die Namen erzgebirgischer Gruben, die nachweislich schon vor ihnen bestanden; diese Grubennamen müssen also von den eingewanderten Bergleuten mitgebracht sein. Aus der Überfülle der Namen seien nur folgende herausgegriffen: Wildermann, Haus Sachsen, Himmlisches Heer, Turmhof, Dorothee, Katharina Neufang, St. Anna, St. Andreas, St. Johannes, Drei Brüder, Lorenz, St. Georg, Gabe Gottes und Fürstenstollen. Auch der „Wilde Mann“, der auf den wunderschönen und vielfältigen Wildemann-Münzen des Oberharzes immer wiederkehrt, ist aus dem Erzgebirge mit in den Harz gewandert.

     Was die Gruben mit Personennamen betrifft, so haben wir über deren Beziehungen zum Erzgebirge ganz ausgezeichnete Beispiele in St. Andreasberg, wo nach dem Jahre 1521 verschiedene Silbergruben die Namen Rappolt, Unruhe, Schweitzer, Neidhardt, Vogtländer und Schütz führten. Solche Grubennamen gab es aber schon vorher in Schneeberg und Joachimsthal, wo sie nach den betreffenden Fundgrübenern genannt waren. Letztere kamen nun als Unternehmer mit zahlreichen Bergleuten nach Andreasberg, um hier aus Hoffnung einzuschlagen. Daß um 1521 Joachimsthaler Bergleute nach Andreasberg ababwanderten, berichtet auch vor allem Matthesius, der damalige bergbauverständige Pfarrer dieser jungen Bergstadt.

     Ein anderes recht treffendes Beispiel gibt uns der Turmrosenhof bei Clausthal, der im Jahre 1600 aus den beiden Gruben Turmhof und Rosenhof zusammengelegt wurde. Den Namen „Turmhof“ brachten die ersten Bergleute aus Freiberg mit, wo die Grube ihren Namen von einem alten Freihofe, auf dessen Grund und Boden sie lag, erhalten hatte. Sie war im 16. Jahrhundert Freibergs reichste Silbergrube, die mit ihren Maßen binnen 50 Jahren eine Million Taler spendete. Im Jahre 1575 mußten hier wegen Mangels an Aufschlagwassern 900 Bergleute entlassen werden, die in ihrem Elende meist zum Wanderstabe griffen und sich wahrscheinlich im Harze eine neue Heimat suchten.

     Endlich ist es die Sprache, welche die beiden Gegenden als verwandt erkennen läßt. Der Oberharz hat seinen eigenen Dialekt, den die Bergleute aus dem Erzgebirge mitbrachten, und der sich, wenn auch etwas verändert, durch Generationen hindurch bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Diese hochdeutsche Mundart, eine Sprachinsel im Gebiete des Niedersächsischen und Plattdeutschen, stimmt in ihren Hauptmerkmalen mit verschiedenen Mundarten des oberen Erzgebirges völlig überein. Sie bildet in erster Linie ein besonderes kennzeichen der Bergbevölkerung, die in diesem Dialekt sogar eine kleine Literatur besitzt und zu allen Zeiten in ihr die Landesfürsten bei ihren Besuchen im Oberharz ansprach bezw. andichtete. Als Sprachprobe diene folgendes Gedicht:

Vor dr Frihschicht.

     Do wärich denn! Glickauf! un – nunter!
Doch halt! wos is dos for ä Glans?
In Wald de Vegle waren munter,
Dn Barg imgitt ä Schtrahelnkrans.
Un nu, wu frädig ells erwacht,
Nu sollich nob in tiefster Nacht!

     Un doch, wos hilfts, es Harz zu queeln
Mit dan wos sich net ännern lett?
War hußmer denn dis Fach terweheln?
Ich sah doch ah, wie annre net,
Gott, Deine Herrlichkät un Macht
In schauervuller, tiffster Nacht.

     Drim willich frädig niederfahren.
Nu Herr, ich iwergah mich Dir
Du wärschtmer Leib un Seel bewahren;
Dei Engel logert sich im mir.
Bist Du bei mir in finstern Schacht,
Wärd morringhall de tiffste Nacht.

     Durch diese Wechselbeziehungen wird in auffallender Weise dargetan, daß der größte Teil der Oberharzer Bevölkerung seinerzeit aus dem Erzgebirge gekommen ist. Goslarsche, also Harzer Bergleute, ziehen um 1180 nach dem Erzgebirge, um dort den Bergbau auszunehmen, und 300 Jahre später wandern ihre Nachkommen wieder nach dem Harz zurück und bevölkern hier die neuentstehenden Bergstädte.

     Indessen können bei der bedeutenden Bevölkerung des Oberharzes, die sich in den sieben Bergstädten ansiedelte, nicht alle aus dem Erzgebirge gekommen sein. Durch die Bergfreiheiten wurden auch aus anderen Bergwerksgegenden, namentlich aus solchen, in denen der Silberbergbau im Rückgange begriffen war, Scharen von Bergleuten angelockt und dauernd herbeigezogen. Aber den weitaus größten Teil hat das Erzgebirge geliefert, was schon dadurch bewiesen wird, daß seine Mundart alle übrigen unterdrückt hat. Das Erzgebirge ist demnach als die eigentliche Heimat der Oberharzer Bevölkerung anzusehen.

Anmerkungen (Wikisource)