Die Lieblingsblume des deutschen Kaisers

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Titel: Die Lieblingsblume des deutschen Kaisers
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 56
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[56] Die Lieblingsblume des deutschen Kaisers. Kaiser Wilhelm der Erste hat, wie man weiß, Blumen gern, und sein Geburtstagstisch ist stets mit einer Fülle der prachtvollsten Sträuße bedeckt, aber auch eine gar schmucklose Blume des Feldes, die Kornblume nämlich, darf unter ihren glänzenderen Schwestern niemals fehlen. Alle Söhne und Töchter der verewigten Königin Louise von Preußen bewahren für sie – im Andenken an die theure Dahingeschiedene – eine ausgesprochene Vorliebe, welche sich auf ein scheinbar höchst unbedeutendes Begebniß zurückführen läßt.

Die Königin Louise verlebte bekanntlich zwei Jahre – von 1806 bis 1808 – in Königsberg und bewohnte während der Sommermonate eine daselbst vor dem Steindammer Thore belegene ländliche Besitzung. Die Einsamkeit dieses Aufenthaltes, in welchem nur das Rauschen der alten Waldbäume, das helle Gezwitscher der Vögel und das Summen leichtbeschwingter Insecten die tiefe Stille unterbrachen, that dem leidenden Gemüthe der schwer geprüften Fürstin wohl. Hier wandelte sie oft mit ihren Kindern und sprach sanfte, treue Mutterworte zu ihnen, welche den Sinn, das Herz, ihren Geist bilden, ihren Charakter stählen sollten.

Eines Morgens, als die Königin mit den Kindern sich wiederum in den Park begeben wollte, bot ein Landmädchen, welches mit einem Korbe voll Kornblumen neben der Gartenpforte stand, diese der hohen Frau an. Louise beschenkte, freundlich dankend, das Mädchen, und nahm die Kornblumen, über deren herrliche blaue Farbe die zehnjährige Prinzessin Charlotte sich voll Bewunderung äußerte, mit sich in den Garten. Als man auf einem Ruhesitze Platz genommen hatte, versuchte die Prinzessin, nach Anleitung der Mutter, von den Kornblumen einen Kranz zu winden, und so groß war die Freude über den gelungenen Ausfall dieser Arbeit, daß die gewöhnlich bleichen Wangen der Prinzessin vom hellsten Roth überhaucht wurden. Und als sie dann den vollendeten Kranz auf ihr schönes Haar drückte, stand er dem feinen, edel geschnitzten Gesichte so trefflich, daß die zuschauenden Geschwister, darunter auch der jetzige Kaiser, durch laute Ausrufe von ihrer Freude Kunde gaben. Was mochte in dem Herzen der Königin sich regen, als sie die Augen ihrer Kinder so froh erglänzen sah über eine Spende, deren materieller Werth sich kaum beziffern ließ?

Die Gewalt der Waffen hatte dem theuern Vaterlande Unglück über Unglück gebracht; wer konnte ahnen, daß die jetzt mit einem Kranze von Feldblumen geschmückte Prinzessin einst das Diadem einer Kaiserin auf ihrer Stirn tragen würde? Wer konnte ahnen, daß das scheinbar vernichtete Preußen einst seinen schützenden Arm vom Fels zum Meere breiten und Louisens Sohn als deutscher Kaiser das geeinte Deutschland zu ungeahnter Machtstellung und Ehre erheben würde?

Allein die Königin sah in dem einfachen, durch schuldlose Freuden beglückten Sinn ihrer Kinder ein Eden erstehen, aus dem unvergängliche Quellen des reinsten Genusses sich ergießen mußten. In tiefer Rührung zog sie die Geliebten an ihr Herz, und die Kornblume, welche ihr so Schönes offenbart, wurde und blieb ihre und ihrer Tochter Charlotte Lieblingsblume.

Als Charlotte zwanzig Jahre später als Kaiserin von Rußland ihre Heimath durch einen Besuch erfreute, glaubten die Bewohner von Königsberg in der mächtigen Kaiserin die angenehmsten Erinnerungen zu wecken, wenn die jungen Mädchen, welche beim Einzuge der Fürstin ihr Blumen streuten, mit Kränzen von Kornblumen geschmückt, vor ihr erschienen. Und sie hatten sich nicht getäuscht; die Kaiserin sprach ihren Dank und ihre Freude aus, daß man die Kornblume gewählt, um sie zu ehren.