Die Mähmaschine

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Textdaten
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Autor: Friedrich Georg Wieck
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Titel: Die Mähmaschine
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 358-360
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[358]
Mitgetheilt von Friedrich Georg Wieck.
Die Mähmaschine.

Fast mehr noch als in den gewerblichen Künsten sind im landwirthschaftlichen Betriebe in neuerer Zeit vervollkommnete Werkzeuge, welche man Maschinen nennt, zum Theil vorgeschlagen, zum Theil auch wirklich ausgeführt und hier und da in die praktische Landwirthschaft eingeführt worden. Dies erklärt sich theilweise daraus, daß die Gewerbskunst sich schon seit längerer Zeit mit den Maschinen befreundet hat, während die Landwirthschaft länger ihr Fach handwerksmäßig betrieb und jetzt erst anfängt, dasselbe zu der Kunst zu erheben: dem Acker den höchstmöglichsten Ertrag mit den möglich geringsten Kosten abzugewinnen. Sie wird andererseits in manchen Gegenden, wo Handel und Gewerbe in Blüthe stehen, genöthigt, sich nach verstärkten Arbeitskräften umzusehen. Denn einmal verlangt eine zahlreich gewerbliche Bevölkerung recht viel landwirthschaftliche Produkte, dann aber auch nimmt sie stets neue Arbeiter in sich auf, die dem Ackerbau entzogen werden und in sehr seltenen Fällen wieder zu ihm zurückkehren.

[359] Die Landwirthschaft findet jene verstärkten Arbeitskräfte in den Maschinen, bei denen weniger Menschenhände, sondern mehr Pferdefüße gebraucht werden, deren man schon entrathen zu können wähnte in Hinblick auf Eisenbahnen und Dampfwägen. Seit diese aber eingeführt sind, haben sich die Pferde vermehrt.

So vermehrt sich auch die Menschenarbeit durch die Maschinen, und Knechte und Mägde brauchen nicht zu fürchten, überflüssig zu werden, weil Pferde dreschen und mähen. Warum sollen sie dies nicht eben so gut thun, als pflügen und eggen? Umsomehr da man jetzt schon den Dampf an den Pflug, und an das Grabscheit spannt, wovon wir später einmal erzählen wollen. Von Allem zugleich können wir hier nicht reden! Bleiben wir heute vor der Hand beim Mähen stehen.

Jedes Kind weiß, daß man seit uralter Zeit sich dazu der Sichel und der Sense bedient. Das älteste Werkzeug ist die Sichel. Man hat Abbildungen davon auf den ältesten Denkmälern des Menschengeschlechts gefunden. Die Sense ist von neuerer Erfindung. Die Alten stellten sich den Tod nicht als scheußliches Gerippe mit der Hippe oder Sense vor, sondern als ein die Fackel kehrender Genius. - Die Sense ist wirksamer wie die Sichel, aber letztere wird aus Anhänglichkeit an dem überkommenden Alten von manchen ländlichen Bevölkerungen noch vorgezogen. Daher darf es Niemanden verwunderlich vorkommen, wenn nach tausend Jahren – lebt er so lange – die alten Sensen noch arbeiten neben dampfgetriebenen Mähmaschinen, welche so mit Dresch-, Mühl- und Backmaschinen verbunden sind, daß das frische Brot am letzten Ende herauskommt.

Die Gartenlaube (1853) b 359.jpg

Mähmaschine von Tolemache.

Indem wir den spätern Jahrgängen der Gartenlaube die Illustrirung dieser merkwürdigen Maschinenkomposition vorbehalten, welche uns allerdings schon im Geiste vorschwebt, beschränken wir uns heute darauf, unsern wißbegierigen Lesern die bis jetzt erreichte Sprosse auf der Leiter jener großen kommenden Erfindung in einem hübschen landschaftlichen Bilde vor Augen zu legen. Die in demselben arbeitend dargestellte Maschine ist die „Tolemach-Mähmaschine,“ so genannt nach ihrem Erfinder. Sie wird von dem berühmten Erbauer landwirthschaftlicher Geräthe Richard Garrett gebaut. Berühmter noch als diese Maschine ist die Mähmaschine des Amerikaners M’Cormick, die zur Zeit der Weltausstellung in England auf dem Felde so große Triumphe feierte, damals als der große englische Landwirth Mechi, der Kunst zu Ehren, ein schönes, noch grünes Weizenfeld von der Maschine mit großem Behagen abmähen ließ, an welchem Grünfutter sich seine herrlichen Kühe später gütlich thaten.

Aber die von der amerikanischen Mähmaschine errungenen Siege spornten andere rastlose Erfinder an, sich in den heißen Kampf der Konkurrenz zu stürzen und immer bessere Maschinen zu erfinden, wenigstens glaubt jeder Erfinder dies. Wer wie ich den ganzen Tag über mit technischen, gewerblichen Belangen und Büchern, alten und neuen sich beschäftigt, dem kommt manche Erfindung vor Augen, die, nebenbei gesagt, oft nichts weiter ist als ein alter Freund in einem neuen Rock. So habe ich denn auch schon viele Mähmaschinenbauarten gezählt, u. A. von Mason, Atkin, Gumpertz, Wray, Harkes Hussey in England und Amerika. Mit Verbesserungen haben sich beschäftigt [360] die Deutschen: Th. Weiß und Dr. Hamm. Es wird sich dermaleinst finden, welche Bauart und Verbesserung die beste ist, wenn der Streit der Techniker aufgehört hat und die Oekonomen einerlei Meinung geworden sind. Für den sich in diesen Streit und in den Zwiespalt der Meinungen nicht mischenden Leser, der sich so zu sagen nur kulturhistorisch über den Stand der Technik in der Landwirthschaft unterrichten will, dürfte die Ansicht unseres ausgezeichneten Bildes genügen, aus dem er, wie wir offen bekennen müssen, über das Prinzip der Maschine inzwischen nicht so recht klar werden möchte, wenn wir seiner Einbildungskraft nicht durch einige Andeutungen zu Hülfe kämen.

Die Erfindung an Maschinen zum Mähen taumelte sehr lange in der Irre umher, indem sie sich die Bewegung der Sense oder der Sichel – man dachte entfernt an jene antiken Kampfwagen mit sichelartigen Schwertern an den Achsen – zum Vorbild nahm, bis ein scharfdenkender Geist endlich begriff, daß man ein Kornfeld mit schwankenden Halmen nur abmähen kann, wie man einen Bart rasirt, nämlich mit ziehendem Schnitte. Weil man nun aber nicht gut im Stande ist, eine Riesensense für ein Kornfeld zu schmieden, welche mit Pferdekraft zu regieren wäre, so ersann man eine Finger- oder Kammvorrichtung, die gegen das stehende Getreide anzuschieben ist und die Halme zwischen den Zähnen des Kammes festklemmt. So festgehalten, vermochte nun entweder ein sich schnell unter dem Kamm gegen die Halme bewegendes Sägeblatt dieselben abzusägen, oder hin- und hergehende Messer waren im Stande, sie glatt abzuschneiden. So wie diese Vorrichtung in der Richtung der Furchen von seitlich angespannten Pferden fortgezogen wird, setzt sie durch eben diese Bewegung Räderwerk in Umtrieb und bringt die Schneidvorrichtung zum Angriff. Die geschnittenen Halme sinken zurück auf eine Tafel oder ein Führtuch, und werden von Arbeitern zusammengerafft und in Garben gebunden. Wie geschildert ist das Urprinzip aller Mähmaschinen. Anstatt des sägenartigen Schneiders wenden Andere scheerenähnlich zusammentretende Schneiden an; wieder Andere greifen zu runden Scheiben mit scharfen Rändern, während die Kühnsten ordentliche, scharfe, platte Stahlkrallen konstruiren, welche die Halme zugleich packen und abschneiden. Atkins, der neueste Erfinder, läßt die Köpfe sich zersinnen, um die zweckmäßigste Zusammenstellung von Schneiden für den eigentlichen Schnitt des Getreides zu finden. Er hingegen schafft einen künstlichen Arm, welcher, so wie die Halme fallen, sie in Garben zusammengreift und zur Seite legt, wo sie dann von einem Arbeiter gebunden und ihrer mehrere in Puppen zusammengestellt werden können.

Das große Rad, welches sich zwischen dem Gestelle (siehe Zeichnung) bewegt, läuft aus der Furche und setzt, während es sich durch den Zug des Pferdes dreht, das seitliche Triebrad in Thätigkeit, und dieses wieder bringt den Schneidapparat in Arbeit. In Amerika, wo die Arbeit der Menschenhand theuer ist, die Arbeit des Menschengeistes aber zur Zeit noch nicht sehr lebhaft gefragt ist, wenn sie sich nicht unmittelbar auf „Money making“ bezieht, gehen viele Mähmaschinen, und verbreitert sich von Tage zu Tage mehr. In England, wo der freie Kornhandel einerseits und die Abnahme landwirthschaftlicher Arbeiter in Folge der Anziehungskraft von Amerika und Australien andererseits den Landbau bedrängt, macht die Maschine sich bereits auch Raum. In Deutschland besinnen wir uns noch. Wir Deutsche sind ein nachdenkliches Volk, und besitzen ungemein viele Anlage zum – Abwarten.