Die Madonna in der Schnapsflasche

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Titel: Die Madonna in der Schnapsflasche
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 427
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[427] Die Madonna in der Schnapsflasche. Ohne sich wegen der bedenklichen Gegenüberstellung mit den in Flaschen eingesperrten Teufelchen zu geniren, begann man vor einigen Wochen in der Gaismühle bei Gappenach, die Madonna in einer Flasche zu schauen, die mit Marpinger Wunderwasser gefüllt war, nachdem sie vorher vielleicht Schnaps, Bier oder andere profane Getränke beherbergt hatte. Der Polizei gelang es, die Flasche, natürlich ohne ihren Esprit, dingfest zu machen, aber die Madonna erschien nunmehr in einer Flasche zu Mühlheim an der Mosel und an drei oder vier benachbarten Orten der von Marpingen aus inficirten Gegend, ein Beweis dafür, in wie hohem Grade ansteckend derartige geistige Seuchen sind. Die Procedur war überall dieselbe. Man stellte die mit Marpinger Wasser gefüllte Wunderbouteille, von Lichtern und Blumen umgeben auf einen erhöhten Platz, einen Kaminsims oder Schrank, bildete einen Halbkreis davor und sang so lange Madonnenlieder, bis irgend eine Muhme, vielleicht in ihrem eigenen werthen Conterfei, welches der Zerrspiegel zu einer Bohnenscheuche verlängert hatte, die Himmelskönigin zu erkennen glaubte und ihre Mitschwestern unschwer von der Erscheinung überzeugte. Natürlich entstand überall ein starker Andrang der allezeit wundersüchtigen Menge, als wolle sie die „Wallfahrt zur göttlichen Flasche“, welche der stets lustige Pfarrer von Meudon vor viertehalb Jahrhunderten so drollig beschrieben hat, von Neuem in Scene setzen. In solchen Dingen besitzt die Menschheit einen wunderbar sich gleichbleibenden Instinct. Wie unsere Vorfahren aus dem Wasserspiegel der Quellen die zukünftigen Dinge prophezeiten, wie Dschemschid in seinem Becher Alles sah und Numa im Wasserbecken die Geister erscheinen ließ, so auch noch heute. Freilich schauen jetzt die alten Muhmen, was sonst nur einer reinen Jungfrau oder einem Junggesellen zu schauen möglich sein sollte.

Man wird lebhaft an die Marpinger Zauberflasche erinnert, wenn man das von Rimuald mitgetheilte Verfahren seiner Zeit, Spitzbuben im Weihwasser zu entdecken, liest. Die mit den angedeuteten moralischen Vorzügen ausgestattete junge Person füllte eine Flasche mit Weihwasser, stellte eine geweihete Kerze daneben und sprach: „Weißer Engel, heiliger Engel, ich beschwöre Dich bei meiner Reinheit und Deiner Heiligkeit, zeige mir den Dieb!“ Alsdann sollte das Conterfei des Diebes in der Flasche erscheinen, und die Seherin mußte ihn sehen, wenn ihr eigener guter Ruf nicht darüber in die Brüche gehen sollte. Es ist ganz dasselbe, wenn man der blinden Polizei heute erwiderte: Ihr seht die Madonna in der Flasche nicht, weil Ihr nicht den reinen, keuschen Glauben habt, und Ihr werdet sie nicht sehen, wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder. Man suchte sonst Kinder zu diesem Experimente aus, weil es ihrer beweglichen Phantasie leicht wird, in dem unbestimmten Zerrspiegel einer zitternden Flüssigkeit Alles zu sehen, was sie sehen sollen oder wollen. Der Herzog von Saint-Simon erzählt in seinen Memoiren, wie ein Magier einem jungen Mädchen das Schicksal des Herzogs von Orleans in einem Glase mit Wasser zeigte, und Cagliostro bediente sich eines ähnlichen Verfahrens häufig. Der Graf Laborde beobachtete dieselbe Procedur in Aegypten, nur daß man hier einem Knaben etwas Tinte in die Hand goß, um als Zukunftsspiegel zu dienen. So treibt der älteste Zauberspuk unter dem Schutze wohlgenährter Frömmigkeit unabänderlich aus der alten Wurzel immer neue Triebe. Beinahe hätten auch die Freunde des Fortschrittes Ursache, zur göttlichen Flasche zu wallfahrten, bei der Rabelais den besten Trost fand und aus deren Bauche das Wunderwort: „Trincq!“ erklang, über dessen Bedeutung man das fünfundvierzigste Capitel im Pantagruel nachlesen mag.