Die Mondscheinfee

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Autor: Karl Vanselow
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Titel: Die Mondscheinfee
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 613–615
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[613]
Die Gartenlaube (1899) b 0613.jpg


Die Mondscheinfee.

von Karl Vanselow.

„… Ihre Spur ist von Silber, ihr Hauch von Duft,
Wo sie geht, füllen schimmernde Wolken die Luft,
Wo sie ruht, ist die Erde wie Blütenschnee –
So schön, so schön ist die Mondscheinfee.

Und sie wohnt, einem Traum, einer Königin gleich,
Hinter den Hügeln in heimlichem Reich.
Schwanenstill steigt sie bei Nacht empor
In dem schneeweißen Kleide von seidenem Flor,
Um die Stirn eine Krone von herrlichem Gold,
Das Haar wie ein blinkender Schleier so hoch.

Und hinter den Hügeln wer da sie schaut,
Wenn die Mitternacht auf die Felder taut,
Den küßt sie und hält sie heimlich im Arm,
Und das Herz wird ihm weit und wohlig und warm,
Und der irdischen Wünsche alltägliches Weh,
Er vergißt’s bei den Küssen der Mondscheinfee …“

Es lauschten die Kinder mit offenem Munde,
Wie die Muhme erzählte die Märchenkunde.
Mit glänzenden Äugen, mit glühenden Bäckchen
An die Alte geschmiegt in dem lauschigen Eckchen,
Die sich selbst wie ein Kind ihrer Worte freute,
Saßen sie da, von den Märchen entzückt.

Lange nicht klang es so schön wie heute,
Lange nicht waren sie so beglückt.

Und die Muhme erzählte und hielt nicht ein;
Sie war ja heut mit den Kleinen allein,
Und sie dachte nicht mehr, wie der Vater gescholten,
Wenn die Kinder so spät noch ein Märchen wollten:
„Das bekommt euch nicht gut!“ – und er hatte wohl recht –
„Das regt euch nur auf und dann schlaft ihr mir schlecht.“

Aber heut waren Vater und Mutter fort,
Bei Verwandten zur Hochzeit im nächsten Ort.
Und die Kuckucksuhr hatte schon Zehn geschlagen,
Da hörte die Muhme noch immer nicht auf,
Und immer noch wußte sie Neues zu sagen,
Und die Kinder lauschten begierig darauf.

[614]
Die Gartenlaube (1899) b 0614.jpg

Nur dem Schwesterchen wurden die Wimpern schwer,
Und bald nickte das Köpfchen und hörte kein Wort,
Da half auch dem Bübchen kein Betteln mehr,
Sie mußten beide ins Nestchen fort.

Und im Bettchen noch seufzte der Junge: „O weh,
Erzähl’ doch noch mehr von der Mondscheinfee!“

 
* * *


Ihre Spur ist von Silber, ihr Hauch von Duft –
Was liegt wohl da draußen so weiß in der Luft?
Was scheint wohl so wunderschön hell durch die Scheiben?
Was läßt ihn in seinem Bettchen nicht bleiben?
Muhme und Schwesterchen schlafen so tief…
War es ihm nicht, als ob es ihn rief?
Er lauschet – was hat er von draußen vernommen?
Warum will ihm nicht der Schlummer kommen?

Nun klettert er sacht aus den Kissen hervor –
Was schwebt vor ihm her wie ein schneeweißer Flor?
Was will von da draußen ihm winken? ihn grüßen?
Er trippelt zum Fenster mit hastigen Füßen,
Er schaut in die Nacht – was macht sie so licht?
War es ihm nicht wie ein weißes Gesicht? …
Da liegen die Felder wie weißer Traum,
Er traut seinen offenen Äugen kaum,
Die Bäume im Hof sind wie Wolken von Schnee –
Steht sie nicht da, die winkende Fee? …

Er schleicht sich zur Thüre, sacht, ganz sacht,
Er klinkt sie auf, – nun hinaus in die Nacht,
Im bloßen Hemdchen, im bloßen Haar,
Barfuß hinaus; … da, da, was war
Zwischen den Bäumen so seltsam licht?
War da nicht deutlich das weiße Gesicht?

Aber schneeweiß ist die ganze Nacht.
Ueberall schimmernde, wolkige Pracht.
Ueberall weiße, mondhelle Luft.
Ueberall süßer, berauschender Duft.

Und er läuft auf das Feld, das noch heller ihn lockt,
Ueber und über schneeweiß beflockt…

Und es winken die Hügel hinaus auf die Heide,
Ueber und über wie schimmernde Seide …

Und er läuft mit fliegenden, flatternden Haaren
Durch das Gras und die lichtweißen Blumenscharen.
Wo ist sie, die schöne, die schimmernde Frau? –
Es kühlt ihm die Füßchen der nächtige Tau.
Ihm ist in dem Hemdchen so luftig und leicht.
Schon hat er die Spitze des Berges erreicht,
Da – welche blendende, neue Pracht
Winkt ihm von unten herauf durch die Nacht?

Ein schönerer Mond, als am Himmel steht,
Schimmert und glänzt und wiegt sich am Grunde.
Und ihm ist, er hört eine rauschende Runde …
Wie ein Wiegenlied weich, wie ein Lied von dem Munde
Seiner Mutter kommt es heraufgeweht.

Und bald scheint’s wie ein wunderbar silberner Schwan,
Bald wird’s wie ein blinkender, schaukelnder Bahn,
Bald ringelt sich’s goldig mit leuchtenden Locken,
Bald lösen sich tausend weißflimmernde Flocken,
Bald winkt’s wie ein Leib, lichtlieblich wie Schnee –
Das ist sie, das ist sie, die Mondscheinfee!

Und das Kind, halb wachend und halb im Traum,
Was es thut, was es will, schon weiß es das kaum.
Schon sinken die Augen ihm müde und schwer,
Noch es läuft noch und läuft … Kaum steht es mehr
Da unten die winkende, blinkende Pracht.
Den Hügel hinab durch die schneeweiße Nacht
Läuft es und läuft – und es flattern im Winde
Sein bloßes Hemdchen, sein bloßes Haar,
Und es kennt nicht die schlimme, die tiefe Gefahr…

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Helf' Gott dem schuldlosen Kinde!

[615]

„Nun schlafen wohl beide im traulichen Stübchen,
Das holde Prinzestchen, das herzige Bübchen …
Ach, Liebste, wie sind wir so reich, so reich!
Welch Glück auf der Erde kommt unserem gleich?“

Und der lieblichen Frau in dem meisten Gewand,
Die neben ihm sitzt in dem stattlichen Wagen,
Streichelt der Gatte kosend die Hand,
Und feuriger läßt er die Schimmel sagen.

Aber schweigsam steht sie, gedankenschwer,
Und lehnt ihren Kopf an des Liebsten Wange.

„Ich weist nicht, wo kommt nur die Angst mir her?
Mir war schon den ganzen Tag so bange …“

Sie schaut in die Nacht, auf die Felder und Hügel.
Lautlos rollt, als trügen ihn Flügel,
Heimwärts der Wagen, der leichte, schnelle.
Jetzt, wo der Weg um die Berge biegt,
Kommt schon der See, der blinkende, helle,
Drin sich der Mond gespiegelt wiegt.

Da, was hält ihr die Augen, die stillen,
Plötzlich gebannt? – „Da, da, was schwebt
Drüben am Hügel? – Um Gotteswillen!
Sieh doch – sieh – das läuft ja das lebt!“

Eine Angst, ein Entsetzen durchfährt ihr die Glieder,
Da hält schon der Wagen, da springt sie nieder,
Und entgegen fliegt sie in ahnender Hast
Dem gefährdeten Kind – schon hat sie’s gefaßt –
Sie will schrei’n – doch in kaltem, eisigem Schrecken
In der Letzte bleibt ihr die Stimme stecken –

Zum Wasser hinunter kaum zwanzig Schritte,
Und wie schnell wär’s gescheh’n, das entsetzliche Weh!

Kaum hört sie des Kindes stammelnde Bitte:
„Küsse mich, küsse mich, Mondscheinfee!“

Wortlos hält sie den Liebling im Arm –
Da wird ihm das Herz so wohlig und warm,
Er wacht nicht, er träumt, – seine Augen sind schwer. –
Wer ihn hält, wer ihn trägt, er sieht es nicht mehr,
So unendlich wohl, so unendlich weich
Schläft er ein wie die Engel im Himmelreich…

Und der Vater, noch kann er das Wunder nicht fassen.
Stumm steht er, von Schreck und von Freude bewegt;
Er fühlt, wie das Herz ihm hämmert und schlägt,
Von dem Kinde nicht mag er die Augen lassen.
Den Schlafenden küßt er mit wortlosem Munde,
Stumm drückt er dem Weibe zärtlich die Hand.
Sie aber, zum Himmel den Blick gewandt,
Betet zu Gott in der ernstesten Stunde,
Die sie im Leben je gekannt …

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Doch das Bübchen – das schläft auch zu Hause noch fest,
Und sie bettet es weich in ihr eigenes Nest,
Legt sich sacht ihm zur Seite in schweigender Luft,
Läßt den Liebling ruhn an der Mutterbrust.

Weiß webt es von Mondlicht im traulichen Zimmer,
Weiß leuchten die Linnen wie blumiger Schnee …

Und er träumt: er schläft unter Pracht und Schimmer
In den liebenden Armen der Mondscheinfee.

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