Die Musik der Vögel

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Autor: Hermann Beckler
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Titel: Die Musik der Vögel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 558–559
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Notation von australischem Vogelgesang
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Die Musik der Vögel.


Gar oft muß man es hören, so auch in dem interessanten Artikel über die Vogelsprache im letzten Jahrgang der Gartenlaube, daß andere Welttheile im Vergleich mit Europa ebenso arm an Singvögeln wie an wohlriechenden Blumen seien. In dieser Beziehung eine kleine Berichtigung zu geben und speciell die australischen Singvögel zu Ehren kommen zu lassen, ist der Zweck dieser Zeilen.

Das süße Gezwitscher unserer heimathlichen gefiederten Sänger wird man allerdings – abgesehen von den in den letzten Jahren erfolgreichen Bemühungen der Acclimatisations-Gesellschaft, welche mit besonderer Liebe die Einführung europäischer Singvögel pflegt – bei den Antipoden vermissen müssen, aber man glaube deshalb nicht, daß die mitunter so prächtige tropische und subtropische Natur des Reizes von Vogelstimmen entbehrt. Vielmehr werden dort mitunter die großartigsten Concerte von gefiederten Sängern aufgeführt, denen der Reisende mit Entzücken lauscht, und es dringen Töne, klangvolle und glockenreine Töne an sein Ohr, deren vollen Eindruck zu erhalten er mit angehaltenem Athem stille steht.

Während hingebende und unermüdliche Beobachter das allerdings liebliche Gezwitscher unserer Singvögel nur durch Silbenlaute in die Sprache übersetzen können, die, so treu und wahr sie auch sein mögen, dennoch der Natur der Sache nach nur das unvollkommenste Bild liefern, kann man, allerdings blos wenn mit den nöthigen musikalischen Kenntnissen ausgerüstet, die Melodieen der lustigen Sänger Australiens, ohne seine Phantasie spielen zu lassen, wirklich bis zum feinsten Unterschied der Töne und mit der genauesten Wiedergabe der rhythmischen Bewegung in unser Notensystem bringen.

Ich bin leider kein Zoologe, und es haben mir damals alle Mittel gefehlt, die australische Vogelwelt anders, als das Volk der Colonisten sie kennt, kennen zu lernen; ich habe auch die edlen Sänger, deren Melodieen mein Herz erfreuten und deren Noten ich in mein Journal verzeichnete, nicht immer, ja nur selten selbst sehen können. Sicher aber ist, daß alle die Vögel, die ich vorzugsweise als Sänger bezeichnen muß, die jedoch, wie man sehen wird, je nach der Localität verschiedene Melodieen haben können, soweit mir bekannt, mit einer einzigen Ausnahme, einem Vogel, den die Colonisten soldier (Soldat) oder auch leather-head (Lederkopf, von seinem kahlen Schädel) nennen, zu der Gattung der krähenartigen Vögel gehören.

In manchen Fällen machte mir die Aufzeichnung nicht wenig Mühe, und es war eine mehrmalige Wiederholung der Melodie nothwendig, um sie festzuhalten. In anderen Fällen konnte ich leider, auf Reisen begriffen, die kostbare Zeit nicht opfern, um eine Wiederholung abzuwarten, und die Melodie war für mich, den augenblicklichen Genuß abgerechnet, verloren. Dennoch habe ich eine Anzahl derselben sammeln können und bezeichne sie hier nach der Localität, wo ich sie hörte.

Nr. 1. Mc Intyre River. Darling Downs. Ziemlich häufig.

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Nr. 2. Notirt bei Dangar’s Station Yellowroy. Darling Downs.

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Diese hübsche Melodie ist sehr verbreitet. Ich habe sie bestimmt in verschiedenen Theilen von Queensland und Neusüdwales gehört.

Nr. 3. Hastings River, Neusüdwales.

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Dieser Gesang zeichnet sich außer der Lieblichkeit und Zartheit der Melodie durch seinen strengen Rhythmus aus, sowie durch das besondere Marcato einzelner Noten, das seinen Grund in der dabei gebrauchten In- oder Exspiration hat. (Die In- und Exspiration ist durch die Anfangsbuchstaben bezeichnet.)

Nr. 4. Tenterfield, Neu-England, in Neusüdwales.

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Die folgenden Melodien wurden theils in Warwick, Darling Downs, theils in der Nähe von Ipswich, Queensland, aufgezeichnet. Ich habe einige davon ebenfalls in weiterer Verbreitung gehört, ohne mich gerade der Localitäten erinnern zu können.

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Die Wiederholung verschieden oft, diese die gewöhnliche.

Nr. 10.
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Nr. 11.
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Der soldier oder leather-head hat ebenfalls seine ganz bestimmte Melodie, in der eine Welt von Melancholie liegt. Ich habe ihn, obgleich er von den Colonisten wohl gekannt ist und ziemlich verbreitet zu sein scheint, nur auf der Station eines alten Freundes, Herrn Bracker, eines gebornen Mecklenburgers und eines der hervorragendsten Deutschen in Australien, gehört und gesehen.

Der Vogel kam des Abends auf einen dem Hause nahestehenden Baum und sang da verschiedene Male sein wehmüthiges Liedchen mit reiner, aber etwas scharfer und seufzender Stimme, das beginnende c jedes Mal scharf markirt wie durch eine gewaltsame rasche Exspiration.

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„Unsere deutschen Singvögel,“ so schrieb ich unter dem ersten Eindruck an meinen Bruder in Deutschland, „sind wahrhaftig gegen die australischen nur Stümper,“ und ich habe keinen Grund, dieses Urtheil zu ändern.

Beim ersten Grauen des Morgens erwachte das gefiederte Sängerchor zum neuen heitern sorgenlosen Tagesleben. Ich hörte wenig während der Nacht. Der Curlew allerdings ließ seine wilden, schneidenden, melancholischen Rufe durch die tiefe, nächtliche Stille schallen, ein unruhiger, langbeiniger, langhalsiger und langschnabliger Nachtwanderer, der keinen Frieden finden kann. Oder es huschte eine Eule aus ihrem modernden Loch, um ein Bischen Luft zu schöpfen und ein Bischen zu rauben, oder ein hungeriger Adler schnitt mit schwerem Flügelschlag über das Rindendach unserer Hütte, durch dessen Spalten das Licht des Mondes in breiten Streifen herabfiel oder das strahlende Licht eines Fixsterns auf einen Augenblick hereinbrach.

Ein Parrot begann mit seinem unveränderlichen geduldigen Kakariki, die schlafenden Brüder zu wecken, und behielt durch den ganzen Vortrag sein Solo wie ein Vorsänger, während allmählich einer nach dem andern, alle Parrots, ihm respondirten. Es war nichts Anderes als eine eintönige Litanei, wenig Melodie außer einer ziemlich reinen Sext. Die Litanei ist endlich im strengsten Rhythmus in vollem Gang und stimmt, wir nehmen an, in G-Dur. Mit Eins mischt ein Magpie seine Zauberstimme in das monotone Geleier der buntfederigen Mönche, das ihm gleichsam zur Folie dient, und singt:

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Der Nachklang dieser reinen Töne schwimmt noch, leiser und leiser werdend, durch das Geleier, das Ohr lauscht wie Tönen aus einer anderen Welt, der Sänger macht eine Pause und beginnt wieder:

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Wieder eine Pause, gleichsam als wenn er selbst dem Wiederklange seiner glockenhellen Stimme mit Entzücken lauschte.

Nun
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wieder eine Pause, dann plötzlich mit einer Kraft und einer Anmuth, die erkennen lassen, wie viel der Sänger selbst auf diese Stelle hält:
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Dies repetirt sich mit Zwischenpausen vier bis fünf Mal, leiser und leiser wird der Gesang der Parrots, endlich ist Alles still. Allmählich lassen sich auch die anderen Sänger hören. Sie gehören alle dem Krähengeschlecht an, aber, wie es scheint, verschiedenen Arten desselben.

D. H. Beckler.