Die Mutter Gottes von Kevelar

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Titel: Die Mutter Gottes von Kevelar
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 418–422
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Mutter Gottes von Kevelaer.[1]


„Die Mutter Gottes von Kevelaer trägt heute ihr bestes Kleid,“ sagte ich dem Dichter nach, als ich zum ersten Male die Straßen dieses kleinen, aber berühmten Ortes betrat, dessen Name durch das allbekannte rührende Gedichtchen Heine’s verherrlicht wird, und forschte vor Allem nach der Stätte des wunderthätigen Muttergottesbildes, das in meiner Phantasie als ein schönes Marmorbild in Goldbrocat und Edelsteingeschmeide auf reichgeschmücktem Altar glänzte. Daß sie gerade heute eines der schönsten Kleider ihrer Garderobe tragen würde, nahm ich als selbstverständlich an, da neben anderen zahlreichen Pilgerzügen auch die große Procession aus Amsterdam eingetroffen war mit ihrer alljährigen Spende der hundertpfündigen Riesenkerze und anderen werthvollen Gaben.

Ich ruderte mit dem Menschenstrome dessen Zielpunkte, dem Marktplatze, zu, wo die drei bis vier Kirchen, das Oratorianerkloster und die Capelle mit der Jungfrau sich befinden.

[419] Mein Herz klopfte in dem pietätvollen Bewußtsein, daß ich der durch den „Juden“ Heinrich Heine gefeierten Stätte, dem Mekka des niederrheinischen bigotten Katholicismus, nahe sei. Ich hegte vielleicht mehr Andacht in meinem evangelisch-lutherischen Herzen, als der Priester zeigte, welcher, nicht weit von mir eine Procession nach der Capelle am heiligen Baume ordnend, sich mit ein paar jungen Damen seiner Heerde freundlich scherzend unterhielt. So richtete ich denn meine Schritte nach der kleinen sechseckigen Capelle (Fig. 1) inmitten des Platzes, welche, umringt von inbrünstig betenden Gläubigen, mir offenbar als das Centrum des frommen Treibens, als die Kaaba der Pilgerkarawanen von Mekka-Kevelaer erschien.

Rings auf dem Marktplatze standen Buden, an welchen lebhafter Handel getrieben wurde. Namentlich ganz in der Nähe der kleinen Capelle bemerkte ich eine Anzahl niedriger Tische, hinter welchen meist bejahrte Händlerinnen Artikel von gelber Masse feilboten und vorzüglich mit den buntgekleideten Holländerinnen in ihren breitnäpfigen, weißen Hauben Geschäfte machten (Fig. 2 und 9). Ich trat herzu und erkannte in dem Waarenlager Lichte, Stäbe und andere eigenthümlich geformte Sächelchen von gelbem Wachs. Auf mein Befragen suchte mir die verwundert schauende Händlerin in plattdeutschem Kauderwelsch verständlich zu machen, daß diese Wachsartikel die kranken Körpertheile vorstellten, welche, von den Gebrechlichen der heiligen Jungfrau geopfert, sofort wunderbare Heilung erwirkten. – Denn:

„Wer eine Wachshand opfert,
Dem heilt an der Hand die Wund’;
Und wer einen Wachsfuß opfert,
Dem wird der Fuß gesund.“

Ich setzte mich in den Besitz eines Körpers für zehn Pfennige, von dem mir die Alte mit Wichtigkeit versicherte: „Dat’s vor’t janze Lichem“ (Das curirt den ganzen „Leichnam“). Mein Bemühen, an dem gelben Stäbchen, welches einer Miniaturfliegenklatsche glich, nur eine annähernde Aehnlichkeit mit dem menschlichen Körper zu entdecken, war vergeblich (Fig. 3).

Ich näherte mich nun dem offenen Eingange der schlichten Capelle mit rundem Kuppeldache und erblickte zunächst rechts der Thür im Innern einen – Kochapparat, bestehend aus einem Kessel mit flüssigem, dampfendem Wachs, auf einem Gestell, darinnen Kohlenfeuer knisterte. Dahinter stand ein kleiner, dicker, freundlicher Mann in schwarzer halbgeistlicher Kleidung, beschäftigt, den Wachsbrei zu rühren, von Dochtstückchen zu reinigen und von Zeit zu Zeit den Abraum an Händen, Beinen, Herzen und „janzen Lichem“, wie sie eben erst von den Hülfesuchenden drei Schritte weiter nach vorn auf der eisenbeschlagenen Fenstersohle vor dem Heiligenbilde, vertrauensvoll geopfert worden waren, zu sammeln und wieder zu profanem gelbem Wachs einzuschmelzen. Gewiß ein glattes, hübsches Geschäft: Production, Verkauf, Opferung, Einschmelzung, Wiederverkauf, Reproduction, Alles in Zeit von einem halben Tage zu ermöglichen.

Ich erfuhr später, daß dieses Wachsgeschäft, mit welchem das Kloster begnadet ist, ein sehr einträgliches sei. Es wird dies erklärlich, wenn man bedenkt, daß die alljährlich regelmäßig wiederkehrenden Wallfahrten Kerzen von zehn bis hundert Pfund darbringen. Diese Kerzen brennen nur sehr kurze Zeit in der dazu eingerichteten Kirche, nämlich während der Anwesenheit der wallfahrenden Gemeinde und ein paar Stunden am Allerseelen- oder Allerheiligentage, und fallen dann dem klösterlichen Siedekessel anheim, aus welchem sie theils als neue Kerzen und als zu opfernde Körpertheile auferstehen, um durch die Händlerinnen umgesetzt zu werden; anderntheils findet ihre Verwerthung als Rohmaterial statt.

Nachdem ich meine Betroffenheit über den Kochkessel an so geweihter Stelle überwunden, trat ich bescheidentlich ein, frug den Bruder Wachsschmelzer (Fig. 4), ob es erlaubt sei, das Muttergottesbild in der Nähe zu sehen, erhielt freundlich bejahende Antwort und schritt, seiner Handbewegung folgend, nach der dem Eingange entgegengesetzten Seite, den schreinartigen Kern der Capelle umgehend, um nun mit zwei Schritten dem gefeierten Muttergottesbilde mich gegenüber zu befinden. Zugleich trat ich in den Kreis der draußen vor der Fensteröffnung knieenden frommen Beter.

Ein eigenthümliches Gefühl beschlich mich, als ich mich vor das Idol schob und dieses in aufmerksamer Betrachtung wohl über eine Minute lang vor dem Anblick der Betenden deckte, gleich dem sonnenverfinsternden Monde. Wohl mögen sich in diesem Moment Verwünschungen auf mein langhaariges Ketzerhaupt unter die frommen Huldigungen gemischt haben. Ich hatte aber vorher meinen Pfennig in den großen Blechtrichter am Fenster rollen lassen und mir dadurch sicher Absolution für mein ketzerisches Beginnen erworben.

Der eben erwähnte Trichter von Kupferblech ist von innen und außen zugänglich; er nimmt in seiner weiten Mündung die Geldspenden der Gläubigen auf und führt sie hinab in den „Kasten“. Und sobald das Geld da „klingt“, weiht der Bruder Wachsschmelzer die ihm durch die Fensteröffnung von außen dargereichten Scapuliere und sonstigen Dinge, welche die Pilgrime ihren Angehörigen theils als Andenken, theils als Heilmittel mit in die Heimath nehmen, durch Berühren des Marienbildes und giebt sie dann dem Eigenthümer zurück.

Das Marienbild! – Wie hatte ich mir dieses ausgemalt, und wie fand ich es in Wirklichkeit!

„Unsere liebe Frau von Kevelaer“ ist keineswegs eine schöne Statuette, wie uns doch Paul Thumann’s reizendes Bild in der „Gartenlaube“ als Illustration zu dem Heine’schen Gedichte einreden wollte, sondern vielmehr ein kleiner, schlechter, altersbrauner Holzschnitt oder Kupferstich (Fig. 5) von kaum sechs Zoll in’s Geviert, in einfachem, wenn auch massivsilbernem, vergoldetem Rahmen; er ist an einem Heiligenhäuschen befestigt, welches von der kleinen, sechseckigen Capelle wie von einer Glocke oder einem Mantel überdeckt wird. Rings um das Bild hängt dessen Eingebrachtes an Ketten, Armbändern, Ringen, Uhren, Broschen, von Gold und Silber, neu und alt, schön und geschmacklos, schwer und leicht, wie es eben die Bittenden vermocht hatten, im Ganzen eine recht respectable Juwelier-Ausstellung repräsentirend, im bunten Durcheinander.

Das also war das berühmte Muttergottesbild, das seine Wohnung!? Dieses braune Papierchen mit der plumpen Zeichnung hatte sich das große Kloster, die drei bis vier schönen Kirchen gegründet, zog und zieht jährlich eine Völkerwanderung hülfe- (öfter auch abenteuer-) suchender Menschenkinder aus der nahen und fernen Umgegend herbei und bereichert den Säckel der Brüder Oratorianer in enormer Weise.

Etwas enttäuscht, zog ich mich zurück, dankte im Vorbeigehen dem freundlichen, rührenden Wachsbruder und enthob der Stätte frommen Wunderglaubens (Fig. 6) den ketzerischen Beobachter.

Ich wandte mich dem untrennbaren Zubehöre des Madonnenbildes, den Verkaufsbuden, zu, welche in großer Zahl die Capelle umgeben. Da waren zu haben allerhand kurze Waaren, Bildnisse und Backwerk, Schnupftabaksdosen und Kinderklappern, Rosenkränze und Scapuliere aller Gattungen, Medaillen und Kreuze von Gold und Blech, Alles mit dem Madonnenbilde, Madonnen von Metall und Holz, Wachs, Seife, Papier und – Pfefferkuchen, Madonnen für das Herz, für die Nase und für den Magen.

Unter unseren Abbildungen befindet sich ein Band mit zwei Tuchläppchen (Fig. 7). Es ist dies ein an dem Marienbilde geweihtes Scapulier, das gegen Alles hilft, wenn es so um den Hals getragen wird, daß das eine Läppchen in der Herzgrube, das andere zwischen den Schultern zu liegen kommt. Dabei sind aber täglich dreißig Rosenkränze und sechszig Ave abzubeten. Japanische Gebetableiermaschinen waren leider nicht zu bekommen.

Bald hatte ich die Taschen voller Firlefanz der auserlesensten Art und wandelte nun in der heitersten Stimmung dem Kloster zu, welches mit seiner stattlichen Fronte die eine Seite des Marktes begrenzt und den vollen Ueberblick über den Platz gestattet, als mich, wie ein Blitz aus hellem Himmel, der auf mich gerichtete bannstrahlende Blick zweier Ordensbrüder traf (Fig. 8), welche müßig in der Hausthür des Klosters lehnten und hinter dem harmlos lächelnden Ausdrucke meines Antlitzes wohl etwas wie Ketzerironie gewittert, mich wohl auch wer weiß wie lange schon beobachtet haben mochten. Es war dies wohl möglich, da mittlerweile sich die Pilgerschaaren auf dem Platze etwas gelichtet hatten. Jener Blick aber, eine schöne Mischung von Gift, Spott, Stolz und Verachtung, verdarb mir für einen Moment meine gute Laune und wird mir unvergeßlich bleiben.

Ich bemerkte noch, wie der eine der Mönche, mit dem Kopfe

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Fig. 6. Vor der Maria.

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Fig. 3. Vor’t janze Lichem.

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Fig. 8. An der Klosterthür.

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Fig. 1. Die sechseckige Kapelle.

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Fig. 5. Die Mutter Gottes von Kevelaer.

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Fig. 2. Wachshändlerinnen.

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Fig. 4. Bruder Wachsschmelzer.

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Fig. 7. Scapulier.

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Fig. 9. Holländerinnen.

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Fig. 10. Procession nach dem Kruisboom.
Fig. 11. Betende Wallfahrerin.
Fig. 12. Heimkehrende Wallfahrer.

nach der Richtung deutend, wo ich stand, ein paar Jungen instruirte, welche später öfter in meiner Nähe sich befanden, und konnte nun neben dem Scharfblicke auch die Vorsicht der frommen Brüder bewundern. Vor diesem Beobachtungsposten glaubte ich mich vorerst nach einer anderen Himmelsrichtung zurückziehen zu dürfen und lenkte meine Schritte nach der „großen Capelle“, welche an der dem Kloster entgegengesetzten Seite des Marktes steht und hauptsächlich dazu dient, die großen und schweren Kerzen der wallfahrenden Gemeinden, von denen jede eine solche spendet, aufzunehmen. Rings an den Wänden des Schiffes sind sie da der Reihe nach an ihren bestimmten Plätzen befestigt, über jeder ein Täfelchen mit dem Namen der Gemeinde. Da brannte der hundertpfündige Koloß von Amsterdam; da waren Nymwegen, Arnheim, Roermonde, Cöln, Bonn, Düsseldorf, Crefeld, Geldern, Cleve, Goch, Moers, kurz, die ganze rheinische und holländische Nachbarschaft, auch zum Theil recht entfernte Orte vertreten, und schon manches Kilogramm des kostbaren Wachses, zu glänzend weißen Masten geformt, manche davon mit buntem Flitterwerk geziert, manche bis fünfzehn Centimeter stark und stockwerkhoch, prangte da in blendender Reinheit.

Sonst noch besonders Bemerkenswerthes fiel mir dort nicht auf; ich ermuthigte mich daher zu einem Besuche der von schönem rothem Sandstein in gothischem Stile neu erbauten Klosterkirche. Die Cerberusse waren augenblicklich außer Sicht, und ich fand unbehindert Eintritt. Eine Tafel an der einen Wand des Vorhauses meldete, daß der daneben befindliche Klingelzug den Pater Bonifacius oder Urban zur Beichte herbeirufe, für die Holländer mit den Worten: „hier beld men de biechtvaders“. „O rühre nicht daran!“ dachte ich im Vorbeigehen und trat in die geräumigen Hallen ein. Hier befremdete mich ein halblautes, dumpfes, eintöniges Murmeln, welches, wie ich wahrnahm, keineswegs von einem messelesenden Priester herrührte, sondern von den Beichtstühlen kam, die in großer Anzahl längs den Wänden standen. Im Nähertreten verdichtete sich mir das Murmeln zu Worten und Sätzen und namentlich aus dem einen Beichtstuhle, dessen Insassen sich einander jedenfalls schwer verständlich machen konnten, erschallten die abgebrochenen Sätze des Bekenntnisses in erschreckender Vernehmlichkeit.

An dem Sims der Stühle waren die Namen der zugehörigen „biechtvaders“ schwarz auf weiß zu lesen, und alle waren besetzt. Es gab heut viel zu thun.

Mir wurde es unheimlich zu Muthe. Zu discret, um mir wer weiß was für wichtige Geheimnisse aufdrängen zu lassen, suchte ich wieder blauen Himmel über mir und sah ihn im Heraustreten einer Procession zulächeln, welche sich soeben ordnete, nun nach dem Kruisboom (Kreuzbaum) vor dem Orte zu ziehen, einer Linde, wenn ich nicht irre, unter welcher ein großes Crucifix und neben welcher eine Capelle steht. Ich ließ den Zug, bestehend aus meist jüngeren Leuten beiderlei Geschlechts, unter Führung des zu Anfang dieser Zeilen erwähnten freundlichen Priesters, defiliren mit seinen Fahnen und Meßgewändern und folgte in einiger Entfernung demselben, der sich im Rhythmus einer ziemlich lebhaft gesungenen Hymne an die Maria, im zweiviertel Tact rasch fortbewegte (Figur 10).

„Da sollen Sie erst einmal sehen, in welcher Gangart die ‚Springer‘ dem Baume zuhüpfen, immer zwei Schritte vor, [422] einen zurück, und was für eigenthümliche Lieder die singen!“ sagte mir ein jovialer Mann, als ich im Vorübergehen in eine Restauration trat, um meine lechzende Zunge zu erfrischen, und dem zuvorkommend Grüßenden meine Verwunderung über das rasche Tempo der Wallenden aussprach.

Ich kam gerade noch am Kreuzbaum an, als die Procession zu wiederholtem Male die Capelle umzogen hatte und einige der Pilger sich halblaut darüber stritten, ob man zum zweiten oder dritten Male „herum“ sei.

Nach einem Gebete vor dem Crucifixe und in der Capelle zog die Schaar dann ihrer Heimath zu, ich aber begab mich auf den Rückweg zum Innern des Städtchens, welches übrigens, reinlich und sauber gebaut und gehalten, mit seinen meist kleinen, bunten Backsteinhäusern, deren oft verschnörkelte Giebelseiten der Straße zugewandt und deren Fenster von quadratischer Form sind, vollständig holländischen Typus zeigt.

Auf dem Markte wieder angelangt, fiel mir dort ein Verkaufsladen im Erdgeschosse eines Hauses in’s Auge, welcher wirklich künstlerisch schöne Christus-, Marien- und Heiligenbilder von Marmor, Gyps und anderem Materiale enthielt und durch seinen werthvollen Inhalt erfreulich abstach gegen den übrigen Krimskrams ringsumher. Lange fesselten mich und wenige andere Beschauer die schönen Statuen. Drüben aber drängte sich die fromme Schaar um die papierene Mutter Gottes.

Noch hatte ich eine Kirche zu besuchen, an welcher mich mein Weg nach dem Bahnhofe vorbeiführte und in welcher die Pilger ihr letztes Gebet vor dem Heimwege zu verrichten pflegen.

Auf dem Vorplatze steht imponirend über einem Altare eine Gruppe lebensgroßer, recht schön gearbeiteter Figuren, wenn ich mich recht erinnere, die Kreuzigung darstellend; vor ihr lagen Pilger in brünstiger Verehrung. Unter ihnen fiel mir eine Frau auf, welche knieend ihr Gebet verrichtete, jedoch nicht, wie die Anderen, mit gefalteten Händen, sondern mit emporgehobenen, ausgebreiteten Armen und ausgespreizten Fingern. (Figur 11.) Ich fand sie noch in derselben Stellung, als ich nach zehn Minuten wieder aus der Kirche heraustrat.

Letztere ist eine neue, freundliche geräumige Capelle mit zwei schön decorirten Altären, auf deren einem eine Marien-Statue steht, welche dem Thumann’schen Bildchen eher zum Originale gedient haben könnte, als das Idol in der sechseckigen kleinen Capelle.

Vor dem Orte setzten sich die großen, überdeckten zweiräderigen, aber stets nur einspännigen Karren (Figur 12) eines Wallfahrerzuges von einigen Hundert Personen in Bewegung, um den Rückweg anzutreten, die Männer alle baarhäuptig, die meisten in blauen Kitteln und schweren Holzschuhen.

Mich aber führte das Dampfroß von hinnen, nachdem ich noch Gelegenheit gehabt hatte, mich in den Besitz einer kleinen Broschüre zu setzen, betitelt: „Kurze Geschichte des Herzogthums Geldern für Schule und Haus“, aus welcher ich folgende Zeilen excerpire, weil sie einige historische Data enthalten über unsere liebe Frau von Kevelaer:

„Im Jahre 1641 lebte zu Geldern ein unbemittelter Bürger, Namens Heinrich Buschmann, der sich und seine Frau durch einen kleinen Handel nährte und dabei fromm und tugendhaft war. Dieser baute, einer höheren Eingebung folgend, von seinen geringen Ersparnissen ein Heiligenhäuschen zu Kevelaer, in das er am 1. Juni 1642 in aller Stille ein unscheinbares Bildchen der heiligen Jungfrau Maria stellte. Dieses war eine Abbildung eines zu Luxemburg verehrten Muttergottesbildes, welches durch einen Soldaten nach Geldern gebracht und der Frau H. Buschmann geschenkt worden war. – Gott wählt nun oft das Kleine und Unscheinbare, um Großes zu vollbringen; denn schon am selben Tage strömte eine Menge Menschen aus Geldern und der Umgegend herbei, um in dem kleinen und unscheinbaren Bilde die Mutter des Heilandes zu verehren und von ihr Gnade und Hülfe zu erflehen. Bald war der Zudrang so groß, daß bei dem Heiligenhäuschen eine größere Kirche gebaut werden mußte; schon am 22. October 1643 ward der Grundstein gelegt und die Kirche innerhalb zweier Jahre vollendet. Die Sorge für die Pilger ward denn Oratorium aus der Congregation des H. Philipp Neri übertragen und das Kloster von ihnen am 15. Juni 1647 bezogen. Um das Heiligenhäuschen bauten 1654 die Oratorianer die jetzige sechseckige Capelle, und 1664 ließen zwei fromme Männer das Bildchen in einen silbernen, vergoldeten Rahmen einfassen, wozu später noch der Reichsgraf von Oettingen eine große silberne, vergoldete Platte schenkte.

Mit der Zeit wurde die Menge der herbeiströmenden Pilger immer größer, und mochte wohl kein Jahr vergangen sein, wo die Zahl derselben nicht 100,000 überstieg. Auch Personen von hohem und erhabenem Stande kamen nach Kevelaer. So besuchte 1714 König Friedrich Wilhelm der Erste unerwartet diesen Wallfahrtsort; er durchwanderte die Capelle, betrachtete mit Ehrfurcht das Gnadenbild, erkundigte sich nach den geschehenen Wundern, begehrte Rosenkränze und opferte eine Wachskerze; auch forderte er denn Superior der Oratorianer auf, daß er eine Gnade erbitten möge. Dieser sprach den Wunsch aus, Se. Majestät möge geruhen, die Verehrung der allerseligsten Jungfrau und alle katholischen Religionsübungen zu schützen und zu begünstigen. Der König versprach dieses sogleich mit den Worten: ‚Ich werde sie schützen, begünstigen, erhalten.‘ – Der König schickte auch 1728 eine Wachskerze von fünfzig Pfund und besuchte 1738 wiederholt Kevelaer.

Gott verherrlichte Kevelaer durch viele Wunder. Bis auf den heutigen Tag ist es ein Ort der Gnade nicht nur für die Umgegend, sondern für weitere Kreise.“ – Namentlich für die Herren Oratorianer, welche sich dort ansiedelten, wollen wir hinzusetzen.

  1. Im Hinblicke auf die durch die Zeitungen gehende Mittheilung, daß 26. Mai d. J. die Ausweisung der sämmtlichen Geistlichen und der geistlichen Dienerschaft aus dem Kloster zu Kevelaer vollzogen wurde, dürfte dieser Artikel jetzt besonders zeitgemäß kommen.
    D. Red.