Die Plassenburg

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Autor: Ludwig Storch
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Titel: Die Plassenburg
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 652–654
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[651]
Ein oberfränkisches Landschaftskleeblatt.
Von L. Storch.
Nr. 1. Die Plassenburg.

Vom schönsten Frühlingswetter begünstigt, stieg ich im Kulmbacher Bahnhofe aus dem Waggon, von meinem Freunde und seiner Schwester, die wir Frau Sophie nennen wollen, erwartet und auf das Herzlichste begrüßt. Es war ein frischer köstlicher Morgen, und Alles funkelte im jungen Glanz der Sonne, des Thaus, der Frühlingspracht. Die Natur umher, die beiden lieben Menschen in meiner Gesellschaft und ein kleines, aber auserlesenes Frühstück gaben mir jene Elasticität des Geistes, der Seele und des Körpers, die zum wahren poetischen Genuß schöner Gegenden so unentbehrlich ist.

In dieser herrlichen Stimmung gingen wir durch das helle, schmucke, reinliche Städtchen Kulmbach, dessen breiten, schön gepflasterten, mit stattlichen Häusern besetzten Straßen man immer noch die alte patriarchalisch-gemüthliche Fürstlichkeit ansieht, obschon über dritthalb hundert Jahre verflossen sind, seit das Brandenburger Fürstenhaus hier seinen Zweig, die ältere Linie der Markgrafen von Kulmbach (Ansbach-Baireuth), absterben sah. Es ist ein eigenthümlicher Segen, welcher in diesen ehemaligen kleinen Fürstenresidenzen von Geschlecht zu Geschlecht fortwuchert, obgleich die Dynastien, die ihn hervorgerufen, längst in ihren steinernen Fürstengrüften modern; die Saat, die ihre väterliche Hand gestreut, bringt immerdar Früchte, die dem späten Enkel zu gut kommen. Blüthe und Frucht unserer Geistesbildung, unserer milden Sitte, unseres specifisch deutschen behäbigen Gemüthslebens sind zum großen Theil aus diesen kleinen Fürstenresidenzen hervorgegangen. Obgleich Kulmbach und Plassenburg unter dem Fürstenhause, das hier von 1341 bis 1603 residirte, mehr als einmal von schwerem Kriegsdrangsal heimgesucht wurde, namentlich unter dem berüchtigen [652] Markgrafen Albrecht dem Jüngern, Alcibiades, so ist es doch heute noch Verkünder der alten Fürstenherrlichkeit.

Diese geschichtlichen Erinnerungen waren wohl geeignet, meine heitere Stimmung zu verstärken, da ich mich so gern dankbar derer erinnere, von welchen die guten Gaben kommen, die mich erfreuen. Ohnedies habe ich von Jugend auf einen stillen sympathetischen Zug zu diesen kleinen fürstlichen Häusern gehabt, die in ihrer Nähe Gesittung und Wohlstand wachriefen, wie ein Springbrunnen Gras, Blumen, Gesträuch und Bäume. Die alten Markgrafen von Kulmbach segnend, betraten wir die prächtige Landstraße, die sich in Schneckenlinie den schön geformten Berg emporzieht, auf dessen Gipfel die imposante Plassenburg als reiche Mauerkrone ruht, die uns schon längst in den Maingrund hinabgeleuchtet. In

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Die Plassenburg.

der That ist ihr erster Anblick schon überraschend, ehrfurchtgebietend, fürstlich.

„Ja!“ rief mein Freund, „wenn auch eine fürstliche Wittwe, ist und bleibt sie doch eine adelstolze Fürstin, eine Verkünderin deutschen Fürstenlebens der Vorzeit, und auch sie ist eine würdige Stufe des preußischen Königsthrones, wie die Burg Hohenzollern und die Burg in Nürnberg.“

„Um so mehr hätte man sie mit Pietät behandeln sollen,“ nahm Frau Sophie das Wort, „um so billigere Scheu hätte man tragen sollen, die edle Fürstenwittwe zu mißhandeln, die ehrwürdige Thronstufe zu entweihen.“

Ich sah sie fragend an.

„Sie wissen wohl noch nicht, daß die Plassenburg jetzt Landeszuchthaus ist, in welchem die schlimmsten Verbrecher ihre Strafe verbüßen? Auf der Thronstufe des preußischen Königshauses spalten Züchtlinge Holz. Ist das nicht die ärgste Profanation des stolzen Residenzschlosses vom brandenburgischen Franken?“

„Der Gegensatz zwischen den letzten fürstlichen Bewohnern des Schlosses und den jetzigen ist allerdings stark und grell,“ entgegnen ich, „aber die Weltgeschichte liebt solche Contraste, um uns den wahren Werth der menschlichen Dinge zu Gemüth zu führen.“

„Wenn die Regierenden selbst so wenig Pietät für die Stammsitze ausgestorbener Fürstenhäuser zeigen, was soll man vom Volke verlangen? Muß man nicht unwillkürlich daran denken: was werden in ein- oder zweihundert Jahren die heutigen Residenzschlösser sein?“

„Spinnfabriken, werthe Frau!“

„O, gehen Sie doch mit Ihrer Prosa! Soll denn alle Poesie aus dem Leben unsrer Nachkommen schwinden? Der Anfang ist allerdings dazu gemacht.“

„Nicht doch! Die Poesie stirbt nie; denn ihre Quelle, das Volksleben, versiecht nicht. Ich werde mir z. B. meine poetische Stimmung durchaus nicht von den Züchtlingen der Plassenburg stören lassen, und da der Himmel den Poeten in dieser Richtung gnädig zu sein pflegt, so empfange ich vielleicht gerade von den Züchtlingen poetische Anregung.“ In der That fiel mir beim Anblick der stolzen Bergfeste über unsern Häuptern, des schmucken Städtchens unter unsern Füßen und der reichgeschmückten, vom Strom durchzogenen Thalau – ich weiß nicht wie – Goethe’s Zueignung zu seinen Gedichten ein:

„Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,
Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.“

Wir waren oben, wir wußten nicht wie, und kehrten gleich in das erste Haus der Festung, das Wirthshaus, ein. Ein frischer Trunk des berühmten Kulmbacher Biers schmeckte auf die Anstrengung des Bergsteigens vorzüglich gut. Ein Soldat von der zunächst gelegenen Hauptwache führte uns in die „alte“ oder „obere Burg“ zu dem Director der Strafanstalt, dessen Erlaubniß zur Besichtigung der Localitäten einzuholen ist. Wir passirten zunächst den geräumigen untern Hof, der mir schon wegen seiner Baulichkeiten imponirte. Am meisten fällt eine kühn emporragende Bastei mit einem auf den Hof mündenden verzierten Portal in die Augen. Ueber dem Portale sieht man die etwas histrionisch gehaltene Reiterstatue des Markgrafen Christian – Sohn des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg und Stifter der neuen Baireuther Linie – mit einer lateinischen und einer deutschen versificirten Unterschrift in demselben Geschmack. Dieser Fürst erbaute die hohe [653] Bastei, nach ihm die Christiansburg genannt, nun schon lange nicht mehr zugänglich. Das ehemalige Zeughaus, die beiden Casernen, das Commandantenhaus sind sehr ansehnliche Häuser, das letztere noch ein Bau des letzten Markgrafen Alexander, der noch einmal Besitzer der beiden Fürstenthümer (Ansbach und Baireuth) diese an die Krone Preußen abtrat und mit seiner Gemahlin, der bekannten Lady Craven, nach England ging, wo er 1806 starb.

Die breite, gut gehaltene Fahrstraße brachte uns von hier weiter bergauf durch freundliche Gartenanlagen auf das Rondal, ein nach Westen scharf vorspringendes, mehr als halbrundes Befestigungswerk, jetzt ein prächtiger Altan, der hinsichtlich der Kühnheit seines Baues und der überraschend reizenden Aussicht auf das Städtchen, das liebliche Mainthal und die Berge zu beiden Seiten desselben wenig Nebenbuhler haben dürfte. Mein Freund hielt uns einen historischen Vortrag über die Bergfeste und deutete die einzelnen Punkte der vor uns liegenden reichen schönen Landschaft. Als wir uns lange gelabt, gingen wir östlich durch ein festes Thor und betraten den Haupttheil der Akropolis, „die obere Burg“, auch „das Schloß“ und „der schöne Hof“ genannt.

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Der „schöne Hof“ auf der Plassenburg.

Niemals bin ich von einer Bauanlage so überrascht worden, wie von diesem Hofe. Ich hatte einen Hof erwartet, wie ich ihn auf vielen noch erhaltenen Burgen und alten Schlössern gesehen, und ich erblickte einen in ungewöhnlicher, südländischer Ornamentik und großartiger Architektur prangenden wohlerhaltenen Kunstbau, der den geräumigen, hellen, regelmäßig viereckigen Hof umschließt. In jeder Ecke erhebt sich ein Thurm, an der Nordseite fallen sechs dicke alte Säulen in byzantinischem Styl ins Auge, am interessantesten aber sind die an den Stockwerken der übrigen innern Seiten übereinander sich hinziehenden Bogenlauben (Bogen- oder Laubengänge, Arcaden) mit reicher Arabesken- und Portraitssculptur. An der Westseite, durch die wir eingetreten waren, zeigte uns eine Inschrift den Eingang zu den kolossalen Weinkellern. Wie unser Geschichtskundiger versicherte, war er einst mit vollen Stückfässern dicht besetzt, die an Größe und Dauerhaftigkeit dem berühmten Heidelberger Fasse nichts nachgaben. Diese Fässer voll Wein, die Gemäldegallerie und das Archiv mit der Bibliothek waren die drei berühmtesten Sammlungen der Plassenburg. Die Gemälde bestanden zumeist aus den Bildnissen sämmtlicher Personen des hohenzollernschen Fürstenhauses; das Archiv war einen der reichsten in Deutschland, und der berühmte originelle Ritter Lang mehrere Jahre dessen Vorsteher. Sie sind alle ausgewandert, die Fürsten, die Hofleute, die Weinfässer, die Urkunden und die Bilder, aber es herrschte nichts desto weniger reges Leben auf dem schönen Hofe und in den Gemächern, das Leben der zahlreichen hantirenden Sträflinge. Es fiel uns sogleich auf, wie reinlich, gesund und wohlgenährt die Leute aussahen.

„Nahrhafte Kost, frische Bergluft und mäßige Arbeit stärken sie, und die schönen Räume wirken unbewußt erheiternd auf ihr Gemüth,“ sagte mein Freund. In der That mögen Züchtlinge kaum noch irgendwo so fürstlich schön und gesund wohnen.

Der Director der Anstalt nahm uns mit urbaner Freundlichkeit auf und ließ uns durch seinen ersten Unterbeamten herumführen. Wir traten in die Arbeitssäle, wo einst Fürsten banketirt, in Küche und Backhaus, in die Schlafzimmer, und fanden überall die musterhafteste Ordnung und Reinlichkeit, die mich ungemein befriedigten. Die Aufseher hatten gar nicht so bärbeißige Gesichter, wie sie mich in andern Strafanstalten verletzt; man sah es den Sträflingen an, daß sie sich nach ihren Umständen wohl befanden. Es ist eine schöne Blüthe der fortschreitenden Gesittung, wenn der Verbrecher mit Humanität behandelt wird und man ihn fühlen läßt, daß man den Menschen noch in ihm ehrt, während er seine der Gesellschaft schuldige Sühne büßt. Dies ist ein besseres Mittel ihn zu bessern, als Schläge und Predigten.

Wir widmeten der schönen Kapelle an der Ostseite des Hofs, in welcher noch (katholischer und protestantischer) Gottesdienst gehalten wird, und den meist öden Fürstengemächern einige Aufmerksamkeit. In einem derselben gab ein aus der Wand hervorragender steinerner Frauenkopf unserm Freunde Gelegenheit zu interessanten historischen Excursen:

Die Sage giebt ihn für ein Bild der weißen Frau aus, die auf der Plassenburg eigentlich ihren Stammsitz hat und von hier aus in die übrigen brandenburgischen Fürstenschlösser, zunächst nach Baireuth, eingewandert ist. Die hohenzollernsche Familiensage behauptet bekanntlich, die jugendliche Wittwe des letzten Besitzern der Herrschaft Plassenburg aus dem Hause Orlamünde, des Grafen Otto II., Kunigunde, habe ihre beiden Kinder ermordet, um die Gemahlin Albrecht’s des Schönen von Hohenzollern, Burggrafen von Nürnberg, zu werden, welcher einer alten Erbverbrüderung gemäß mit seinem Bruder Johann II. die Erbschaft Plassenburgs 1338 antrat, und sie sei es, die als weiße Frau umwandle und dem von seinen Söhnen gefangen gehaltenen Markgrafen Friedrich dem Aeltern Nachts in diesem seinem Schlafgemach aus der Wand tretend erschienen sei, um den unglücklichen Fürsten zu trösten.

Seitdem uns Forscher wie die Gebrüder Grimm und ihre Schüler das deutsche Alterthum erschlossen, wissen wir, daß der Ursprung dieser und andrer Sagen ein mythischer ist. Die weiße Frau ist die alte Göttermutter Frigga, die sich als Winter- und Sommergöttin, als dunkle und glänzende (Holle die Dunkle, Bertha die Helle) manifestirte, als erstere wohnte sie in Höhlen und Bergen, z. B. im Hörselberge, als letztere in Schlössern; sie war zugleich Lebenspenderin und Todesverkünderin, und in letzterer Eigenschaft hat sie sich in den Fürstenschlössern erhalten. Wie allen Göttersagen in ihrer Verdunkelung wurden auch dieser bestimmte Persönlichkeiten untergeschoben. In Böhmen führt die weiße Frau sogar noch den Namen Bertha.

Was das Steinbild betrifft, welches über der Lagerstätte den gefangenen Markgrafen Friedrich aus der Wand ragt, so mag es wohl Denkmal einer schönen Trösterin sein, die den einsamen Fürsten unter dem Namen der weißen Frau besuchte, und es hat sich die Tradition erhalten, daß sie ein damals auf Plassenburg lebendes Fräulein Bartara von Rosenau gewesen sei. Das tragische Schicksal des Markgrafen Friedrich des Aeltern bildet den interessantesten Theil der Geschichte der berühmten Burg und wäre für ein Drama ein würdiger Stoff, und die geheimniß- und liebevolle Theilnahme des Fräuleins von Rosenau an diesem Schicksal, die aus Kummer darüber starb, erscheint auf dem dunkeln Grunde als helle poetische Blume.

Urkundlich ist die Plassenburg im 12. Jahrhundert erbaut und zwar von der reichen und mächtigen Familie Andechs-Meran, [654] die sie bis Mitte des dreizehnten Jahrhunderts besaß. Da das Testament des letzten Herzogs von Meran nach dessen wahrscheinlich gewaltsamem Tode unterschlagen worden, so griff nach seinen Ländern, wer nur Macht hatte, und der mächtige Graf Otto der Gewaltige von Orlamünde, dessen Gattin eine Schwester des Herzogs war, nahm die Herrschaft Plassenburg und das meranische Vogtland, aber nach noch nicht vollen hundert Jahren ging Plassenburg an die Burggrafen von Nürnberg, die hohenzollersche Dynastie, über. Damit begann die zweite Glanzperiode der Plassenburg (1340). Im Jahre 1415 erwarb Burggraf Friedrich von Kaiser Sigismund die Mark Brandenburg und wurde Kurfürst, und in seinen Enkeln theilt sich das hohenzollernsche Haus in die kurfürstliche und markgräfliche; (fränkische) Linie. Der Stifter der letztem, welche 1603 ausstarb, war eben jener Markgraf Friedrich der Aeltere. Ein hochromantischer, überschwänglicher Charakter, wie das hohenzollernsche Haus deren mehrere aufzuweisen hat, überließ er sich gern allen möglichen prächtigen, ritterlichen Einfällen, selbst in den höhern Lebensjahren.

Die Laune des Schicksals hatte ihm in seinem ältesten Sohne, Kasimir, einem kalten grausamen, versteckten, dem seinigen entgegengesetzten Charakter, einen furchtbaren Gegner gegeben. Dieser verführte zwei seiner Brüder zu einer Verschwörung gegen den Vater, und nach einem prächtigen Fastnachtsbanket und Tanz im Schlosse 1515 überfielen die beiden Prinzen Kasimir und Johann den Vater im Bette, zwangen ihm mit dem Degen in der Faust ein Abdankungsdocument ab und sperrten ihn als wahnsinnig zwölf Jahre in einen Thurm. Und Niemand wehrte dem scheußlichen Verbrechen. Aber eine gerechte Nemesis waltete über der ruchlosen That. Ein Dichter könnte die poetische Gerechtigkeit in Bezug auf die Schuld dieses Hauses nicht schöner handhaben, als das Schicksal sie übte. Markgraf Georg, der zweite Sohn des gemißhandelten Vaters, hatte seine Zustimmung zu der That gegeben – er weilte am burgundischen Hofe und ging mit der schönen Maria, Erzherzogin von Oesterreich und Burgund, als sie die Gemahlin des jungen Königs Ludwigs II. von Ungarn wurde, nach Ungarn – und theilte sich dann mit Kasimir in die Herrschaft der fränkischen Lande. Und dieser Markgraf heißt wie zum Hohne „der Fromme“, blos weil er sich energisch für die Kirchenreformation erklärte, die ihm Zuwachs an Gut und Macht gewährte.

Kasimir starb 1527, 45 Jahre alt, an der Ruhr unter freiem Himmel als kaiserlicher General in Ungarn, und sein Vater wurde nun frei und regierte noch neun Jahre. Er war nie geisteskrank gewesen. Kasimir’s Sohn aber ist der wilde Parteigänger Markgraf Albrecht der Jüngere, Alcibiades genannt, der, seines Landes verlustig und geächtet, eine wüste Geißel Deutschlands, 1557 ohne Erben, noch nicht 36 Jahre alt, starb. Sein Andenken haftet wie ein Brandmal an dieser stolzen Burg, an diesem schönen Landstrich. Markgraf Johann starb in Spanien schon nach wenigen Jahren als Gemahl der Wittwe König Ferdinand’s des Katholischen von Aragonien, wahrscheinlich vergiftet, und mit Georg’s Sohn, dem Markgrafen Georg Friedrich, starb das Haus in Franken aus.

Der vierte Bruder, Albrecht, Hochmeister des deutschen Ordens, hatte sich allein der unkindlichen Gewaltthat widersetzt und, wiewohl vergeblich, wiederholt die Freilassung des Vaters verlangt. Und ihm, der sich auf Luther’s Rath zum erblichen Herzog in Preußen erklärte, verdankt die kurfürstliche Linie des Brandenburger Fürstenhauses die Erwerbung des Herzogthums Preußen und das spätere Königreich den Namen. Mit seinem blödsinnigen Sohne erlosch 1618 dieses Geschlecht.

Die fränkischen Lande fielen wie Preußen an das Kurhaus, und die beiden Söhne des Kurfürsten Johann Georg gründeten, Markgraf Christian die Baireuther, Markgraf Joachim Ernst die Ansbacher Linie.

Mit dem Glanz der Plassenburg war es aus. Zwar wurde sie nach ihrer Zerstörung durch die fränkischen Bundesstädte in der wüsten Fehde mit Markgraf Albrecht dem Jüngern, 1554, durch Markgraf Georg Friedrich mit den Entschädigungsgeldern der zu ihrem Schaden so rachsüchtigen Bundesstädte prächtiger wieder aufgebaut, und sein Nachfolger, Markgraf Christian, verschönerte sie durch Erbauung der hohen Bastei und anderweitig sehr, aber die Fürsten residirten nun in Baireuth; die stattliche Bergfeste war und blieb verlassen. Es war doch, als ob nach der Schandthat, welche die Söhne am Vater begangen, ein Fluch auf dem Geschlecht und ihrer Wohnstätte ruhte. Das verbrecherische Fürstengeschlecht erlosch, das Fürstenschloß, wo das Verbrechen begangen, wurde – ein Zuchthaus.

Die erste wichtige Folge des gewaltigen Stoßes, welchen das in seinem Staatsorganismus veraltete Königreich Preußen von der jugendlichen Macht des über Nacht zum Imperator gewordenen corsischen Soldaten im Herbst 1806 erhielt, war das Losreißen der fränkischen Fürstenthümer, die, von französischen Präfecten administrirt, vier gräßliche Jahre durchzumachen hatten. Die Plassenburg erlebte als Festung ihre letzte Katastrophe; an ein baierisch-französisches Belagerungscorps durch Capitulation übergeben, wurden auf Napoleon’s Befehl ihre Festungswerke demolirt (1806–1807), und sie stand nun mit dem Baireuther Lande unter dem wahrhaft entsetzlichen französischen Gouvernement, das dran und drauf war, das blühende Land in eine Wüste zu verwandeln. Der 30. Juni 1810 brachte das gedrangsalte Land endlich an die Krone Baiern, welche die Plassenburg zum Landeszuchthaus einrichten ließ.

Die demolirten Gräben und Wälle sind unter der baierischen Regierung zu Gartenanlagen geebnet worden, auch haben die Baulichkeiten manche Veränderung, ihrem jetzigen Zweck entsprechend, erfahren. Aber immer noch ist sie einer der reizendsten Landschaftspunkte des an Schönheit so reichen Oberfrankens.

Wir verließen die einst so stolze und nun so tief gedemüthigte Akropolis mit sehr gemischten Gefühlen.