Die Rolandssäulen

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Textdaten
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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
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Titel: Die Rolandssäulen
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aus: Die Volkssagen der Altmark
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1839
Verlag: Nicolaische Buchhandlung
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Google und Scans auf Commons
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[4]
3. Die Rolandssäulen.

In den Städten und selbst in einzelnen Flecken der Mark Brandenburg trifft man häufig große steinerne Säulen eines geharnischten Mannes an. Sie stehen in der Mitte des Orts, in den Städten auf dem Markte in der Nähe des Rathhauses. Sie heißen Rolandssäulen. Die gemeine Meinung des Volks ist, daß sie den Ritter Roland, den großen Vetter des großen Kaisers Carl, vorstellen, der ein Schirmer und Beschützer der Gerechtigkeit gewesen sei. Die Gelehrten nehmen an, daß das Wort eigentlich Rugelandssäulen, Rüge, Gerichtsstand bedeutend, heißen solle. So viel ist ausgemacht, daß sie das Recht der eigenen Gerichtsbarkeit eines Ortes anzeigen, und zwar, wenn der Roland ein Schwert trägt, das Recht über Leib und Leben, sonst aber nur die niedere Gerichtsbarkeit. In den meisten Orten der Mark sind [5] die Rolandssäulen zertrümmert oder verstümmelt, und an manchen Orten hat man sie alsdann sogar begraben, wie namentlich in Prenzlau und in Gardelegen. An anderen Orten dagegen hat man sie gut erhalten; dieß ist z. B. der Fall in Brandenburg, Burg und in Stendal. In der letzteren Stadt steht der Roland vor dem Rathhause, so daß er den ganzen Markt übersieht. Er ist ungeheuer groß, und verhältnißmäßig stark; seine Waden sind so dick, wie der Leib des stärksten Mannes in der Stadt. Er hat einen rothen Federbusch auf dem Helme, und trägt ein Schwert in der Hand, das zwölf Ellen lang ist und einen vergoldeten Knopf und Bügel hat. Das Schwert hält er drohend gezückt, so wie er überhaupt ein sehr ernstes, beinahe grießgramiges Gesicht hat. Die linke Hand hat er auf dem märkischen Adler ruhen; hinter ihm befindet sich das Stendaler Stadtwappen, und an dem Untertheile seines Rückens sieht man ein lachendes Narrenbild, oder, wie die Leute sagen, den Eulenspiegel. Zu der Zeit, als der alte Dessauer, damals aber noch ein junger Offizier und ein übermüthiger Prinz, zu Stendal in Garnison lag, soll derselbe öfters sich das Vergnügen gemacht haben, aus einem gegenüber liegenden Weinhause, wo er zu zechen gepflegt, nach dem ernsten alten Ritter, wie nach einer Scheibe, zu schießen, und es ist gewiß, daß dem Roland sein Kinn lange Zeit gefehlt hat. Im Jahre 1837 aber hat ein Verein, der sich in Stendal zur Verschönerung der Stadt und ihrer Umgebungen bildete, das Kinn geschickt wieder herstellen, auch sonstige Gebrechen, welche der Lauf der Zeiten an der Säule hervorgebracht, ausbessern, so wie ihm ein neues Schwert geben lassen, da das alte, von Holz, ganz von der Luft und vom Wetter zerstört war. Der alte ritterliche Vetter des großen Kaisers sieht jetzt wieder ganz frisch und wie neugeboren aus.

[6] Von diesem Roland gehen manche artige Sagen im Munde des Volkes.

Einst kam des Abends spät ein Bürger der Stadt Stendal aus einem Weinhause zurück, und wollte sich in seine Wohnung verfügen. Sein Weg führte ihn über den Markt. Er hatte des Guten ziemlich viel gethan, so daß er zwar nicht betrunken war, aber doch, wie man zu sagen pflegt, einen Spitz hatte. Er war deshalb auch in einer recht fröhlichen Laune, und als er beim Roland angekommen war, stieg ihm auf einmal der Uebermuth. Er stellte sich vor ihn hin und höhnte ihn und sprach: He, du alter trockner Mann da! Du steinerner Narr! Du tränkest auch wohl gern ein Gläschen Wein auf deinem kalten hohen Gerüste! Also sprach er viel, und dabei machte er Bockssprünge und schnitt dem Roland Gesichter zu, in seiner Weinlaune bei sich denkend: Der Alte ist ja von Stein, der sieht das nicht; und wenn er auch überhaupt sehen könnte, so ist es doch jetzt stockdunkle Nacht.

Der alte Roland hatte die Narrheiten lange mit seinem ernsten, strengen Gesichte angesehen. Aber auf einmal drehete der steinerne Riese sich auf seinem Gerüste rund herum, dem Narren den Rücken zu, als wenn er die Thorheiten nun nicht mehr ansehen könne. Da wurde der arme Bürgersmann vor Schreck urplötzlich nüchtern, und es überkam ihn eine solche Angst, daß er nicht von der Stelle weichen konnte. Er rief laut um Hülfe: „He dheit mi wat! he dheit mi wat!“ (Er thut mir was! er thut mir was!), und man mußte ihn fast krank nach Hause tragen. Der Roland stand am anderen Morgen wieder wie früher, sein großes steinernes Gesicht überschaute wieder den Marktplatz, als wenn nichts passirt wäre. Der Mann aber betrank sich in seinem Leben nicht mehr, und [7] es besteht seitdem in Stendal ein Sprichwort, womit man den Uebermuth des Trunkes warnt:

„He dheit mi wat, he dheit mi wat!
Is doch, as hätt’ ich dat Drinken satt!“