Die Schriftzeichen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Schriftzeichen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 180
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[180] Die Schriftzeichen liefern bekanntlich manch’ hochwichtigen Beitrag zur Geschichte des menschlichen Denkens. Ueberall entspricht die Bilderschrift dem rohesten Naturzustand, und erst allmählich wandeln sich, wie im Aegyptischen am leichtesten nachweisbar ist, ihre Begriffszeichen zu Lautwerthen um. Eine ähnliche Wandlung haben auch die chinesischen Schriftzeichen durchgemacht, und vielfach ist es heute noch möglich, aus ihrer Zusammensetzung die Gedankenverbindung zu erkennen, welche dem Worte zu Grunde liegt. So bedeuten z. B. die chinesischen Zeichen für „Herz“ und „Tod“ zusammengestellt: „Vergeßlichkeit“, „Herz“ unter „Sklave“ bedeutet: „Zorn“. Das Zeichen für „Baum“ zweimal neben einander heißt: „Wald“; dreimal: „Dickicht“. Höchst ungalant ist die Zusammensetzung des Wortes „Geschnatter“, nämlich das dreimalige Zeichen für „Frau“.

Die Gesammtzahl aller chinesischen Schriftzeichen ohne Synonyme und veraltete Zeichen wird auf 24 235 angegeben. Ein völlig Schriftkundiger muß also schon wirklich gelehrt sein. Die Kenntniß von etwa 10 000 Zeichen genügt, um ein chinesisches Werk zu lesen und verständlich darüber zu schreiben. Aber der gewöhnliche Chinese kommt mit viel weniger aus. 4- bis 5000 Zeichen nur sind für die hauptsächlichsten Zwecke des Lebens erforderlich, und das niedere Volk ist so weit entfernt, sie zu besitzen, wie der englische Feldarbeiter den Wortschatz seiner Sprache.

Dieser behilft sich mit 300 Worten, während das Englische deren 100 000 zählt. R. Kleinpaul schätzt den Wortvorrath eines Mannes von durchschnittlicher Bildung auf 3- bis 4000, während große Redner über 10000 verfügen. Die deutsche Sprache aber hat gegen eine halbe Million Worte. Welchen Schatz besitzen wir also in unserem Alphabet, das uns erlaubt, mit fünfundzwanzig Zeichen diese ungeheure Wortfülle zu bewältigen, statt wie die armen Chinesen aus dem Schreiben allein eine Wissenschaft machen zu müssen!