Die Straßen im Oberharz

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Textdaten
Autor: Heinrich Morich
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Titel: Die Straßen im Oberharz
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aus: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender 1940
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[45]
Die Straßen im Oberharz.
Von H. Morich-Clausthal.


     Schon in früheren Jahrhunderten hatte der Oberharz seine Verkehrswege, die aber keine Straßen im heutigen Sinne waren, sondern vielfach nur schmale Fußwege und Saumpfade, auf denen die Fußboten, Lastträger und Saumtiere den Verkehr vermittelten. Später legte man auch eigentliche Fahrstraßen an, von denen die älteste von Goslar über die „Hohekehle“ und den „Paß Auerhahn“ und weiter über die Clausthaler Hochebene und den „Heiligenstock“ nach Osterode führte und den Oberharz mit dem Flachlande in Verbindung brachte. Sie wird urkundlich im Jahre 1457 als „rechte Heerstraße“ erwähnt, muß aber wohl schon im 12. oder 13. Jahrhundert entstanden sein.

     Diese alte Straße vermeidet, wie alle StraBen des Mittelalters, die Täler und zieht auf der kürzesten Linie über die Höhen des Gebirges. Von beiden Seiten waren starke Steigungen, dichte Wälder, felsiges Terrain und tief ausgefahrene Geleise zu überwinden, so daß die Strecke für den Übergangsverkehr und Frachtenverkehr fast garnicht benutzt werden konnte und nur für den notwendigen Transport ausreichte. An ihr standen die Wegsklausen, wie sie sich an allen alten Verkehrsstraßen finden, die durch wenig bewohnte Gegenden führten.

     Alle übrigen Harzstraßen sind nur für den Bedarf der Ortschaften und für die Zwecke des Bergwerks-, Hütten- und Forstbetriebes entstanden, weshalb auch ihre Unterhaltung diesen Interessenten und hauptsächlich der Forstverwaltung oblag. Sie waren für den großen Verkehr ohne Wichtigkeit, genügten aber für die „Treiber“, die auf ihren Pferben und Maultieren Lebensmittel und andere Gegenstände des Verbrauchs herbeischafften, wie auch für die einspännigen Starren, in denen die Erze, Metalle und Stohlen von den Gruben und Hütten oder für diese verfahren wurden. Daß sie nicht immer im besten Zustande waren, ist schon daraus zu ersehen, daß sie der eigentlichen Chausseeverwaltung nicht angehörten.

Zwar waren die Haupt- und Postwege durch den Harz, wie der Kammerherr von Rohr in seinen „Merkwürdigkeiten des Oberharzes“ schreibt, besonders über Osterode, Clausthal und Goslar, wie auch von Nordhausen über Lauterberg nach Andreasberg größtenteils ausgebessert und in guten Stand gesetzt, aber an anderen Orten zeigten sie sich so gefährlich und beschwerlich, daß man mit dem Fuhrwerk oft nicht vor- und rückwärts kommen konnte, ohne Achsen und Räder zu zerbrechen. Solche unbequemen Straßen fand er z. B. zwischen Grund, Wildemann und Lautenthal, zwischen Goslar, Altenau und Andreasberg und weiter bis Herzberg. Dieser Zustand dauerte bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts, wo man damit begann, die vorhandenen Straßenzüge auszubauen und neue, bequeme Kunststraßen anzulegen.

Zuerst entstand ein neuer Weg im Okertale für den Kommunion-Unterharz mit dem Bau der Rohmker Brücke, worauf die Verlegung der Hohlwege zwischen Clausthal und dem Sperberhaier Damm und zwischen der Wegesmühle und dem Auerhahn erfolgte. Dann wurde die alte Harzstraße zwischen Goslar und Osterode in Angriff genommen, wozu allerdings eine besondere Veranlassung den Anstoß gab. Als im Sommer 1821 die Krönung des Königs Georg Ⅵ. in Hannover bevorstand, erwartete man ihn auch auf dem Oberharz. Da aber der Weg von Goslar nach Zellerfeld für eine solche Reise nicht geeignet schien, feßte ihn die Harzverwaltung in Verbindung mit der Stadt Goslar, welche diese Strecke bis zum Auerhahn zu unterhalten hatte, schleunigst in hinlänglich fahrbaren Zustand.

[46]      Der Besuch des Königs blieb aus, dagegen passierten am 13. August desselben Jahres der spätere König Friedrich Wilhelm Ⅳ. von Preußen und ein Großfürst von Rußland, beide mit ihren Gemahlinnen, den Oberharz. Sie kamen von Osterode und fuhren nach einem halbstündigen Aufenthalt im Zehntgebäude, während dessen nur die Pferde gewechselt wurden, nach Goslar weiter. Im folgenden Jahre wurde, hauptsächlich mit Rücksicht auf die durch den Wassermangel herbeigeführte Erwerbslosigkeit einer großen Anzahl von Harzarbeitern der Bau der Straße von Clausthal bis Osterode fortgesetzt und 1824 vollendet.

     So hatte man von Norden nach Süden quer über den Oberharz eine zusammenhängende Verbindung, die sich in Osterode an die von Nordhausen am Harzrande herziehende Thüringer Handelsstraße und an die von Duderstadt kommende Nürnberger oder Augsburger Straße anschloß. An dieser Hauptstraße, der heutigen „alten Chaussee“, die eine Länge von rund 25 Kilometer hat, lagen drei Weghäuser mit Schlagbäumen: am Auerhahn, bei der Erbprinzentanne vor Zellerfeld und am Heiligenstock. Erst wenn der Fuhrmann das vorgeschriebene Chausseegeld entrichtet hatte, ging der Schlagbaum in die Höhe und gestattete freie Durchfahrt.

     Im Jahre 1822 wurde auch die schöne Fahrstraße von Clausthal über den Bruchberg nach St. Andreasberg gebaut, die bei der Stieglißecke eine Höhe von 810 Meter zu überwinden hat. Statt der steileren Straße über die Schluft wählte man später den Weg über den Sonnenberg. Vom Sonnenberg ab, wo ein Weghaus mit einem Schlagbaum stand, wurde die Verbindung über den Oderteichdamm nach Braunlage und Elbingerode weitergeführt, nachdem auch die Braunschweigische Regierung 1830 die für den ganzen Verkehr zwischen Braunschweig, Nordhausen und Thüringen sehr wichtige Straße von Harzburg über Torfhaus nach Braunlage hatte anlegen lassen, welche stellenweise den alten Raiserweg benußt.

     Von der Bruchbergstraße zweigen ab beim Dammhause die Straße über Altenau ins Okertal und die Straße über Kammschlacken-Riefensbeek nach Osterode, bei der Stieglitzecke die sogenannte Ackerchaussee, die aus forstwirtschaftlichen Zwecken immer auf der Höhe bleibt, von der sich aber wieder 3 Straßen trennen, welche in südlicher Richtung in die Ebene laufen, und am östlichen Abhange des Bruchberges die Straße über Sieber nach Herzberg. Von St. Andreasberg geht die wichtigste Straße über das Okertal bis Lauterberg und Zoll, von der sich beim Oberhause die Straße nach Braunlage abzweigt.

     Schon längst hatte man angefangen, die Straßen durch die Täler des Harzes zur Hochebene zu führen, wobei oft längere Schlangenwindungen nicht zu umgehen waren. So betrieb der 1836 verstorbene Berghauptmann von Rteden, der sich eifrig mit dem Wegebau beschäftigte, schon früh die Anlage ber Innerstestraße, welche in erster Linie der Koksanfuhr nach der Silberhütte von Lautenthal und Clausthal dienen sollte.

     Sie folgt dem Flusse fast vom Anfang bis zu ihrem Ende, kreuzt bei Langelsheim die von Goslar kommende Kommunionstraße, die für die Unterharzer Hütten angelegt war, und läuft bis zur Eisenhütte Kunigunde, wo fie in die Goslar–Hildesheimer Chaussee eintritt. Oberhalb Wildemann wurde später von der Innerstechaussee die Straße nach Bad Grund über den Bauersberg abgezweigt. Sie übersteigt den hohen Talrand der Innerste und erreicht in Serpentinen das Tal von Grund und Gittelde.

     Die „Alte Chaussee“ von Goslar nach Osterode war noch zum Teil unzweckmäßig angelegt und hatte ganz unverhältnismäßige Steigungen von 10–14% zu überwinden. Auf Anordnung Königs Ernst August von Hannover, der einst diese Straße herausfuhr, erhielt sie in den Jahren 1817–1851 eine neue Linienführung, wobei durch Schlangenwindungen die Steigung vermindert und durch zweckmäßigen Umbau und besseren Ausbau eine bequeme Fahrstraße geschaffen wurde. Sie läuft aus dem tiefen waldigen Gosetale über die Clausthaler Hochebene in das enge Lerbacher Tal, in dem sie auf ziemlich ebener Bahn die Stadt Osterode erreicht.

     Im wildromantischen Okertal wurde im Jahre 1857 eine neue, treffliche Fahrstraße mit Abzweigung durch das tiefe waldige Schulenberger Tal gebaut. Von den später angelegten Oberharzer Straßen sind die von Clausthal nach Altenau und dem Torfhause, von Zellerfeld nach Schulenberg, sowie die von der Clausthal–Goslarschen Chaussee abgezweigte kleine Straße nach Bockswiese-Hahnenklee bis Lautenthal und von Lautenthal nach Seesen besonders wichtig geworden.

     Heute wird unser Oberharz nach allen Richtungen von schönen und mühelos zu befahrenden Kunststraßen durchzogen, die mit den vielen Forststraßen und Waldwegen ein Straßennetz bilden, wie man es nicht in allen Teilen unseres Vaterlandes findet. Die Straßen sind jetzt fast alle mit einer festen Asphaltdecke überzogen und bieten mit ihren blanken Flächen eine angenehme Fahrbahn.

     Die schönste Harzstraße aber wird die Autostraße werden, die von Münchehof bis Bad Grund bereits fertiggestellt ist. Der Bau erfolgt durch Mittel des Arbeitsbeschaffungsprogrammes. Die neue Straße erhält Anschluß an die Verkehrsstraße von Bad Grund nach Clausthal und schafft von Westen her einen doppelten Aufschluß in den Oberharz und weiter in den Südharz.