Die Stunden

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Textdaten
Autor: v. K.
[Karl Ludwig von Knebel]
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Titel: Die Stunden
Untertitel:
aus: Musen-Almanach für das Jahr 1800, S. 203-208
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1800
Verlag: J. G. Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: HAAB Weimar und Commons
Kurzbeschreibung: Die Chiffre v. K. wird Karl Ludwig von Knebel zugeschrieben.
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[203]
Die Stunden.

Stunden hat der Tag nicht allein; den Morgen, den Abend,
      /kill @eUnd den heißen Mittag, und die verschwiegene Nacht.
Stunden hat auch das Jahr; das Leben selber hat Stunden,
      /kill @eUnd mit der Stunde des Tags eilt es auf Flügeln davon.

5
Als Aurora, die goldne, von ewigen Flammen entzündet,

      /kill @eSie, die unsterbliche, sich ihrem Gemahle verlobt,
Bat sie die Götter, auch ihm unsterbliches Leben zu schenken;
      /kill @eUnd sie gewährten den Wunsch, ewiges Leben für ihn,

[204]

Aber nicht ewiges Glück: denn dies vergaß sie zu bitten.

10
     

/kill @eMemnons Erzeuger, im Arm rosiger Liebe gepflegt,
Wird ein alternder Gott: was nützt die Dauer der Jahre
      /kill @eOhne der Jahre Genuß? ewig verzehrt er sich selbst.
Aehnlich ist unser Loos; der Zeit verheerende Sichel,
      /kill @eWas sie an Jahren läßt, mäht sie an Freuden uns ab.

15
Träume vergangner Zeit, wohin doch seyd ihr entflohen?

      /kill @eDie ihr den dürren Sand oft mir mit Blumen bestreut!
Oft, in Wolken gemalt, mit süßen Bildern mich täuschtet,
      /kill @eWann ich, vergnügt mit dem Tag, froher den kommenden sah!

[205]

Ist es der Dinge wahre Gestalt, wenn nackt und entblättert,

20
     

/kill @eNur ein trauriger Dorn unserem Auge sich zeigt?
Nichts bleibt ewig bestehn; auch dies, was Leben wir nennen,
      /kill @eIst ein wechselndes Rad immer erneuter Gestalt.
Unreif noch zur Geburt liegt tief im Schooße der Mutter
      /kill @eEingeschlossen das Kind, fast einem Wurme noch gleich.

25
Dränget es dann sich hervor zum glänzenden Lichte des Tages,

      /kill @eSchmachtet und dämmert es auf unter Gewimmer und Schlaf.
Fröhlicher hüpft der Knab’ und führt sein gaukelndes Leben,
      /kill @eVon dem Momente beglückt, von dem Momente betrübt.

[206]

Aber der rasche Jüngling vertauscht sein eigenes Daseyn

30
     

/kill @eGegen fremdes Geschick, wann ihn die Liebe bethört.
Ist nun das Alter des Manns zur hohen Reife gestiegen,
      /kill @eDrücket des Geistes Spur tiefer den Dingen er ein;
Ehre täuscht ihn und Namen, ein immerwachsend Verlangen
      /kill @eTreibet ihn hin nach dem Ziel, welches er nimmer erreicht.

35
Nach und nach entblättert sich dann der Stamm, und die Zweige

      /kill @eSinken; matt und entstellt endet der zitternde Greis.
Auch mir eilet die Stunde mit schnellerem Fittig vorüber;
      /kill @eMeinen Schläfen entsproßt Blüthe des Alters bereits.

[207]

Mit den Locken des Haupts entfallen Freuden und Freunde;

40
     

/kill @eNur dem schattigen Baum eilet der Wanderer zu,
Geht an dem kahlen Stamm der hohen Fichte vorüber,
      /kill @eDie in dem goldnen Strahl einsam den Wipfel bewegt.
Sey’s mir indessen vergönnt, am steilen Hange des Felsen,
      /kill @eFernhin horchend des Pan göttlichbezauberndem Lied,

45
Meine Seele zu weiden; wann ringsum schweigen die Hügel,

      /kill @eUnd mithorchend der Hain leise die Aeste nur regt.
Auch sey mir es vergönnt, zu besuchen die lieblichen Gründe,
      /kill @eWo der harmonische Klang weidender Rinder mich lockt;

[208]

Dort, am Falle des Stroms, der unter Blumen herabstürzt,

50
     

/kill @eSchöpf’ ich das Leben aus ihm, wie er sich lebend ergeußt.
Immer verjüngt wie er, vom Abendschimmer vergoldet,
      /kill @eFließe mein Leben noch hin, unter der Büsche Gesang.

v. K.