Die Sultanin Valide

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Sultanin Valide
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 403–404
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[403] Die Sultanin Valide. Die Großmutter des jetzigen türkischen Kaisers ist eine geborne Französin, eine Creolin von der Insel Martinique, und gleich ihrer Landsmännin, der Kaiserin Josephine, soll auch ihr in früher Jugend die hohe Stellung prophezeiht worden sein, die sie einst einnehmen sollte, ohne daß sich ihr allem Anschein nach dazu die geringste Aussicht eröffnete.

Als sie noch beinahe ein Kind war, erzählt man sich, saß sie eines Tages an dem Ufer des Meeres, und betrachtete mit Entzücken das Schauspiel eines prachtvollen Sonnenaufgangs. In ihre Betrachtungen versunken, [404] bemerkte sie nicht, daß sich ihr Jemand näherte, und wurde ihren Träumereien erst durch den Gruß einer alten farbigen Frau, Namens Euphemin, entrissen. Die Alte war dafür bekannt, sich mit geheimen Künsten, und namentlich mit Erforschung der Zukunft zu beschäftigen, und die Schönheit des träumerischen Kindes erregte ihre besondere Aufmerksamkeit.

Nachdem sie wechselsweise die weiße Stirn, die regelmäßig schönen Züge des jungen Mädchens und die vor dem Gestirne des Tagen vom Firmamente entschwindenden Sterne betrachtet hatte, redete sie das liebliche Kind an: „Du blickst nach dem Aufgange“, sagte sie, „und Du hast Recht.“ Dann ergriff sie die zarte Hand der Kleinen, forschte aufmerksam in den verschlungenen Linien derselben, und fuhr fort: „Du hast Recht, denn dort wird sich Dein Geschick erfüllen, glänzend wie die Strahlen der Sonne, die Dein Haupt wie mit einer funkelnden Krone umgeben. Und dennoch“, – fügte die Prophetin hinzu, „wirst Du, Deines seltenen Glückes ungeachtet, Sklavin sein. – Sklavin und Herrscherin zugleich!“

Nach diesen Worten richtete die Alte noch einen Blick auf den Himmel, und verließ die Kleine, die sie gehört hatte, ohne sie zu verstehen. So erzählt die Fama.

Schon am nächsten Tage schiffte sich das junge Mädchen, Fräulein Aimée Dubuc de Rivery, einer der ältesten und angesehendsten Familien Martiniques entsprossen, nach Frankreich ein, um daselbst in dem Kloster der Heimsuchung zu Nantes ihre Erziehung zu vollenden. Sie war im Jahre 1766 geboren und damals zwölf Jahre alt.

Mit achtzehn Jahren, und nachdem sie wahrscheinlich die Prophezeihung der Alten gänzlich vergessen hatte, verließ sie das Kloster der Heimsuchung, und schiffte sich ein, um zu ihren Aeltern zurückzukehren.

Das Schiff, auf dem sich Aimée Dubuc de Rivery befand, litt durch einen gewaltigen Sturm so sehr, daß es dem Sinken nahe war, als es einem spanischen Schiffe begegnete, welches nach Majorka segelte, und Equipage wie Passagiere aufnahm. Seinem Bestimmungsorte bereits nahe, wurde der Spanier von einem algierischen Seeräuber angegriffen und genommen.

Aimée de Riverey wurde in Begleitung einer alten Dienerin nach Algier gebracht. Der Dey sah sie, wurde von ihrer Schönheit ergriffen, und um sich bei seinem Herrscher, dem Sultan, beliebt zu machen, schickte er ihm das junge Mädchen zum Geschenk. Selim III., der damals über die hohe Pforte herrschte, war nicht fühllos gegen die Reize der Gefangenen. Die junge Creolin, welche sich wahrscheinlich nur mit Widerstreben in ihr Schicksal ergab, wurde Favorit. Sultanin, das heißt, wie ihr die Alte auf Martinique verkündet hatte, zugleich Herrscherin, aber als Sklavin den harten Gesetzen des Harems unterworfen.

Als im Jahre 1808 ihr Sohn, 1785 geboren, unter dem Namen Mahmud II., die Zügel der Regierung ergriff, wurde sie Sultanin-Valide. Das Blut, welches durch seine Mutter in den Adern Mahmud’s II. floß, mußte seinen Einfluß auf ihn üben, so daß er die Reformen vornahm, die seine Regierung berühmt machten. So wurde das unbedeutende junge Mädchen der Insel Martinique von großer Wichtigkeit für das Geschick des türkischen Reiches, und wer kann es wissen, ob nicht ohne Aimée Dubuc de Riverey die ganze orientalische Angelegenheit eine andere Gestalt gewonnen hätte.