Die Tanzfee

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Textdaten
Autor: Marcellus Schiffer
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Titel: Die Tanzfee
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aus: Die Weltbühne. 26. Jahrgang 1930, Nummer 53, Seite 995–996.
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 30. Dezember 1930
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
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Originalherkunft:
Quelle: Die Weltbühne. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. 26. Jahrgang 1930. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: Märchen-Parodie
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[995] Die Tanzfee     von Marcellus Schiffer

Es war einmal eine Wald-, Feld- und Wiesen-Tanzfee, die konnte nur Fußspitzele tanzen.

Und so flink war sie! Och!

„Hipp-Hipp“ war sie schon wieder fort, ehe sie überhaupt erst dagewesen war.

Besonders die Nixe Mixpickel ärgerte sich darüber, weil sie in der Branche überhaupt nichts konnte.

„Kitsch,“ sagte sie neidisch.

„Der wollen wir es aber mal austreiben,“ sagte sie dann noch und ging zur Hexe Fidusi, ohne erst Urlaub zu nehmen. So eilig hatte sie es!

„Ach, guten Tag auch, Fräulein Nixe,“ meinte die Hexe Fidusi.

„Ach, guten Tag, Frau Hexe auch,“ hinwiderte die Nixe.

Und dann erzählte sie ihr alles.

„Gemacht,“ sagte die Hexe, die für Stänkereien immer zu haben war, „die Fee soll mir kennen lernen!“

Falsches Deutsch sprach das Scheusal auch noch zuweilen.

Und schon am nächsten Vormittag desselben Tages war es bei unsrer Fee total aus mit von wegen Fußspitze und so und sie humpelte wie eine Klapperschlange und war ganz voll Unglück und es hatte bei ihr geschnappt mit allen Engagements nach Amerika.

Sie setzte sich mitten zwischen die Preißelbeeren und weinte dicke Tränen vor die Säue.

Ei, kam doch da just des Wegs einher ein flotter Musikus und sah die Perlen liegen, arm wie er war, aber flott.

„Darf ich,“ fragte er – – und er durfte.

Und zum Dank setzte er die Fidel aufs Kinn und spielte ihr einen Flotten auf. So recht flott.

Und, ach siehe da: da kam unsre Fei plötzlich wieder auf ihre Fußspitzen und sie umtanzte ihn, was das Zeug hielt!

„Na, das ist ja reine wie doll,“ meinte der Musikus und nahm sie glatt mit sich mit.

Die Nixe Mixpickel war schöne wütend und glitschte den beiden nach.

Der flotte Musikus saß in seiner Dachmansarde, ganz versardet, und spielte Melodeien auf seiner Fidel und die Fee umtanzte ihn in allen Posen und warf einen Schleier nach dem andern ab und immer noch einen und noch einen – daß es nur so gleißete!

Während aber die beiden hold beisammen schliefen, kam heimlich die Nixe Mixpickel angeschlichen und klaute die Violine.

Da war das Unglück da.

„Du bist ein ganz falsches Biest,“ sagte der flotte Musikus zu der Fee. „Du hast mir meine Fidel geklaut. Raus! Aber flott!“

Da wendelte die arme Fee die Hintertreppe hinunter, aber auf der untersten Stufe bückte sie sich und hob etwas auf, was so ganz silberig schimmerte.

„Aha, soso,“ sagte sie, denn sie hatte eine Silberschuppe gefunden, die die Nixe in der Eile aus ihrem Schwanz verloren hatte.

Und da wußte sie denn auch gleich alles, wie es gekommen war. Und sie steckte die Schuppe in ihr Portemonnaie und dann ging sie einfach betteln. Betteln ist immer gut!

Aber keiner gab ihr was, weil sie nicht einmal tanzen konnte. Und tanzen können, das ist doch das wenigste, was man von einem anständigen jungen Mädchen verlangen kann.

[996] Da nahm sie denn die Silberschuppe heraus, um sie bei einem Alt-Eisen-Händler zu verkloppen; aber wie sie die Schuppe so unschlüssig in den Pfoten hielt und drehte und quetschte, da tat die Silberschuppe plötzlich ihre Schnauze auf und sprach:

„Schuppe, Schuppe, eins, zwei, drei,
wünsch Dir husch was, Waldesfei!“

„Ach, wenn ich doch wieder tanzen könnte,“ wünschte sich die Fee gleich, und eins, zwei, drei konnte sie auch schon wieder Spitze tanzen, selbst in den dreckigen Latschen, die sie grad anhatte.

Und als die Nixe Mixpickel davon hörte, da kochte sie gleich vor Wut wie ein Bratofen und schwor Gift, Galle und Sauce!

Und in selbiger Nacht beim Halbmondschein ausgerechnet – sägte sie der Tanzfee die Beine ab mit einer Laubsäge und mit Hilfe der Hexe Fidusi und dann schraubte sie der Tanzfee noch dazu welche aus Nußbaumholz an. Matt poliert. Sie selber aber übernahm die tanzenden Beine der Fee und gab der scheußlichen Hexe Fidusi solange ihren Schwanz zum Einkampfern.

Und als der Abend reinbrach, merkte die Fee alles und konnte nicht mehr tanzen. Aus war es schon wieder. Dieses hin und her, es war wirklich gräßlich!

Und sie wurde immer trauriger und trauriger, und es wurde ihr so mieß vor allem, daß sie ganz von plötzlich wieder zu tanzen anhub. Aber diesmal hub sie ganz anders als sonst früher:

Sie stampfte!

Denn es war nur ihre Seele, die tanzte. Die Beine waren dabei ganz piepo und sie brauchte dazu keine Fußspitze und rein gar nichts und nur lauter Seele immerfort. Und so trieb sie es denn seelisch.

Und weil sie gar nicht mehr tanzen konnte, tanzte sie nur noch auf rhythmisch mit Seele und eröffnete eine Tanzschule mit jungen Mädchen, die sich auch rhythmisch veranlagt fühlten und eine Schülerin von ihr hieß Mary Wigman[1]. Und alle stampften sie nun und tanzten mit Seele. Es war wirklich scheußlich.

Und so wurde das die große Mode in der Saison und in der übernächsten auch und kein Aas wollte mehr was wissen von der Nixe mit ihrer dofen Fußspitze. Alles wollte immer nur stampfen.

Da platzte die Nixe beinahe vor Neid und heimlich wechselte sie wieder alles um und nahm sich die Holzbeine und gab der Fee wieder die andern.

Aber bei der Nixe war es Essig damit. Denn die wußte nichts mit anzufangen, weil sie doch keine Seele nicht hatte und sie bekam faule Eier an den Kopp!

Dahingegen aber unsre Fei!

Die war jetzt erst ganz perfekt geworden!

Die konnte jetzt tanzen und stampfen und was sie wollte: alt und modern und überhaupt und sie heiratete den Musikus und gab Vortragsabende in der Provinz und er tanzte auch und sie geigte auch und sie tanzten auch zusammen und selbst ihre Schülerin Mary Wigman wurde grün vor Ärger, weil sie nur stampfen konnte mit ihrer ollen Seele.

Die Nixe hingegen ließ sich von der Hexe Fidusi ihren alten Schwanz aus dem Kampferschrank herausgeben, klemmte ihn sich zwischen die Beine und schob ab.

Und weil sie ohne Urlaub ausgegangen war, bekam sie noch Dresche obendrein.

Das dusslige Aas konnte einem beinahe leid tun!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Mary Wigman, eine führende Vertreterin des Ausdruckstanzes, über den sich der Text lustig macht.