Die Unterdrückten

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Autor: Paul Bekker
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Titel: Die Unterdrückten
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 104 (26.03.1934), S. 4
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Quelle: Commons
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Die Unterdrückten


Es wird Zeit, an eine Rechnungslegung zu gehen. Nur eine ganz kleine, bescheidene, einstweilige Rechnungslegung, aber sie darf nicht versäumt oder gar vergessen, sie muss im Gegenteil regelmässig wiederholt und nachgeprüft werden, damit das Konto in Ordnung bleibt und jederzeit auf Soll und Haben klar festgestellt werden kann.

In jener famosen Komödie, die der internationalen Musik-Oeffentlichkeit mit dem Briefwechsel Furtwängler-Göbbels vorgemimt wurde, schrieb Göbbels: wenn einigen prominenten Musikern im Augenblick die Tätigkeit in Deutschland unterbunden werde, so müsse man dagegen bedenken, dass „wirkliche deutsche Künstler in den vergangenen 14 Jahren vielfach überhaupt zum Schweigen verurteilt waren“.

Zu unterstreichen: „wirkliche deutsche Künstler“, „vielfach“ und „zum Schweigen verurteilt“.

Ueber[1] den moralischen Wert einer Argumentation, die eine Gewalttat durch Hinweis auf eine andere angebliche Gewalttat rechtfertigt, ist hier nicht zu reden. Die heutige Welt hat sich an den Begriff der primitiven Vergeltungsjustiz als geistiger Blutrache schon so gewöhnt, dass sie kein Unrecht mehr dabei findet. Bleibt also nur Göbbels’ Behauptung auf ihre Richtigkeit nachzuprüfen. Wer über die Tatsachen informiert war wie etwa der Briefadressat Furtwängler selbst – erkannte die Göbbelssche Behauptung sofort als dreiste Irreführung der Oeffentlichkeit. Damals hätte Furtwängler fragen müssen: „Wen eigentlich meinen Sie, Herr Göbbels?“ Der Vorwurf der Unterdrückung „wirklich“ deutscher Künstler traf ja in erster Linie ihn selbst, der 14 Jahre lang in führenden musikalischen Stellungen des verruchten Novemberstaates tätig gewesen war.

Furtwängler indessen sagte nichts. Er akzeptierte die Ohrfeige, durch die er zum Staatsrat geschlagen wurde, zumal Göbbels sie ihm mit süssesten Komplimenten verabfolgte. Die Nichtwissenden aber waren betroffen. Ist es tatsächlich so? fragten sie. Hat man deutsche Musiker, Komponisten, Ausübende 14 Jahre lang schmählich unterdrückt? Dann freilich ist vieles zu verstehen, was jetzt geschieht – auch wenn wir (üblicher Vorbehalt) die Formen selbst nicht billigen.

Der Schwindel tat seine Wirkung. Die Wissenden schwiegen und empfingen bald die Schweige- und Mitmache-Prämie, die anderen waren verdutzt und schwiegen ebenfalls, und die Erde setzte ihren Lauf um die Sonne fort.

Ein Jahr nationalsozialistischer Herrschaft ist vorbei, fast ein Jahr ist seit jenem Briefwechsel ins Land gegangen. Was diese Zeit für die Geschichte des deutschen Geistes im allgemeinen bedeutet, steht hier nicht zur Erörterung. Sprechen wir nur von Musik und Musikern. Zwar sind auf diesem Gebiet die Meinungen oft geteilt und „den eenen sin Uhl is den annern sin Nachtigal“. Also wollen wir nicht so anmasslich sein und von unserem – unzulänglichen – Standpunkt aus ablehnen, was man jetzt in Deutschland schön findet. Der Streit über Wert und Unwert bleibe beiseite. Nur einige Tatsachen, reine, runde Tatsachen möchten wir sehen. Wir sind einfach neugierig und wollen wissen, wo sich die 14 Jahre hindurch unterdrückten „wirklich“ deutschen Musiker nun eigentlich gegenwärtig befinden. Natürlich können sie in knapp einem Jahr noch nicht alle zum Vorschein gekommen sein – denn so viele Opernhäuser und Konzertinstitute dürfte es selbst in Deutschland nicht geben. Diese Märtyrer des Novemberstaates müssen doch unter der Befreiungstat Hitlers ausgebrochen sein wie ein gewaltiger Fluss, der plötzlich aus der Tiefe emporschiesst ans Tageslicht und alles Land überschwemmt. Ein paar Dutzend erwarten wir, oder zunächst doch ein Dutzend.

Ein halbes Dutzend?

Oder ein Vierteldutzend?

Aber mindestens Zwei.

Einer?

Einer muss doch vorhanden sein, der Zeugnis dafür ablegt, dass Göbbels ein Fünkchen Wahrheit gesprochen hat, dass also immerhin ein einziger „wirklich“ deutscher Musiker 14 Jahre lang unterdrückt worden ist. Einer, von dem wir dann in unserer natürlichen Bösartigkeit vermutlich sagen würden, dass er unterdrückt worden sei, nicht, weil er ein deutscher Musiker, sondern weil er talentlos war. Aber es wäre doch wenigstens ein Objekt zum Streite.

Wir fragen die Spielpläne der deutschen Opernhäuser, der staatlichen, der städtischen: wo habt ihr innerhalb des letzten Jahres einen einzigen deutschen Komponisten zu Tage gebracht, der vordem unterdrückt war? Wir fragen die Spielverzeichnisse der deutschen Konzerte dasselbe. Wir fragen die deutschen Theater- und Konzertleiter: welche neuen Dirigenten, welche neuen deutschen ausübenden Musiker und Sänger habt Ihr aufzuweisen? Wir fragen die Führer der deutschen Musikschulen: wo sind Eure neuen Methoden, Eure neuen Ideen? Arbeitet Ihr nicht alle, sofern Ihr überhaupt noch arbeitet, mit dem Gedankengut, das Ihr den letztvergangenen 14 Jahren verdankt, das Ihr öffentlich verleumdet und das Ihr heimlich vom Scheiterhaufen stehlt, um davon leben zu können? Wo ist auch nur ein Gran Neues, Eigenes, wo ist auch nur ein Hälmchen Grünes, das aus Eurem Boden gewachsen ist: Ihr Opernleiter, Ihr Konzertdirigenten, Ihr Musikschulen, Ihr Geiger, Ihr Klavierspieler, Ihr Aesthetiker und musikalischen Rassen-Hanswurste des gegenwärtigen Deutschland?

Schweigen.

So stehe doch einer auf, ein Unparteiischer, besser noch ein richtiger Nazimann, am besten der grosse Schwatzmeister Göbbels selbst: er nenne den einen Musiker, gleichviel welcher Art, der in seiner vordem unterdrückten Herrlichkeit innerhalb des letzten Jahres entdeckt ist. Es soll garnicht ein Genie sein, nur ein Talent, oder auch nur ein Talentchen, oder überhaupt nur eine musikalische Quietschpuppe.

Nicht ist da. Nichts als ein blödes Nichts. Nicht einmal das Mittelmässige ist neu. Paul Gräner, Georg Vollerthun,[2] Max Trapp – weiter wollen wir die absteigende Linie nicht verfolgen – haben schon zur Zeit des Novemberstaates gelebt und geliebt. Geschichtliche Schuld: nicht einmal diese Leute sind unterdrückt worden. Nur ein Unterschied zeigt sich: ehedem durften die Halbtalente den Mund nicht so aufreissen wie jetzt. Heut sagen sie: Heil Hitler und heben das rechte Händchen – und damit sind sie legitimiert mitsamt ihrer Musik.

Das alles haben wir freilich schon gewusst, als der Göbbelssche Humbug von den unterdrückten deutschen Musikern zum ersten Mal in die Welt posaunt wurde. Aber es war schwer, den Gegenbeweis zu führen. Die neugierige Welt konnte doch noch nicht wissen, was für Kerle Meister Göbbels in seiner Propaganda-Tasche hatte. Vielleicht hat er sie noch immer darin und gedenkt sie erst bei der Tausendjahrfeier des Hitlerreiches auszupacken. Wir werden bis dahin von Semester zu Semester gewissenhaft fragen und forschen. Bis jetzt können wir als getreue Chronisten nur sagen: lieber Göbbels, Deine Unterdrückten-Musik: – Pleite, Pleite.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ueben
  2. Vorlage: Vollerthum