Die Welfenburg

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Autor: unbekannt
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Titel: Die Welfenburg
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 515–517
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Die Veitsburg in Ravensburg
Der Autor vergleicht den Verlust der Stammlande der mittelalterlichen Welfen mit dem Untergang des welfischen Königreichs Hannover, das 1866, im Jahr der Entstehung dieses Textes, von Preußen annektiert wurde. Der Text ist jedoch historisch ungenau, da die Schlacht von Langensalza zunächst zugunsten der hannoverschen Truppen ausging und auch das Herzogtum Braunschweig nicht wie angedeutet an Preußen fiel. Zitiert wird aus der Württembergischen Geschichte von Christoph Friedrich von Stälin.
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Die Welfenburg.


„Hie Welf!“ So erscholl zum ersten Male der Schlachtruf am einundzwanzigsten December 1140 über die schneebedeckten Fluren von Weinsberg, und durch Generationen antwortete ihm fortan das Feldgeschrei „Hie Waiblingen!“ in den brudermörderischen Kämpfen, in welchen die Parteien der deutschen Kaiser und der römischen Päpste, der nach Freiheit strebenden Städte und des kaisertreuen Adels Deutschland und Italien verheerten.

Das Haus der Hohenstaufen ist seit Jahrhunderten ein untergegangenes, sein letztes Blut war nicht auf den Schlachtfeldern, sondern auf dem Schaffot vergossen worden, als Conradin’s jugendschönes Haupt auf dem Markt zu Neapel vom Rumpfe fiel; das Haus der Welfen ward vom Rad des Schicksals aus Deutschlands äußerstem Süden im Lauf der Jahrhunderte bis zu dessen äußerstem Norden getragen, gleich dem der Hohenzollern, und nachdem beide in Norddeutschland zu königlicher Macht sich erhoben hatten, sollten nach fast sechshundert Jahren die Hohenzollern die Rächer der Hohenstaufen an den Welfen werden, deren Königsthron sie am 27. Juni 1866 auf den blutigen Feldern von Langensalza zertrümmerten. – Das Wappen der Waiblinger oder Hohenstaufen war einst eine weiße Rose oder eine rothe Lilie gewesen. Die Welfen hatten in feindseligem Uebermuth zu ihrem Wappen einen Adler gewählt, der einen blauen Drachen mit rother Lilie auf dem Kopfe mit seinen Klauen zerriß. Als dieser blaue Drache ist Preußens Macht erstanden, der den alten Welfenadler wie das neue Welfenroß zugleich verschlang. Mit dem braunschweigischen Herzogshut, der nur noch über zwei Augen glänzt, fällt das letzte Besitzthum der alten mächtigen Dynastie an die norddeutsche Großmacht und hat das Haus der Welfen in Deutschland sein Ende erreicht, wenn nicht alle Anzeichen trügen.

Im Augenblick der Ausführung eines so verhängnißreichen Richterspruchs des Schicksals erscheint es uns an der Zeit, eine alte Stammburg des Welfenhauses aufzusuchen und von ihr aus einen Blick in die Vergangenheit des Geschlechts zu werfen. Es ist vielleicht nicht allen unsern Lesern bekannt, daß die Welfen ihren Ursprung aus Italien und ihren Namen von einer Sage herleiten. Erst im elften Jahrhundert sollen sie über die Alpen gekommen sein. Altdorf wird als ihre erste Dynastenstation genannt, und der Sohn eines Warin von Altdorf, Graf Isenbrand, gab dem Geschlechte den Namen der Welfe. Desselben Grafen gesegnete Gemahlin soll nämlich von zwölf Knaben auf einmal entbunden worden sein, während der Graf sich eben des Waidwerks erfreute. In der Angst der Befürchtung, daß ihr Gemahl wegen des gar so reichen Ehesegens Unwürdiges von ihr argwöhnen möge, gebot sie einer Dienerin, die Kinder in einem Korbe hinaus in den Wald zu tragen und dort dem Himmel zu überlassen. Da kam der Graf ihr des Wegs entgegen und fragte die Dienerin, was sie in dem Korbe trage. „Welfe“ (d. h. junge Hunde), antwortete sie. Als aber der Graf den Korb geöffnet und die Knabenschaar gesehen und ihren Ursprung erforscht, ließ er sie heimlich erziehen und erst als sie zu stattlichen Jünglingen herangewachsen waren, führte er sie zu ihrer Mutter zurück und bestimmte, daß sie und alle ihre Nachkommen fortan heißen sollten, wie die Dienerin sie genannt hatte: Welfe.

Der Schauplatz, den man dieser Sage gegeben hat, ist Weingarten, ein Kloster, von dem man glaubt, daß es aus einer Burg der Welfen entstanden sei. Dort bewahrt man noch heute die Grabstätten von sieben Welfen, und eine besondere Herzenssache des letzten Königs von Hannover war vor einigen Jahren die glanzvolle Wiederherstellung jener Welfengruft.

Unweit davon, auf dem Berge bei der heute zu Würtemberg gehörenden oberschwäbischen Stadt Ravensburg, steht, zum Theil noch ziemlich erhalten, die deutsche Wiege des Geschlechts, die Veits- oder Welfenburg. Die meisten Reisenden auf der Ulm-Friedrichshafner Eisenbahn, an welcher Ravensburg liegt, eilen, trotz der sehr schönen Gegend, dort vorüber, weil sie entweder die Sehnsucht in die Schweiz treibt oder sie von Naturgenüssen übersättigt von dort heimkehren. Dies würde auch mir geschehen sein, wenn ich nicht halb und halb mit Gewalt davon zurückgehalten worden wäre.

„Die Eisenbahnen könnten etwas Besseres thun, als die Menschen an so viel Schönem nur vorbeizujagen.“ Mit dieser Bemerkung wandte mein Reisenachbar im Friedrichshafen-Ulmer Schnellzug sich an mich. „Die Leute wissen’s gar nicht,“ fuhr er fort, „daß es häufig fast noch schöner ist, in die Schweiz hinüber zu schauen, als drinnen herum zu laufen, und da kann Einer lange suchen, bis er einen Standpunkt dazu findet, wie wir Ravensburger ihn haben.“

„So?“ fragte ich mit der Gedehntheit des halben Zweiflers. Und da er mir dafür den Blick eines Verletzten zuwarf, so fügte ich meinem „So“ die Erklärung bei, daß wir Deutschen es an uns hätten, allesammt in unsere Heimathstätten sterblich verliebt zu sein; daß jeder Deutsche in seiner Gegend etwas besonders Sehenswerthes preise und daß man gar keine Eisenbahn nöthig hätte, wenn man alle diese Sehenswürdigkeiten sehen wollte.

„Herr!“ brauste mein Nachbar auf, „das ist so eine nordische Redensart, die nur der Neid ausspricht, wenn nicht was Schlimmeres. Was bildet man sich denn im Norden droben ein? Wir haben Euch die besten Dichter, die größten Philosophen und die glänzendsten Herrschergeschlechter schicken müssen und dafür wollt Ihr uns nicht einmal die Freude an unserer Heimath lassen? Ihr Männer von Ravensburg,“ wandte er sich an einen Theil der übrigen Waggongesellschaft, „man sollte billig einmal an einem Norddeutschen Gewalt brauchen, damit er unsere Stadt beschreite und die Welfenburg ersteige und dann Zeugniß ablege, welch’ einen Blick ein deutscher Mann von da droben in die Lande senden könne.“

„Dabei bleibt’s!“ riefen mehrere fröhliche Stimmen; „der Herr ist unser Gast –“

„– und Gefangener,“ setzte mein Nachbar hinzu. „Wie steht’s nun? Wollen Sie’s auf gastfreundschaftliche Gewalt ankommen lassen?“

Da war nicht zu widerstehen; herzlich zufrieden fügte ich mich dem allgemeinen Schwabenwunsche – und sage heute den braven Männern hiermit meinen Dank dafür.

Nach kurzer Rast in der durch ihre alterthümlichen Bauwerke ehrwürdigen Oberamtsstadt Ravensburg begann in zahlreicher Gesellschaft unser Gang auf die Burg. Obwohl ein bequemer Fahrweg hinaufführt, so zogen wir doch einen der schattenreichen Fußsteige vor, die auf der Nordseite des Berges angelegt sind und, wenn auch steil, doch mit überraschend wachsenden Fernblicken erfreuen, und an denen häufig Ruhebänke zum Sitzen einladen. Die Stadt selbst gewährt ein gutes Bild, besonders imponirend trotzt uns ein alter Thurm entgegen, der den höchsten Theil der ehemaligen Stadtbefestigung bildete, dem Land und der Burg zugleich Widerstand zu leisten bestimmt war und wegen seiner wunderlichen Gestalt den dieser entsprechenden Namen „der Mehlsack“ erhielt. Die Stadt liegt im reizenden Schussenthal und soweit der Burgberg diesem sich zuneigt, schmückt ihn die üppigste Rebpflanzung bis an die Stirn; die übrigen Abhänge sind wenigstens mit Rasengrün bekleidet und mit zerstreuten Gruppen hübscher Bäume und Sträucher geziert.

Schon unterwegs macht man die Entdeckung, daß wir keinen Bergkegel vor uns haben, sondern daß die Burg die vordere Kuppe eines langgestreckten Bergrückens einnimmt, die durch einen tiefen Graben erst von diesem künstlich getrennt worden war. Jetzt ist der Graben ausgefüllt. Auf dem Bergrücken steht die alte Pfarre St. Christina. Betreten wir den Burgraum, so sehen wir von den ehemaligen Befestigungsmauern nur noch wenige Trümmer, ausgenommen die das Thor umgebende Mauer nach Süden hin. Dagegen stehen die festgewölbten Pferdeställe der Welfen und Hohenstaufen noch heute, nur daß in den oberen Räumen derselben, wo das Ingesinde der Burg zu wohnen pflegte, jetzt einige ärmere Familien hausen, und wo die Streitrosse der Ritter ungeduldig die Erde stampften, eine friedliche Schafheerde untergebracht ist. Auf dem grünen Rasenboden des Burghofs, der mit Obstbäumen und Kastanien bepflanzt ist, schlängeln sich bekieste Wege nach der offenen Nord- und Westseite des Burgraums. Dazwischen stehen Bänke und Tische, an denen wir bereits Gäste vorfanden, die sich am trefflichen Biere der Schloßwirthschaft erquickten. Gegen S.-W. steht isolirt ein größeres Gebäude, das nach Zerstörung der Burg im Anschluß an die soliden Mauern des südlichen Eckthurms aufgeführt wurde, nach der Südseite mit Veranda und Balcon versehen [516] ist und zu wirthschaftlichen Zwecken verwendet wird. Da, wo einst der nordwestliche Eckthurm gestanden, dem gewaltig aus der Tiefe heraufstarrenden „Mehlsack“ gerade gegenüber, steht ein mit zahlreichen Glasfenstern versehener Pavillon, der Lieblingsplatz der Ravensburger Stammgäste. Hierher führten mich meine Zwangsgastfreunde, hier ist die Zinne ihres Tempels, von wo ich ihre Herrlichkeiten bewundern sollte. Und ich that’s aus vollem Herzen. Tritt man an die Mauerzinne der Westseite, so blickt man wie aus der Vogelflugperspective nach der in unmittelbarer Nähe unten liegenden Stadt mit ihren grauen Mauern und Thürmen. Die langgestreckten Bahnhofsgebäude jenseits der Stadt und die dampfenden Kamine der um die Stadt zerstreuten Fabriken fügen das Bild des modernen Culturlebens zum alterthümlichen Wesen. Nordwärts schweift der Blick an den residenzartigen Klostergebäuden von Weingarten vorbei nach den waldigen Höhen, welche die Wasserscheide zwischen Bodensee und Donaugegend bilden. Westlich glänzen im Morgenlichte die zahlreichen Landsitze der Ravensburger und die Hofgüter der „lateinischen Bauern“, wie man hier zu Lande die akademisch gebildeten Oekonomen zu nennen beliebt.

An hellem Tage bietet nach Süden hin, dem Schussenthale entlang, das herrliche Alpengebirge ein Panorama, das in Verbindung mit so fruchtbarem, vielbelebtem Vordergrund nur an wenigen Punkten des südlichen Schwabens zu finden ist. Bis tief in das Innere der Schweiz dringt der Blick von den nahen Appenzeller Bergen bis zu dem gegen vierzig Stunden entfernten Berner Oberland. Der gewaltig dominirende Säntis, in gerader Linie fünfzehn Stunden entfernt, bildet den westlichen Flügelmann der aus alpinischer Kreide bestehenden Alpsteingruppe, den östlichen der nahezu gleichhohe Alte Mann. In der Einsattlung zwischen den beiden Riesen streckt der Wildhauser Schafberg sein zierliches Pyramidenhaupt empor; an seinem Fuße ist in der noch erhaltenen schwarzen Hütte Zwingli geboren. Ueber dem am jenseitigen Seeufer sichtbaren Arbon erglänzen die eisigen Firnen des Hausstocks, darunter die westlichen Glieder der Churfirstenkette und aus den grünen Matten der unteren Stufen schimmern in der Abendbeleuchtung, gleich flimmernden Sternen, die den Sonnenstrahl reflectirenden Fenster der Gebäude von St. Gallen. Wer nennt die Berge und Thäler, die Hörner und Schluchten all’, die dort drüben leuchten und dunkeln? Und was hätten wir auch von alle den Namen! Kurz, die Schweiz zeigt uns auf dieser Welfenburg ihr Reizendstes, die Riesen der Alpen und die Geister der Geschichte der Alpenvölker reden gleich mächtig zu uns herüber, das Auge wagt seine kühnsten Sprünge vom Berner Oberland bis zum Silberspiegel des Bodensees bei Romanshorn und wieder hinauf zu den drei Wetterhörnern, die so regelmäßig geformt sind, wie die drei großen Pyramiden von Memphis, und läßt endlich das Dreigestirn Mönch, Jungfrau und Eiger den Reigen schließen.

„Ja, Ihr Männer, hier oben war’s schwer, ein Welfe sein und nicht nach Deutschlands Kaiserkrone greifen! Ueber Alles, was das Auge hier sieht, erstreckte sich des Reiches Scepter, – und Herrlicheres kann das Auge nicht sehen! Habt Dank für den Zwang, der mich so hoch erhoben! Nun sollen Tausende von Deutschen es durch die ‚Gartenlaube‘ erfahren, welches Kleinod Ravensburg für Jeden bietet, der ein solches Rundbild hoch genug zu schätzen weiß!“

„Bravo!“ riefen die Männer, und mein Reisenachbar nahm das Wort: „Es ist unsern Altvordern da drunten im Thale nicht billig zu stehen gekommen, dieses Kleinod auf dem Berge. Die Burg ist älter, als die Stadt, und diese verdankt jener auch ihren Namen, denn sie selbst hieß in der ältesten Zeit die Ravensburg, und nur weil sie eine dem St. Vitus geweihte Capelle umschloß, nannte man, als der Name Ravensburg längst auf die Stadt übergegangen war, die Burg Veitsburg. – Auch die Stadt ist eine echte Welfengründung. Welf der Zweite war es, der um das Jahr 1000 für seine Ministerialen den alten Häuserkern baute, dessen Erker und Gewölbe bis heute der Zeit getrotzt haben und um welchen die Stadt sich allgemach ansetzte. Dieser Welf erhob die Ravensburg zu seinem ständigen Sitz und sein Sohn nannte sich sogar Welf von Ravensburg – und von diesem Augenblick an spielt sie eine nicht geringe Rolle in der deutschen Geschichte. Hierher brachte der Welfe Heinrich, Herzog von Baiern, seinen Feind, Graf Conrad von Wolfratshausen, und 1125 seine Gattin Gertrud, Kaiser Lothar’s Tochter, nach den Vermählungsfeierlichkeiten zu Gunzlach in Baiern. Hier wurde Heinrich der Löwe, Heinrich’s des Schwarzen Sohn, um 1128 geboren und hat der Stolzeste der Welfen, der einen Barbarossa vor sich auf den Knieen liegen sah, der Stammvater der Welfen von England, Hannover und Braunschweig, seine ersten Lebenstage zugebracht. Aber unter Barbarossa ging auch die Burg mit der seit 1138 ummauerten Stadt aus dem Welfischen Besitz in den Hohenstaufischen über. Das erzählt unser Stälin in seiner Geschichte von Württemberg ungefähr so: ‚Nach einem vielbewegten Leben, nach Römerzügen und Kreuzfahrt, verlebte Welf, der Sechste seines Namens, die späteren Tage seines Lebens, vom politischen Schauplatz zurückgezogen, auf seinen oberschwäbischen Besitzungen, wo er Festgelagen und Jagden und andern minder gefährlichen Abenteuern nachging, geldarme Glücksritter beherbergte, prächtige Kleidungen und Waffen verschenkte und darüber in Geldverlegenheiten gerieth. Sein einziger Sohn war ihm in der hoffnungsvollsten Blüthe seiner Jahre von der Pest in Italien weggerafft worden und sein Neffe, Heinrich der Löwe, der der Erbe seiner Güter werden sollte, verscherzte seine Gunst, indem er dem alten, genußsüchtigen Welfen aus kurzsichtiger Sparsamkeit das Geld verweigerte, dessen derselbe bedurfte, um sich aus seinen Geldverlegenheiten zu ziehen. Um so bereitwilliger kam ihm der Kaiser Friedrich Barbarossa mit großen Geldsummen zu Hülfe. Zum Lohne hierfür wurden dem Kaiser und seinem Hause die oberschwäbischen Güter auf die Zeit des Ablebens des alten Welf zugesichert und schon während dessen Lebzeiten Einiges zu eigen gegeben. So kam die Ravensburg in friedlicher Weise aus der Welfen Hand in den Besitz der Hohenstaufen.‘“

– „Wunderbares Schicksal, das nur eines so geringen Mittels bedurfte, um die mächtigste deutsche Dynastie jener Zeit, deren Gebiet, ein wahres Welfenreich, von den Gestaden der Nord- und Ostsee bis zu den Alpen und bis zum adriatischen Meer reichte, so zu erschüttern, daß sie die Grundsäule ihrer Macht in Süddeutschland verlor, um später dem Norden allein noch anzugehören – und selbst dort in unsern Tagen so traurig zu enden!“

– „Sie haben Recht, norddeutscher Landsmann!“ erwiderte mir mein Burgfreund, „umsomehr ist es zu beklagen, daß auch dem Süden kein Heil daraus erwuchs – schon damals nicht – und Gott weiß, ob heute! – Aber gehen wir zur alten Zeit zurück. Auch die Hohenstaufischen Herrscher hielten ihre Hoftage oft auf der Ravensburg. Hier thronte im Jahr 1203 der unglückliche Philipp von Schwaben, damals noch ein Jüngling von blonden Haaren, der Gemahl der griechischen Kaisertochter Irene, und um ihn her ein glänzender Hofstaat von Rittern und Knappen. Auch der letzte Hohenstaufe, jener unglückliche Heldenjüngling Conradin, hielt sich kurz vor seinem verhängnißvollen Zuge nach Italien längere Zeit hier oben auf, und während er der scheinbaren Ruhe sich hingab, im Anblick des herrlichen Schussenthals und der helvetischen Schneegebirge, sang das Volk Spottlieder auf den müßigen Jüngling. Nach der traurigen Zeit des Interregnums kam durch die Wahl der Fürsten Rudolph von Habsburg auf den Thron, und er war es, der 1276 Ravensburg zur freien Reichsstadt erklärte. Eben damit wird das geschichtliche Band zwischen Burg und Stadt gelöst. Die Burg verblieb dem Reichsoberhaupt und war von da an bis 1641 die Residenz der kaiserlichen Vögte. Die Mauer, welche bis dahin Stadt und Burg als gemeinschaftlichen Besitz verbunden hatte, wurde niedergerissen und aus ihren Bausteinen von der Stadt der gewaltige „Mehlsack“ erbaut. Die Burg war aus den Stürmen des dreißigjährigen Kriegs unversehrt hervorgegangen und nicht in ruhmvollem Kampfe, sondern durch niederträchtige Rohheit ruchloser Hände sollte sie fallen. Am 20. August 1647 wurde sie von einem Papiermüllergesellen und von einem österreichischen Soldaten, welche dafür am 23. September an einen Nußbaum auf dem Schloßberg aufgehängt wurden, angezündet und verbrannt. Seitdem wurde die Burg nicht mehr aufgebaut. Von 1748 an wurde das Besitzthum der Stadt in lehnbarer Eigenschaft überlassen; seit 1798 befindet sich die Burgruine im Privatbesitz von Ravensburger Bürgern.“

– Die Welfenburg in Privatbesitz – und das Welfenhaus in den Privatstand zurückgekehrt! So ist das Schicksal von Burg und Haus gleichmäßig abgeschlossen. Und nicht weniger deutungsvoll ist das Schicksal dreier anderer Stammburgen mächtiger Herrschergeschlechter im Süden des alten deutschen Reichs: die Wiege der Habsburger steht durch ihre eigene Schuld seit [517] fünfthalb Jahrhunderten außerhalb Deutschlands – wie in diesem Augenblick das ganze Oesterreich selbst! – Die Wittelsbacher haben eine Gedenksäule errichtet auf der öden Stätte, wo einst ihre Wiege stand; doch sind sie noch Herren dieses Bodens. – Nur Hohenzollern prangt wieder neu in alter Pracht, steht noch auf deutschem Boden und trägt noch heute Fahne und Wappen seines alten Geschlechts. Süddeutsche Männer, wollen die Blicke Euch trüb werden vor diesen Bildern, so versöhne uns ein Wunsch, der jedes deutsche Herz erfüllt! Wenn den Hohenzollern gelingt, was weder den Habsburgern, noch den Welfen und Wittelsbachern gelang, wenn sie überhaupt je darnach gestrebt haben, das seit Jahrhunderten zerrissene Vaterland durch Einheit mächtig und durch Freiheit glücklich zu machen, so wollen wir aus bloßer Heimathwehmuth keine solche Ruine mehr betrauern, denn über alle Fürstenburgen geht unser Wunsch: „Gott segne Deutschland!“