Die Zulus und der drohende Racenkrieg in Südafrika

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Autor: Ernst von Weber
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Titel: Die Zulus und der drohende Racenkrieg in Südafrika
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 205-208
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Zulus und der drohende Racenkrieg in Südafrika.
Von Ernst von Weber.


Fern im sonnigen Süden von Afrika, eingebettet zwischen der majestätisch gen Himmel ansteigenden Gebirgskette der Drachenberge und dem blauen Spiegel des Indischen Oceans, liegt die etwa 840 deutsche Quadratmeilen umfassende englische Colonie Natal, so benannt, weil sie von dem portugiesischen Seehelden


Die Gartenlaube (1879) b 205.jpg

Typen aus der Armee des Zulukönigs Ketschwayo.
2. Verheiratheter Krieger. 1. Leibgarde. 3. Unverheiratheter Krieger.


Vasco de Gama gerade am Weihnachtsmorgen des Jahres 1497 entdeckt worden war. Es ist ein Land von paradiesischer Schönheit. Der Umstand, daß sich der Boden in drei Stufenterrassen vom Meere nach dem Gebirge hin allmählich erhebt, hat zur Folge, daß das Land drei ganz verschiedene Klimate- besitzt, und daß innerhalb seiner Grenzen sowohl die werthvollen Producte der heißen Zone, wie diejenigen der gemäßigte Himmelsstriche in glücklichster Vereinigung sich zusammenfinden. In dem tiefliegenden, vier bis sieben Stunden breiten Küstengürtel prangen lichtgrüne Zuckerrohrfelder und dunkelschattige Kaffeeplantagen; lange Reihen von Baumwollenstauden, gleichzeitig mit goldenen Blüthenkelchen und halbaufgeplatzten weißen Wollkapseln überdeckt, erfreuen das Auge, und es dürfte kaum eine Art von tropischem Gewürz geben, deren Anbau hier dem fleißigen Pflanzer nicht den reichsten Lohn bieten würde. Auf der 2000 bis 3000 Fuß über dem Meere gelegenen [206] Hochfläche dagegen, die den bei weitem größten Theil des Landes einnimmt, gedeihen alle Produkte kühlerer Zonen: Eichen und Nadelhölzer, Gummibäume und Akazien, europäische Obstbäume und Gemüse, süd- und mitteleuropäische Getreide-Arten. Und die noch höher liegenden Gebirgsländereien bieten dem Wanderer die malerischsten Alpenlandschaften und eine erfrischende gesunde Bergluft.

Die westliche Seite der Colonie wird von den Drachenbergen wie von einem unübersteiglichen Grenzwalle eingefaßt. Dieselben erheben sich an einzelnen Stellen bis zu 9000 und 10,000 Fuß Meereshöhe und sind nur an vier Plätzen mittelst schmaler Engpässe passirbar. Die allmählich und stufenweise sich senkenden Abhänge dieses gewaltigen, alljährlich auf seinen höheren Gipfeln drei bis vier Monate lang mit Schnee bedeckten Gebirges sind gesegnet mit den vorzüglichsten Weidegräsern, welche den australischen an Gesundheit und Nahrhaftigkeit nicht nachstehen. Ueber dem ganzen mittleren Plateau des Landes wogen die grünen Wellen eines endlosen Grasoceans, der zu gewissen Jahreszeiten sich in einen unabsehbaren bunten Blumenteppich verwandet.

Der südafrikanische Charakter der Landschaft zeigt sich neben anderen Eigenthümlichkeiten hauptsächlich auch in der absoluten Menschenleere und in dem Mangel an menschlichen Wohnungen. Und doch könnte das Land Natal eine zahlreiche Bevölkerung ernähren! Der Generalfeldmesser der Colonie hat berechnet, daß die wilden Gräser, die hier jedes Jahr dem Boden entsprießen und immer von Februar bis April abgebrannt werden, einen Nahrungswerth repräsentiren, welcher, verwertet durch Viehzucht, hinreichen würde, um eine Anzahl von 12 Millionen Menschen zu ernähren. Zur Zeit leben in der Colonie Natal freilich nicht mehr als 20,000 Weiße und 350,000 Schwarze. Jedoch trotz der relativ so großen Zahl der letzteren, die zu 70 Procent der urkräftigen und kerngesunden Race der Zulus angehören, ist die allgemeine bittere Klage der weißen Ansiedler der alle Thätigkeit und allen Unternehmungsgeist lähmende Arbeitermangel in der Colonie. Derselbe ist so groß, daß der fruchtbare tropische Küstengürtel nur mit Hülfe importirter indischer Kulis bebaut wird, und daß auch die jetzt in Bau befindlichen Eisenbahnen ohne aus Indien und China eingeführte Arbeitskräfte niemals vollendet werden könnten. Der Zulukaffer hat zwar principiell nichts dagegen, auf einige Zeit seinen heimatlichen Kraal zu verlassen und mit einem Pflanzer oder Farmer, oder auch mit einer Eisenbahngesellschaft einen Dienstcontract abzuschließen. Aber es ist gegen seine Neigungen, stetig und ununterbrochen ein reguläres Arbeitsquantum zu liefern, das ihm der Colonist oder die Eisenbahngesellschaft natürlich zumuthen muß. Bei der kleinsten Caprice, wegen des leisesten Vorwandes, überhaupt jederzeit wenn ihn die Lust dazu anwandelt, läuft der Zulu weg und nach Hause, und dies am liebsten gerade dann, wenn Saat, Ernte, Schafschur seine Dienste am notwendigsten erheischen. Und an Wiedereinfangen des entlaufenen Schwarzen ist nie zu denken, eine Bestrafung überdies in seinem entfernten Kraale fast unmöglich, denn beides würde mit solchen Umständlichkeiten, Zeit- und Geldverlust verknüpft sein, daß kein Farmer je daran denken wird, den Flüchtling verfolgen zu wollen. Im günstigsten Falle bleibt der Zulu so lange bei seinem Dienstherrn, bis er sich genug Geld erworben hat, um eine Frau zu kaufen. Dann aber rennt er sicher weg und lebt von nun an als Grand Seigneur, oder man möchte lieber sagen: als Frauen-Rentier. Denn nunmehr ist es seine arme Frau, die alle Arbeiten für ihn verrichten muß. Sie hat alle Feldarbeit, acht Monate hindurch, und ohne Sonntagsunterbrechung, mit Hacke und Picke zu machen, desgleichen Gras (zum Eindecken der Hütten), die Kornernte, Feuerholz und Wasser in den Kraal einzutragen und nebenbei noch die Küche und die Kinder zu versorgen.

Es ist sehr natürlich, wenn bei solcher ungebührlichen Arbeitsüberladung jede erste Frau den sehnlichsten Wunsch hat, daß ihr Eheherr ihr baldmöglichst eine zweite und dritte beigesellen möge, damit ihre Arbeitslast getheilt und erleichtert werde. Der Mann besorgt nur einige wenige bestimmte Arbeiten; er stellt das Zweiggerippe für den Hüttenbau her; fällt Holz, errichtet aus Distelbüschen und dichtem Strauchwerk die Feld- und Gartenfenzen und beaufsichtigt das Vieh auf der Weide und im Kraal. Den Rest seiner vielen Zeit bringt er in süßem Nichtsthun und in der Sonne liegend, in Besuchen und Schwatzen, Rauchen und Jagen und in der klatschsüchtigen Gesellschaft von seines Gleichen zu.

Ein sehr merkwürdiges Bild bietet eine Kaffernfamilie, die auf einer Reise begriffen ist. Voraus marschiren in langer Kettenlinie die Frauen und Mädchen, die auf ihren Köpfen Matten, Kessel und Kochtöpfe, in den Händen Hacken und Pickäxte, und oft dazu noch, auf den Rücken gebunden, kleine Kinder tragen, während der Mann hinter der langen Reihe seiner Lastträgerinnen stolz ohne jede niederdrückende Bürde einherschreitet und nur seinen Schild und seine Lanzen, eventuell seine Flinte, Pulver- und Kugelbeutel trägt. Ja, ich habe es öfter gesehen, daß der Faullenzer hoch zu Roß sitzt und zum Schutze seines unbedeckten kohlschwarzen Hauptes gegen die sengenden Sonnenstrahlen einen alten verblichenen und zerbogenen europäischen Regenschirm über sich ausgespannt hält, während die schwerbeladenen Frauen und Mädchen eilig seiner galoppirenden Mähre nachkeuchen müssen.

Dieses althergebrachte System der Frauensclaverei und Frauenarbeit ist die Hauptursache der Arbeitsunlust, welche die männliche Hälfte des Zuluvolkes auszeichnet. Der aus solchen Verhältnissen sich ergebende Mangel an Arbeitern ist der Fluch, welcher seither immer aus dem ganzen Oberlande der Colonie Natal gelastet hat und der daran schuld ist, daß mit großen Kosten condensirte Milch in Zinnbüchsen aus der Schweiz, Butter aus Dänemark und Australien, Kartoffeln aus Irland, condensirte Gemüse und gesalzene Fische aus England und Schottland, Weizen aus Nordamerika, präservirtes Fleisch aus Australien und Bauholz aus Norwegen eingeführt werden in einem Lande, das, wenn es nur hinreichend Arbeitskräfte hätte, fernwohnende Völker mit den überflüssigen Producten seiner Viehzucht und Milchwirthschaft, seines Getreidebaues, seiner Fischerei und seiner Holzcultur versorgen könnte. Uebrigens ist der Zulu, solange er arbeiten will, sehr brauchbar. Auf den Diamantenfeldern von Westgriqualand, wo ich drei Jahre lang dem aufregenden Sport des Diamantengrabens oblag, waren die Zulus ihrer sprüchwörtlichen Ehrlichkeit wegen die gesuchtesten aller schwarzen Arbeiter. Sie repräsentirten unter der Masse des verlotterten schwarzen und gelben Gesindels der Colonialfarbigen (das heißt der durch den langen Umgang mit den Weißen niederer Classen vollständig verdorbenen Hottentotten, Mischlinge und Kaffern von den südlichen und nordwestlichen Stämmen) den reinen und unverfälschten Typus des natürlichen, von der Cultur noch unbeleckten und noch nicht durch die Versuchungen des Schnapsdusels heimgesuchten Eingeborenen.

Schon die gesammte äußere Erscheinung des Zulus ist eine höchst imponirende. Dieses Volk verdient in der That die ihm von englischen Schriftstellern gegebene Bezeichnung einer „königlichen Race von Wilden“. Die rothäutigen Kriegshelden des Sioux-Stammes, welche ich in Nordamerika zu sehen das Glück hatte, erschienen mir bedeutend weniger vornehm und respectgebietend, als diese meist sechs Fuß hohen, herculisch-breitschultrigen, stolzen Zulus; sie besitzen womöglich noch mehr Stammesstolz, als die das südöstliche Küstenland zwischen Natal und der Capcolonie bewohnende, ebenfalls sehr schöne und energische Race der Amakosa-Kaffern, welche letztere in ihrer souverainen Verachtung alle den anderen Stämmen angehörigen Kaffern kurzweg „Hunde“ benennen. Während in der Capcolonie sämmtliche Farbige zum Verkehr mit den Weißen die holländische und englische Sprache adoptirt haben, verschmäht es der Zulu, sich durch Erlernung der Sprache der Umlungu (Weißen) zu erniedrigen, und hat dadurch diese gezwungen, die seine zu erlernen, welche übrigens eine der schönsten und wohlklingendsten Sprachen der Welt ist. In der Colonie ist es eine bekannte Sache, daß man einen Hottentotten so viel schlagen kann, wie man will – er wird sich höchstens hinterm Rücken durch Gift rächen; ebenso wird im Allgemeinen der größte Theil der Betschuanen-Kaffern dem Schlage eines Europäers nicht antworten. Man wage es aber, einen Zulu zu schlagen! Er schlägt sofort wieder und rächt die Beleidigung leicht mit dem Tode des Weißen. Schon in seinem Gruße liegt ein entschieden stolzer, majestätischer Charakter. Der Zulu grüßt nämlich mit den Worten: „Saku bona!“, das heißt: „Wir sahen Dich!“ während der weicher organisirte und höflichere Betschuane beim Begegnen ausruft: „Tumella!“ („Seien wir Freunde!“) Daß der Zulu sich dem Europäer vollkommen gleich dünkt, sieht man aus seinem ganzen freien Benehmen gegen seine Dienstherrschaft. Namentlich zollt er dem weiblichen Theile derselben einerseits wenig Gehorsam und Respect, andererseits oft stürmische Neigungen, die für viele Familien in Natal geradezu eine Calamität [207] geworden sind. Die Frauen und Mädchen der Zulus sind während der Kindheit und Jugendblüthe oft wahre Bildhauermodelle in Anmuth und Eleganz des Körperbaues und leichter, fester Haltung, welche letztere durch die Gewohnheit, die schwersten Lasten auf dem Kopfe zu tragen, sehr gewinnt. Aber die ihnen aufgelegte harte Sclavenarbeit läßt sie schnell altern, und dann ist ihr ganzes Dasein nichts als Mühe und Arbeit bis zum Tode. Sie sind außerordentlich geschickt im sauberen Zusammennähen von Fellen und im Anfertigen von bunten Perlenstickereien womit sie die unbehaarte Seite ihrer Fellmäntel und Felldecken in den geschmackvollsten Mustern verzieren. Auch die Zulumänner sind in manchen Künsten der Civilisation wohl erfahren. So giebt es unter ihnen geschickte Töpfer, Korbflechter, Holzschneider, Eisenschmelzer und Nähter, und sie haben schöne Kochkessel und Brautöpfe, Pickäxte, Feldhacken und Nähnadeln ihrer eigenen Fabrikation. Auch brauen sie aus Kafferkorn ein vorzügliches Bier (Leting), welches einige Aehnlichkeit mit dem russischen Kwaß hat.

Die Zulus sind nicht die ursprünglichen Bewohner von Natal. Sie haben das Land erst in den Jahren 1816 bis 1828 unter ihrem Könige Chaka, einem südafrikanischen Attila, erobert und die ehemalige zahlreiche und glückliche, sehr civilisirte schwarze Bevölkerung zum größten Theile getödtet und vertrieben. Später (1838) nahmen die holländischen Boers ihnen das Territorium wieder ab; die Herrschaft derselben dauerte jedoch nicht lange, da die Engländer 1842 das Land in Beschlag nahmen. Zu dieser Zeit war das letztere in Folge der langen verheerenden Kriege so entvölkert, daß eine englische Zählung im Jahre 1843 nur zehntausend Schwarze ergab. Sobald aber die englische Regierung Ordnung und Sicherheit in’s Land gebracht hatte, äußerte dieser neue Culturzustand eine solche Anziehungskraft auf alle umwohnenden Schwarzen, daß die Zahl der schwarzen Bevölkerung der Colonie fortwährend lawinenartig zunahm, im Jahre 1848 schon 50,000, 1865: 200,000 betrug und heute sogar die Höhe von 350,000 Köpfen erreicht hat! Hunderttausend davon mögen auf die allmählich aus den Nachbarländern zurückgekehrten Reste der früheren Kaffernbevölkerung kommen, die vor der fürchterlichen Zuluarmee nach allen Windrichtungen hin aus einander gestoben, auch theilweise von jener in die Sclaverei nach Zululand geschleppt worden waren; die übrigen sind reine Vollblut-Zulus , die nach und nach aus dem eigentlichen Zulukönigreiche jenseits des Tugelastromes so zahlreich über die Grenze herüberströmten, weil sie dem despotischen und blutigen Regierungssysteme ihrer Heimath, namentlich aber den strengen Heirathsgesetzen oder dort verwirkten Strafen entgehen wollten, während sie unter dem Schutze der englischen Flagge die größte persönliche Sicherheit und Freiheit zu erwarten hatten.

Diese so große Masse von Schwarzen (die jetzt sämmtlich die Zulusprache adoptirt haben) würden nun kein besonderes Bedenken einflößen können, wenn sie ein friedliches und arbeitsames Volk und dabei willige und gehorsame Unterthanen der englischen Regierung wären. Es würde dann Natal zwar immerhin in der Hauptsache eine schwarze Colonie, aber die Sicherheit der kleinen Minorität von zwanzigtausend weißen Ansiedlern deshalb noch nicht gefährdet sein. Das Schlimme ist aber, daß jene schwarze Bevölkerung sich wenig aus der nominellen Oberherrschaft der englischen Regierung macht, indem sie nur ihre eingeborenen angestammten Häuptlinge als ihre unumschränkten Herren betrachtet, deren Befehlen sie unweigerlich Folge leistet.

Angesichts der absoluten Gewalt der eingeborenen Häuptlinge, die dem englischen Regierungsorganismus gegenüber einen festgegliederten Staat im Staate bilden, ist die Lage der weißen Colonisten von Natal eine immer bedenklichere geworden; sie ist heute, wo England sich in offenen Krieg mit Ketschwayo, dem Könige des benachbarten selbstständig-nationalen Zulureichs, gestürzt und jüngst die durch die Zeitungen gemeldete schwere Niederlage bei Roorkes-Drift erlitten hat, geradezu dem Lager auf einem Pulverfasse vergleichbar. Bei einer vorherrschenden anti-englischen Stimmung der zahlreichen die Colonie Natal bewohnenden eingeborenen Häuptlinge würde ein Aufruf des stammverwandten Zulukönigs genügen, um sofort über das ganze Land das Horn des Aufruhrs ertönen zu lassen. Da die unentschuldbare Nachlässigkeit der englischen Regierung es einer großen Anzahl von gewinnlüsternen weißen Flintenhändlern gestattet hat, die sämmtlichen Eingeborenen der Colonie allmählich mit europäischen Gewehren zu versehen, so könnten bei einem allgemeinen Aufstand der Kaffern von Natal in diesem Lande allein sehr bald eine Zahl von 50,000 Zulus und anderen schwarzen Stammesgenossen unter den Waffen stehen, die sich dann natürlich den 40,000 bis 50,000 geschulten Kriegern Ketschwayo’s anschließen würden. Nicht genug damit: der Funke des Aufruhrs könnte dann auch leicht unter die stammverwandten schwarzen Bevölkerungen von Transvaal und Kaffrarien und zu den Basutos hinüberspringen, sodaß, die Zulu-Unterthanen des Königs Ketschwayo mitgerechnet, zusammen schließlich eine schwarze Bevölkerung von mehr als anderthalb Millionen Köpfen an dem Kriege gegen die englische Regierung sich beteiligen würde. Eine solche Volkszahl könnte recht gut ein Kriegsheer von 200,000 Kaffern hergeben, wenn König Ketschwayo es verstehen würde, alle diese Elemente sich unterzuordnen und militärisch zu organisiren. Was würde unter solchen Umständen aus der Handvoll weißer Ansiedler werden, die, zusammen kaum 60,000 mit höchstens achttausend waffenfähigen Männern, über ein Landgebiet von 6240 deutschen Quadratmeilen meistens ganz einzeln verstreut sind? Die einzige Rettung, wenn der Aufstand die sämmtlichen Kaffern ergriffe, würde für die weiße Colonistenbevölkerung die eiligste Flucht aus dem Lande sein, entweder nach der Seeküste hin, wo sie sich unter den Schutz der kleinen regulären Armee begeben und sich mit dieser so lange verschanzen könnte, bis hinreichende Truppenverstärkungen aus Indien und England ankommen, oder über die Berge hinüber nach dem Oranje-Freistaat und der Capcolonie, wo von der dortigen schwarzen Bevölkerung wenig mehr zu fürchten wäre. Alle diejenigen weißen Familien, die nicht zeitig genug diese sicheren Gegenden erreichen könnten, würden von den grausamen und blutdürstigen Wilden ohne Gnade niedergemetzelt werden. Die Lage ist nach dem Siege der Zulu-Armee bei Roorkes Drift also eine äußerst ernste.

Es ist unglaublich, wie rasch in Südafrika eine Nachricht durch eingeborene Läufer von Ort zu Ort gebracht wird; sie eilt auf diese Art so schnell über die weitesten Ländergebiete, als geschähe es durch den geregeltsten Postverkehr. Die Botschaft von der Vernichtung einer englischen regulären Truppenabtheilung von 1400 Mann mußte über ganz Südafrika hin in allen Kaffern-Kraals die ungeheuerste Aufregung hervorrufen. Der Nimbus des stolzen Kriegsheeres der „Umlungu“ hat einen mächtigen Stoß erlitten; von dem Augenblicke an, wo der Weiße vom Kaffern nicht mehr gefürchtet wird, können wir das Schlimmste erwarten. Alles kommt jetzt darauf an, erstens, daß die englische Regierung nicht mit den sofort abzusendenden Truppenverstärkungen knausere (wie sie es leider so sehr liebt), und zweitens, daß es ihr gelinge, den Grundsatz: „Theile und herrsche!“ auch ferner noch zur Geltung zu bringen und die Eifersucht und die Stammes-Rancune der einzelnen Kaffernfürsten und Kaffernstämme geschickt zur Theilung des Feindes zu benutzen Nach den in den früheren Kaffernkriegen gemachten Erfahrungen dürfte ihr das Kunststück wohl auch dieses Mal glücken, denn der Gedanke einer nationalen Einheit ist noch nie in einem Kafferngehirne gereift, und von einem Kaffernpatriotismus, der die Antipathien der einzelnen Stämme gegen einander überwunden hätte, hat die bisherige Geschichte dieser Völkergruppe noch nicht zu berichten. Dazu kommt noch, daß eine der hervorragendstem Eigenschaften eines Kaffernfürsten stets die Habsucht zu sein pflegt. Durch kluge Geschenke von Geld und Geldeswerth in Vieh, Wagen und anderen Dingen, die der Kaffer liebt, dürften die englischen Regierungsbeamten vielleicht mehr erreichen als durch bloße Einführung von neuen Regimentern, da ja in dem menschenleeren und unwegsamen Südafrika die Frage der regelmäßigen Verproviantirung der letzteren eine so äußerst schwierige ist.

Mag nun die gegenwärtige weiße Colonistenbevölkerung der drohenden Katastrophe erliegen oder durch weiterhin günstigere Erfolge des kleinen Vertheidigungsheeres vor solchem Loose bewahrt bleiben – das Schicksal des Königs Ketschwayo und seines Zulureiches dürfte für die Zukunft besiegelt sein. Ein Reich wie England, das jetzt in 5 Welttheilen 290 Millionen Unterthanen zählt und außerdem einen unerschöpflichen Fonds von Capitalien zu seiner Verfügung hat, wird nicht vor einem wilden Negerkönig die Flagge streichen und ihn weitere Triumphe feiern lassen, die den Respect vor dem britischen Namen bei der gesammten eingeborenen Bevölkerung Südafrikas vollständig vernichten würden.

Wenn aber einst das kriegerische Zuluheer entwaffnet, Zululand den Ländern der englischen Krone hinzugefügt und damit [208] für die Provinz Transvaal eine schöne und fruchtbare Seeküste sowie ein werthvoller Seehafen (Santa Lucia) gewonnen sein wird, dann dürfte die Zeit gekommen sein, welcher alle weißen Colonisten von Natal mit Sehnsucht entgegen sehen: eine Zeit der absoluten Umänderung der bisherigen britischen Negerpolitik. Die unkluge Verhätschelung der schwarzen Race, worunter die weißen Colonisten bisher so schwer zu leiden hatten, wird einer strengen Zucht, einer systematischen Erziehung weichen müssen, die allein im Stande sind, aus einem wilden Naturvolke allmählich ein civilisirtes zu machen. Durchgreifende und streng durchzuführende Gesetze müssen dann die ganze sociale Gliederung der schwarzen Bevölkerung von Natal, Zululand, Transvaal und Kaffrarien von Grund aus umändern. Die sclavische Stellung der Frau und die obligatorische Frauenarbeit muß aufgehoben werden, ebenso wie die souveräne Autorität der vielen kleinen Kaffernhäuptlinge. Den wahren Interessen der Schwarzen selbst würde eine solche Aenderung der Regierungspolitik nur wohlthätig sein. Und sollte eine solche Frucht aus dem gegenwärtigen blutigen Kriege entsprießen, so wäre das viele Blut wenigstens nicht umsonst geflossen.

In meinem 1878 bei F. A. Brockhaus erschienenen Buche: „Vier Jahre in Afrika“, ist eine sehr detaillirte Schilderung dieses interessanten Volkes, sowie auch die Beschreibung der feierlichen Krönung Ketschwayo’s im Jahre 1874 zu finden, welche letztere bekanntlich im Namen der Königin Victoria durch Herrn Theophilus Shepstone vollzogen wurde.

Die hier beigegebenen Illustrationen, angefertigt nach Originalphotographien, zeigen Zulukrieger von einigen der Regimenter des Königs Ketschwayo. Nr. 1 ist das Bild eines Soldaten des königlichen Leibregiments (Tulwana). Ein Streifen von Otterfell und ein mächtiger Federbusch schmücken sein Haupt; eine Felldecke von weißen Kuhschwänzen bekleidet seinen Oberkörper. Ein mächtiges ovales Schild aus Ochsenfell und eine kurze Stoßlanze sind seine traditionelle Bewaffnung, in den letzten Jahren ist aber der größte Theil der Armee mit europäischen Gewehren bewaffnet worden. Nr. 2 ist ein Soldat von einem verheirateten Regiment, was wir aus der weißen Farbe seines Schildes ersehen. Die Feder aus dem Schweife eines Kafferfinken erhebt sich stolz aus seiner ebenfalls mit einem Otterfellstreifen umkränzten Stirn. Der Soldat Nr. 3, welcher ein dunkles Schild trägt, gehört einem der jungen, aus Unverheirateten bestehenden Regimenter zu.