Die amerikanische Wildkatze

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Textdaten
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Autor: Karl Friedrich von Wickede
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Titel: Die amerikanische Wildkatze
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 123
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[123] Die amerikanische Wildkatze. In den südlichen Theilen der Vereinigten Staaten, besonders in Louisiana, findet sich die Wildkatze in großer Anzahl. Die dicht bewachsenen Sümpfe, welche sich längs des Mississippi hinziehen, verhindern die Vertilgung dieses schädlichen Wildes und fördern seine Vermehrung, und obgleich jedes Jahr nicht unbedeutende Mengen desselben geschossen werden, merkt man doch kaum eine Abnahme. Die Wildkatze sucht das abgelegenste Versteck auf, um ihre Jungen zu werfen, und findet in den natürlichen Höhlungen des Bodens oder in hohlen Bäumen für sich selbst und ihre Nachkommenschaft hinreichend Schutz vor den Verfolgungen des Menschen. Sie jagt selten bei Tage; nur bei Nacht oder am frühen Morgen wagt sie sich hinaus und schleicht umher auf dem dürren Laube, um das Frühmahl zu erspähen. Kein Baum ist dabei zu hoch, keine Erdhöhle zu tief, die undurchforscht bliebe. Selbst der Hühnerhof und die Schafheerde des Pflanzers sind ihr tributpflichtig. Das Kaninchen, der Rackoon (Waschbär) und das Opossum (Beutelthier), verfallen in gleicher Weise ihren Krallen. Sie springt mit ebenso viel Gewandtheit von dem höchsten Baumwipfel auf den schlafenden Truthahn herab, wie sie geräuschlos und leicht wie eine Feder mit der Beute im Maule blitzesschnell herabsteigt. Alles ist Leben in dem Thiere, und nichts kann mit der Anmuth ihrer Bewegungen verglichen werden, wenn sie ein Wild verfolgt oder jagend mit ihm spielt. Kein Sprung ist ihr dabei zu gewaltig, nichts in ihrer Haltung ungefällig.

Ihre Natur ist gänzlich unbezähmbar; in gleicher Weise unempfänglich für Güte und Strenge, ist ihr Charakter eine Mischung von Bösartigkeit und Tücke, die keine Empfindung für irgend ein Geschöpf kennt, nicht einmal für ihre eigene Art. Vielleicht wird sie schon deshalb so unnachsichtlich verfolgt, und weil ihre Pfote sich gegen Alles wendet, so ist Jedermanns Hund, Stock oder Gewehr gegen sie gerichtet. Bringt man die Hunde auf einer Fuchsjagd auf die Spur einer Wildkatze, so lassen sie den Reinecke laufen und stürzen der letzteren nach, und wehe ihr, wenn sie ihnen unter die Zähne kommt.

An Aufregung läßt eine Jagd auf Wildkatzen nichts zu wünschen übrig. Mit Hülfe guter Hunde ist eine Spur leicht gefunden, und das Thier, aufgescheucht, eilt in mächtigen Sätzen der kläffenden Meute voran. Nach Katzenart sucht es zuerst, um der Verfolgung zu entgehen, einen Baum zu gewinnen, und diese Gewohnheit gestattet dem Jäger, sich mit ihm auf ganz vertrauten Fuß zu stellen. Ist der Baum hoch, so sucht die Katze hinter den Aesten Sicherheit und findet in der Entfernung ihren größten Schutz. Hat ihr böser Stern sie aber auf einen astlosen oder dürren Baum geführt, so daß man ihren Kopf sehen kann, aus dem zwei lebendige Feueraugen Blitze auf die unter ihr tobende wilde Schaar schleudern, so giebt es keine Rettung für sie. Trotz der grimmig in das Holz eingeschlagenen Klauen und des schäumenden Maules, trotz der in blinder Wuth gesträubten Haare bringt eine gute Schrotladung sie herunter aus ihrer luftigen Höhe, aber selten, um sie gleich zu tödten. Dieses Recht nehmen meistens die Hunde für sich in Anspruch, die ihr wie besessene Teufel folgen, sobald sie den Boden berührt.

Aber das „Bäumen“ ist nur einer der Kunstgriffe der Wildkatze, wenn auch vielleicht ihr bester. In Ermangelung dieses Schutzmittels nimmt sie auch ihre Zuflucht zu Erdhöhlungen und verschwindet plötzlich vor den Augen der Meute wie ein Geist. Aber diese haben die Witterung nicht verloren, und jetzt wird um jeden Zollbreit Erde gekämpft. Der erste Hundekopf, der sich in den Schlupfwinkel der Katze eindrängt, hat einen warmen Empfang zu gewärtigen. Klauen und Zähne thun jetzt ihre Schuldigkeit. Aber der gute Spürhund schreckt nicht davor zurück; entweder packt er sein Opfer und bringt es an’s Tageslicht, oder er läßt die Katze sich an ihm festbeißen und schleppt sie so heraus. Sobald sich aber der Kopf der letzteren außerhalb der Oeffnung zeigt, sitzen auch so viele Zahnreihen an ihr, wie Hunde auf dem Platze sind, und ihnen muß das „neunfache“ Katzenleben, trotz seiner Zähigkeit, weichen.

Auf einer Treibjagd, die mein Hinterwäldler Freund, Bob Nixon, mir zu Ehren mit einigen seiner Nachbaren oberhalb Baton Rouge in Scene setzte, stießen wir nach heißem Tagewerk noch auf eine Katze, stärker, als ich sie je gesehen hatte, und müde wie die Hunde waren, gab es doch kein Halten, sobald sie die Spur bekommen hatten. Unser Wild nahm Zuflucht in einem Loche unter einer mächtigen Eiche, und an eine unmittelbare Erweiterung der engen Oeffnung, war nicht zu denken. Ein kleiner, verbutteter, aber ausgezeichneter Dachshund bestand darauf, sich in die Höhle einzudrängen, und kaum war er darin, so belehrte uns auch sein schwacher Aufschrei, daß er „Anbiß“ hatte. „Jetzt laßt mich hin!“ rief Bob, indem er die Anderen bei Seite stieß und vor der Oeffnung niederkniete, aber nicht um ein Paternoster für die arme Hundeseele zu beten, sondern um den wüthenden kleinen Kerl weiter hinein zu schieben, bis er fühlen konnte, daß die Katze denselben mit ihren Klauen umfaßt, und seinen Kopf in ihrem Rachen hatte. So vereint, wurde das frohe Paar herausgezogen. Aber kaum sahen die anderen Hunde die gefährliche Lage des kleinen Teufels, als sie ihm auch zu Hülfe eilten, und erst als die Katze die scharfen Bisse seiner Freunde fühlte, ließ sie ihr Opfer los und dachte an die Vertheidigung. Obgleich nun über und über mit Blut bedeckt, war doch der Dachs nicht der Letzte im Angriffe und half seinen Cameraden recht weidlich in ihrer harten Arbeit. –

Der Jäger, welcher den wilden Truthahn durch Nachahmung der Stimme des Weibchens lockt, pflegt manchmal durch das Heranschleichen einer Wildkatze in seinem Jagdvergnügen gestört zu werden. Aber sie hat dann den Zorn des Schützen nicht umsonst aufgeweckt; sie fühlt denselben aber nicht, ehe es Zeit ist. Unverwandten Auges, bewegungslos bleibt er hinter dem ihn deckenden Baumstamme liegen, während sie sich wie eine Schlange heranpürscht zur Stelle, von wo sie den Lockton hörte. Kaum hat er aber Visir und Korn genommen, so widerhallt auch der Wald außer von dem Knalle seiner sicher treffenden Büchse noch von einem gewaltigen Fluch auf das ganze elende Katzengeschlecht, das ihm die Aussicht auf ein gutes Mittagsmahl verdorben hat.

Die Wildheit und Unbändigkeit der Wildkatze ist bei dem westlichen Jäger sprüchwörtlich geworden, und wenn er im Uebermaß von Prahlerei seine Ueberlegenheit über einen Gegner ausdrücken will, sagt er wohl, „er könne sein Gewicht in Wildkatzen schlagen“. Dies sagt Alles, denn es steht fest, daß diese Katzenart in Anbetracht ihrer Größe, die schärfsten Zähne, die wüthendsten Klauen und das zäheste Leben hat. „Ich bin wie ein tobendes Erdbeben im Zweikampfe,“ sagte einer jener halbwilden alligatorähnlichen Unholde, die, dem Gesetze im Norden entronnen, zu Hunderten Zuflucht in den Wildnissen des Südens gesucht haben, „ich kann härter draufschlagen wie der vierfache Blitz und es aushalten wie eine Wildkatze.“

Diese Lobsprüche auf die ausdauernde Streitbarkeit der Wildkatze kennt jeder Hinterwäldler. Neben derselben besitzt sie die Unersättlichkeit eines Pfandleihers, die Gefühllosigkeit eines Wucherers, die Hinterlist eines Winkeladvocaten und die Unempfindlichkeit der Schildkröte gegen Schmerz: mit einem Worte, sie kann, wie Mirza Schaffy’s Zuleika, nur mit sich selbst verglichen werden.

In ihrem tückischen giftigen Auge hat die wilde Katze eine auffallende Aehnlichkeit mit dem der Klapperschlange, und dennoch begegnen sich wohl nie zwei lebende Geschöpfe mit größerer Wildheit und tödlicherem Hasse, als diese beiden. Wenn die Katze, wie es wohl vorkommt, auf ihren Schleichwegen auf eine Klapperschlange stößt, so muß eine oder es müssen beide auf dem Platze bleiben. Zischend von der einen Seite, schnaubend von der andern, stürzen sie auf einander und zeigen in ihrem Kampfe ein schreckliches Bild von der Gewalt unbezähmbarer Leidenschaften.

Die Indianer, welche in ihrer Redeweise sehr bilderreich sind, sagen von der Klapperschlange, daß sie zu ihrer Existenz die giftige Luft der Sümpfe und der Ausdünstungen verwester Stoffe bedürfe, während die wilde Katze das Attribut für alle bösartigen Leidenschaften streitsüchtiger Personen geworden ist; „in jenem Wigwam werden Wildkatzen gezogen,“ sagen sie.

Fr. von Wickede.