Die deutsche Art in Luther

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Autor: Hermann von Bezzel
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Titel: Die deutsche Art in Luther
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Erscheinungsdatum: 1910
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Die deutsche Art
in Luther.




Vortrag des Herrn Oberkonsistorial-Präsidenten D. Dr. Hermann von Bezzel, Reichsrat der Krone Bayern, gehalten am evangelischen Gemeindeabend zu Regensburg, 31. Oktober 1910.




Preis 25 Pf.
Das Reinerträgnis wird dem Vereine zur Erbauung eines evangel. Gemeindehauses in Regensburg überwiesen.


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Verehrte Anwesende!

Als vor 90 Jahren unser deutsches Volk die Fesseln der fremden Tyrannei zerbrochen und sich wieder auf sich sebst zu besinnen begonnen hatte, war in dem Wiederaufwachen seines inneren Lebens und in der beglückten Freude an längst verloren geglaubten Heiligtümern und Gnaden des Volkslebens ganz unmittelbar die Erinnerung an seinen größten Sohn wach geworden. Man mag über die Begeisterung jener Jünglinge, die auf der Wartburg im Oktober 1817 Geistes- und Volksfreiheit in ihrer Weise feierten, als über eine unreife Schwärmerei mitleidig lächeln, der Gedanke war zweifellos richtig, daß, wo man der Freiheit gedenke, man des größten Befreiers nicht vergessen dürfte. Es war die Zeit, wo den ungehörigen Aufstellungen eines Brentano über Luthers Art und Wesen, wie sie die schwärmerisch ungesunde Katharina Emmerich ihm zugeraunt hatte, ein Josef von Görres mit seinem mannhaften, freilich jetzt oft unterdrückten Zeugnis über die Notwendigkeit und Bedeutung der Reformation antwortete und Goethe die Aufmerksamkeit des deutschen Volkes auf all das lenkte, was es – ohne es zu wissen – seinem Luther verdanke.

 Wenn also mit dem Gedächtnis der politischen Befreiung die Erinnerung an die große religiöse Verneuerung unmittelbar sich verband, gleichsam zwei Blüten aus einem Stamme hervorsproßen, so ist in unseren Tagen, in denen die religiöse Seite der Arbeit Luthers und die theologische Bedeutung seines Auftretens in heißem Streit betont und gewürdigt werden, es wohl berechtigt, auch des nationalen Zuges des Mannes zu gedenken, der sein Volk intuitiv gleichsam| in sich aufnahm und von seinem Volke als der innerlichste und wesenhafte Ausdruck seines Sehnens, Denkens und Wollens begrüßt wurde und wird. Weil er mit dem Willen dachte und mit dem Verstande wollte, sich ganz dem ergab, wozu er sich berufen wußte und bekannte – ein ganz in sich geschlossener und auf sich geworfener Mann – darum hat der Volksgeist, so fern er der Ganzheit seiner Ausgestaltung an sich stehen mag – in ihm sich als in einer Verkörperung seines innersten Wesens wiedergefunden.

 Wenn ein Talent sich irgendwo zeigt, so wirkt es, wie es in der Stille sich ausgestaltet hat, auch nur im engen Kreise, vielleicht eine anmutig wärmende Flamme, ein gewinnender Anblick, aber weder ins Große ragend, noch auf das Große gerichtet – Stilleben, das sich vom Streit des Tages und dem großen Widerkampf der Meinungen in die Beschaulichkeit flüchtet, aus der heraus wohl ein am Waldessaum bescheiden hingelagertes Haus gebaut werden, nimmer aber eine Burg erstehen kann, welche trotzig ins Land hineinragt und treulich edelste Güter umschirmt und schützt. Wiederum hat das Genie, wo es sich weit über die Niederungen des Durchschnittsmaßes und die Forderungen des Tages erhebt, etwas Erkältendes und Fernendes: es hält sich für zu gut, alte Güter zu schützen und alte Wege zu gehen, bricht sich die Bahn, lediglich um sich in eigenem Glanz zu sonnen, sieht Andere darben und genießt sein selbst. Unser Volk ist seiner Genies nie froh geworden: sie haben es nicht verstanden, vielmehr mißkannt und verlassen. Wenn aber der Genius, der aus dem Volke geborene, aus der Fülle seiner Gedanken, seines Verlangens und seiner Sorge erwachsene Mann in die Erscheinung tritt, so zeigt er darin seine Größe, daß er nicht anstrebt, groß zu sein und weil er dem Volke in all seinen Schichten das zurückgibt, was diese ihm an Wunsch und Gabe, an Kraft und Erfahrung mitgaben, darum ist er mit ihm innig verbunden. Jahrhunderte gehen hin, bis wieder solch ein Mann, an dem die Nation ihre Kräfte ausgelebt hat, ersteht, Jahrhunderte aber reichen auch nicht hin, um die Vollart eines solchen Mannes auszubrauchen und zu erschöpfen.

|  Was seit alters unserem Volke vorgeworfen wird, daß es als ein Träumer herkomme voller unpraktischer Gedanken und bei der Aufteilung der Welt stets zu spät sich einstelle, unreifen Neigungen nachgehe und dabei sein bestes Interesse versäume – ich denke nur an die unglückliche Liebe unseres Volkscharakters zu Italien –, das hat Luther ins rechte und heilige Maß gesetzt. Wäre er nur der gemeinen Deutlichkeit der Dinge erschlossen gewesen, so wäre er nicht fähig gewesen, den Herzschlag seines Volkes zu erlauschen und das heiße Sehnen zu ergründen, das eben über Berg und Tal zu Höhen hinflüchtet, deren Ersteigung nicht praktisch erscheinen mag, aber vor Banausentum, Materialismus und Selbstverlorenheit mächtig bewahrt. Der Idealist schafft sich eine Welt nicht aus eigenen Gedanken, wie es der Phantast wohl tut, wohnt nicht in Utopien, die nimmer zur Wirklichkeit werden dürfen, sondern flüchtet in ein weites, lichtes Reich, das der Vater aller Geister geschenkt hat, eignet sich an und erlebt, was vor ihm und über ihm war und wird da heimisch, wo traurige Nüchternheit nur fata morgana erblickt. Indem Luther zu den Bergen ewiger Hilfe aufblicken und in das lichte Gottesreich einkehren lernte, das in Christi Lehre und Leben ihm sich erschloß, hat er nicht einer weltfremden Mystik, die nur Auserwählten zugute kommen, für die Lösung der Weltfragen aber nichts austragen kann, gehuldigt, sondern aus transzendenten, überweltlichen Tatsachen die Kraft sich geholt, die ihn der Welt und Zeit, denen er angehörte, und ihren Folgerscheinungen von solchem Segen werden ließ.
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 Durch und durch der Scholle zugewandt, der er entstammt, verband er in seinem Naturell mit der Zähigkeit des erdbeständigen Bauersmannes, der in selbstbewußter Beschränkung aus seiner scheinbar kleinen Welt das Ganze überblickt und in den engen Kreis seiner Vorstellungen weiteste Begriffe niederzwingt, die Beweglichkeit und Lebhaftigkeit des deutschen Bürgertumes. In der Treue, die den Deutschen mit einem Heimweh ausgerüstet sein läßt, das auch den verlorenen Sohn an die Rechte der Heimat mit unstillbarer Gewalt mahnt, hat Luther all die Verhältnisse, die ihn umgaben,| treulich geachtet und geschätzt: der die Welt mit kühnem Blick durchmaß, ein Doktor, dem Himmel und der Hölle wohlbekannt, im Rate der Völker gehört und in all die Bewegungen auch wider Willen verflochten, hat seinen weit umspannenden Blick freundlich auf das arme Städtlein gesenkt, das ihm zur Heimat geworden war, und aus furchtbarsten titanenhaften Sorgen das Herz für die kleinen kindlichen Anliegen seiner nächsten Umgebung offen gehalten. Man hat ihm nachgerechnet, daß er in seinem wanderreichen Leben wohl über 2700 Meilen zurückgelegt habe, seinen Reisebericht von 1510 mit Bewunderung nachgeprüft. Der Mann, der die Herrlichkeit der alten Welt, die Schönheit der lachenden Gefilde Italiens und die Wunderbarkeit edelster Gebilde der Antike und der mittelalterlichen Kunst hat auf sich wirken lassen, ist der stille Bewunderer des Kirschbaumes in seinem Klostergarten und der Reseda am Fenster seiner Zelle geblieben. Großartige Kleinheit wird nie kleinlich werden und stille Bescheidung der Großartigkeit nie vergeßen. Wer im kleinsten treu ist, wird es im größten sein, und der in der gottgeordneten Enge sich heimisch fühlenden Seele wird die Weite des Blickes nur Anlaß zur Erinnerung des Dankes. Die Treue hat den Reformator auch befähigt, seinen alten Landesherren, den Mansfelder Grafen in ihren oft erbärmlichen Zwistigkeiten Hilfe zu tun, wie er denn sein müdes Haupt erst dann zur Ruhe legen konnte, nachdem er Friede im Hause seiner Grafen gestiftet hatte. Wie hoch denkt er von seinen sächsischen drei Kurfürsten: ein treuer Untertan, kein Byzantiner, voll Offenheit gegen ihre Schwächen und voll Dankbarkeit für ihre Gaben, er sieht mit dem einen die Weisheit, mit dem andern die Beständigkeit sterben und weiß am letzten Kurfürsten die gutmütige, allzeit willige Art zu rühmen. Es ist ihm von Rittern und Geistlichen, ja von der Stimme seiner Nation bezeugt worden, daß der Jüngling, der damals Deutschlands Geschicke leitete, für deutsche Art kein Verständnis besaß, er mußte selbst in das bleiche gelangweilte Gesicht des Spaniers blicken, der deutsch mit seinen Hunden und spanisch mit seinem Gott sprach, er vernahm, wie in entscheidungsreicher Stunde, da zu Augsburg unser mit Blut und Tränen geschriebenes| Bekenntnis übergeben war, der Kaiser schlief. Aber nicht aus kluger Diplomatie, zu der Luther nicht die geringste Gabe besaß, so daß ein einmaliger Versuch, sie zu üben, jämmerlich mißriet, ihm zur Qual und seinem Werk zum Vorwurf – sondern aus tiefstinnerer herzlicher Ueberzeugung wollte er in Karl das fromme, junge, deutsche Blut sehen, das aufs beste es meine. Und vom Bannstrahl zweimal getroffen hört er nicht auf, für den Papst zu beten und was an ihm recht und groß erschien, anzuerkennen. Es ist deutsche Art, die Wirklichkeit der Dinge durch eine, ich möchte sagen, instinktive Gewißheit von dem, wie sie sein sollten, sich selber zu schildern und es ist die Art der Treue, wider die Scheinbarkeit zu hoffen und über den Augenschein zu glauben. Man hat ihn wohl gefragt, was er tun würde, wenn der Papst einmal statt seines Legaten nach Wittenberg käme und er konnte aus reinem Gewissen antworten: „Ich würde ihn mit aller Ehrerbietung empfangen“, kämpfte er doch nicht gegen Personen, sondern gegen Systeme, nicht gegen die Träger der Anschauungen, sondern gegen diese selbst. Voller Gegnerschaft hat er doch nie persönliche Feindschaft geübt, leidenschaftlich in seiner Polemik, hat er doch einen Tetzel noch trösten können, als er ihn in Sterbensnöten wußte, und da noch trauen können, wo sein Melanchthon längst den Glauben verlor. Aus dieser Treulichkeit der Lebensanschauung erwuchs die treue Liebe zu seinem Volke, das er der höchsten Ehren wert hält. Ein edles Roß nennt er es, das nur des rechten Reiters und Zaumes bedürfe, hochgefürstet vor allen Nationen, den Christophorum, der durchs Wasser schreitet und hält sich an das Wort Gottes als an einen Stab, ob die Welle braust und rauscht wie sie will. Seinen lieben guten Deutschen weiß er sich zu allem Guten verpflichtet, für sie ist er geboren, will er arbeiten und leiden. Ein Freund seines Volkes klagt er über die Schiffe, die „gut Geld und Sitte“ entführen gen Italia und Gallia, um fremden Tand zu holen, über Wucher und Uebersatz von Fronzins, die am Marke des Volkslebens zehren. Andererseits geht ihm das Gebet schwer ein, als ob ein Hemmnis für seine Erhörung sich fände, er fürchtet sein Volk am Rande des Verderbens, weil| es die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkenne, „so wird der fahrende Segen des Gotteswortes darüber hinziehen und eitel Wüstenei zurücklassen,“ er klagt, daß seine Prophezeiungen alle in Erfüllung gegangen seien, so daß er sich vor ihnen selbst fürchte, „der Saufteufel und allerlei greuliche Unzucht werde sein Volk verstören!“

 Und wie hat er die Sprache seines Volkes geliebt, „schwerfällig und mühsam mit Lehnwörtern, Hof- und Schloßreden durchsetzt“ schlich deutsches Sprachtum dahin. Nachdem der Minnegesang in der Not der Zeit verstummt und die Volkspredigt immer seltener geworden war, schien die deutsche Sprache hinzusterben, arm in ihren Ausdrücken, unzureichend in ihren Wortbildungen, ein unwertes Gefäß, nicht mehr fähig, das Geheimnis des Geistes aufzunehmen. Da hat Luther dem Volke die Zunge gelöst und ihm die Lippen gerührt und es sprechen lehren herrlicher wie je zuvor. Volkssprache, Volksbuch, Volkssang und Volkskunst hat seine Treue in einem geschenkt.

 Es ist uns nicht unbekannt, daß – als auf der Wartburg zum zweiten Mal der deutschen Sprache ein Frühling erblühte und Moses und die Propheten, Christus und die Apostel deutsch zu sprechen sich freundlich herbeiließen – über 70 Bibelübersetzungen durch die Lande gingen, unhandlich, ungelenk, unberedt und unbestimmt, aber weil die Treue auch die arme Blume am Weg und den schlichten Sang des Waldvögleins achtet und ehrt, wurde Luthers Uebersetzung zu großen Dingen befähigt, sie durfte die herrlichsten Kränze edelster Blüten, herrlichster Blumen Christo und seinem Wort zu Füßen legen und den Hochgesang anstimmen, der seit Jahrhunderten in ununterbrochener Fülle und Folge durch deutsche Gaue rauschte. Seit Luther, „dem Aesop, Mosi und Christo die Hütten baute,“ ist die deutsche Sprache eine Königin geworden, reich in ihrer Schlichtheit, bezeichnend in ihrer Kürze, ahnungsvoll und doch durchsichtig klar. Wie gern läßt uns Luther in die Werkstätte des Geistes schauen, wo er seine Schrift vom Dolmetschern aussendet oder von seinen Bibelstudien| spricht. Er setzt sich wohl einen Tag lang ans Elstertor, damit er Johannes 4 recht deute, sucht die Juden in ihrer Schule, den Goldschmied in seiner Werkstätte, den Metzger in seinem Laden auf, damit sie Volkswörter ihm geben, die man auf der Gasse wohl verstehe, er sucht wochenlang nach einem deutschen Ausdruck für das ihm unanwendbare Wort „Person“, möchte das griechische Wörtlein „Kirche“ nicht in Deutschland haben und freut sich, daß Gott, aller Güte Fülle, von gut herkomme. Wie freut es ihn, in dem engelischen Gruß „Holdselige liebe Maria“ sagen zu können und welche Erquickung war’s ihm, als das ohne seinen Namen ausgegangene Neue Testament alsbald aufgekauft wurde, „weil nie kein Mensch so geredet habe, wie dieser Mensch.“ Schleiermacher sagt einmal, es gebe eine doppelte Art zu übersetzen, entweder der Schriftsteller neige sich zur Sprache, in die er übersetzt werden solle, oder diese passe ihm sich an. Luther hat in der königlichen Freiheit des Christenmenschen vielleicht nicht immer korrekt nach dem Wortlaute, aber immer tiefsinnig und innig nach dem Geist übersetzt und die hl. Schrift der deutschen Sprache dienstbar gemacht. Weil er seinem Volke dienen wollte, darum war er der Herr aller Dinge. Was er redete, dem jauchzte das Volk zu und wie er redete, so sprach die Mutter zum Kinde, der gemeine Mann auf dem Markte, der Gelehrte auf dem Katheder, der Prediger auf der Kanzel. „Vordem verstand ein Bayer den andern nicht und Ober- und Niederdeutsche waren einander herzlich feind“, jetzt schlingt das Gotteswort, wie es nach seinem Inhalt die Geister eint, nach seiner verklärten Außenseite das Bruderband um die deutschen Volksstämme, seine Gegner müssen denken mit seinen Gedanken und reden mit seinen Worten. Wie eine göttliche Ironie nimmt es sich aus, daß der Herzog Georg von Sachsen sagen mußte, „der Mönch hätte die Bibel voll übersetzen müssen und dann gehen“, und der Schrift Luthers „ob ein Kriegsmann in seligem Stande sterben könne,“ das Zeugnis auszustellen genötigt war, „es sei ein herrliches und liebliches Buch.“
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 Wie er die Bibel deutsch reden hieß, sodaß all unsere| großen Klassiker, Denker und Dichter, die Weisheit auf der Gasse und in der Schule, Sprichwort und Volksrede sich ausbeuten und nimmer aufbrauchen, so hat er die kleine Laienbiblia, den Katechismus in die Hand des Pfarrherrn und Hausvaters gelegt, nicht als trocknes, starres Lehrbuch der Systematik, noch als schwer verdauliches Lernbuch der Dogmatik, sondern als Volksbuch, das im ersten Glaubensartikel Gott so menschlich nahebringt, im zweiten in wunderbaren Hymnen Freiheit und Befreier besingt, im dritten jubelnd das Geheimnis von Heimweh, Heimat und Heimatsfreude darbietet. Was ein Jakob Grimm und Wackernagel, ein Ranke und Treitschke von diesem Büchlein urteilen, wiegt die ärmlichen Ausstellungen der Undankbarkeit reichlich auf. Solange man ein Lehrbuch betend und seine Sprache singend nennen kann, ist es ein reicher Schatz.
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 Luther hat, da ihm Ton und Klang des Volksliedes und die große unbewußte Poesie, die in der Waldesstille schläft und aus den Gründen der Berge hervorlugt und durch’s Volksherz zieht, von Kindheit auf vertraut war, in Alliteration und Assonanz, (Herr, unser Herrscher wie herrlich ist Dein Name) das Bibelwort zu Sang und Klang erhoben. Das Lied, das der wandernde Geselle zur Wegfahrt sang, die Leise, die der Wallfahrer dem Kirchlein entgegenbetet, das Wiegenlied, mit dem die Mutter ihr Kind einschweigt, Schlachtgesang und Totenreigen, alles mußte dem sangesfreudigem Mann dienen. So ist er der Schöpfer des deutschen Kirchenliedes geworden: „Denn Evangelium ist gute Mär, davon man singet, saget und fröhlich ist“, dem volkstümlichen Lied, dem volkstümlichen Ton der volkstümliche Text. Er hat in Traurigkeit „fröhlich in die Claves gegriffen“ und dem Teufel zum Spott die hl. Musika angerufen, deren Freund ein himmlisch Gut gewonnen habe, „weil ihr erster Ursprung vom Himmel sei, wo die lieben Engelein selber Musikanten seien.“ Das evangelische Kirchenlied hat seitdem wie ein Waldstrom sich Bann gebrochen, Leidende getröstet, Kämpfende gestärkt, Sterbende erquickt, hat in Schlachten sich bewährt, bei Friedensschlüssen gejauchzt und gelobt und in schweren Zeiten das Volk ermutigt. „Wer es| singt“ hat ein Alter gesagt, „der jungt immer wieder, an ihm geht das Alte vorbei.“ Die herbe, ernste Musik eines Prätorius, eines Heinr. Schütz, eines Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms, diese urevangelische Tonkunst ist die dankbare Tochter des Sängers von Wittenberg, der die Hausmusik zu einem Heiligtum machte und ins Heiligtum das ganze Volk singend und jauchzend, klagend und trauernd, einlud. Ich darf ein Erlebnis einfügen, das mich mit der vollen Freude des Besitzers beglückte. Als ich vor Jahren durch die Prunksäle des Musée de Luxembourg in Paris schritt wurde ich von einem Bilde gefesselt. Im Halbdunkel sitzt ein Mädchen am Klavier, ein anderes begleitet es im Spiel. Blick und Stellung atmen Andacht und darunter steht: „Lied“. Nicht chanson, nicht cantique. Die ganze Innigkeit und Innerlichkeit konnte der Künstler nur durch das deutsche „Lied“ ausdrücken.

 Wo das Wort zum Ton und wie die Reben um den Weinstock, so die Tongebilde zum Kreuz hinanrankend, erfunden werden, da ist die Volkskunst nicht weit. Vielleicht nicht die farbenfrohe, italienische Renaissance und die lüsterne prächtige französische Leichtigkeit, aber der ernste schwermütige und doch so trauliche, und sinnige Holzschnitt, die harten schweren Zeichnungen eines Albrecht Dürer, die scheinbar unschönen Zeichnungen eines Cranach bergen dem sinnigen Auge neue Welten, stille Herrlichkeiten, unergründbare Reichtümer. Wenn jetzt das deutsche Kind in Schnorrs Bilderbibel allen Heiligen in die Augen schaut und die Mutter ihm Richters Jahreszeiten mit ihrem feinen, stillen Duft erläutert, wenn der Mann an dem Ernst Rethel’scher Bilder sich erbaut, dann sollen sie Luthers denken, der da in der Kraft Christi, des Meisters, welcher die Geister heiligt, alle Künste singen, reden, schildern hieß.

 Ein treuer Mann hat er, was der Deutschen Ehrenpreis war, sich keusch und rein erhalten und dem Weibe den ihm gebührenden Ehrenplatz im Vaterhaus wieder bereitet. Es liegt mir nicht an, gegen alte und neue sogenannte Lutherforschungen hier zu polemisieren. Man mag Luther in seinen Ausdrücken derb, man mag ihn nach den verfeinerten Begriffen der Moderne roh nennen, aber der Unzucht war er| herzlichst feind und der mit der Sünde spielenden Zweideutigkeit eines Enea Silvio durchaus abgeneigt. Der uns in der Auslegung zum sechsten Gebot keusch und züchtig sein heißt in Wort und Werk, hat sich geschämt, unreinen Gedanken Raum zu geben und Worte zu gönnen, geschweige denn verdächtige Werke zu vollbringen, um derentwillen Gott sein Antlitz von ihm und seinen Wesen gewißlich gewendet hätte.
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 Wenn die mittelalterliche Kunst der Schlange den Frauenkopf zuweist, und die mittelalterlichen Theologen der von beweibten Priestern empfangenen Absolution die Gültigkeit absprechen, so hat Luther, den von seinem Gelübde Gott selber freigesprochen und am Traualtar nicht mit einer entlaufenen, sondern mit einer erlauchten Jungfrau verbunden hat, die Türe zum evangelischen Pfarrhaus weit aufgetan, das durch die Jahrhunderte der stille Quellort reichen Kulturlebens und reiner Arbeitsamkeit geworden ist. Ich kenne die Schatten und Schäden des evangelischen Pfarrhauses viel zu genau, als daß ich sein einseitiger Lobredner werden möchte. Aber ich kenne auch die Wolke der Zeugen, die um dieses stille schlichte Haus im Goldglanz lagert, weiß von seiner Bedürfnislosigkeit und willigen Armut, von dem ernsten Verzicht, der dort geübt, gelehrt und gelernt wird, von der Tätigkeit selbstloser Arbeit, von der Ernsthaftigkeit treuer Zeitverwendung. Man streiche aus der deutschen Kulturgeschichte diesen einen Kulturwert, man reiße aus den Chroniken des 30 jährigen Krieges die Blätter heraus, welche der Treue des armen Pfarrherrn gedenken, man streiche die großen Denker, Lehrer, Führer, Volksfreunde, welche dem evangelischen Pfarrhaus entstammen und man wird erst gewahren, welch eine Lücke entstanden ist. Auf dem weltfernen Dorf bildet das Pfarrhaus nicht nur in geistlichen, sondern auch in allerlei äußeren Nöten die sichere Zuflucht, im Getriebe der Stadt kann es der stille Bergungsort sein. Gerade die Frau sollte nicht vergessen, was Luther ihrem Geschlechte getan hat, als er in deutscher Ritterlichkeit Frauen minnen hieß und in christlicher Keuschheit ihrer sich freute. Wenn in gewissen evangelischen Kreisen der Bauern- und Bergmannssohn, weil seine Erscheinung nicht die| anspruchsvolle Blässe und den Duft exotischen Balsams hat, mißachtet wird, so ist das ein Undank, der ihm nicht schadet, wohl aber denen, die seiner sich schuldig machen.
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 Wo Treue und Keuschheit die Säulen des Himmels sind, der über Haus und Feld und Kirche sich breitet, da mögen auch die lichten Silberwolken des Humors freundlich heraufziehen, der ein heilsames Gegengewicht gegen den niederdrückenden Ernst bildet, welcher den Himmel verdüstert und die Erde veröden heißt. In seinen schwersten Tagen auf der Wartburg hat Luther mit goldenem Humor des Feindes gespottet, „der über seine Haselnüsse wollte“ und ihm den ganzen Hohn gezeigt; denn Hohn und Freude mag der traurige Geist nicht leiden. Auf der Coburg sind ihm die Dohlen ein Bild des Reichstags, wie sie streiten und köken zum Kampf gegen die Malztürken und zur Ehre des Kaisers. Er sieht die Wolken mit saurem Angesicht vorüberziehen und den Regenbogen aufsteigen und das Himmelsgewölbe halten, obgleich keine Säule es stützt. Er schreibt der ganzen evangelischen Jugend den herrlichen Brief von Himmelsgarten, von seinen Spillingen und goldenen Pfeilen, von seinen Spielen und Reigen. Er schreibt die Klageschrift gegen seinen alten Wolf Sieberger, über den die Finken und Amseln sich beschweren und ermahnt Meister Peter den Barbier, ihn herrlich zu schmücken und jung zu machen, damit der päpstliche Legat nicht einen alten Martinus sehe, sondern einen Reisigen und Freudigen, der noch viel ausrichten kann. Sein Humor läßt ihn über die alte Wiedertäuferin, die Saale und ihr großes Gesött spotten, seines graeculus Melanchthon lachen, bei dem der Glaube ein Nichtzweifeln an dem, was man sieht, sei, in gutmütiger Ironie spottet er über sich selbst, über den einäugigen kahlköpfigen Doktor, aber dann leuchtet wieder des Gemüt hervor, wenn er sich freut, „des Hauses Spitzen zu sehen beim Wiederweg und Heimgang“ wie die Kindlein ihm ihren Jahrmarkt bringen, wie sie scherzen und spielen und die Eltern sorgen lassen. – Napoleon I. hat einmal das unübersetzbare Wort Gemüt dahin erklärt: „voila l’esprit Allemand“. Diese große Gemütsinnigkeit macht Luther so wert, bringt ihn menschlich nahe. „Großer Mann“ ruft Carlyle| aus „wie ein in den Himmel ragendes Gebirge voll unwegsamer Gletscher und Gipfel, aber in seinen Tälern liebliche Auen mit Blumen“. Ironie, die da mit bitterem Wort verletzt, Sarkasmus, der an den blutenden Wunden des Gegners sich weidet, des Hutten Dunkelmännerbriefe und des Erasmus ätzender Spott bleiben ihm fremd, hier tun es Tränen und nicht Lachen. Aber wie der Recke in der deutschen Volkssage, etwa im Waltharilied, ruft er seinen Gegner mit Trotz und Hohn zum Kampf, er jauchzt in den Streit und freut sich des Sieges und schont den Besiegten. Seine derbe Laune verlangt manchmal nach Dissonanzen, aber seine Frömmigkeit gießt Öl in die Wunden und heilt die Erschlagenen.

 Dabei ist er – und das scheint mir in seiner Krone der herrlichste Juwel – demütig vor Gott und den Menschen. „Luther sterbe, Christus lebe.“ Er will nicht nach seinem Namen Religion und Kirche nennen, denn er ist Staub und Asche. Das Hochgefühl, das ihn zu Zeiten stärkt und über sich erhebt, wird geheiligt und geläutert durch die Sündenerkenntnis und die Sorge um seiner Seele Heil.

 Er weiß, Gott kann tausend Martini erwecken und hat das Bekenntnis seines Lebens in das Vermächtnis gelegt, das man nach seinem Tode auf seinem Tische fand: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“ – Was Wunder, daß deutsches Volk und deutsche Art in ihm seinen Meister fand? Denn es gab eine Zeit – wir bedauern, daß sie vergangen ist – in der edle fromme Priester sich freuten, äußerlich Luther zu gleichen und an seinen Liedern sich erquickten. Ich kenne fromme Katholiken, die seine Briefe als Meisterwerke der Sprache bewundern und denke an das Wort eines Vielgenannten „Luther sei der größte Deutsche seiner Zeit gewesen.“ Solche Männer, die Gott in einer besonderen Gnadenstunde der Welt bescheert, gehören nicht der Zeitenenge, die ihr Leben umspannt, noch den Volksschranken, in die es geformt ist, sie gehören allen Zeiten und allen Völkern, aber das deutsche Volk rühmt sich unter ihnen, Luther den seinen zu nennen, wo es denkt, braucht es seine Gedanken, wo es redet, bittet es um seine Worte. Der unweltläufige und ungewandte| Mann wird ihm zum Propheten, dessen weitschauendes Wort in der Wahrheit geheiligt ist.

 Im Jahre 1617 feierte Martin Rinkart Luther als den eques Islebiensis mit einer Schulkomödie am Gymnasium zu Eisleben. Wahrlich, gleich dem Ritter, den Albrecht Dürers Meisterhand uns gezeichnet hat, strebt er vom Tode bedroht und vom Feinde umschmeichelt der hochgelegenen heimatlichen Burg zu, ohne Furcht und Tadel im Kampfe sich bewahrend und im Kampf bewährt. Man hat uns wohl höhnend gefragt, ob wir Luther zum Nationalheiligen erheben wollen. Das käme uns nie zu Sinn. Er ist nicht eine auf Goldgrund gemalte Heiligenfigur, sondern ein armer Sünder, den die Gnade frei, froh und mannhaft gemacht hat. Aber ohne Herzklopfen dürfen wir ihn einen Heiligen nennen, denn Gott der Herr selber hat ihn frei und selig gesprochen. Am liebsten aber möchten wir ihn zu jenen großen Patriarchen zählen, die da gesegnet zum Segen werden sollen.

 Trauernd fragen wir, ob unsere deutschen Brüder, die in Luther den Volksverderber und Zerstörer deutscher Einheit verachten, noch einmal zu einer geschichtlichen Würdigung seiner Person gelangen werden, erschüttert sorgen wir, ob der Undank, dem Luther nicht fromm oder nicht frei genug erscheint, nicht einmal von Gott übel gelohnt werde. Wir aber wollen recht protestantisch gegen alles Unrechte, Unwahre und Unreine zu Feld ziehen, am strengsten gegen uns, am mildesten gegen unsre Gegner sein, echt lutherisch in die Tiefe steigen, um zur Höhe zu gelangen, nichts menschliches uns entfremden, weil es des Göttlichen Ebenbild ist, vor allem aber echt evangelisch den im Herzen und Gewissen behalten, der Luther, so oft er betete, erschien, den Mann am Kreuz.

 Verehrte Anwesende, ich gedenke nicht ohne Bewegung des 10. November 1884, da ich, ein junger Anfänger, in Ihrer schönen Dreieinigkeitskirche den Worten Ihres unvergeßlichen Rodde lauschte. Wie hat er mit Lukas 7, Vers 4 u. 5 Luthers Art, Werk und Wesen gezeichnet! Weil er unser Volk lieb hatte, gehört sein Bild nicht nur in die Walhalla,| von der er einst ferngehalten, auf Thiersch’s Betreiben aber aufgenommen wurde, sondern in unsere Herzen. die ihm entgegenschlagen, in unsere Häuser, die er schmücken soll, in unser Leben, das ihm nachfahren will. Der aber, dem Luther Willen, Wort und Werke zu Dienst bis in den Tod stellte, der alte Gott unseres Volkes und Vater seines Erbarmens lasse an der Art seines größten Sohnes das deutsche Volk genesen und spreche zu allem Wollen, Wirken, Wünschen und Beten ein freundliches Ja und Amen.