Die englischen Strikes

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Autor: Heinrich Beta
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Titel: Die englischen Strikes
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 518–519
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Englische Lebens- und Verkehrsbilder.
Die englischen Strikes.

Die „Schläge“ oder „Überraschungen“ (strikes) der Arbeiter gegen die Arbeitgeber, die Arbeitseinstellungen in Masse als Kriegsoperation gegen das „Kapital“ und dessen „Macht“, wie sie neuerdings in England zu einem förmlichen socialen Klassenkriege angeschwollen sind, so daß z. B. einmal vor Weihnachten nicht weniger als 120,000 Arbeiter in Baumwolle, Kohlenminen, Seide u. s. w. ihre Arbeit eingestellt hatten, diese Strikes nehmen nun, nachdem sie zu einem „Arbeiter-Parlamente“ in Manchester geführt haben, so viel Interesse in Anspruch, daß es wohl der Mühe werth sein mag, ein richtiges Bild davon zu entwerfen.

Zunächst ist zu bemerken, daß die Strikes in England weder etwas Neues sind, noch immer deshalb geführt werden, um höhern Lohn zu erzwingen. Sie sind so alt, wie der englische „Industrialismus“ mit seinen ungeheuern Kapitalien, und wurden und werden gegen die verschiedensten „Anmaßungen“ und „Tyranneien“ des Kapitals unternommen. Der hartnäckigste und langwierigste „Strike“, die Arbeitseinstellung der Maurer am neuen Parlaments-Gebäude, war ein passiver, aber zugleich ein massiver Widerstand gegen das Benehmen eines ihrer „Vormaurer“. Erst nach dessen Entfernung kehrten sie zur Arbeit zurück. Der Bäcker-Strike richtete sich gegen die „Sklaverei der Sonntags- und Nachtarbeit.“ Ein Schneider-Strike zerstörte das „Schwitz-System“, wie das Zusammendrängen vieler Gesellen in einen Raum genannt wird. Die Hutmacher erstriketen eine Beschränkung von Lehrlingen. Hier wird gestriket gegen das Arbeiten bei Oel-Beleuchtung, dort gegen Gas, wo anders gegen jedes künstliche Licht, da sie nach Sonnenuntergang keine Hand mehr rühren wollen. Allerdings hängen und hingen die meisten Strikes mit den Forderungen höhern Lohnes zusammen, im Ganzen aber traten sie in der Regel mit einem bedeutenden oratorischen Aufwande socialistischer Lehren auf. Man will „Menschenrechte“, zu deren ersten im praktischen England gute Löhne gehören.

Ihre Methode, die abstrakte Philosophie ihrer Beschwerden und Forderungen in Praxis umzusetzen, ist ungemein einfach. Da giebt es in fast jedem Bier- und Spiritus-Palaste einen großen Saal mit vielen hölzernen Tischen und Bänken, zinnernen Bierkrügen und weißen Thonpfeifen. Man sitzt neben einander, trinkt, raucht und spricht. Das schwere Bier hilft auf die Lasten, die man am Tage getragen, noch mehr drücken. So spricht man herzlich-frei darüber, da man von der Polizei in diesem Punkte hier nicht die entfernteste Ahnung hat, und in der Regel nicht nur Gleichgesinnte, sondern auch Gleichbeschäftigte in den einzelnen Sälen sich zusammenfinden. Bald werden die Klagen zu laut und zu chaotisch, so daß ohne Umstände ein Präsident gewählt wird, das Wort zu vertheilen, und ein Sekretair, die verschiedenen Klagen, Beschwerden und Ansichten zu Papier zu bringen. Sie reden viel, sie reden gut, obgleich blos Arbeiter, dafür und dawider, machen Amendements und Anträge, machen Lärm als Beifall oder Opposition, machen Unordnung und rufen zur Ordnung und, kurz, Alles im Kleinen, was Ober- und Unterhaus im Großen. Die parlamentarische Form ist ihnen wie angeboren; sie sind unter derselben auch wirklich seit Jahrhunderten geboren und erzogen worden. Unter Denen, welche reden, ist fast immer ein Redner, der die Haupt- und Effektrede des Abends losläßt. Er sieht ernster, mysteriöser, blasser aus, als die übrigen, läßt sich gern mehrmals auffordern, ehe er sich erhebt und sich durch Händegetrommel auf den Tisch beklatschen, wenn er sich erhoben, beginnt er nun mit einigen Bemerkungen über die Menschheit im Allgemeinen, dann von Engländern als der größten und freiesten Nation besonders, dann speciell von den Lasten und den Rechten des Gewerbes, das sich hier versammelt hat und zu den wichtigsten in ganz England gehört, bezieht sich dann auf Gott oder gar auf Götter und geht auf die „Kinder Gottes“ und allgemeiner Brüderschaft über. Er beweist, daß auch wir (die Schneider, Tischler, Schuhmacher, Droschkenkutscher u. s. w.) Glieder einer großen Gemeinschaft, d. h. der Erdbewohner, sind und die Natur alle Menschen mit gleicher Liebe umfasse, daß kein Mensch das Recht habe, sich über den andern zu erheben, ihn zu versklaven und zum bloßen Mittel für sein „Geldmachen“ herabzusetzen, daß die arbeitenden Klassen diesen größten und freiesten Landen bisher zu nachlässig in Erwerbung ihrer Rechte gewesen seien und der bevorstehende, heimtückische Versuch ihrer Arbeitgeber, die Arbeitszeit zu verlängern, den Lohn zu verkürzen oder nicht zu erhöhen, zu den direkten Versuchen gehöre, ein neues Glied in der großen Kette der Versklavung der Arbeitenden durch die Kapitalisten zu schmieden. Werden wir uns dies gefallen lassen? Nein! Sollen wir opfern die Principien religiöser und bürgerlicher Freiheit? Nein! Nein! Lieber ein Hund wollt’ ich sein und den Mond anbellen, als ein solcher „Romane.“ – Der Redner, oft durch Beifallsgetrommel und Hear! Hear! und Cheers unterbrochen, setzt sich jetzt unter einem allgemeinen Sturme, nimmt einen Schluck und zündet sich die Thonpfeife wieder an, als wenn gar nichts vorgefallen wäre.

Seine Vordersätze mögen falsch sein, seine Schlüsse unrichtig, seine Bilder und Vergleiche hinkend oder ganz ohne Beine – schadet nichts. Er redet, er ist rednerisch, pathetisch und im Ernste und er ist der Mann. Die Gesellschaft folgt ihm. Und da diese – „im dreiköpfigen Schwan“ – mit dem „Loch in der Wand“ (Namen von public-houses), mit dem „Rothkäppchen“, dem „Elephanten“, „Prinz Albert“, der „Königin“, dem „Hahn“ und mehreren andern Gesellschaften derselben Arbeitsart zusammenhängt, wo inzwischen ähnliche Reden gehalten wurden, erscheint es dem Kundigen gar nicht auffallend, wenn in nächster Woche die Zeitungen ankündigen, daß auch unter der und der Arbeiterklasse ein allgemeiner „Strike“ auszubrechen im Begriff oder schon ausgebrochen sei, und zwar in Folge eines Versuchs der Arbeitgeber, die Arbeitszeit zu verlängern oder die versprochene Zulage zu verweigern oder dieser und jener „vernünftigen Forderung“ der Arbeiter sich zu widersetzen.

Man glaubt oft, diese Strikes gingen von „Aufwieglern“ und Demagogen aus. Das ist ein Irrthum. Sie haben zwar ihre Redner und Führer, aber deren Einfluß allein würde nicht hinreichen, Wochen und Monate lang ohne Arbeit und Verdienst mit Weib und Kind auszuharren oder für andere Arbeiter im Strike Tausende von Pfunden zusammenzubringen. Es liegt in ihrer Natur, es liegt in der englischen Industrieluft. Es ist eine sociale Krisis und Krankheit, die sich in England so mächtig entwickelt hat, erstens weil Kapital und Arbeit sich hier als selbstständige Factoren der großen Maschine England am Freiesten und Weitesten entwickelt haben, zweitens, weil den Arbeitern eben so wenig Polizei gegenübersteht, als den Arbeitgebern. Es sind Privatsachen. Uns geht das nichts an, sagen Polizei und Regierung. „Fechtet’s aus!“ Es sind in der That überall kleine „Arbeits-Parlamente“, so daß man sich bei dem associatorischen Sinn der Engländer nicht über das große „Arbeits-Parlament“ [519] wundern kann. Polizei und Regierung greifen hier eben so wenig ein, als in die Kämpfe des Ober- und Unterhauses. Oben wie unten sind’s Engländer, wenn im letzteren auch Louis Blanc und Karl Marx Zutritt gefunden haben. Man fürchtet sich oben nicht, da’s eben die Parteien unter sich ausfechten, und schickt blos etwas mehr Polizei oder einige Dutzend Dragoner, wenn die Strikers Miene machen, einzelne Personen oder (was in England viel mehr ist) Eigenthum zu gefährden.

Im Wesentlichen ist auch wenig Unterschied zwischen dem Ober- und Unterhause der Privilegirten und den Schenkstuben-Parlamenten der Nichtprivilegirten. Gehen wir aus dem „Loch in der Wand“ in das „Unterhaus.“ Hier allerdings der prächtigste Saal in dem großartigsten gothischen Baue der Welt, dort nur ein dunkler Raum von polirtem Holz mit wenig Licht (wie im Unterhause). Hier nicht 25–30 arme Werkleute, sondern über 600 Adelige und Reiche vom reinsten Wasser. Keine Bierkrüge und Thonpfeifen, aber großartige Erfrischungssäle und Schmauchzimmer, wo ehrenwerthe Vertreter kostbaren Cigarrendampf zwischen dem Backenbarte und den Vatermördern hervorkräuseln, wenn sie nicht im Saale selbst in der Hitze der Debatte Apfelsinen aussaugen und dann die Schale einem vor Hitze eingeschlafenen Freunde an die Nase werfen. Hier wie dort Präsidenten, Redner, Beifallsgeklatsch, Gezisch, „Ordnung! Ordnung!“ Abstimmung, Beschluß und Ausführung. Die Arbeiten aber leiden unter den Illusionen einer falschen politischen Oekonomie. Richtig. Leiden die Arbeitgeber nicht auch darunter? Jene wollen Gesetze für die Arbeit gegen das Kapital, diese gaben und geben Gesetze des Kapitals gegen die Arbeit, so gut es die allgemeinen Rechte Aller irgend gestatten.

Die Arbeiter werden von Demagogen aufgewiegelt. Mag auch sein. Und keine im Unterhause? O die Menge! Ist denn der Finanzminister Gladstone mit seiner neuen Erbschaftssteuer nicht ein Blutrother in den Augen der alten Normannenabkömmlinge? Ist d’Israeli nicht der mysteriöse Hauptparteiredner gewesen? Macht man nicht „Schläge“ und Parteiüberraschungen und – Vereinigungen – nicht der arbeitenden Klassen – sondern der beiden Sectionen der Opposition gegen das Ministerium? Jeder in England kennt die parlamentarischen Taktiker, welche sich, wie die Arbeiter für Arbeits-Organisation,“ für die Sicherung ihres gemeinsamen Müßiggangs vereinigen.

Wir wollen Vergleich und Unterschied nicht ausführen. Es ist aber leicht zu sehen, daß in den Strikes und Arbeitsverbrüderungen und ihrem Parlamente einerseits und dem politischen Parlamente gegenüber ein polarischer Gegensatz besteht, dessen beide Theile nur die Wiederholung derselben Kraft in umgekehrter Reihenfolge ist. Die englische parlamentarische Gesetzgebung ist zu einer freien Macht des Kapitals und der Vorrechte der Arbeit gegenüber geworden. Diese Einseitigkeit mußte bei der im Uebrigen errungenen persönlichen, Vereinigungs- und Preßfreiheit endlich ihren Gegensatz hervorrufen. Vielleicht hätte man ihn von Hause aus (d. h. vom 17. Jahrhundert, von den Stuart’s an) unterdrücken können; aber der Engländer liebt einmal die freie Ventilation, die Gesundheit und eine gute Ausdünstung, weil er weiß, daß, wenn man etwas unterdrückt, diese in den Körper gedrängte Krankheitsmasse die ganze Constitution tödtlich gefährdet. Immer heraus damit, was es auch sei. Je gefährlicher das ist, was durch die Poren schwitzt, desto besser für das Ganze. So vernünftig und anständig denken in England alle Parteien. Es ist daher weder den Arbeitgebern, noch den Arbeitern jemals eingefallen, „zum Commissarius,“ zum Polizei-Präsidenten zu schicken oder gar an den Minister zu schreiben, daß er etwas mit Staatsgewalt thun solle. Allerdings sollen einmal Arbeiter im Strike an Palmerston, den „Minister des Innern“ (hier blos „Heim-Secretair“) geschrieben, er möchte sich ihrer mit seiner Weisheit annehmen. Und was that er? Schickte er besäbelte Leute, die Rädelsführer zu verhaften? Nein, er nahm sich ihrer wirklich mit seiner Weisheit an und setzte ihnen in einem langen, höflichen, sorgfältig ausgearbeiteten Briefe auseinander, worin die Naturgesetze der Arbeit und des Lohnes, die Mächte von „Angebot“ und „Nachfrage“ beständen und er viel zu schwach und vernünftig sei, diesen großen Weltgesetzen etwas vorschreiben zu wollen. Habt ihr aber wirklich so schwere Klagen gegen die „Nachfrage,“ das Kapital, „gut, fechtet es aus!“