Die erste deutsche Frauen-Conferenz in Leipzig

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Autor: Philipp Anton Korn
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Titel: Die erste deutsche Frauen-Conferenz in Leipzig
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Julius Werner
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Erscheinungsort: Leipzig
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[1]
Die erste deutsche

Frauen-Conferenz

in

Leipzig.

Erste Versammlung den 15. October 1865.


Herausgegeben

von

P. A. Korn.
Hauptmann a. D. Redacteur der Allgemeinen Frauen-Zeitung und der Zeitschrift für
Volkserziehung.

Leipzig, 1865.
In Commission bei Julius Werner.
[3]
Die erste deutsche Frauenconferenz in Leipzig.
Erste Versammlung Sonntag den 15. Octbr. Abends 6½ Uhr im kleinen Saale der Buchhändlerbörse.

     Der Saal, welcher 300 Personen aufnehmen kann, war bereits um 6 Uhr gefüllt, so, daß die Sänger des Arbeiter-Bildungsvereins, welche gekommen waren, um der Frauenversammlung ihren Sängergruß zu bringen, sich nur mit Mühe Stehplätze verschaffen konnten und ein Theil von ihnen die für das Comité bestimmte Tribüne einnehmen mußte.

     In einer wohl eingeschulten Melodie des Bundesliedes von Mozart, trugen die erwähnten Sänger folgenden von Hrn. Dr. Reyher gedichteten Sängergruß vor:

Edlerm Sinn und reinem Streben,
Die ins volle Menschenleben,
Schönen Samen ausgestreut
Sei der Töne Gruß, der helle
An des ernsten Zieles Schwelle
Heute dankbar froh geweiht.
Wer’s nur wagt mit festem Willen
Seine Sendung zu erfüllen
Froh Gelingen ist ihm nah.
Unbeirrt mit sicherm Tritte
Geht er durch der Menge Mitte
Die ihn staunend wandeln sah.
Also mög auch Eurem Werke
Gläub’ger Muth und frohe Stärke
Immer an der Seite sein.
Hellen Auges vorwärts gehen
Niemals zweifelnd stille stehen:
So geht ihr zum Ziele ein.

     Im Auftrage des Comités stattete Hauptmann Korn den Sängern des ehrenwerthen Arbeiter-Bildungsvereins für den der Frauenversammlung gebrachten Sängergruß den herzlichsten Dank ab, worauf eine feierliche Stille eintrat und die zur Vorsitzenden bestimmte Frau Dr. Louise Otto-Peters die Versammlung eröffnete. [4]      Ergriffen von der Feierlichkeit des Moments bezwang die Rednerin die innere Rührung ihres edlen Herzens und sprach, getragen von dem Bewußtsein der Erhabenheit des Charakters dieser Versammlung, folgende beherzte Worte:

          Verehrte Anwesende!
     Wenn ich es wage heute und hier das Wort zu ergreifen ohne das Talent der Rede, ja selbst das dazu geeignete Organ zu besitzen — so muß ich mich gleich im Voraus mit der Pflicht entschuldigen, die mir meine Stellung als Vorsitzende des Frauenbildungsvereins und des Comités, welches diese Frauenconferenz einberufen, auferlegt.

     Allerdings muß ich sagen, dass zu dieser Pflicht auch das Bedürfniß des eignen Herzens kommt, der Drang, Ihnen Allen die Sie hier erschienen sind den tiefgefühltesten Dank dafür zu sagen in meinem eignen Namen, wie im Namen Derer, die sich hier mit mir schon längst zu gleichem Werke verbunden haben!

     Vor Allen gilt dieser Dank den auswärtigen Damen, welche sich weder durch die verspätete Jahreszeit, noch durch andere Gründe haben abhalten lassen unsrer Einladung Folge zu leisten. Sie haben durch Ihr Erscheinen hinreichend bewiesen, daß Sie da kein kleinliches Bedenken kennen, wo es gilt sich an ein großes Interesse dahinzugeben. Sie bezeugen dadurch, daß Sie nicht allein unserm Rufe, wie es ja des Weibes edelste Art ist und ewig bleiben soll, sondern vielmehr auch dem Rufe Ihres eigenen Herzens gefolgt sind. Sie fühlten und erkannten längst gleich uns, daß etwas geschehen müsse den Wirkungskreis der deutschen Frauen zu erweitern und Sie sahen sich schon längst nach einem Mittel und Wege dazu um. Darum sind Sie jetzt, wo wir es gewagt haben zu einer gemeinsamen Berathung über diese Mittel und Wege aufzufordern bei uns erschienen — und schon durch dies Kommen allein beweisen Sie, daß wir auf Ihren ernsten Willen, auf Ihre Begeisterung für unsre Sache zählen können. Denn die Bedenklichen, die Begeisterungslosen, die Unentschiedenen, die Vorsichtigen, Alle die dem beliebten Princip des Abwartens huldigen, jenem Princip, das, wenn es wirklich das herrschende wäre, die Welt zu ewigem Stillstand verdammte — diese sind natürlich zu Hause geblieben und werden erst später zu uns kommen — werden kommen da Sie, verehrte Anwesende, ja gekommen sind. Darum Dank Ihnen, daß Sie ein würdiges Beispiel gegeben haben — Ihr Kommen ist eine muthige That, denn es ist der erste Schritt zu unserm Ziele.

     Dank auch Ihnen Allen, verehrte Mitbewohnerinnen unsrer Stadt, die hier erschienen sind, denn auch von Ihnen sind wir [5] überzeugt, daß Sie Ihre Sympathie mit unsern Bestrebungen hergeführt hat und der Wunsch, sie zu theilen. Oder sollte ich mich täuschen und wären einige nur aus müssiger Neugier erschienen – nun, so werden auch sie hoffentlich, wenn sie das, was sie hier erfahren, wahrheitsgetreu weiter berichten, unsrer Sache dienen und mittelbar oder unmittelbar die gegen uns herrschenden Vorurtheile vertilgen helfen. Denn eben nur darum haben wir die weibliche Scheu vor öffentlichen Verhandlungen überwunden, weil es besser ist unsere Mitbürger können sich selbst über unser Vorhaben ein Urtheil bilden, als daß sie aus Mangel an Gelegenheit hierzu blindlings glauben was unsere Gegner fabeln! –

     Dank auch den Männern, die uns ihren Beistand zu unserm Werke angedeihen lassen, den Männern, die nicht, wie so viele nur den Fortschritt der einen Hälfte des menschlichen Geschlechts, sondern die den Fortschritt der ganzen Menschheit wollen und darum auch die Frauen nicht ausschließen von der gleichen Bahn! Dank besonders den Mitgliedern des Arbeiterbildungsvereins, die unserm Wirken schon so oft ihre Theilnahme bezeugten. Wie die Arbeiter überhaupt die Stütze der Nationen sind, so erfüllt es uns mit gerechtem Stolz gemeinsam mit ihnen zu wirken.

     Und so eröffne ich die deutsche Frauenconferenz mit dem Wunsche, daß die Begeisterung, die uns bis heute alle Schwierigkeiten überwinden ließ, die sich uns entgegenstellten, fortgesetzt unter uns walte, denn:

Nur die Begeisterung allein hat Werth
Die niemals weicht – nur reiner sich verklärt.

     In gehobener Stimmung sprach hierauf Frl. Auguste Schmidt folgenden mit Beifall aufgenommenen Vortrag:

     Groß und herrlich sind die Güter dieser Erde; die Fülle der reichsten Gaben ist von der Hand des gütigsten Schöpfers über unser Dasein ausgestreut worden. Nirgend’s begegnet dem staunenden Blick die dürftige Sparsamkeit des allein Nothwendigen, überall tritt uns der Reichthum des Angenehmen, Schönen entgegen. Die Natur bietet uns tagtäglich neue, große Werke, deren erhabene Schönheit unsern Blick und unsre Gedanken vom niedern Erdenstaube loslöst. Die Frucht, die uns entgegenreift, ladet nicht nur zu ihrem Genuß; wir bewundern staunend die liebliche Schönheit ihrer Form und Färbung, wir erfreuen uns ihrer, wenn unser Auge sie berührt. Die liebliche Blume erinnert uns fortwährend daran, daß sie nur geschaffen sei, um uns zu erfreuen, und der majestätische Wald fordert stumme Bewunderung. Herrlich erglänzen die Gestirne am weiten Firmament, dessen blaue Klarheit uns entzückt. Wohin könnten wir unsern Blick richten, ohne jener [6] mannigfaltigen Fülle des Schönen zu begegnen, das uns wieder und immer wieder zur Freude anregt. Ebenso unerschöpflich ist auch die Fähigkeit der Freude im menschlichen Herzen. Nie versiegt dieselbe in dem Herzen des guten Menschen! Diese Sehnsucht nach reiner, tiefer Freude läßt den Menschen mit aller Kraft seines Wesens danach streben, dieser Freuden theilhaftig zu werden. Die Kunst, die Hand in Hand mit der Natur uns die Zauberwelt des Genusses und der Freude öffnet, begeisterte ihre Jünger zu tausend und aber tausend herrlichen Schöpfungen, die ein Born der unerschöpflichsten Freude für die Menschheit wurden. Aber auch in der Welt unsres Gemüthes liegt eine unendlich reiche und vielseitige Fähigkeit zur Freude. Freilich sucht der Egoist diese Freunden in einem Sinne, welcher der wahren Welt derselben durchaus entgegensteht, und deshalb versiegen auch die Freuden der Selbstsucht gar schnell. Jene tiefen Freuden unsrer Gemüthswelt beruhen Alle auf dem edlen Boden wahrer Menschenliebe; Alles, was uns erfreut, wirkt auf unser Gemüth zurück, denn die Freude, die wir durch das Schöne in der Natur und Kunst erhalten, belebt, vertieft, veredelt unser Gefühl. Aber diejenigen Freuden, die der Liebe für theure Personen, der Menschenliebe entspringen, kommen aus den besten, reinsten Tiefen unsres Gemüthes und vollziehen ihre Wirkung an demselben; sie sind das Band, das unser Ich mit dem fremden verbindet, sie sind die Bürgschaft dafür, daß wir erst unsre Bestimmung erfüllen, wenn wir nicht für uns selbst, sondern für Andre, für das große Allgemeine wirken. Diese Fülle reicher Herzensfreuden bleibt auch dem, den manch’ herber Schmerz, manch’ bittrer Verlust getroffen hat.

     Immer findet das Herz, welches von wahrer Menschenliebe erfüllt ist, von neuem eine Stätte, da es mit seiner Liebe Wurzel schlagen, dienen, helfen, beglücken kann. Ja, unaussprechlich groß und reich ist die Fähigkeit der Freude in uns und sie ist eine Gottesgabe, deren Segen nicht hoch genug gepriesen werden kann. Aber auch diese Fülle der Freude kann versiegen, wenn wir nicht die reine Flamme derselben hüten; wir müssen diese reiche Gabe der Natur uns zu erhalten wissen, indem wir die Sehnsucht nach Lebensfreuden nicht auf einem falschen Wege zu befriedigen suchen. Der gute, frohe Muth des Lebens wird nur durch gesunde, tüchtige Arbeit, die reine, unversiegliche Freude, die uns immer treu bleibt, nur durch Menschenliebe errungen; so sind Arbeit und opferfreudige Menschenliebe die beiden Factoren, welche uns wahre Lebensfreude sichern. Ja die Arbeit, die gesegnete Tochter der liebevollen Mutter Erde, – die Arbeit, die erlösende Kraft der Arbeit zeigt sich in der Fortentwicklung der Jahrhunderte; die Geltung, welche heute der Bürger, der Arbeiter besitzt, ist nur durch den [7] Segen der Arbeit errungen, und in der selbstständigen Thätigkeit eines Menschen, die aus seinem freien Willen hervorgeht, liegt sein Adelsbrief, der ihn, sofern sein Wirken nützlich und segensreich genannt werden kann, an wahrhaftem Menschenwerth den höchsten der Erde gleichzustellen vermag. Wer wollte nicht mit Achtung zu einem Greise aufschauen, und wäre es ein einfacher Arbeiter, – der sein Leben lang unermüdlich fleißig gewesen? Alles kann uns genommen werden; kein Besitz ist uns sicher, so lange wie Kinder der Erde sind, aber das freudige Bewusstsein, daß wir unsre Pflicht erfüllt, nach Kräften gewirkt haben, kann uns nie geraubt werden. Darum ehren wir auch jede Familienmutter so hoch, weil sie in ihrem engen Kreise oft eine Ueberlast von Arbeit bewältigt, die für eine noch so fleißige Arbeiterin zu groß, viel zu groß erscheint. Solche Frauen und Mütter zeigen uns, welch’ eine reiche Begabung für eine geduldige, ausharrende Wirksamkeit grade die weibliche Natur besitzt. Es ist unaussprechlich rührend, wenn wir eine Wittwe in ihrer unermüdlichen Thätigkeit beobachten! Welch’ ein freudiger, hochbeglückter Stolz erfüllt sie, wenn sie alsdann auf die Kinder schaut, denen ihre fleißige Hand alles schafft, was die Kleinen bedürfen, und für die sie wohl auch noch manches Scherflein übrig behält, um ihnen eine kleine Freude zu bereiten. Solche Bilder zeigen uns, wie gern, wie fleißig Frauen arbeiten, wenn das Leben es ihnen gestattet. Sehr klein ist nur die Zahl derjenigen, welche die Arbeit nicht lieben, und dann dürfen wir in vielen Fällen die Behauptung wagen, daß die Erziehung, welche alle glücklichen Anlagen einer Natur zu bilden, aber auch zu tödten vermag, hauptsächlich anzuklagen ist. Auch diejenigen Frauen und Mädchen, welche die Arbeit nicht lieben, deren heiligen Segen verkennen, beweisen durch die schneller eintretende Abgestumpftheit und Leerheit ihres Wesens, daß die weibliche Natur fast noch weniger ein mäßiges Dasein zu ertragen vermag, als der Mann. Ja, eine tiefe Sehnsucht liegt in der Seele aller Menschen, die Sehnsucht, Theil zu nehmen an der großen Arbeit der Menschheit, ein nützliches Glied in der Kette der Generationen zu sein. Diese Sehnsucht kann ertödtet werden, aber dies rächt sich stets, und noch nie sahen wir in der Geschichte, in der Dichtung, selbst im Alltagsleben einen Menschen, den ein thatenloses Leben beglückt hätte. – Arbeit und Lebensfreude gehen Hand in Hand – die Arbeit ist die Grundlage des reinsten und höchsten Glückes, das wir auf der Erde erringen können. – Die Arbeit bleibt daher die ewige Aufgabe der Menschheit; in der Arbeit begegnen sich alle Ziele der Menschen. Sie schlingt eine lückenlose Kette um die ganze Menschheit und die Arbeit des einen stützt sich immer wieder auf die des Andern, so daß wir sagen können: Wer aus der Gemeinschaft der menschlichen Arbeit ausgestoßen ist, lebt nicht im großen, [8] ewigen Verbande der Menschen und darum sind diejenigen unaussprechlich beklagenswerth, denen es nicht gestattet wird, ihre Arbeitskraft in vollem Umfange zu verwerthen, die wenig oder keine Gelegenheit finden, das beste Streben und Wollen, das ihre Herzen erfüllt, zu verwirklichen. Darum ist es ein Werk der Liebe für alle, denen das Leben dieses erste, heiligste Recht des Menschen nicht freiwillig gestattet, zu kämpfen; aber dieses Werk der Liebe wird zur mahnenden Pflicht, wenn wir überall die unseligen Folgen dieser traurigen Verhältnisse wahrnehmen, wenn wir sehen, daß unendlich viele edle Naturen verkümmern, weil ihnen das Leben nicht gerecht wird. Dann gilt es mit muthigem Feuereifer gegen das Vorurtheil zu kämpfen, es gilt das weibliche Geschlecht vom Druck der Arbeitslosigkeit zu befreien.

     Jede edle Frau wird mit Freude und Stolz bekennen, daß der Beruf der Gattin und Mutter die höchste, herrlichste Bestimmung des Weibes erfüllt; da, wo sich die Verhältnisse für ein Frauenherz so glücklich gestalten, daß die Frau einem geliebten und verehrten Manne ihre ganze Existenz anvertrauen, in diesem Bunde die höchste Befriedigung finden kann, wird eine Frau immerdar die geheiligten, freudenreichen Pflichten des Hauses jedem anderen Berufe vorziehen. Aber in sehr vielen Fällen gestalten sich die Verhältnisse weniger glücklich, und ein sittlich reines Frauengemüth verschmäht es, Liebe zu heucheln, um sich durch diese große Lüge eine gesicherte Lebensstellung zu erringen. Man behauptet mit Recht, daß das Christenthum uns auch in Beziehung auf die Einrichtungen unsres socialen Lebens eine hohe Bildung gebracht habe, welche in diesem Sinne den großen Alten fremd war. Die hauptsächliche Ursache dieser ganz veränderten socialen Verhältnisse liegt in dem christlichen Institut der Ehe; in der Ehe, wie das Christenthum dieselbe gestaltete, liegt jenes heilige Element der Familie, welches selbst das patriarchische Judenthum noch nicht erreicht hatte. In der Verbindung, die zwei Wesen für das ganze Leben schließen, in der sie nach gleichem Ziele streben, denselben Schmerz, dieselbe Freude empfinden, ruht die Möglichkeit einer idealen Erhebung, die Gewißheit irdischen Glückes; doch bewahrt die Ehe nur diesen hohen Adel, diese segensreiche Kraft, wenn die Herzen, der Geist, der Wille beider Gatten sich in gleichem Fühlen, Erkennen, Wollen einigt. Die Welt des Einen muß dem Andern vertraut, lieb und werth sein, und obgleich jede nur mögliche Verschiedenheit der Charaktere vorhanden sein kann, so müssen sich Beide in tiefer, warmer Sympathie fortwährend anziehen. Leider erfüllt die Ehe nur selten ihre schönste und heiligste Bestimmung; ich werde später darlegen, in wiefern gerade Frauen in dieser Beziehung fehlen. – Unsre Bestrebungen sind also durchaus nicht darauf gerichtet, die Frauen ihrem ursprünglichen [9] Beruf zu entziehen; wir hoffen im Gegentheil, daß, sofern Gott unser Werk segnet, die deutschen Frauen die edelsten Trägerinnen wahrer Sitte und Weiblichkeit immerdar bleiben werden. Je mehr wir es dem weiblichen Geschlecht erleichtern, selbstständig durch die eigne Arbeit zu existieren, desto reiner und schöner wird sich das Familienleben gestalten. Aber das Recht der Frau, auf dem großen Arbeitsmarkt des Lebens hinauszutreten, um die ihr inne wohnende Kraft zu verwerthen, ist keine Hyppothese mehr, deren Für und Wider in langathmigen Streitigkeiten erwogen werden könnte. Die Lebenslage vieler tausend Frauen ist derartig, daß das Leben ihnen Arbeit bieten muß, sollen sie nicht geistig und körperlich zu Grunde gehen. Das Gefühl der Billigkeit muß jedem Gegner der weiblichen Bestrebungen sagen, daß jedes Wesen doch wenigstens das Recht der Arbeit hat! Und dieses Recht der Arbeit nehmen wir für die Frauen in Anspruch.

     Werfen wir einen Blick auf die ganze Schöpfung, so sehen wir, daß das kleinste Geschöpf seine Aufgabe, seine Bestimmung hat; der weise, gütige und gerechte Schöpfer des Weltalls wollte nimmermehr, daß eine große Anzahl von Wesen, die mit Vernunft, mit reicher, vielseitiger Kraft begabt sind, müßig und unnütz der großen Menschenarbeit zuschauen. Der Frau ist die hohe, geistige Begabung, die sie ebenfalls besitzt, die Fähigkeit, mit Hand und Kopf zu arbeiten, gegeben worden, damit auch sie eine Lebensaufgabe erfülle. In früheren Zeiten, in denen unsre Sitten und Gebräuche entstanden, und in denen deshalb unsre Anschauungen wurzeln, genügten die Pflichten des Hauses der weiblichen Arbeitskraft; jetzt ist es ganz anders geworden. Die Zahl der Frauen ist zu groß – es ist unmöglich, dass das Haus Allen die nothwendige Arbeit, den ausreichenden Unterhalt gewährt. Aus diesem materiellen, dem praktischen Leben entspringenden Grunde muß sich das Gebiet der Arbeit von nun an der Frau weiter, unbeschränkter eröffnen; derjenige, welcher das Frauenleben in allen Sphären beobachtet, wird es ebenso sehr wünschen, damit das geistige Leben des weiblichen Geschlechtes gestärkt und geklärt werde. Unsre Berathungen werden auf die Arbeitszweige, die den Frauen eröffnet werden können, mehr hinweisen; ich wollte heute Ihren Blick nur auf diese brennende Frage der weiblichen Arbeit hinlenken, in der die Hauptbedeutung, die höchste Aufgabe unsres zu gründenden Vereines concentrirt ist. Freilich harrt unser manch’ schwerer Kampf, nicht sowohl durch den Widerstand der Männer, sondern durch die Vorurtheile derjenigen Frauen, die in unsern Bemühungen den Versuch einer neuen Emancipation sehen werden. Die Männer beschäftigen sich gründlicher mit allen Fragen des öffentlichen Lebens; sie werden sobald sie gerecht und billig denken, einsehen, daß es keine andere Lösung [10] für die bestehenden, unglückseligen Verhältnisse giebt; sie werden im großen Ganzen zu edel denken, um der schwächeren Kraft der Frau die Berechtigung der Arbeit durch die Gewalt des Stärkeren zu rauben. Die besten Männer werden uns voll edler Humanität unterstützen, und schon jetzt, beim Beginn unsrer Bestrebungen, stehen uns tüchtige, treffliche Männer berathend zur Seite. Bald werden die Männer erkennen, daß das Streben des Weibes nach Arbeit, ihr Ringen nach einer nützlichen Existenz einen erhebenden und veredelnden Einfluß auf das Gemüth der Frau ausübt, und daß das Familienleben durchaus nicht seine Heiligkeit verliert, sondern durch eine, durch ihr Wirken geläuterte Frau eine höhere Weihe erhält. Wir sprechen mit freudiger Zuversicht die Hoffnung aus, daß unser schweres Werk den Beistand vieler trefflicher Männer finden wird und bitten sie, mit uns den Widerstand der Frauen zu bekämpfen, welche den großen Strömungen des Lebens zu fern stehen, um unsre Bestrebungen im rechten Lichte zu sehen. Ich will hier nicht von Jenen sprechen, welche sich ängstlich an kleinliche Vorurtheile klammern; diese werden schnell überstimmt, denn es liegt in der Arbeit eine so hohe Weihe, daß durch dieselbe jede engherzige Anschauung besiegt wird. Leider sind wir noch so sehr im Banne des Vorurtheils, daß viele Frauen der höheren Stände es für eine Schande halten, wenn sie offen eingestehen, daß sie sich ihre Existenz durch den Ertrag der eignen Arbeit sichern! Und jeder, der die Arbeit rechtschaffen lieb hat, weiß doch, daß es keine höhere Auszeichnung, keine höhere Ehre giebt, als das Bewußtsein, daß wenn wir unsre Pflicht erfüllen, fleißige Arbeiter im weiten Gebiet des Lebens sind. Doch solche Vorurtheile fürchten wir nicht! Sie verwehen wie dünne Nebelschleier, die zuvor als drohende Wolken am Horizont standen, vor der Alles besiegenden und erleuchtenden Sonne vergehen, und die Macht der Wahrheit ist eine solche siegende, erleuchtende Sonne.

     Aber wir haben diejenigen Frauen in höherem Grade zu fürchten, die gut und rechtschaffen in dem engen Kreis ihrer Familie ihre Pflicht erfüllen, ohne sich zuweilen mit den großen, allgemeinen Lebensbeziehungen zu beschäftigen. – Diese Frauen glauben gerade ihre Pflicht zu erfüllen, wenn sie sich von dem allgemeinen Leben der Menschheit streng abschließen, und sie behaupten, daß die Welt sich gewiß in bester Weise reformiren werde, wenn jede Frau im kleinen Kreise der Familie ihre Pflicht im strengsten Sinne erfülle. Diese Behauptung entspringt einem ganz richtigen lobenswerthem Gefühl, enthält jedoch einen irrthümlichen Schluß. Wir sind allerdings zuvörderst darauf hingewiesen, uns individuell zu entwickeln, aber wir bilden doch auch im großen Ganzen die Menschheit, an deren Fortentwicklung jeder einzelne Mensch zu arbeiten hat. Wir [11] genießen in jedem Augenblicke die großen Fortschritte und Errungenschaften der menschlichen Arbeit, und es heißt, uns isoliren, wenn wir diesen Zusammenhang aufheben wollen. Sehr viele Frauen verfallen, indem sie sich streng von allen andern Interessen des Lebens in ihrem Hause abschließen, in eine feine Selbstsucht, die aber gerade gefährlich ist.

     Unser Geschlecht ist weniger jener Selbstsucht zugänglich, die nur an das eigne Ich denkt, dasselbe über Alles liebt, dafür aber lösen sich Frauen nur selten von jenem Egoismus los, der die Familie umfängt. So hört in vielen Familien die Wechselwirkung zwischen dem großen Leben und dem engen Familienkreise auf, und dadurch zerreißt das Band, welches den Einzelnen mit der ganzen Menschheit verbindet. Nicht durch leeren geselligen Verkehr wird dieser nothwendige Zusammenhang erzeugt, sondern jeder Mensch muß die großen Ideen, welche die Zeit bewegen und erfüllen, in sich aufnehmen, das Verständniß derselben suchen, sich durch sie fortentwickeln. Dies fehlt entschieden den Frauen am meisten! Der Grund hiervon ist leicht zu finden. Unser Geschlecht wird speciell weiblich, zu wenig allgemein menschlich erzogen. –

     Ohne Zweifel wird jede edle Frau ganz besonders nach den Eigenschaften ringen, die wir weiblich nennen, aber eine harmonische edel-menschliche Entwickelung wird in der Frau die Weiblichkeit nicht aufheben, sondern sie noch höher entwickeln. Es ist ein großer Irrthum, wenn man glaubt, daß eine tüchtige, allseitige Entwickelung der Frau das specifisch Weibliche in ihr aufhebt. Die fein fühlende Frau wird immerdar die Vertreterin der besten, reinsten Sitten bleiben, und je mehr in einer Frau neben dem Gefühl Verstand und Willen entwickelt ist, desto mehr wird sie beschäftigt sein, die Trägerin wahrer Sitte, eigenster Weiblichkeit zu sein. Wir finden gegenwärtig weit mehr den Schein, die erkünstelte Hülle der guten Sitte bei Frauen; viele wollen Anmuth, weiblichen Reiz erzwingen und verlieren durch ein solches Bestreben den letzten Rest wahrer Weiblichkeit. Diese gedeiht nur da, wo ein warmes und geläutertes Gemüth sich mit dem klaren Urtheil eines gebildeten Verstandes verbinden, – denn aus einer solchen Vereinigung geht ein sittlich edles Wollen hervor. Deshalb ist es nothwendig, den Frauen eine allgemein menschliche Bildung zu geben; man wird dadurch den geistigen Unterschied der Geschlechter nicht aufheben, sondern im Gegentheil der Frau die Möglichkeit und Fähigkeit gewähren, das Ideal höchster Weiblichkeit zu erkennen und ihm nachzustreben. „Iphigenie“, „Dorothea“ repräsentiren uns solche herrliche Frauencharaktere, die wir eben so edel menschlich wie rein weiblich nennen können. Solche Naturen stehen über allem hohlen und leeren Schein weiblicher Bildung und zeigen uns unverrückt [12] das Ideal, nach dem wir streben sollen. – Hier offenbart sich uns jene harmonische Entwickelung aller Seelenkräfte, die unserm Geschlechte oft in so hohem Grade fehlt. Es ist daher nothwendig, daß die geistige Bildung der Frauen erhöht, besonders aber geklärt werde. Das Gefühl vertieft und veredelt sich, wenn ein klares Urtheil sein Führer und Gefährte wird. Daher liegt eine Hauptaufgabe der nächsten Zukunft darin, die geistige Bildung unseres Geschlechtes zu heben, zu klären. Dadurch werden sowohl diejenigen Frauen, welche auf ihre eigne Kraft und Arbeit angewiesen sind, eine größere praktische und geistige Selbstständigkeit erlangen; dadurch werden jedoch auch Hausfrauen und Mütter in höherer Weise befähigt werden, ihre Aufgaben zu erfüllen. Sie werden alsdann Theil nehmen an dem geistigen Interesse des Mannes, sie werden diesen an das Haus fesseln, indem sie ihm die Unterredung mit Freunden ersetzen. Weder in Frankreich, noch in England lebt der Mann so viel außerhalb des Hauses, wie bei uns; eine Frau, welche Urtheil und Lebhaftigkeit des Geistes hat, wird sich bemühen, die Freundin ihres Mannes zu werden, und wird ihm dadurch unentbehrlich sein. Aber auch die Mutter, die Erzieherin ihrer Kinder, der heranwachsenden Generation bedarf der geistigen Reife im hohen Grade, denn das instinktive Gefühl reicht nicht aus – es wird unklar und beginnt zu irren. Wie wir dem weiblichen Geschlecht materiell helfen wollen, indem wir ihm das freie Recht der Arbeit erringen, so liegt in einer tüchtigen, klaren Verstandsbildung desselben die nächste ideelle Aufgabe unserer Vereinigung. Diese Klärung soll durch alle Schichten gehen, deshalb wollen wir unsern, durch Bildung und Erziehung weniger bevorzugten Schwestern die Hand zum Bunde reichen. Wir wollen uns selbst bilden, indem wir den Frauen der untern Stände manchen geistigen Genuß bereiten, der sie zugleich belehrt und erhebt. Vorträge über populäre, ansprechende Stoffe sollen, mit Musik und Deklamation verbunden, Abendunterhaltungen bilden; wir haben dies hier in Leipzig versucht und die höchste Betheiligung, ja den lebhaftesten Dank gefunden. Auch sollen Sonntagsschulen die Lücken der Schulbildung ausfüllen und intensiver auf den einen oder andern Lebensberuf vorbereiten. Doch die Darlegung und Berathung dieser Ideen gehört in die Conferenz; mir liegt heute nur ob, Ihnen die Motive darzulegen, die uns dazu veranlassen, Sie zu uns zu rufen.

     Möchte es mir gelungen sein, Ihnen zu beweisen, daß unser Werk gut und segensreich ist. Zwar dürfen wir uns nicht verschweigen, daß unser Weg reich an Hindernissen und Schmerzen sein wird! Wir stehen ohne Waffen dem Spotte, der Mißgunst gegenüber; es ist so leicht, über unsere Bestrebungen zu spotten, so leicht, uns hart zu tadeln – und Spott und Tadel werden uns [13] entgegentreten. Aber in uns lebt das Bewußtsein, daß wir Gutes wollen! Wir werden vielleicht oft irren, aber der freudige Glaube, daß der redliche Wille die schwache Kraft unterstützen wird, soll uns aufrecht erhalten im Kampf gegen das Vorurtheil. Du aber, allmächtiger Gott, Du gütiger Vater der Menschheit, der Du uns den ringenden, strebenden Geist verliehen hast, der Du uns die Sehnsucht gabst, nützlich zu wirken, segne unser Werk! Segne diese Stunde der Vereinigung, segne das redliche Streben, das uns beseelt, und führe uns zum Ziele. Es ist ein Werk der Liebe, zu dem wir uns vereinen, das ein Band um unser deutsches Vaterland schlingen soll, das die deutschen Frauen zu einigem Streben und Ringen verbindet.


     Ueber die Grundzüge der Vorlagen für die Frauenconferenz hielt Hauptmann a. D. Korn folgenden Vortrag:

     Geehrte Anwesende! Es ist eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden. Nach der Salomonischen Weisheitsregel ist Schweigen sogar eine größere Tugend, als Reden.

     Wenn dies fest steht, so hat das Frauengeschlecht trotz der ihm angeborenen Beredsamkeit, diese Tugend besonders geübt. Es ließ sich seine Stellung im Staate und in der Gesellschaft vom männlichen Geschlechte anweisen und – schwieg! – Glücklich in dem Bewußtsein Andere glücklich zu machen, trugen die Frauen keine Sorge um ihr eigenes Geschick und ließen Vieles über sich ergehen was sie erniedrigte, Völker tauchten auf und gingen unter, Staaten wurden begründet und wieder zertrümmert, den Frauen fiel nur der eine Antheil vollständig zu, sie hatten das Unglück der Völker im vollen Maaße zu theilen, aber vom Völkerglück, wenn die Glanzperioden ihrer nationalen Größe eintraten, davon behielt sich das Männergeschlecht stets den Löwenantheil. Mit verschränkten Armen stand das Frauengeschlecht da und ließ den Strom der Zeiten vor sich vorüber rollen, die für es nur Ketten im Gefolge hatten.

     Der Uebergang von der asiatischen Barbarei in die europäische Civilisation brachte zwar eine Veränderung in der Stellung des Frauengeschlechts hervor, seine früher aus Eisen geschmiedeten Ketten wurden nun in goldene umgewandelt, d. h. die Frauen wurden aus der morgenländischen Sklaverei, die den Männern keine Freude mehr machte, befreit, um in die Zwangsjacke der abendländischen Unterthänigkeit gesteckt zu werden. Die Männer spielten die Herren und Gebieter, die Frauen waren nur die Dienerinnen und Wirthschafterinnen und wenn es gut ging behandelte man sie als „liebe Kinder.“

     Die Frauen durften Alles, nur keine Frauen sein, [14] die Vereingesetze Preußens und Oesterreichs stellten sie in die Categorie der Lehrlinge und Unmündige!

     Vergebens mahnte uns die alte Geschichte an die großartigen Frauencharaktere der biblischen Zeit, umsonst war das Blut der heiligen Frauen geflossen, die als Märtyrerinnen des Glaubens gefallen sind; der Griffel der neueren Geschichte stumpfte sich ab in Aufzeichnung der von Frauen und Jungfrauen verübten patriotischen Heldenthaten, die Stellung der Frauen blieb eine untergeordnete, und – das Frauengeschlecht – schwieg. –

     Da brach die neue Zeit heran mit ihrer Gedankenfreiheit, die Presse brach sich Bahn durch die dunkeln Irrgänge des Vorurtheils und des Eigendünkels und der Geist des Menschen wurde entfesselt. Die Zeit des Redens war für das weibliche Geschlecht gekommen; der durchdringende Verstand der Frauen im Allgemeinen und der Beruf vieler einzelner Begabter zum geistigen Schaffen rief eine großartige Frauenliteratur hervor, in welcher die Töchter der großen und gebildeten Nationen im edlen Wetteifer einander zu überbieten suchten.

     Die Schriftstellerinnen erkannten bald die mißliche Stellung ihres Geschlechtes, die Stoßseufzer der Französinnen fanden ein getreues Echo im Busen der englischen und deutschen Frauen. Und als die Früchte des ausgestreuten Samens der deutschen Schriftstellerinnen und als das Resultat ihrer rastlosen Bestrebungen auf dem geistigen Gebiete können wir besonders diese erste Frauenversammlung in Leipzig betrachten.

     Ich begrüße Sie Töchter Germaniens im Namen der civilisirten Menschheit und sage mir Glück dazu, daß ich vom Schicksal dazu auserkoren wurde den Impuls zu dieser Versammlung zu geben, in welcher der humane Sinn des deutschen Volkes, der Geist der Zeit mit Gottes Hülfe ihre Triumphe feiern werden.

     Sie betreten vereint mit den Männern welche Ihre Gesinnungen theilen den Kampfplatz um die Rechte der Frauen zu erkämpfen. Doch die Mittel die hierbei angewendet werden können, sind zweierlei, sie können weiblicher und auch unweiblicher Natur sein, gegen letzeres streubt sich unstreitig Ihr zarter Sinn. In beiden Fällen aber ist der Weg, den Sie betreten, nicht mit Rosen bestreut, sondern wie alle neue Bahnen, die zum Wohl der Menschheit führen, eine dornenvolle.

     Alle Rechte, die bisher für die unterdrückte Menschheit erkämpft wurden, mußten mit Gewalt erkämpft werden und es frägt sich, welche Gewalt soll bei der Erkämpfung der Frauenrechte angewandt werden? Geehrte Versammlung! Ich glaube den Ausdruck Ihrer Gesinnungen zu intoniren, wenn ich sage: Nicht der Donner der Geschütze wird unsern Kampf verkündigen, die Schärfe des Schwerdtes [15] wird es nicht entscheiden, daß den Frauen die ihnen vorenthaltenen Rechte, eingeräumt werden, sondern die Gewalt die uns zur Seite steht ist eine höhere und daher unbezwingbare, es ist:

Die Macht der Verhältnisse!

     Wandern wir von Stadt zu Stadt, gehen wir von Haus zu Haus, treten wir ein in die Familienkreise und sehen wir, ob da, wo selbst ein geregelter Haushalt schon lange eingeführt ist, Glück und Zufriedenheit herrscht? Wir werden sehen, daß in Familien, wo Töchter sind, ein gewisses Bangen sich der sämmtlichen Mitglieder der Familie bemächtigt hat. Es ist eine Calamität, Töchter zu haben ohne Kapital. Die ungewisse Zukunft der Töchter macht die Familie sehr besorgt; mit Schrecken sehen die Eltern den Abend ihres Lebens herannahen, wo sie von ihren geliebten Töchtern werden Abschied nehmen und sie schutz- und hülflos zurücklassen müssen! Gebietet es da nicht die Macht der Verhältnisse, daß man solchen Eltern, die für die Erziehung ihrer Töchter Alles aufgeboten haben, was in ihren Kräften stand, Trost bringe und ihnen sage: Eure Töchter sollen nicht schutz- und hülflos dastehen, wir eröffnen ihnen Gewerbszweige und Berufsarten, die sie in den Stand setzen sollen, sich selbstständig erhalten zu können, und mit der Selbstständigkeit werden sie zugleich die Qualification erlangen, sich selbst schützen zu können.

     Treten wir in ein anderes Haus, wo ein Ehepaar zusammen lebt und wo sich eine geistvolle und strebsame Frau einem Manne in die Arme geworfen hat, um Schutz zu haben und versorgt zu sein. Der Mann theilt nicht die Intentionen seiner Frau, er verbietet ihr, sich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht zur Wirthschaft und zu seinem Comfort gehören. Sie muß ihr Talent unentwickelt lassen und ihr Streben für das Gemeinnützige unterdrücken. Mit der Verheirathung hat sie also das erreicht, was sie gewollt, sie ist versorgt, aber der Zweck ihres Lebens ist verfehlt. Die Sonne geht auf und nieder, in ihrem Innern aber bleibt es stets Nacht, denn über ihrem Haupte schwebt immerfort das drohende Gewitter ihres Haustyrannen. Gebietet es nicht da die Macht der Verhältnisse, daß wir die heirathsfähigen Mädchen in den Stand setzen, nach ihrer Neigung zu heirathen? Die Ehen sollen nicht aus kalter Berechnung der Versorgung wegen geschlossen werden, sondern Diejenigen, die sich vereinigen, um den Gang durchs Leben gemeinsam zu gehen, sollten durch gegenseitige Sympathien sich an einander gefesselt fühlen, wir würden dann jedenfalls weniger unglückliche Ehen zu beklagen haben.

     Treten wir endlich in die Kreise der Wittwen, so finden wir ein noch traurigeres Bild des Elends und Jammers. Gegen den trostlosen Zustand der zahlreichen Wittwen des Mittelstandes haben [16] sich bisher alle versuchten Hülfsmittel, wie Lebensversicherung, Wittwen- und Waisenkassen u. d. m. als unzureichend bewiesen. Hier sehen wir Fälle, wo das eheliche Leben ein beglückendes für beide Theile war; die Frau hat einen Mann gefunden, der mit ihr sympathisirte, alle ihre Wünsche befriedigte; sie suchte wieder seine Gedanken zu errathen, um seine Wünsche zu befriedigen, noch bevor er sie ausgesprochen, und so trugen sie gegenseitig dazu bei, einander Liebesdienste zu erweisen und zu beglücken. Doch mit des Geschickes ewigen Mächten ist kein sicherer Bund zu flechten. Das grause Geschick riß ihr den geliebten Gatten von ihrer Seite; er starb eines frühen Todes und mit ihm wurde ihr Lebensglück begraben.

     Die erste Zeit des Wittwenstandes, wo ihr Herz mit Trauer erfüllt ist über den herben Verlust, sind die Gedanken der Frau nur mit der Vergangenheit beschäftigt, ihre Seele lebt nur in der Erinnerung an die wonnigen Tage des glücklichen Zusammenlebens, und in dieser Zeit verbraucht sie gewöhnlich die Ersparnisse ihres Mannes, verkauft, was zu verkaufen ist, um den Haushalt fortzuführen. Aber wo nichts zufließt, ist die Quelle bald versiegt! Der Ernst des Lebens tritt an sie heran und rüttelt sie auf von ihrem träumerischen Leben; sie hat jetzt Vater- und Mutterpflichten zu erfüllen, ihre Kinder zu ernähren und zu erziehen und den guten Namen ihres Mannes in Ehren zu erhalten. Da erwacht sie aus ihrem schwärmerischen Dahinbrüten, es wird hell in ihrem Kopfe und sie sagt sich: „Du mußt etwas thun, was Du noch nie gethan hast,

Du mußt für Brot arbeiten!

     Der Entschluß, schnell gereift durch die edlen Triebe der Mutterliebe, steht bei ihr fest und sie geht daran um zu arbeiten. Aber, meine geehrten Freundinnen, arbeiten wollen und arbeiten können ist zweierlei! Die Frau hat keine Arbeit gelernt, wovon man einen ordentlichen Hausstand erhalten kann, und die Arbeiten der Hauswirthschaft werden in die Cathegorie der Taglöhnerarbeit gezählt, die, ebenso wie die Nadelarbeit, den geringsten Lohn abwirft. Kann aber, selbst bei dem Arbeiten für geringen Lohn, eine anständige Bürgersfrau, nach unseren deutschen Begriffen von Schicklichkeit, Verrichtungen einer Dienstmagd versehen, zumal wenn sie Kinder zu erziehen und sittlich zu halten hat? Verzweiflung bemächtigt sich jetzt des Gemüthes der Wittwe, sie will arbeiten und kann nicht, sie muß ihre Kinder ernähren und weiß nicht von was!

     Die Zahl dieser verzweifelnden Wittwen in Deutschland ist groß und ihr Jammergeschrei dringt in das Innere unserer Herzen. Hier gebietet es besonders die Macht der Verhältnisse, daß etwas Entschiedenes vorgenommen werde, um die Thränen der Wittwen zu trocknen und die Noth der Waisen abzuhelfen. Das einzige und [17] sicherste Mittel hierfür ist, wenn die Töchter tüchtig herangebildet würden zu Gewerben und Berufszweigen, zu welchen sie, wenn die Noth über sie hereinbricht, greifen könnten; denn wenn sie auch so glücklich verheirathet sind, daß sie in der Ehe davon keinen Gebrauch zu machen für nöthig finden, so wird es ihnen doch als Wittwen sehr zu Gute kommen, wenn sie in der Jugend etwas Tüchtiges gelernt haben.

     Es würde in’s Unendliche führen, wenn ich alle die Fälle aufzählen sollte, wo es die Macht der Verhältnisse gebietet, daß den Frauen ihr Recht werde, aber aus der Darlegung der drei erwähnten Lebensstellungen des Weibes dürften schon die Ursachen wahrgenommen werden, aus welchen die Frauenfrage entstanden ist. Man hat es versucht, die Lösung derselben vom politischen Standpunkte aus zu bewerkstelligen, was der Sache jedoch eine unschöne Gestaltung gab. Mit Abscheu wandte man sich daher von der Emancipationsidee, wie sie vor 15 Jahren aufgetaucht ist, ab, aber ein Gedanke ist es, welcher der Lösung der Frauenfrage unstreitig näher liegt, und dieser schneidet schon tief ein in das Fleisch unseres socialen Körpers, es ist:

Die Brotfrage des weiblichen Geschlechts.

     Hier ist es zuförderst die volkswirthschaftliche Idee im weiteren Sinne, die uns diese Frage wird lösen helfen; denn wie sehr auch die Volkswirthschaft in Deutschland im letzten Decennium Verbreitung gefunden hat, so ist doch das Gebiet ihres Wirkens ein verhältnißmäßig kleines geblieben und gar nicht in Betracht zu ziehen gegen die enormen Vortheile der Mobilmachung der weiblichen Arbeitskraft. Dieser noch gänzlich verborgen liegende Schatz würde, wenn er zum Vortheile des Nationalreichthums hervorgeholt werden könnte, mehr einbringen, als die sämmtlichen Staatseinnahmen der deutschen Bundesstaaten betragen, mit dem Unterschiede noch, daß diese Summen zum großen Theile für die Erhaltung der Beamten und stehenden Heere verwendet werden, während jene Einnahmen die arbeitende Bevölkerung für sich behalten würde, wodurch ein Wohlstand bei den unteren Volksschichten herbeigeführt und dem Pauperismus entgegen gearbeitet werden könnte.

     Sie erlauben mir Ihnen diese Vortheile der Volkswirthschaft der Zukunft mit Zahlen zu beweisen: Deutschland zählt 41 Mill. Einwohner, davon 21 Millionen weiblichen Geschlechts. Von diesen 21 Millionen sind 7 Millionen arbeits- und erwerbsfähig. Eine Million zählt man zu den weiblichen Dienstleuten und ½ Million zu den freien Arbeiterinnen, welche letztere im Durchschnitt einen Thaler pro Woche verdienen: was jährlich 26 Millionen Thaler beträgt.

     Nun sind noch 5½ Millionen arbeits- und erwerbsfähige [18] Frauen und Mädchen unbeschäftigt; angenommen, daß davon ½ Million so gut situirt sind, daß sie nicht für Brot zu arbeiten brauchen, so bleiben noch 5 Millionen Bedürftige beschäftigungslos. Diese in den Stand gesetzt, so arbeiten und erwerben zu können, daß sie durchschnitlich 3 Thlr. pro Woche, also jährlich 156 Thlr. verdienen, so würde ein Gesamteinkommen von 780 Millionen Thalern jährlich erreicht werden.

     Es wird eingewendet, daß die Mobilmachung der weiblichen Arbeitskraft den Lohn der männlichen Arbeit herabdrücken würde, dieser Satz wäre insofern richtig, wenn wir in Deutschland eine Ueberproduction zu befürchten hätten, wenn das Angebot der Arbeit das Ausgebot übersteigen möchte, aber bei dem in vielen Provinzen Deutschlands fühlenden Mangel an Arbeitskräften ist diese Befürchtung eine ungegründete; es wird nur des Mittels der Freizügigkeit bedürfen, um den Ueberfluß der Arbeitskräfte in der einen Provinz dahin zu ziehen, wo Mangel derselben vorhanden ist.

     Es sind Berufszweige und Gewerbe, wo das Eintreten der Frauen en masse sehnlichst gewünscht wird. Ich nenne Ihnen beispielsweise zwei von einander sehr verschiedene, wo es an männlichen Gehülfen mangelt und weibliche Hülfe verlangt wird. Das erste ist das Apothekerfach. Ich habe mit mehreren einsichtsvollen Pharmazeuten in verschiedenen Städten Deutschlands gesprochen, die mir die Versicherung gaben, daß 1000 gebildete Mädchen sofort in Apotheken Anstellung bekämen, wenn sie sich dieser Branche zuwendeten; die pharmazeutischen Blätter haben auch schon Aufforderungen in dieser Beziehung ergehen lassen. Der durchschnittliche Gehalt wäre 150 Thaler jährlich nebst freier Station. Diese 1000 für die lateinische Küche verwendeten Mädchen würden eine Gesammteinnahme von 150,000 Thlrn. jährlich erzielen, und sie käme nur mehr jenen Töchtern der gebildeten Stände zu gut, die sich eines Handwerks schämen. – Das zweite ist ein Metier, welches in einem Jahre gelernt werden kann und wozu man nicht einmal Schulbildung braucht. Es ist das Damenschuh-Handwerk. Nach den Versicherungen Berliner und Dresdner Schuhmachermeister könnten in Deutschland sofort 10,000 Mädchen in Damenschuhmachen Beschäftigung finden und einen durchschnittlichen Lohn von 3 Thlrn. wöchentlich, also 156 Thlr. jährlich verdienen, was eine Gesammteinnahme von 1,560,000 Thalern jährlich beträgt. Sie ersehen hieraus, daß ich eine praktische Basis angenommen habe bei Aufstellung der Berechnung von 780 Millionen Thalern, welche durch die Mobilmachung der weiblichen Arbeitskraft erzielt werden würde.

     Um diese Mobilmachung endlich in Angriff nehmen zu können, ist in Vorlage 1 eine permanente Industrie-Ausstellung weiblicher Erzeugnisse, und in Vorlage 4 die Errichtung weiblicher Industrie-, [19] Handels- und Oekonomieschulen von mir proponirt worden, welche Vorlagen nun Ihrer Berathung unterzogen werden sollen.

     Zur Förderung der Volksbildung ist dem weiblichen Geschlechte, das von jeher der Pflicht der Erziehung und Veredlung des Menschengeschlechtes oblag, noch eine hohe Aufgabe zu lösen vorbehalten, in deren Interesse Vorlage 5–8 entworfen wurden. Vorlage 5 regt die Errichtung von Jugendgärten als Fortsetzung der Kindergärten an. Vorlage 6 will die Errichtung von Mädchenherbergen für die sittliche Haltung der Dienstmädchen und Arbeiterinnen, zur Zeit der Dienst- und Arbeitslosigkeit. Es ist nicht genug, daß Sie ihre eignen Töchter beaufsichtigen. Sie sollen mit demselben wachsamen Mutterauge auch die fremden Mädchen, namentlich die Töchter des Volkes beaufsichtigen, denn aus diesen Kreisen rekrutirt die Verführung die gefallenen Mädchen, deren Zahl im steten Zunehmen begriffen ist. Wenn die Mädchen bereits gefallen sind, so ist es vergebens, sie in Magdalenenstifte bessern zu wollen, wenigstens muß man aus dem Umstande, daß das preußische Abgeordnetenhaus die Subsidie für das Berliner Magdalenenstift gestrichen hat, annehmen, daß dasselbe nur sehr geringe Resultate aufzuweisen gehabt haben müsse; aber Sie können einen großen Act der Humanität dadurch begehen, daß Sie sich die Aufgabe stellen, es verhindern zu wollen, daß die arbeitenden Mädchen als Opfer der Verführung fallen.

     Vorlage 7 und 8 will die Errichtung von Frauen-Bildungsvereinen in den verschiedenen Städten Deutschlands, nach dem Muster des Leipziger Vereins.

     Als ich Ihnen, meine verehrten Damen von Leipzig, im Februar dieses Jahres die Errichtung von Frauen-Bildungsvereinen empfahl, in welchen die gebildeten Frauen und Mädchen zu Gunsten der Ungebildeten, der Arbeiterinnen und Dienstmädchen belehrende Vorträge, Vorlesungen und Declamationen bieten und die ärmere weibliche Volksklasse überhaupt zu sich emporheben soll, da wollten Sie nicht erst abwarten, bis eine Frauenconferenz darüber berathen haben würde, sondern Sie wollten es sofort in Angriff nehmen, um vor der ersten deutschen Frauenversammlung schon mit gewonnenen Resultaten hintreten zu können. Was Ihnen damals nur in der Idee vorschwebte, hat sich bereits verkörpert und ist in Fleisch und Blut des Volkes übergegangen. Die Bevölkerung von Leipzig hat das segensreiche Wirken dieses Instituts anerkannt und in mehreren anderen Städten ist man bemüht, dem Beispiele Leipzigs, Ihrem Vorbilde, zu folgen. Die Frauenconferenz wird hiernach schon auf die Basis der Erfahrung vorgehen können.

     Ich habe nach der Vorlage 3 Erwähnung zu thun, nach welcher die Mittel und Wege gefunden werden sollen, um den Töchtern [20] der gebildeten Familien die Hörsäle der Universitäten zu erschließen. Es kann nicht gewünscht werden, daß die Töchter mit den Studenten zusammen Collegia hören sollen, sondern das Sittlichkeitsgefühl des Weibes erheischt es, daß für die Mädchen besondere Hörsäle eingerichtet werden. Ich möchte bei meinem weitgehenden Ziele zur Entwickelung der intellectuellen Kräfte des weiblichen Geschlechtes es nicht gerade aussprechen, daß den Mädchen zwei Facultäten als wie Jurisprudenz und Theologie verschlossen bleiben sollten; aber es herrscht nicht das Bedürfniß vor, sie jetzt damit befassen zu lassen; hingegen erheischt es die Nothwendigkeit, daß sie sich dem Studium der Heilkunde mit Fleiß und Liebe zuwenden, um Frauen- und Kinderkrankheiten behandeln zu können. Die Frauen haben bis jetzt in der Krankenpflege geleistet, was menschliche Aufopferung nur zu leisten vermag. Sie wissen es alle, welcher Hingebung die Frauen in dieser Beziehung fähig sind; ich laufe daher wohl nicht Gefahr, der Uebertreibung geziehen zu werden, wenn ich es an dieser geeigneten Stelle ausspreche: die Frauen sind geborene Aerzte, die Natur hat ihnen den Instinkt gegeben, die Wünsche der Kranken zu errathen, und wenn es ihnen gelehrt würde, die Krankheiten zu heilen, so werden sie auch mit Geschick die Heilmittel rasch zu finden wissen, um der leidenden Menschheit zu helfen.

     Gestatten sie mir, meine Damen, Ihnen noch zum Schlusse folgende Mahnung zuzurufen. Wenn Sie in die Berathung eintreten, um für das Wohl Ihres Geschlechtes zu sprechen, lassen Sie alle die unedlen Triebe hinter sich, die das edelste Streben, das beste Wollen in der Ausführung verhindern können, bedenken Sie, daß ein großer Theil der civilisirten Welt seine hoffnungsvollen Blicke nach dem Orte richtet, wo Sie tagen und für die Rechte der ganzen Hälfte des Menschengeschlechts Beschlüsse fassen. Und Sie, meine Herren, die Sie sich mit uns vereinigen zur Mittagung und Mithülfe, lassen Sie, wenn wenn Sie den Berathungssaal betreten, alle Partheigesinnungen bei Seite und nehmen Sie in dieser Frage nur den humanen Standpunkt mit aller Kraft ein; das arme zerfleischte Vaterland sehnt sich nach Einigung, verschaffen Sie ihm durch Ihr Beispiel den Trost, daß es noch möglich sei, eine Einigkeit der Gesinnung in Deutschland herzustellen.

[21]
Vorlagen für die Frauenconferenz.
Entworfen
von
P. A. Korn.

     Die Vorlagen für die Frauenconferenz, wie sie im Programm des Leipziger Frauen-Bildungsvereins aufgenommen wurden, sind nun der Reihe nach:

     1. Die Errichtung einer permanenten Industrie- und Kunstausstellung weiblicher Erzeugnisse in Frankfurt a. M. oder einem andern Centralpunkte Deutschlands. In dieser Exhibition sollen alle von Frauenhänden angefertigten und unter Frauenleitung erzeugten Gegenstände, wenn sie sich durch Vollkommenheit, Billigkeit oder durch irgend einen Vorzug auszeichnen, zur Ausstellung gebracht und dadurch der Hebung der weiblichen Arbeitskraft ein wesentlicher Vorschub geleistet werden.

     So manches brave Mädchen sitzt in seinem Kämmerlein und verfertigt vorzügliche Arbeiten, ohne Anerkennung und einen gehörigen Lohn dafür zu erhalten, weil es nicht im Stande ist die Arbeit direct dem großen Publikum zu präsentiren. So manche Wittwe in einer kleinen Stadt Deutschlands sitzt mit ihren Töchtern von früh Morgens bis spät Abends und arbeitet für ein Geschäft, das ihr kargen Lohn zumißt, während ihre Arbeiten für gute Preise verkauft werden. Die Frauenarbeit wird in den großen Industrie-Städten Deutschlands, wo das noble Proletariat das Geschäft verdirbt, schlecht bezahlt. Um nun den arbeitenden Mädchen und industriösen Frauen aller Stände Gelegenheit zu verschaffen, vorzügliche Arbeiten um bessere Preise, und Kunstwerke um die höchsten Preise verwerthen zu können, ebenso auch ihnen hinreichende Beschäftigung und ermunternde Aufträge zu verschaffen, wird diese permanente Industrie- und Kunstausstellung ihre Erzeugnisse und Kunstwerke dem großen Publikum vorführen und die Direction derselben dafür Sorge tragen, daß dem Fleiße seine Belohnung, der Arbeitstüchtigkeit und Kunstfertigkeit ihre Anerkennung werde.

     Die 1. Vorlage hat schon, wenn sie beschlußreif geworden sein wird, eine solche Tragweite, daß ich nicht umhin kann, die Art und Weise anzugeben, wie ich mir die Ausführung derselben möglich denke. Es soll nämlich ein: Großer Deutscher Frauenverein gebildet werden, dessen Mitglieder sich über ganz Deutschland ausdehnen sollen, mit einem Central-Comité, welches in Leipzig oder einer andern im Mittelpunkte Deutschlands gelegenen Stadt, seinen Sitz hätte. Aus den Mitgliedern des Vereins würden nun für die Provinzial-Hauptstädte Ausstellungs-Comité’s gebildet werden. Die Ausstellerinnen hätten also zunächst ihre Erzeugnisse diesen Frauen-Comité’s franko zuzusenden und die benannten Comité’s würden die eingesandten Gegenstände besichtigen, ob sie sich für eine Ausstellung eignen. Sodann sollen Provinzial-Industrie-Ausstellungen der großen permanenten vorausgehen, um daß die weiblichen Erzeugnisse vor Allem in der engeren Heimath bekannt würden und Absatz fänden. Die Provinzial-Industrie-Ausstellungen sollen ¼ Jahr währen und jeden Sonntag der Besichtigung frei gegeben werden. Nach einem viertel Jahre sollen die sämmtlichen Ausstellungs-Gegenstände verpackt und in großen Sendungen an die Central-Ausstellung nach Frankfurt a. M. expedirt werden. [22]      Die Central-Ausstellung soll sich aber nicht damit begnügen, die Erzeugnisse deutscher Frauen blos in Deutschland zur Schaustellung zu bringen, sondern die vorzüglichsten Gegenstände sollen von da aus wieder nach London, Paris und andern großen Städten, wo internationale Industrie-Ausstellungen stattfinden, zur Ausstellung gebracht und den Ausstellerinnen die etwaigen Preis-Medaillen des Auslandes zugemittelt werden. Auch an deutschen Preis-Medaillen, die von einer Beurtheilungs-Commission in Frankfurt a. M. ertheilt werden würden, soll es nicht mangeln.

     2. Vorlage. Die Errichtung einer Unterstützungs- und Pensionscasse für verdiente Lehrerinnen, Gouvernanten und alle diejenigen Frauen und Mädchen, die ein mehrjähriges gemeinnütziges Wirken auf dem Gebiete der Wissenschaft, Kunst, Musik und Industrie bekundet haben und: unterstützungsbedürftig sind.

     Sobald der große deutsche Frauenverein sich constituirt haben wird, soll für die Unterstützungscasse eine Summe bewilligt werden, um verdiente und in Noth lebende Frauen unterstützen zu können. Die Unterstützung soll in drei Categorien zu 52, 104 und 156 Thaler jährlich geleistet werden und zwar auf die Dauer von drei Jahren. Bei lebenslänglichen Pensionen würden die bezeichneten Summen verringert werden müssen; doch würde das Unterstützungs-Comité des Vereins[WS 1] dahin zu wirken haben, daß seine Pensionäre auch noch Subsidien von andern Unterstützungsfonds erhalten.

     Ansprüche auf Unterstützung oder Pension sollen in erster Reihe Vereinsmitglieder haben, wenn sie dem Verein ein Jahr lang angehört haben und in zweiter Reihe auch solche, deren Gesuche von drei aktiven Mitgliedern aus drei verschiedenen Städten unterstützt werden.

     3. Vorlage. Die Ermittlung der einzuschlagenden Wege, um den Töchtern der gebildeten Stände die Hörsäle der Akademien und Universitäten zu erschließen.

     Der intellectuellen Entwickelung der weiblichen Jugend sollen keine beengende Grenzen mehr gesetzt werden und sollen sich gebildete Mädchen in den Fächern der Botanik, Chemie und Pharmazie[1] ausbilden können; sie sollen die chirurgischen und medizinischen Wissenschaften studiren, um die Heilkunde in allen Dimensionen ausüben zu können. Die Natur- und Sittengesetze weisen darauf hin, daß die Frauen im erkrankten Zustande nur von Frauen behandelt werden sollen, die physische Behandlung der Kinder gedeiht bekanntlich unter Frauenhänden am besten; weshalb nur einem dringendem Bedürfnisse abgeholfen werden würde, wenn: Frauen- und Kinderkrankheiten von heilkundigen Frauen behandelt werden möchten.

     Es dürfte aber hierbei zunächst nothwendig sein, den Töchtern der gebildeten Stände die Aneignung der Gymnasialwissenschaften zu ermöglichen durch Errichtung von Mädchen-Gymnasien, welche Einrichtung von den Vorsteherinnen der Töcherpensionate leicht getroffen werden könnte. Die Zöglinge hätten dann ihre Prüfungen, ebenso wie die Studenten, vor den männlichen Professoren der öffentlichen Gymnasien abzulegen, und sich auf diese Art zu Hörerinnen der Universitätsstudien zu qualificiren. Was die Universitäten betrifft, die den Töchtern zugänglich gemacht werden sollen, so dürfte für die erste Zeit des Beginnens eine einzige und wäre es in irgend einer kleinen Universitätsstadt den Erfordernissen genügen, und man sollte meinen, daß sich in unserer fortgeschrittenen Zeit im großen Deutschland eine Universität finden lassen würde, die dem Frauengeschlechte die Pforten der [23] Wissenschaften erschließen möchte. Sobald die Sache allgemeiner geworden sein wird und sich ein großer Andrang der Töchter zu den höhern Wissenschaften ergeben sollte, dürften sich mehrere vielleicht alle Universitäten und Facultäten für die Aufnahme von Töchtern bereit finden lassen.

     4. Vorlage. Die Errichtung weiblicher Industrie- Handels- und Oekonomieschulen.

     Die amerikanische Schriftstellerin Miß Penny weißt nach in ihrem in Beston 1861 erschienenen schätzenswerthen Buche: „Womens Employment in the United States“, daß in den Vereinigten Staaten über 300 verschiedene Handwerke und Geschäfte von Frauen betrieben werden. Diese Dame hat mehrere Jahre ihres Lebens darauf verwendet, in den Staaten der Union herum zu reisen und die Etablissements und Werkstätten zu besuchen, wo Frauen theils als Prinzipalinnen theils als Gehilfinnen beschäftigt sind. Sie hat die Frauenarbeit in diesem umfangreichen Buche factisch dargelegt und der weiblichen Arbeitskraft bei dieser Gelegenheit ein glänzendes Zeugnis ausgestellt. Wenn die geehrten Leser hierbei berücksichtigen, daß die amerikanischen Frauen für gewöhnlich für die Arbeit nicht sonderlich schwärmen und nur der Trieb zum Schaffen und der Hang zur Selbstständigkeit sie dazu bringt, vorzüglich, wenn sie dem Handwerker- und Gewerbstand angehören, mitzuarbeiten und mitzuerwerben, die deutschen Frauen hingegen aus Liebe zur Arbeit und nützlicher Beschäftigung gern arbeiten, so werden sie mir zugestehen müssen, daß sich von der Mobilmachung der weiblichen Arbeitskraft in Deutschland große Resultate erhoffen lassen.

     Um die Wege jedoch anzubahnen, die deutschen Frauen bei Handwerken zu beschäftigen und auch im Handel und Verkehr, beim Garten- und Feldbau sowie bei allen Verrichtungen der Landwirthschaft zu verwenden, ist es unbedingt nothwendig, daß die weibliche Jugend des Bürger- und Bauernstandes für diese Fächer herangebildet würde, und hierfür müßten weibliche Industrie-, Handels- und Oekonomieschulen errichtet werden. Von dem in Berlin im vorigen Jahre gebildeten Verein für Töchterbildung und Förderung der Frauen-Interessen, unter dem Vorsitze der Frau Sanitätsräthin Dr. Eulenburg aufgefordert, einen Plan für die Errichtung solcher Schulen in Deutschland und mit besonderer Berücksichtigung für Berlin zu entwerfen, habe ich dem Wunsche mit folgendem Entwurfe zu entsprechen gesucht:

     Die weiblichen Industrieschulen sollen nicht, wie es bisher in den Gewerbeschulen großentheils üblich war, blos mit Vervollkommnung im Schreiben und Rechnen, mit Geometrie und Zeichnen sich befassen, sondern die Schülerinnen müßten, indem sie im 1. Semester die erwähnten Lehrgegenstände und noch einige nothwendige und nützliche dazu, wie Naturlehre, Chemie, Geographie, Geschichte, Hauswirthschaftslehre und Gesang lernen, in den folgenden 3 Semestern schon dasjenige Handwerk vollständig erlernen, zu welchem sie Lust und Geschicklichkeit zeigen, und welches ihrer körperlichen Beschaffenheit angemessen ist. Im 1. Semester sollen sie sich in den verschiedenen Gewerben der Industriehalle nur versuchen, im 2. Semester aber müßten sie ihre Wahl bereits getroffen haben, welchem Industriefache sie sich widmen wollen, und die Schulvorsteher müßten ihr Gutachten abgeben, ob sie sich für das gewählte Gewerbe auch qualificiren. Bei Beobachtung der strengsten Sittlichkeit, die namentlich bei jungen Mädchen nicht außer Acht zu lassen ist, könnten die Lehrlinge nicht zu Meistern gebracht und männlichen Gehilfen zugestellt werden, sondern die Meister hätten nach der Schule zu kommen und dort die weiblichen Lehrlinge, die sich gruppenweise um die verschiedenen Werkstellen einfinden würden, durch klare und faßliche Vorträge, verbunden mit praktischen Beispielen zu unterweisen (Wenn es später auch nicht gut zu vermeiden sein wird, daß sie mit [24] männlichen Gehilfen in den Werkstätten verkehren, so würden sie doch schon erwachsen und selbstständig genug sein, sich selbst zu überwachen und sittlich zu halten.) Es wird übrigens die Aufgabe des Vereins sein, dahin zu wirken, daß in den Werkstätten besondere Abtheilungen für die Mädchen errichtet würden und den Arbeitgebern wird es ans Herz gelegt werden müssen, für die sittliche Haltung der Arbeiterinnen zu sorgen. Herr Payne in Leipzig, der seit mehreren Jahren Setzerinnen in seiner Buchdruckerei beschäftigt, hat solche Vorkehrungen getroffen, ohne daß er erst dazu von Jemand dazu aufgefordert zu werden brauchte.

     Die Schule wird eine Industriehalle haben, mit verschiedenen Werkstätten, die mit dem nötigen Werkzeug und Material versehen sein müßten. Die jungen Mädchen, welche in diese Industriehallen eingeführt und denen daselbst gezeigt worden, wie die verschiedenen Handwerke technisch ausgeübt werden, würden nun durch die gewonnene Einsicht von dem Betriebe der Gewerbe und der erhaltenen Uebersicht, von der Mannigfaltigkeit derselben, mit mehr Verständniß, als es bisher bei den männlichen Lehrlingen vorgekommen, dasjenige Handwerk wählen, welches ihnen am meisten zusagt. Die Schulvorsteher würden endlich mit unpartheiischen Blicken die ersten Versuche der Lehrlinge beobachten, bei welchen auch die Eltern der Mädchen zugegen sein könnten, und am besten erkennen, zu welchen Gewerben die Schülerinnen sich eignen. Hierdurch würde einerseits der Individualität des Kindes Rechnung getragen werden, und andererseits der Familie wie der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt nützliche Staatsbürgerinnen herangebildet werden, die weder auf die Versorgung in der Ehe sehnsüchtig zu harren, noch den Eltern als erwachsene Menschen zur Last zu fallen brauchen.

     Diejenigen Gewerbe, welchen zunächst die Mädchen sich zuwenden könnten, die auch eine gute Nahrung geben, sind wie folgt:

     Bäckerei, Bijouteriearbeiten, Bildhauerkunst in Holz und Stein, Blumenmachen, Buchbinder- und Galanteriearbeit, Buchhandel, Bürstenmachen, Chocoladefabrikation, Conditorei, Cravattenmachen, Drechslerei in Holz, Horn und Metall, Drougistengeschäft, Emaillirkunst, Färberei, Formstecherkunst, Fourniturschneiden, Franzen- und Bortenfabrikation, Geometrisches Zeichnungen, (vorgeschlagen von Herrn Dr. Fritsche, Oberingenieur der Freiberger Eisenbahn und Director des Gewerbevereins in Freiberg), Glaserarbeit, Gold- und Silberschmieden, Gold- und Silbersticken, Gravirkunst, Gürtlerei, Haarkünstlerei, Handschuhmachen, Holzschneidekunst (Xylographie), Instrumentenmachen (chirugische), Kartenfabrikation, Kammmachen, Kleidermachen, Knopfmachen, Korbflechten, Kunst- und Handelsgärtnerei, Kunst- und Musikalienhandel, Kupferstechkunst, Lackiren, Lithographiren, Malen, (Zimmer und Tapeten), Möbelpoliren, Möbelhandel, Musterzeichnen, Nadlerarbeit, Notenstechen, Optikerkunst, Oelfarbenfabrikation, Papierhandel, Parfümerie- und Toilettenseifenfabrikation, Pianofortefabrikation, Photografiren, Pinselfabrikation, Posamentirarbeit, Portefeuillefabrikation, Schriftsetzen, Schuhmachen, Seidenwirken, Seifensieden, Siebmachen, Specereiwaarenhandel, Stenographie, Saiten-Instrumentenmachen, Strohhutfabrikation, Tapezier- und Dekorateurkunst, Telegraphenkunst, Tischlerei, Tuchmachen, Tuchstopfen, Tuchscheeren, Uhrmachen, Uhrgehäusmachen, Vergolden, Wachswaarenfabrikation, Wattenfabrikation, Zahnkünstlerei, Zinngießen, Zubereitung naturwissenschaftlicher Unterrichtsmittel etc.

     Der ausführliche Unterrichtsplan ist in Nr. 11 und 12 der Allgemeinen Frauen-Zeitung von Juni 1864 abgedruckt.

     5. Vorlage. Die Errichtung von Jugendgärten nach dem Korn’schen System. Der Jugendgarten soll den im Kindergarten geweckten Selbstbetrieb bei den Kindern fortentwickeln, und die Arbeitsübung beim Spielen, oder die spielende Arbeit soll da stufenweise in eine gemeinützige [25] Gewerbthätigkeit, der individuellen Beschaffenheit der Kinder angemessen, übergehen. Vor Allem wird auf die Bewegungsspiele im Freien, auf das Bepflanzen der jedem Kinde zugetheilten Blumen- oder Gemüsebeete und auf die Elemente der Erd- und Pflanzenkunde Rücksicht genommen werden müssen. Der erheiternde Gesang beim Anfang und Schluß der Arbeit, ebenso auch beim Uebergang von einer Beschäftigung zur andern, soll der Trockenheit des Lernens einen gewissen Reiz verleihen und die Arbeit in den Augen der Kinder als Mittel zur Wohlfahrt der Menschen darstellen.

     Sodann sollen in der ersten Klasse des Jugendgartens die Kinder beiderlei Geschlechts unterwiesen werden im Nähen, Stopfen und im Anfertigen von Puppenanzügen; ferner in der Fabrikation der Spielwaaren aus Pappe, Holz, Horn und Metall. Die Spielwaaren sollen nicht mehr für theures Geld angekauft werden, um den Kindern damit nur eine kurze Freude zu bereiten, sondern die Kinder sollen die Spielereisachen selbst anfertigen lernen, was ihnen jedenfalls eine dauernde Freude bereiten und ihnen gleichzeitig eine Anschauung verschaffen wird von der Verarbeitung des Rohmaterials in künstliche Gegenstände.

     In der zweiten Classe für Kinder von 11–12 Jahren, wo die Geschlechter schon getrennt werden müssen, sollen die Näharbeiten schon angewendet werden zum Anfertigen vollständiger Kinderanzüge, Kinderschuhe und zum Ausbessern sämmtlicher, den Kindern angehörigen Bekleidungsgegenstände. Während noch außerdem die Mädchen angehalten werden sollen zum Waschen, Plätten und Scheuern, sollen die Knaben und eben so auch die intelligenteren Mädchen in der Fabrikation der feineren Spielsachen, die an das Gebiet der Drechslerei, Gürtlerei, Weberei, Malerei, Tapezier- und Galanteriearbeit gehören, angehalten werden. Mit der Erd- und Pflanzenkunde soll in dieser Klasse schon die Zoologie ebenso mit der wirklichen Pflege und Wartung der Hausthiere vorgegangen werden.

     Bis hierher würde der Jugend schon eine Vorbereitung geboten werden in den Elementen der Gewerbe und der Landwirthschaft, ihre individuelle Befähigung und besondere Neigung für die eine oder die andere Branche, für das eine oder das andere Handwerk würde sich bereits constatirt haben.

     In der dritten Classe endlich für Kinder von 13 und 14 Jahren sollten die Mädchen im Kochen, Backen, in der Viehwartung, Gärtnerei und allen praktischen Ausübungen in der Haus- und Landwirthschaft unterwiesen werden, während die Knaben und intelligenten Mädchen, die eine Neigung und Befähigung zu einem Handwerk gezeigt, in dasselbe ordentlich unterwiesen werden sollen, wo keine Befähigung und Neigung vorhanden ist, sollen die Knaben angehalten werden zum Bauwesen, zu Erdarbeiten und zur Feldwirthschaft, während die Mädchen, die keine besonderen Talente bekunden, bei den obigen Verrichtungen stehen bleiben. Auf diese Art würden aus den minderbegabten Menschen tüchtige Dienstmädchen und Handlanger herangebildet werden, die in ihrem 15. Jahre schon einen ordentlichen Dienst übernehmen und eine tüchtige Hilfsarbeit leisten könnten, während den Begabteren der Weg zu den verschiedenen Berufszweigen geebnet werden würde.

     Die Zeit zum Besuche der Jugendgärten würde die sein, in der die Kinder von der Schule frei sind, und zwar an den zwei freien Nachmittagen in der Woche und je 2-3 Stunden an den übrigen Wochentagen, wo freilich die überflüssigen Hausaufgaben der Schule auf ein nothwendiges Maaß reducirt werden müßten.

     6. Vorlage. Die Errichtung von Mädchenherbergen, für arbeitssuchende Arbeiterinnen und zugereis’te Dienstmädchen. Der Mangel solcher Herbergen, hat schon oft brave Mädchen, die, wenn sie außer Stelle waren, in [26] schlechte Gesellschaft geriethen, auf Abwege gebracht. Es müßten daher unter der Aufsicht und Leitung der Lokalcomité’s des Großen Deutschen Frauen-Vereins in den verschiedenen Städten Deutschlands, Mädchenherbergen errichtet werden, wo die Arbeiterinnen und Dienstmädchen, die da einkehren, unter der Aufsicht einer sittsamen Hausmutter gestellt werden, die sie während ihres Aufenthalts daselbst zu nützlichen Beschäftigungen anhält und wo sie für ihre Beköstigung nur ein Geringes zu zahlen haben würden.

     7. Vorlage. Die Errichtung von Frauen-Bildungsvereinen in den verschiedenen Städten Deutschlands. Dieselben sollen einerseits als Versammlungsorte dienen für befähigte Damen, die sich über Culturfragen und ähnliche ernsthafte Dinge besprechen wollen, andererseits aber auch für die niederen Volksklassen des weiblichen Geschlechts, um sich da an bestimmten Wochenabenden durch Vorträge und Vorlesungen, die ihnen von den befähigten Damen und auch Herren, wenn sich solche hierfür bereit erklären, gehalten werden sollen, Belehrung zu holen. Die Frauen-Bildungsvereine sollen sich ferner:

     8. Vorlage. Die Errichtung von kleinen Frauen-Museen für Literatur, Kunst und Musik angelegen sein lassen. In diesen Museen würden ältere und neuere gediegene Werke der Literatur, Kunst und Musik von und für Frauen aufgenommen und zur Benützung der Vereins-Mitglieder freigegeben werden.

     Zu dem Ressort der Frauen-Bildungsvereine würden noch gehören:

A. Sonntagsschulen zur Fortbildung für das weibliche Geschlecht aller Klassen.
B. Errichtung von Sparkassen für Frauen und Mädchen.
C. Consumvereine für Hausfrauen.

     Es dürfte nun die Frage aufgeworfen werden, aus welchen Mitteln sollen diese allenfalls kostspieligen Institute ins Leben gerufen werden, über welche Geldkräfte wird die Frauenversammlung zunächst verfügen können und wie sollen alle diese Anstalten administrirt werden? Hierauf bin ich mit folgenden Antworten vorbereitet:

     A. Es möge ein großer deutscher Frauenverein gebildet werden, dessen Mitglieder sich über ganz Deutschland ausdehnen und deren Beiträge für den Verein 2 Thaler jährlich, denselben in den Stand setzen sollen, über eine ansehnliche Jahreseinnahme verfügen zu können.

     B. Auf Grundlage der Jahreseinnahme soll eine Volksbank errichtet werden, welche Kassenscheine emittirt in einer Summe, die das Dreifache der Einnahme übersteigt, so, daß im 1. Jahr nur der dritte Theil der emittirten Cassenscheine gegen Metallwerth umgewechselt werden kann. Der Verein setzt sich zu diesem Zwecke mit Banquierhäusern in Verbindung, die den Werth der ausgegebenen Cassenscheine garantiren.

     C. Aus der Mitte des Centralcomités, welches die Angelegenheiten des Vereins leitet, soll eine Finanzverwaltung von sicheren und geschäftskundigen Männern gewählt werden, die dem Verein für die gewissenhafte und verständige Verwaltung seines Vermögens verantwortlich und für ihre Mühewaltung, wenn es verlangt würde, honorirt werden.

     Ueber die Art und Weise der Bildung eines großen deutschen Frauenvereins hat nun die Frauenconferenz berathen und einen solchen begründet. Die Statuten des Vereins können durch die Expedition der Allgem. Frauenzeitung in Leipzig, Windmühlenstr. 14, gratis bezogen werden. Die ausführlichen Verhandlungen der Frauenconferenz sind in der Allgem. Frauenzeitung enthalten.


Druck von G. W. Bollrath in Leipzig.
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Inhalt.


1. Sängergruß von Dr. Reyher.

2. Eröffnungsrede von Frau Dr. Louise Otto-Peters.

3. Vortrag von Fräulein Auguste Schmidt, über die Bedeutung der Frauenconferenz.

4. Vortrag von Hauptmann a. D. Korn, über die Grundzüge der Vorlagen für die Versammlung.

5. Vorlagen für die Frauenconferenz, entworfen von P. A. Korn.


  1. Die Verwendung der Mädchen zum Apothekerfach ist ein vom Herrn Apotheker Dankwarth in Magdeburg gemachter Vorschlag, der aus der großen Noth entsprungen ist, männliche Gehilfen in genügender Anzahl zu bekommen, trotzdem bei freier Station 150-200 Thaler jährlich geboten wird. (Anm. d. Herausg.)

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Vereis