Die fashionablen Kirchen und Prediger New-York’s

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Textdaten
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Autor: E. Frederich
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Titel: Die fashionablen Kirchen und Prediger New-York’s
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 365, 366
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[365] Die fashionablen Kirchen und Prediger New-York’s. Giebt es etwas Seltsameres und für amerikanische Verhältnisse Charakteristischeres, als die sogenannten fashionablen protestantischen Kirchen, wie wir sie in New-York hauptsächlich an der fünften Avenue und in den umliegenden Straßen sehen? Der Löwe und das Lamm werden im tausendjährigen Reiche nicht friedlicher zusammenliegen, als Kirche und Welt in diesen merkwürdigen Etablissements, die schon in ihrer äußeren Ausstattung eine seltsame Verquickung entgegengesetzter Elemente aufweisen. Während man in anderen Ländern gewöhnlich bemüht ist, sowohl in dem Baustyl wie in der inneren Ausschmückung von Kirchen eine gewisse einfache Erhabenheit zum Ausdruck zu bringen und die den Zuhörer umgebenden Eindrücke so zu gestalten sucht, daß dieselben dazu beitragen, die Gemeinde den Alltagsgedanken zu entziehen und auf ein höheres Niveau der Empfänglichkeit für die mahnende Stimme des ewigen Gesetzes zu stellen, geht das Streben des fashionablen Kirchenbaumeisters im Gegentheil dahin, aus der Kirche jeden Gegenstand zu verbannen, der in allzu lebhafter Weise an die Bestimmung des Ortes erinnern könnte. Andererseits sucht er vielmehr jede Bequemlichkeit zu gewähren, welche die Raffinerie des modernen Geschmackes ersonnen hat, so sehr dieselbe auch in Widerspruch mit der Natur des Platzes stehen mag, so daß zum wenigsten in Betreff des Comforts die ihr Boudoir für einige Stunden aufgebende Modedame keinen Unterschied bemerkt. Wohin wir blicken, bemerken wir die geschickte Hand des Polsterers und Kunstschreiners, die im Verein dafür gesorgt haben, eine Ausstattung zu schaffen, an deren gediegener Pracht auch das kritischste Auge nichts aussetzen könnte, wenn sich nicht störend in unseren Enthusiasmus das Bewußtsein einmischte, wie wenig doch diese Brüsseler Teppiche, in welchen unser Fuß fast versinkt, diese modernen Holzschnitzereien mit ihren Amors und Amoretten, diese Kirchenstühle, die sich von Sopha’s nur dadurch unterscheiden, daß sie bequemer sind, wie wenig alle diese Gegenstände dazu beitragen können, einer Kirche den ihr eigenthümlich sein sollenden feierlichen Charakter zu verleihen.

Nach der Orgel sehen wir uns vergeblich um, da dieselbe der neueste Mode gemäß in einer sich dem Auge entziehenden Weise angebracht ist, und eben so wenig ist es uns möglich, ausfindig zu machen, in welcher Weise die Kirche des Abends erleuchtet wird, da die mächtigen Armleuchter und Glaskuppeln, die man früher als Ornamente einer Kirche betrachtete, schon lange verschwunden sind, als ob man sich des Factums, daß überall des Abends Gottesdienst gehalten werde, schäme. Was die Kirchenuhr anbetrifft, so erfreut sich dieselbe allerdings noch einer Existenz der Duldung, wagt jedoch, da sie keineswegs bei unseren nervenschwachen Damen in Gunst steht und wahrscheinlich für ihre Zukunft fürchtet, nur in gedämpften Tönen die Stunde zu verkünden, um nicht allzu mahnend an ihr Dasein zu erinnern. Das Licht, welches durch farbige, mattgeschliffene Gläser fällt, verletzt das Auge nicht, stimmt ausgezeichnet zu der gediegenen Eleganz, auf die wir überall stoßen, und erleichtert es außerdem der Versammlung, weniger interessante Partien des Gottesdienstes zu verschlafen.

Zu sagen, daß der Zweck dieser kostbaren und eleganten Einrichtungen sei, arme Leute zurückzuschrecken, würde Verleumdung sein. Im Gegentheil werden Personen, deren Anzug und Benehmen verräth, daß sie weniger lohnenden Beschäftigungen obliegen als die Mehrzahl der Versammelten, ebenso höflich mit Sitzen versehen wie diejenigen, welche in Equipagen angefahren kommen, ja die Gegenwart derartiger Besucher wird gelegentlich geradezu systematisch gesucht. Nichtsdestoweniger fühlen sich die Mittellosen zurückgestoßen, da sie wissen, daß sie nicht im Stande sind, ihren Antheil zur Aufrechterhaltung derartiger Institute beizutragen, und nicht wünschen, auf Kosten Anderer an denselben theilzunehmen. Alles in der Kirche und in der nächsten Umgebung derselben scheint darauf hinzuweisen, daß wir es mit einem exclusiven kirchlichen Club zu thun haben, der nur für Leute mit zehntausend Dollars jährlich und aufwärts geschaffen ist.

Es ist Sonntag Morgen und die Thüren dieses schönen Salons sind geöffnet. Mit versteckter Pracht gekleidete Damen, untermischt mit solchen, die es nicht über sich haben gewinnen können, ihre auffallenderen Toilettegegenstände zu Hause zu lassen, gleiten an uns vorüber. Schwarze Seide, schwarzer Sammet, schwarze Spitzen, deren Einförmigkeit hier und da durch Anklänge an hellere Farben und durch das Blitzen halb verborgener Diamanten unterbrochen wird, bilden die gewöhnliche Garderobe. Schwarz uniformirte Herren kündigen ihre Ankunft durch das Knarren ihrer Stiefel an. Die Gesellschaft ist gewöhnlich nicht sehr zahlreich, ist jedoch ebenmäßig über die gesammte Kirche vertheilt und läßt so das Gefühl der Leere nicht aufkommen. Gleich wie in einer Handelsstadt jedes Ding vom commerciellen Standpunkte aus beurtheilt wird, rangirt auch eine numerisch schwache, aber financiell starke Kirche nicht nach der Zahl der Seelen, sondern nach der Zahl der Dollars.

Die Gemeinde ist versammelt. Die leisen Klänge der Orgel sind verrauscht. Eine weibliche Stimme schwingt sich melodiös in die Lüfte und übertönt das Knattern der Seidenstoffe und das Flüstern ihrer Trägerinnen. So süß und mächtig ist dieselbe, daß ein Fremder fast glauben könnte, sie gehöre einem himmlischen Chore an; die Einwohner der Stadt jedoch erkennen sogleich eine ihrer beliebtesten Primadonnen, die sie oft in Concerten und Theatern gehört haben, und lauschen kritisch den zauberhaften Tönen. Gut ist es, daß der hoch künstlerische Gesang uns verhindert, den Worten eine allzustrenge Aufmerksamkeit zu schenken, da andernfalls die mangelnde Harmonie zwischen dem einfachen Texte und der verzierten italienischen Musik uns störend auffallen müßte. Die Vorstellung ist jedoch in ihrer Art so ausgezeichnet, daß wir an derartige Nebensachen nicht denken. Sobald die Dame ihre Stanze beendigt hat, nimmt ein nobler Bariton, den wir ebenfalls als professionell erkennen, die Melodie auf und giebt uns ein Solo zum Besten und so fort. Es ist klar, daß die ersten Talente, welche für Geld zu haben sind, zur Unterhaltung der Versammlung engagirt wurden, und wir sind deshalb durchaus nicht erstaunt, wenn man uns mittheilt, daß die Musik jeden Sonntag zwei- bis dreihundert Dollars kostet.

Ueberraschend und der Beachtung werth ist das Factum, daß diese schöne Musik nicht zieht; ja fast möchten wir sagen, daß, je kostbarer die Musik, desto spärlicher der durchschnittliche Besuch ist. Der Nachmittagsgottesdienst zum Beispiel in der Trinity-Kirche, jener fashionabelsten der fashionablen Kirchen, ist wenig mehr, als ein hübsches Freiconcert, dem selten zweihundert Personen beiwohnen, und dies trotz des Umstandes, daß die Predigt nie die fashionable Länge, nämlich zwanzig Minuten, überschreitet.

Ist dieses feine Präludium beendigt, so beginnt der Prediger, und wenn der Letztere nicht ein Mann von außergewöhnlichem Auftreten und hervorragenden Gaben ist, fühlt sich Jeder unwillkürlich durch den Contrast herabgestimmt. Die Stimme ist gewöhnlich, die Worte sind hausbacken oder sogar gemein. Keiner, der nicht Jahre lang an den Platz gewöhnt ist, kann sich dem Gefühl entziehen, daß die Sprache, welche er hört, nicht zu der Scene um ihn herum paßt. Wohin unser Auge blickt, fällt es auf moderne Gegenstände, mit denen sich unwillkürlich moderne Anschauungen verknüpfen; die Worte aber, welche wir hören, gehören einer vergangenen Zeit an und sind oft der Gegenwart kaum verständlich. Der Prediger spricht von demüthigen Gläubigen, und wir schauen uns um und fragen: „Sind diese kostbar und elegant gekleideten Personen demüthige Gläubige?“ Der Prediger sagt: „Kommt, laßt uns uns vereinigen in süßem Gesang,“ und alsobald führen vier gemiethete Sänger ein Stück schwerer Musik aus, während die Versammlung, die Augen schließend, passiv dabei sitzt. Der Prediger ereifert sich ob des Jagens und Haschens nach weltlichen Glücksgütern, und zu gleicher Zeit weist der Küster einem soeben angekommenen Herrn, in welchem wir nicht nur ein Mitglied des Kirchenvorstandes, sondern auch einen der bekanntesten und gewissenlosesten Börsenspieler erkennen, seinen Platz an.

Manchmal nehmen die Ungereimtheiten, in denen sich viele dieser fashionablen Prediger ergehen, den Charakter des Lächerlichen an. So hörte z. B. ein Freund von uns einen im Uebrigen nicht unbefähigten und jedenfalls wohlmeinenden Geistlichen nahe der fünften Avenue die weiblichen Mitglieder seiner Gemeinde fragen, ob sie gewohnt wären, mit ihren Dienerinnen und namentlich mit denjenigen, welchen das Frisiren der Haare obläge, über das Heil ihrer Seelen zu reden. Er erwähne speciell die Friseusen, weil, wie er richtig bemerkte, die Damen sich mit diesen Künstlerinnen während des Haarkräuselns über verschiedene Gegenstände zu unterhalten pflegten, und daher die Gelegenheit höchst günstig wäre, hin und wieder ein Wert über diesen weitaus wichtigsten Gegenstand einfließen zu lassen.

[366] Was die fashionablen Kirchen New-Yorks anbetrifft, so genügen allerdings die an denselben angestellten Prediger der Regel nach, was äußeres Auftreten so wie Form der Reden anbetrifft, jeder billigen Anforderung. Will ein Fremder in möglichst kurzer Zeit ein gutes Englisch lernen, so kann man ihm nur zu einem regelmäßigen Besuche dieser Kirchen rathen. Dagegen wird er schwerlich aus den Predigten, die er dort hört, einen Nutzen für’s praktische Leben schöpfen und sich lediglich, je öfter er dieser Species von Gottesdienst beiwohnt, um so enttäuschter fühlen. Was die Zusammensetzung der diese Kirchen unterhaltenden Congregationen betrifft, so recrutiren sich dieselben hauptsächlich aus unserer Geld-Aristokratie, die natürlich, wie jede andere Sache, so auch die Religion vom Geschäftsstandpunkte auffaßt. Aus innerem Bedürfniß besuchen Wenige die Kirche; der Eine ist ein hervorragendes, d. h. ein vielzahlendes Mitglied derselben, um für sein Geschäft Reclame zu machen; ein Anderer tritt derselben bei, um seinen Ruf, der in Folge gewisser Stockspeculationen etwas anrüchig geworden ist, zu rehabilitiren, ein Dritter besucht dieselbe aus Gewohnheit, ein Vierter ist ein alter Verehrer der Primadonna mit der engelgleichen Stimme, von der wir im Vorhergehenden sprachen etc. Ein Prediger nach dem Schlage von Luther oder Knox würde daher in einer solchen Gemeinde nicht nur auf keine Sympathie zu rechnen, sondern im Gegentheil in kurzer Zeit nach allen Seiten hin angestoßen und sich unmöglich gemacht haben. Was verlangt wird, ist ein Prediger, dessen Stil an Glätte und Ebenmäßigkeit mit der Glätte seiner Cravatte zu wetteifern im Stande ist, der niemals seine Predigt über zwanzig Minuten ausdehnt und ebensowenig an dieser vorgeschriebenen Zeit etwas fehlen läßt, sich niemals durch seinen Stoff so weit hinreißen läßt, daß er seine Zuhörer, denen jede außergewöhnliche Erregung ein Gräuel ist, mit sich hinrisse, und der es außerdem zu vermeiden versteht, allzu unsanft gegen die fashionablen Sünden des Tages zu Felde zu ziehen, obwohl hin und wieder eine kräftige Verwarnung gegen die Sünde im Allgemeinen erwünscht ist. So sind die fashionablen Kirchen New-Yorks beschaffen, und so muß der Prediger beschaffen sein, der an denselben eine Anstellung mit einem Gehalte von sechs- bis zwölftausend Dollars erlangen will.

E. Frederich.