Die große amerikanische Gummischuhfabrik in Edinburg

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Titel: Die große amerikanische Gummischuhfabrik in Edinburg
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aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 534-535
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[534]
Die grosse amerikanische Gummischuh-Fabrik
in Edinburg.

Die diplomatischen Alliancen, Bündnisse und Verträge, sonst das Oel, mit welchem sich die Weisheitslampen der Menschheit hauptsächlich nährten, sie, die jetzt noch die Centralsonne verschiedener Staatssupernumerar-Hämorrhoidarien bilden, müssen immer mehr geheimen Verschwörungen und Bündnissen weichen, welche mitten unter polizeilicher Aufsicht geschlossen und der Welt geöffnet werden, um sie immer weiter und breiter zu erleuchten, zu reformiren und gar zu revolutioniren, ohne daß der conservativste gestrenge Herr etwas dagegen machen kann. Hat er doch schon genug zu thun, um einigermaßen mit- und nachzukommen und die sich stets erneuernde Welt zu begreifen, so daß er höchstens an’s Eingreifen denkt, wenn es schon zu spät ist und er sich entweder lächerlich macht oder, um diesen gefürchtetsten Feind nicht zu reizen, die Verschwornen lieber gehen läßt. Wir meinen die geheimen Bündnisse der Manufactur und Fabrikation mit der Wissenschaft, besonders der jungen, übermüthigen Chemie, welche in ihrer Fuchssemester-Keckheit hier und da bereits der ganzen bestehenden Welt den Krieg erklärt hat: „Was nicht ich ist, ist gar nichts!“

Wir gönnen ihr diesen Uebermuth des Flegeljahre-Kraftgefühls und denken, daß er sich mit der Zeit selbst bescheiden und beschränken lerne. Sie hat vor der Hand Ursache etwas übermüthig zu sein. Sie ist jung und alle Welt liebt sie oder hat, wenn keine Liebe, grausamen Respect vor ihr. Ihre Alliancen mit der producirenden und fabricirenden Menschheit tragen großartige, neue Früchte, deren sich immer mehrende neue Namen selbst den Gelehrten oft in Verlegenheit setzen. Für Seife bietet man uns Glycerin, für Wachslichte Paraffin und statt der Soda, die jede Küchenmagd kennt, wird man bald krystallisirtes Calcium-Hydrochlorat beim Kaufmanne fordern müssen. Welch’ ein Verlegenheitslabyrinth von neuen chemischen Elementen und organischen oder unorganischen chemisch Verbündeten in der wissenschaftlichen und materiellen Welt! Die alten Römer der Republik hielten sich Sclaven blos für den Zweck, alle Namen und Personen der Mitbürger kennen zu lernen und sie ihren Herrn zuzurufen, damit diese mit dem Scheine, alle Welt zu kennen und ihr die Hände zu schütteln, sich populär halten könnten. Im Mittelalter hielten sich große Geschäftsleute besondere Denker. Etwas Aehnliches wird auch heute nöthig. Ein großes, neues deutsches Geschäft in London, begründet auf die von einem Deutschen erfundene, trockene, plastische Behandlung der reinen Kohle für chemische Schmelztiegel, Filtrir-, Ventilations- und Kühlapparate u. s. w., worüber wir vielleicht bald Näheres mittheilen, sucht eben einen solchen Denker von Profession. Jeder gebildete Mensch, nicht Chemiker von Fach, kommt heutzutage öfter in den Fall, sich einen Sclaven zu wünschen, der ihm fremde, neue Namen, noch nicht im Conversations-Lexicon, aus einem Souffleurkasten zurufe.

Wer kann aus diesem stets brauenden Hydrosuperoxydulcyankaliumbromchloroidstickstoffschwefelsalpeter und gurkensauerchemischen Labyrinthodon-Laboratorium ohne Fachgelehrsamkeit und soufflirenden Weisheitssclaven noch klug werden?

Diese und ähnliche Gedanken stiegen neulich aus meinen wieder hervorgesuchten amerikanischen Gummi-Galoschen auf, nachdem mir ein Freund, chemischer Reisender in England für eine deutsche Fabrik, den Kopf mit seinen Studien und Schilderungen der Gummi-Galoschenfabrik in Edinburg warm gemacht hatte. Letztere gefiel mir so, daß ich ihn bat, mir dieselbe schriftlich zu schildern. Dies that er auch sehr ausführlich und gelehrt, so daß ich hiermit unternehme, sein Manuscript in populärerer Form abzukürzen.

Die Einleitung führt den Trost aus, daß die sich und die Welt stets bereichernde, complicirte Chemie sich technisch zugleich ungemein vereinfache. Mit einer Spirituslampe, etwas Glas, Kork und Gummi könne man der Natur mehr Geheimnisse abnöthigen, als der große Faustus mit seinen Beschwörungsformeln aus Nostradamus zwischen Büchern und Papier in dem „verfluchten, dumpfen Mauerloche, wo selbst das liebe Himmelslicht trüb durch gemalte Scheiben bricht.“

Und nun zu unsern Gummi-Galoschen, einer der großartigsten und zugleich simpelsten Alliance zwischen Chemie und Fabrikation, eine amerikanische Capitalisten-Compagnie kam unlängst herüber nach England und suchte sich in dem gelehrten Edinburg ein altes, verfallenes Industrieschloß (erbaut für Seidenmanufactur, die nicht zur Ausführung kam) zur Etablirung und Europäisirung ihrer Gummi-Galoschenfabrikation aus. Sie ist die erste und größte Fabrik ihrer Art in Europa und zugleich eine solche Curiosität, daß sie Jeder gern näher kennen lernen mag.

Was das Material selbst betrifft, das Gummi elasticum, so sah man es zuerst in Europa um die Mitte des vorigen Jahrhunderts und dachte, es sei zu nichts Besonderem gut, als zum Auswischen von Bleistiftlinien. Es ist der geronnene Saft gewisser tropischer Bäume, besonders der Siphonia elastica in den brasilianischen Wäldern, deren Bewohner es „Caoutschouc“ nennen. Die physischen Eigenschaften desselben sind ganz einzig in der vegetabilischen Welt. Die elastischste Substanz in der Natur, unlöslich in Wasser oder in Alcohol oder in irgend einer mineralischen Säure, nur leicht löslich in einigen Aetherarten und in Naphtha, sich wieder in einen Körper fügend, wenn zerschnittene Stücke warm gegen einander gedrückt werden – welch’ ganz besonderer Saft der Natur! Welch’ ein Schatz für den analytischen Chemiker und für unsere Füße in Schnee und Schmutz!

Die mancherlei industriellen Verwendungen des Gummis für wasserdichte Bekleidung, die berühmten Makintoshes, die in der Hitze sich auf den Leib leimten und schrecklich rochen und in der Kälte knochenhart wurden, die lächerlichen Gummihosen u. s. w. kamen bald in Verfall, um einer neuen Gummi-Elasticum-Periode Bahn zu brechen.

Charles Goodyear, auf Rhode Island in Nordamerika, kam als Schiffsbauer auf den Gedanken, Bootskelette mit Gummi zu überziehen und sie als Rettungswerkzeuge bei Schiffbrüchen zu versuchen. Der Erfolg war glänzend, doch hielten die Boote keine trockene Hitze aus, eben so wenig wie die Makintoshes. Um diese vegetabilische Schwäche des Gummi’s zu curiren, machte Goodyear Jahre lang chemische Versuche, welche zu der glänzenden Entdeckung der sogenannten Vulcanisirung führten. Er fand nämlich heraus, daß Gummi, in hoher Temperatur mit bestimmten Theilen von Schwefel und Bleioxyd gemischt, seine große vegetabilische Schwäche verlor und, ohne etwas von seiner Elasticität und Fügsamkeit einzubüßen, jedem Temperaturwechsel trotzte. Diese Entdeckung war ein Ereigniß. Vulcanisirter Gummi wurde sofort die Wuth des Tages. Man machte alles Mögliche davon: Wagenfedern, Eisenbahnpuffers, Maschinenbänder, Bruchbänder, Luftkissen, wasserdichte Kleider, chirurgische Bänder und Bandagen und Instrumente aller Art, ditto Gummi-Galoschen.

Die Fabrikation der letzteren trug über alle andern Verwendungen den Sieg davon. Die Fabriken in Connecticut, Rhode Island, New-Jersey, Massachusetts u. s. w. beschäftigen beinahe 6000 Menschen und liefern jährlich fünf Millionen Paar Gummi-Galoschen.

Die „nordenglische Gummi-Compagnie“ in Edinburg ist der große europäische Absenker von dieser echt amerikanischen Industrie. Die Herren H. H. Morris und S. T. Parmelee (Ersterer nach einer dreißigjährigen Dienstzeit im Gummigeschäfte) kamen vor zwei Jahren herüber, etablirten sich in Edinburg, wo die Arbeit billiger, als irgendwo in England, und der Continent über Leith leicht erreichbar erschien, und fingen im Mai 1856 mit vier Personen, drei Mädchen und einem Irländer, ihr Gummi-Galoschen-Geschäft an. Jetzt fabriciren circa 700 Personen, größtentheils Mädchen, schon 4000 Paar glänzende, geschmackvoll geformte Gummischuhe jeden Tag.

Das muß man sehen, um’s zu glauben. Wir treten also ein in das große, quadratische Industrieschloß und zwar an der Nordseite, wo fünf Stockwerke übereinander große Säle sich dehnen und an langen, langen Tafeln und Tischen tausend niedlicbe Hände ganz weiß in dem schwarzen Gummi herumfingern und die prächtigsten Schuhe gleichsam aus dem Aermel schütteln.

Auf dem untersten Flure müssen wir uns zunächst einen Weg durch große Haufen von Gummikuchen und „Negerköpfen“ bahnen. Erstere bestehen aus platten Stücken, letztere aus sogenannten Flaschen, etwa von der Größe eines Kopfes, dessen Schwärze und unschöne [535] Physiognomie allerdings stark an Negerköpfe erinnert. Der rohe Gummi kommt am besten von Para in Südamerika (1/2 Thaler für’s Pfund), in zweiter Qualität von Singapore in Ostindien (10 Sgr.) und am schlechtesten aus Afrika, der mit 21/2 Sgr. per Pfund bezahlt wird. Bis 1856 wurden 12 Millionen Pfund von Para nach England eingeführt, nach Nordamerika 22 Mill. Seitdem steigt die Einfuhr in beiden Ländern fortwährend.

Der erste Proceß, welchem der rohe Gummi unterworfen wird, besteht in Kuchen- oder Bogenbildung. Die Negerköpfe und platten Stücke werden durch ungeheure Eisenwalzen gezogen, und kommen in blanken, großen Ebenen heraus, welche in Streifen geschnitten und in große Eisenkessel kochenden Wassers geworfen werden. Hier weichen sie auf und reinigen sich, um dann, durch heiße Eisencylinder gedrückt und gezogen, als weiche, plastische Masse herauszukommen und dem chemischen Processe des Vulcanisirens (ein nicht gezeigtes Geheimniß der Fabrik) unterworfen zu werden. Die vulcanisirten Massen werden nun durch mehrere Reihen glänzend polirter heißer Eisenwalzen getrieben, zwischen denen sie in den regelmäßigsten, glänzendsten Streifen hervorquellen, um in eine höhere Etage hinaufgerollt zu werden. Hier schneidet man sie in regelmäßige Stücke und schichtet sie auf Streifen Callico über einander. Diese vulcanisirten Stücke liefern das Oberleder der Schuhe.

Demnächst werden die Einlagen oder das Futter von Baumwollenzeugen, die auf einer Seite mit einer Auflösung von Gummi getränkt werden, fabricirt. Der dritte Proceß besteht in der Pressung der Sohlen vermittelst heißer Stempel und Walzen, unter denen Formen und Muster so klar hervorgehen, wie das Siegel unter dem Petschaft.

In den oberen Etagen werden nun diese präparirten Schuhtheile componirt und in einander gearbeitet, Um dies zu sehen, treten wir in eine eiserne Umzäunung und werden durch unsichtbare Maschinengewalt leicht und schnell von einer Etage in die andere gehoben und wieder herabgelassen. Treppen sind in den großen Fabriken fast ganz aus der Mode gekommen: sie verzehren zuviel Zeit und Muskelkraft.

Sohlen, Obertheile, Einlagen, Futter – Alles passirt schnell und fliegend durch die geschickten Hände und scharfen Messer bestimmter Arbeiter, die 5 bis 20 Thaler wöchentlich verdienen. Doch ist auch diese Zuschneiderei bereits größtentheils in die wohlfeileren und geschmackvolleren Hände der Mädchen übergegangen.

Während unser Führer dies erzählte, kamen wir in unserer Hebemaschine im vierten Stockwerk an und wuchsen plötzlich, wie Geister aus einer Theaterversenkung, mitten unter lange Reihen niedlich gekleideter, hübscher, junger Damen hinein, wie in einen ungeheueren Ballsaal. Einige Musik und wir hätten die Damen sofort von ihrer Schusterei zum Tanze führen können, so hübsch, rein und einladend sahen sie aus. Nach einer Lehrlingszeit von drei Monaten verdienen sie wöchentlich drei bis vier Thaler, und scheinen davon sehr anständig zu leben, nach ihrer Kleidung und Physiognomie zu schließen. Eine der feinsten jungen Damen, deren mageres, feines Gesicht auffallend von der runden, schottischen Physiognomie abstach – eine geborene Amerikanerin – kam jetzt zu uns, um uns den ganzen Proceß der Gummischuh-Composition mit Boscogeschwindigkeit zu zeigen. Sie nahm einen Leisten, wickelte um denselben die präparirte Einlage oder das Futter, legte die innere Sohle unten auf und schmale Streifen Gummi herum, klebte hierauf die Hacke an, nun die Zwischensohle, jetzt das Oberleder und achtens die Außensohle. Dies war das Werk von kaum einer Minute: der Schuh stand glänzend und in schönster Form vor uns, fest, wie aus einem Stück gegossen. Keine Spur von Stich und Naht, Alles zusammengefügt, und mit besonderen Instrumenten fest in einander gedrückt. Die einzelnen Theile des noch frisch geschnittenen Gummi hängen, gegen einander gedrückt, augenblicklich so fest zusammen, als beständen sie aus einem einzigen soliden Stücke. Die so magisch schnell zusammengefügten Schuhe sind nun fertig und werden blos noch lackirt. Zu diesem Zweck wächst alle Tage mehrere Male eine Plattform aus einer untern Etage herauf auf die Eisenbahn, welche die oberste Etage durchschneidet. Die Plattform nimmt nun auf ihre eisernen Borsten je 300 Paar Schuhe mit den Leisten auf, und rollt diese in die Lackirungsabtheilung, wo jeder Schuh mit einer öligen Flüssigkeit bestrichen und in einen Ofen geschoben wird, wo er trocknet und spiegelblank herauskommt.

Zur Verwandlung der rohen „Negerköpfe“ in niedliche Schuhe gehören blos drei Tage. Die Compagnie in Edinburg liefert, wie schon erwähnt, täglich 4000 Paar, welche in England und auf dem Continente, besonders in Deutschland, mit steigender Liebe gekauft und getragen werden. Sie sind immer elegant und gut gegen Schnupfen und Zahnschmerzen, mag man zu Balle oder auf den Markt gehen, mag die Dame ein Dienstmädchen oder eine Gräfin sein. Was man in sanitätlicher Beziehung gegen sie einwendet, daß sie nicht blos Nässe ab-, sondern auch zurückhalten, und die nothwendige Ausdünstung behindern, würde sich blos bei fortwährendem Tragen geltend machen. Gegen Regen und Kälte blos auf der Straße übergezogen, dienen sie sicherlich blos dazu, Erkältung der Füße zu verhindern, sie warm, also in gehöriger Ausdünstungsfunction zu erhalten.

Andere Merkwürdigkeiten des großen Etablissements, z. B. die Maschine für Leistenschneidung, die durch’s ganze Schloß und alle Etagen verbreitete mannichfaltigste Wirksamkeit der Hundertpferdekraft-Dampfmaschine, die Maschinenbänder, die Röhren, Federn, Pumpen, Flaschenzüge u. s. w, alle von Gummi-Elasticum, wurden zu wenig im Detail vorgenommen, so daß hier keine besondere Schilderung derselben gegeben werden kann. Das Gegebene wird hinreichen zu einer Vorstellung von einer der neuesten und merkwürdigsten Industrieen, die wegen ihrer wohlthätigen, eleganten Producte, ihrer chemisch-wissenschaftlichen Basis und ihrer großartigen, wie eleganten Betriebsart auf ein allgemeines Interesse Anspruch machen kann.