Die kleine Schwäbin

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die kleine Schwäbin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 46–47
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Amalie Haizinger
Blätter und Blüthen
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[46] Die kleine Schwäbin. In einer entlegenen Winkelgasse der großherzoglichen Hauptstadt Carlsruhe stand im Jahre 1811 ein Häuschen; das an Armuth, Alter und Gebrechlichkeit sich vor allen andern der ganzen Nachbarschaft auszeichnete. Schon ein halbes Jahrhundert peitschte der Sturm den Regen durch das zertrümmerte Doch, indeß die morsche graue Mauer, auf Balken gestützt, sich immer tiefer und tiefer zur Erde senkte, dem greisen Bettler gleich, der sich auf Krücken bis zum Rande seines Grabes schleppen muß. Und wie die Schlangen Zeit und Zerstörung die kalten Steine des Hauses benagten, so nagten die Nattern Elend und Noth an den warmen Herzen seiner Bewohner.

In dem einzigen bewohnbaren Zimmer des alten baufälligen Hauses saß eine arme kranke Mutter im Kreise ihrer weinenden Kinder. Der Tod hatte ihnen den Gatten und Vater, den Ernährer geraubt und das letzte Stückchen Brod, das er verdiente, hatte die Wittwe mit der zärtlichsten Mutterliebe nach und nach unter die armen Waisen vertheilt. Heute, das heißt an dem Tage, von welchem wir sprechen, hob die alte Frau das thränenfeuchte Auge zum Himmel empor und seufzte leise: „Herr, erbarme dich unser!“ denn außer Gott, der die Raben füttert, hatte sie keinen Freund mehr auf der großen weiten Erde. „Erbarme dich unser, barmherziger Vater im Himmel, und sende uns den Schutzgeist aller Wittwen und Waisen!“ [47] Da öffnete sich plötzlich die Thür und lustig und lebendig sprang ein kleiner blondgelockter Engel in die Hütte.

„Grüß’ Gott, Mütterle! Grüß’ Gott, Kinderle!“ schwäbelte der kleine blonde Liebesgott.

„Willkommen, willkommen, Malchen!“ jauchzte die arme verlassene Familie, und der kleine liebe Gast hauchte aus seinem Rosenmündchen wieder die Farbe des Frohsinns und der Hoffnung auf die blassen Wangen der Unglücklichen. Nach der ersten kindlichen und herzlichen Begrüßung drehte das muntere Malchen ein wenig das Köpfchen, und das kluge Auge erkannte gar bald den mageren Schmalhans, der hier Küchenmeister war. Aber sie that nicht dergleichen, sie scherzte und lachte und verleugnete aus Zartgefühl ihre Theilnahme an dem Elend, das hier seine Geißel schwang. „Apropos, Mütterle,“ sagte endlich die kleine pfiffige Schwäbin, indem sie der Wittwe eine Börse in die Hand drückte, „Väterle hat mi herg’schickt, daß ich’s letzte Monatsgeld zahlen soll, das er Herrn Selbach schuldi bliebe ischt.“

„Das ist ein Irrthum, Malchen,“ antwortete Mutter Selbach, „Herr Morstädt hat meinem seligen Gatten jede Sing- und Musikstunde täglich honorirt, und es wäre unredlich, wenn –“

Aber Malchen stampfte zornig mit den kleinen Füßen, spielte so natürlich die Gekränkte und log so meisterhaft, daß die Matrone die sechs blanken Thaler nicht mehr zurückzuweisen wagte, sie als unverhofftes und willkommenes Erbe ansah und gerührt den Schutzgeist küßte, den ihr Gott gesendet. Das kleine Lügenmaul sprang lachend zur Thür hinaus und stolperte blindlings über die Schwelle – und einem bildhübschen jungen Herrn in die Arme.

„Ei, ei,“ rief dieser lachend, „welch’ einen niedlichen Vogel ich da gefangen habe!“

Es war der reichbegabte, jugendliche Schauspieler Neumann, der einige Jahre später wirklich diesen niedlichen Vogel fing.

„Was hat Sie denn so heiter gestimmt, liebes Malchen?“

„Ach, ‘s ischt nit immer schön Wetter, wenn d’ Sunn scheint. Ich lach’, aber das Weine steht mir näher, als das Lache, lieber Herr Neumann. In welcher Noth, in welchem Elend hat mein guter Selbach seine arme Familie zurück’lasse!“

„Selbach? Der wackere Tonkünstler Selbach, der Herrn Morstädt’s hübsches Töchterlein zu einer so wunderbaren Nachtigall gebildet?“

„Ach, spaße Se nit und denke Se e bisle nach, wie der armen Wittwe z’ helfe wär’,“ sagte bittend Amalie. „Baue Se sich eine Stufe in’s Himmelreich, lieber Herr Neumann.“

„Was können wir thun, mein Kind? Vielleicht in einem Benefiz für die Armen –“

„Ja, ja, in einer Benefici!“ rief freudig in die Hände klatschend das niedliche Kind. „Aber warum in einer Benefici für die Armen? Warum spielt Ihr nicht lieber für einen Armen, als für Viele? Dem einen Armen könnt Ihr helfe und vielleicht das Lebensglück seiner ganzen Familie gründe, aber viele Arme haben nix als höchstens ein paar Gerstenkörnle mehr in der Supp’ von solcher Benefici.“

„Denn mehr als ein paar Gerstenkörnle bleiben gar oft im Kessel der Administration,“ ergänzte lachend der Schauspieler. „Nun, ich will Ihr barmherziger Bruder sein, meine kleine, schöne, barmherzige Schwester, denn wir müssen uns Beide miteinander die Stufe in das Himmelreich erbauen.“

„Miteinander?“ fragte Malchen mit großen Augen.

„Ja, Arm in Arm mit Dir, so fordr’ ich mein Jahrhundert in die Schranken! Eilen Sie nach Hause, mein Kind! Ich folge Ihnen auf der Stelle als Ambassadeur Apollo’s, um für seinen Tempel eine wunderniedliche Novize zu werben und mir den Kuß der Musen zu verdienen als süßen Dank.“

„Auch e Kuß von mir, wenn das schöne Werk gelingt!“ rief die kleine Nachtigall, indem sie dem Vogelsänger entflatterte und nach ein paar Minuten lustig in ihren Käfig sprang.

Und das schöne Werk gelang vollkommen! Herr und Madame Morstädt erlaubten ihrem zehnjährigen Töchterchen Amalie, zum Besten einer armen Wittwe im großherzoglichen Theater den „Oberon“ zu spielen in der Oper gleichen Namens von Kranitzky. Eine zum Herzen sprechende Stimme, ein wunderbares Darstellungstalent und eine Gestalt wie „Gebild aus Himmelshöh’n“ vereinten sich, dem holden Elfenkönig eine glorreiche Regierung zu sichern. So führten die Genien Kunst, Liebe und Barmherzigkeit Amalie Neumann-Heitzinger und drückten ihr schon als Kind die Blumenkrone auf das blonde Lockenköpfchen.

Der reizenden Jungfrau, dem blühenden Weibe spendeten sie den duftenden Rosenteppich auf der dornenvollen Bahn des Lebens, und wer jetzt, nach einem halben Jahrhundert, die noch immer heitere und liebenswürdige Künstlerin mit alter schwäbischer Herzlichkeit das Gute und das Schöne befördern sieht, muß mit ihrem großen Landsmann singen:

„Ehret die Frauen, sie flechten und weben
Himmlische Rosen in’s irdische Leben.“