Die plastische Kohle

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die plastische Kohle
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 592–594
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[592]
Die plastische Kohle
und deren Verwendung für wissenschaftliche, industrielle, Kunst- und Gesundheitszwecke.
Eine deutsche Erfindung aus London.

Zu den mancherlei Bedingungen der Gesundheit und Kraft Einzelner und ganzer Gegenden und Völker gehört auch das Wasser. Hippokrates stellte es unter diesen Bedingungen: gute Luft, Nahrung, Klima, Diät, Bewegung u. s. w. ganz oben an und sagte „ἄριστον μἑν ὔδωρ“ (das Beste ist das Wasser). Viele Krankheiten, besonders epidemische, werden in ihrem Ursprunge auf schlechtes Wasser, besonders auf gewisse Flußmündungen zurückgeführt, wo sich die meisten zersetzten und verfaulten vegetabilischen und thierischen Substanzen ablagern und in die Luft und das Trinkwasser zum Theil mit übergehen. In London war die Cholera stets am ärgsten, wo das schlechteste Wasser und die schlechtesten Wasserleitungen berüchtigt waren. Dasselbe ergab sich in andern Städten. Und ohne weitere Gelehrsamkeit ist es gewiß Jedem sofort durch sich selbst einleuchtend, daß reines Wasser besser ist, als schmutziges. Nur denken dabei Viele nicht an die große Wichtigkeit, die gutes, reines Wasser in allen Gesundheitssachen hat. Diese ist medicinisch, physiologisch und durch die Statistik tausendfach bewiesen. Daraus folgt, daß die künstliche Gewinnung guten reinen Wassers, da wo es nicht natürlich aus der Erde zu gewinnen ist, zu den wirklichen Lebensfragen ersten Ranges gehört, und jeder Schritt zur Vervollkommnung von Filtrir-Apparaten jedem Menschen Gelegenheit gibt, seine Gesundheit zu kräftigen und sein Leben zu verlängern. Die besten bisherigen Filtrir-Apparate lassen das Wasser durch Schichten von Sand und pulverisirter Kohle laufen, wodurch es zwar von groben schädlichen Bestandtheilen, aber nicht von chemisch darin aufgelösten Substanzen gereinigt wird. Der beste und kräftigste Filtrirer ist die Kohle; aber im pulverisirten Zustande läßt sie noch zu viele mechanisch und chemisch im Wasser aufgelöste Substanzen um ihre einzelnen Theilchen mit hindurchlaufen. Nur die feste, auf trocknem Wege ohne bindende Beimischung zu einem plastischen Körper zusammengedrückte Kohle – ein ungemein großer Gewinn für viele Sphären der Industrie und Wissenschaft – filtrirt das Wasser vollkommen nicht bloß mechanisch, sondern auch chemisch. Deshalb hat der Erfinder des Mittels, reine Kohle rein auf trocknem Wege als festen Körper darzustellen und in jede beliebige Form zu pressen, Herr Bühring in London, mit einem sehr gebildeten Dänen, Herrn Danchel, und englischem Capital seine ungemein ausdehnbare Erfindung zunächst auf Herstellung von Wasserfiltrir-Apparaten beschränkt, wovon wir hier eine Vorstellung geben wollen.

Der Erfinder ist ein Deutscher – wie fast alle Erfinder – aus dem Mecklenburgischen, der eine Zeit lang Mechanicus, Maschinenbauer bei Borsig in Berlin, communistisch Verschworner, durch John Prince Smith, Faucher und sonstige Apostel der Handelsfreiheit und ökonomischen Weltgesetze begeisterter Jünger der Handelsfreiheit, später technischer Leiter der berühmten dissolving views von Brill und Siegmund ward (sie zeigte zuerst die Geologie und die Geschichte der Schöpfung in großen populären Wandelbildern und Vorträgen) und noch 1850 von Hamburg ausgewiesen, seine Zuflucht nach London nahm. Hier arbeitete er als Mechaniker eine Zeit lang mit dem früher schon erwähnten Erfinder des Lichtes aus Wasser, F. Puls aus Schlesien, dessen Irrthümer und oberflächliche Kenntnisse er zuerst einsah, so daß er, obgleich das Licht aus Wasser schon tageshell brannte, doch immer behauptete, es werde bald wieder auf immer verlöschen, wie es auch geschehen zu sein scheint. (Das Nähere hierüber gehört nicht hierher.) Bald machte er sich den Engländern in Discussionsclubs u. s. w. durch sein schlechtes, rapid gesprochenes Englisch und durch seine Haare zu Berge treibende, rücksichtslose Wahrheitsliebe furchtbar, mir aber ward er ein langjähriger Freund, dessen hoher Stirn und blauen Augen über einem gewaltigen Urwaldsbarte ich manche geistreiche Stunde, manche originelle Ansicht, manchen tiefen, richtigen Gedanken, manches erfrischende Sturzbad eigensten Denkens und nervös lebhaften, durchweg originellen Fühlens verdanke. Er ist dabei der nobelste, feinfühlendste Mensch, spricht aber und sieht oft aus wie ein Menschenfresser. Er sieht alle Dinge mit seinen eigenen Augen und wirft diese seine eigenste Ansicht Jedem mit cascadenartigem Sprudel in’s Gesicht. Dabei läßt er’s manchmal Maculatur regnen, aber nie lange: er kehrt immer bald wieder zu gut Durchdachtem und reichem Wissen zurück. Er behauptet, nie eigentlich etwas gelernt zu haben, weiß aber mehr, als mancher Gelehrter, ganz besonders in der Naturwissenschaft, der er mit starker Faust und geschickter Hand eben so sehr zu dienen weiß, wie aus seiner nie ruhenden, hohen Stirn, aus der stets Erfindungen hervorstürzen, wie aus einem Füllhorne. Zuletzt ließ ich ihn damit gar nicht mehr zu Worte kommen, und brach ihm jede Erfindung mitten im Munde mit dem Bemerken entzwei, daß die [593] geringste und unscheinbarste Erfindung, und sei’s nur eine „höhere Stiefelwichse“, aus- und durchgeführt mehr werth sei, als alle die Welt in den Himmel erhebenden Einfälle und Erfindungen des Kopfes.

Dies mag mit gewirkt haben. Wenigstens schreib’ ich diesem consequenten Abweisen aller Theorie zu Gunsten einer einzigen Praxis eine kleine Beihülfe zu seinem Entschlüsse zu, etwas wirklich anzupacken und durchzusetzen. Er fing mit Herstellung der reinen Kohle zu festen, plastischen Körpern an und machte zuerst Schmelztiegel für chemische Zwecke daraus. (Chemiker und Gießer aller Art werden wissen, was diese allein für einen Werth haben.) Ehe er aber anfing, auf diesem Wege wirklich für den Markt zu fabriciren, sah er ein, daß die Kohle für Filtrirzweckc einen weiteren und wichtigeren Wirkungskreis habe. Er preßte also auf trocknem Wege Platten aus reiner Kohle, pichte diese in einen Glasbehälter mit einer Oeffnung unten und ließ das eingefüllte Wasser hindurchsickern. Es erwies sich reiner, als alles anderweitig filtrirte Wasser, er kam aber sofort auf eine große Verbesserung des filtrirenden Kohlenkörpers. Er preßte nämlich Kugeln mit einer Oeffnung davon. In diese Oeffnung befestigte er mit Kork eine Glasröhre, welche in der Oeffnung des Glasbehälters ebenfalls durch Kork befestigt ist und durch diesen hindurchgeht. Die Kugel bietet dem Wasser im kleinsten Raume den größten Flächenraum, so daß das Wasser – größtentheils in Folge des Capillaritätsgesetzes – von allen Seiten in die Kugel eindringt, um, hindurchgehend auf dem einzigen möglichen Wege, durch die Glasröhre, mechanisch und chemisch gereinigt abzufließen.

Die Gartenlaube (1857) b 593 1.jpg

Filter A.

Die Kugel und die Glasröhre können leicht abgeschraubt und das Ganze mit Bequemlichkeit gereinigt werden. Der Vorzug vor der früher eingepichten Kohlenplatte ist. also deutlich genug. Das Ganze zeichnet sich durch Einfachheit, Klarheit und relative Vollkommenheit aus, so daß es nur eines Blickes auf den im Umrisse gegebenen Filter (A) bedarf, um ihn zu durchschauen. Der Glasbehälter steht auf einer Flasche, in welche das filtrirte Wasser (nöthigenfalls 20–30 Gallonen des Tages) einläuft. Ein Netzwerk von versilbertem Kupferdraht dient dazu, den Filter beliebig aufzuhängen. Da die Gestalt desselben in vielfacher Weise verschönert und zu Zimmerdecorationen ausgeschmückt werden kann (wie das bereits im Werke ist), haben wir mit der wohlthätigsten Bereicherung unserer häuslichen Apparate zugleich Aussicht zu einer schönen Zimmerdecoration, die leicht mit Springbrunnen, Aquarien, Wasserpflanzenflora u. s. w. combinirt werden kann.

Die Gartenlaube (1857) b 593 2.jpg

Filter B.

Der Filter B zeigt noch eine zweite Kohlenkugel unten am Ende der Glasröhre, so daß das Wasser hier zum zweiten Male durchfiltern muß. Dies ist nur nöthig, wenn man einen hohen Grad von Weichheit und chemischer Reinheit des Wassers erzielen und es zugleich beträchtlich dabei abkühlen will. Das durch die untere Kugel absickernde Wasser verdunstet zum Theil, wodurch es dem abfließenden Wärme entzieht, also es abkühlt. Die einfachste und segensreichste Variation dieser Filtration durch Kohle ist die bloße, an einen Gummischlauch befestigte Kohlenkugel. Diese hat eine Oeffnung, in welche mit Kork eine Glasröhre eingefestigt wird. Ueber die Glasröhre wird das eine Ende eines Gummischlauchs gezogen und in das andere ebenfalls ein Stückchen Glasröhre eingeschoben. Nun kann man die Kohlenkugel in die schmutzigste Pfütze werfen und sich durch den Schlauch sofort voll des reinsten Wassers saugen. Mit der gewöhnlichsten Anstrengung des Saugens kann man so viel Wasser einziehen, daß man schlucken mag, bis der Durst gestillt ist. Das ist der Taschenfilter C, den man auf Reisen durch Wildnisse, bei den Armeen in Indien und auf weiten Märschen überall, wo nur eben Wasser ist, hervorziehen kann, um sich in reinem Wasser satt zu trinken.

Die Gartenlaube (1857) b 593 3.jpg

Filter C.

Auch in Gasthöfen u. s. w. findet der civilisirte Reisende oft schlechtes Wasser. Er zieht seinen Taschenfilter hervor, wirft die Kohlenkugel in das unreine Wasser, saugt ihn an, wie einen Heber, und läßt dann das Wasser in ein Glas daneben übersickern, wie sich das Jeder leicht denken kann und es zum Ueberflusse noch in Figur D anschaulich gemacht wird. Das Wasser wird durch diese Filtration nicht nur reiner und gesünder, sondern auch weicher, so daß z. B. Erbsen (die so oft nicht weich kochen wollen), Fleisch, Gemüse u. s. w. viel leichter darin „gar“ werden.

Fig. D.

Die Gartenlaube (1857) b 593 4.jpg

Auch spart man beim Wischen mit filtrirtem Wasser Seife, wie beim Thee- und Kaffeekochen Thee und Kaffee. Das natürliche Wasser enthält oft mineralische Bestandtheile, die sich beim Kochen an die Gegenstände darin ablagern und so z. B. die Theeblätter so schließen, daß sie lhr Aroma, ihr Theïn, nicht abgeben können (deshalb bleiben auch Erbsen hart).

Deshalb ist es gut, alles Wasser für den häuslichen Gebrauch zu filtriren. Zu diesem Zwecke macht Herr Bühring kreisförmige Röhren mit Löchern, in welche mit Glasröhren und Kork Kohlenkugeln befestigt werden, durch welche das Wasser in die Röhre und von da auf dem einzigen möglichen Wege durch einen geöffneten Hahn aus einem so versehenen Wasserhälter ausläuft. Wir geben eine Vorstellung von dieser Filtration im Großen (nöthigenfalls durch Tausende von Kugeln, die sehr wohlfeil sind, lange dauern und nach Ausbrennung immer wieder wie neu sind, also für ganze Wasserwerke und Städte) durch die Figur E. Die Wichtigkeit der Sache wird erst begriffen, wenn man sich klar. macht,

Die Gartenlaube (1857) b 593 5.jpg

Fig. E.

[594] wie groß der Unterschied zwischen reinem und unreinem Wasser ist und welche merkürdigen, unverwüstlichen Eigenschaften die Kohle in Zersetzung und Absorbirung aller möglichen schädlichen Gase und festen Körper hat. Die Filtration des Oeles durch Kohle (wobei der ganze kostbare und unsichere Proceß mit Schwefelsäule gespart wird), die Verwendung der Bühring’schen plastischen Kohle zu Kühl- und Präservir-Apparaten, zu chemischen Schmelztiegeln, zu allerhand Zwecken, die jetzt mit Thon, Steingut, Metallen u. s. w. schlechter befriedigt werden, gibt noch ein langes, sehr wichtiges Capitel, das wir später zu liefern gedenken.